Pyrenäen Traumpfade

Vom Mittelmeer bis zum Atlantik auf kleinsten Wegen und Pisten durch die spanischen Pyrenäen – wer auf sein Handy angewiesen ist und keine nassen Füsse mag, sollte woanders hinfahren.

Gleich hinter der belebten Strandpromenade endet der Asphalt. Peng. Der erste Stein kollidiert mit dem Ölwannenschutz, der Ferienort Rosas verschwindet in den Rückspiegeln im von 30 Stollenreifen aufgewirbelten Staub, und irgendwie geht´s sofort zur Sache. Zunächst noch ein Weg, breit und kurvig, mutiert die Strecke ein paar Kilometer weiter zum reinsten Klettersteig. Na ja, zumindest erscheint es einem so, wenn man ein wenig aus der Übung ist. Nur nicht gleich am ersten Tag alles übertreiben und den Hobel versenken – links dieser einspurigen Trasse senkrechter Fels, rechts gelb leuchtender Ginster, dann freier Fall. In der Ferne schimmert das Mittelmeer. Verlockendes Blau bis zum Horizont – die perfekte Kulisse. Vielleicht doch mal Strandurlaub probieren? Vielleicht beim nächsten Mal.Wie durch einen botanischen Garten geht´s nach vielen Kilometern wieder bergab. Oft ist der Pfad unter Büschen und im Gestrüpp kaum auszumachen. Und wo bitte sind plötzlich Vordermann und Mittelmeer geblieben? Auf einmal ist genaues Navigieren ist angesagt. Tempo runter und das Roadbook studieren. Vierter Busch links, zweiter Stein rechts, drei vor, einen zurück. Kopf und Körper sind inzwischen voll bei der Sache, fangen von der Idee Feuer, nahezu ausschließlich auf solchen Wegen entlang der Pyrenäen vom Mittelmeer bis zum Atlantik zu fahren. Sieben Tage lang und etwa 1500 Kilometer weit – jenseits von Asphalt und Streckensperrungen – auf alten Schmugglerpfaden und Eselsspuren, über versteckte Feldwege und nackten Fels. Sozusagen die Hausstrecke von Tourguide Christoph del Bondio, der mit jedem Stein und Strauch in diesem Gebirge per du sein muss. Anders lässt sich dieses Roadbook nicht erklären.Die erste Pause in Cadaqués. Weiße Häuser in einer kleinen Bucht, schmale Gassen, bunte Boote vor der schattigen Promenade – ein Fischerdorf wie aus dem Bildband. Ein paar Flaschen Wasser gehen von Hand zu Hand, dann machen wir uns wieder auf den Weg. Endgültig Richtung Atlantik. Drei Handvoll Enduristen zwischen 18 und 72 Jahre alt. Aus Deutschland, Österreich und Luxemburg. Die Tiroler stets vorne weg, als stünde eine imaginäre Sonderprüfung an. Der Rest je nach Tagesform, nach Lust und Laune. Weil jeder ein Roadbook am Lenker trägt, lässt sich das Tempo bis zu den ausgemachten Treffpunkten prima selber bestimmen.Am Nachmittag kommt richtig Freude auf. Rutschige Singletracks, steile Auf- und Abfahrten, Schlamm. Scheinbar endlose Wege durch den dichten Wald. Was für ein Terrain! Diverse Querrillen werden zu Sprungschanzen, Kehren lassen sich – zumindest bergauf – plötzlich wieder im Drift nehmen, und überhaupt ist die Welt hier noch in Ordnung. Streckensperrung? Dieser Begriff scheint im Spanischen nicht zu existieren. Ich lasse es laufen, obwohl Handgelenke und Beine vom ungewohnten Fahren im Stehen und den vielen Schlägen inzwischen leicht schmerzen. Egal. Nur nicht den Anschluss an »Team Luxemburg« verlieren. Natürlich geht es hier um nichts. Aber man sollte den inneren Schweinehund nicht unterschätzen.Dann dieser eiskalte Gebirgsbach. Ziemlich breit und mit Algen bewachsene Steine in etwa 30 Zentimeter Tiefe. Eine hinterhältige Stelle. Spätestens jetzt hat jeder von uns nasse Socken. Und nach 250 Kilometern am Abend in der Hotelbar was zu erzählen. Meine Geschichte dauert allerdings etwas länger. Gleich zweimal irgendwo zwischen Darnius und La Salut ohne ersichtlichen Grund auf der Nase gelegen. Blinker links und rechts im Wald verloren, Lenker krumm, diverse Kratzer im Lack und eine zerrissene Hose. Mein Schweinehund jault in der hintersten Ecke.Wir peilen Andorra an, laut Roadbook stehen rund 270 Kilometer an. Verdammt, ich habe Muskelkater in Armen und Beinen. Aber der Zickzack-Kurs durch den Wald mit trialartigen Passagen über große Wurzeln und hohe Absätze lenkt sofort von allem ab. Nach einigen Kilometern versinkt Christophs 1150er plötzlich in einer tiefen Spurrille, sitzt unverrückbar im Schlamm fest. Drei Mann sind nötig, um den Dampfer wieder flott zu kriegen. Ein vierter schaut zu. Es ist der Bauer, auf dessen Grund wir uns bewegen. Er scheint amüsiert. Wir sollten uns nur an die Spuren halten, dann sei alles in Ordnung. Si, Señor. Gracias.Das Terrain wird rauer, bergiger, spektakulärer. Und kurz vor dem pittoresken Bergnest Castell de l´Areny noch einmal schweißtreibend. Eine ziemlich lange und sehr steile Bergabpassage über loses Geröll, mit Felsbrocken, so groß wie Fußbälle, besonders in den engen Kehren. Wünsche bleiben bei dieser Streckenführung garantiert nicht offen, soviel ist spätestens jetzt klar.Am Rande des Cadi-Nationalparks verlassen wir endgültig die katalanischen Vorpyrenäen, tauchen langsam ins Hochgebirge ein. Ab und an eine Ortschaft. Zum Tanken und Durst löschen. Figols, Saldes, Sant Llorenc de Morunys, La Goma. Traditionelle Steinhäuser, enge Gassen, eine Kirche, eine rauchverhangene Bar. Drinnen ausschließlich männliche Gäste, offensichtlich noch immer Tradition in diesem scheinbar völlig unberührten Teil Spaniens. Ansonsten suche ich unsere Wege auf meiner Karte im Maßstab von 1:200000 vergeblich, versuche später, unser wildes Hin und Her mit einem dünnen Stift so gut wie möglich nachzuzeichnen. Das Ergebnis erinnert an das Höhenprofil des Himalaja.Am Abend in La Seu d´Urgell haben die Tiroler schon wieder ein paar Bier Vorsprung herausgefahren. Die Jungs aus Luxemburg dicht dran. Glänzende Augen blinzeln aus völlig verstaubten Gesichtern. Die üblichen Themen. Reifenwahl, Fahrwerksabstimmung, Fahrstil, die Streckenführung. Es herrscht Fahrerlagerstimmung.Tags darauf geht´s ein kurzes Stück durch Andorra, dann links ab, grobe Richtung Westen. Auf einem Gebirgspfad, der 35 Kilometer weit in langen Schleifen an einem steilen Hang entlang einfach nur bergauf führt. Wir passieren die Baumgrenze, anschließend einige Schneefelder, queren einen Bach, staunen, als wir auf einem Plateau in 2200 Meter Höhe angelangt sind. Vor uns erstreckt sich auf einmal der Hauptkamm der Pyrenäen. Verschneite 3000er unter einem stahlblauen Himmel. An Namen wie Monteixo (2905m), Pico d´Etats (3145m) oder Coma Pedrosa (2964m) merke ich, wie unbekannt mir dieses Gebirge ist. Plötzlich eine Schar Geier, die, den starken Aufwind nutzend, direkt vor uns ihre Kreise zieht. Zum Glück stört mangels Netz kein bimmelndes Handy diesen Moment. Das mit dem Strandurlaub wird noch noch viele Jahre warten müssen.Bis Pont de Suert zieht die Landschaft weitere Register. An Flussläufenen entlang fahren wir durch tief eingeschnittene Täler, fühlen uns an einer Stelle in amerikanische Canyonlandschaften versetzt, dann wieder in die italienischen Alpen. Schließlich das letzte Stück nach Castejón. Profaner Asphalt, aber ein Kurvenarrangement ohne jeden Vergleich. Irgendwo in einem Café am Straßenrand ein deutsches Pärchen, unterwegs auf zwei Honda. Die ersten Motorradtouristen, auf die wir seit unserem Start am Mittelmeer treffen. Vermutlich ist in Patagonien mehr los als in den Pyrenäen.Früh am nächsten Morgen entführt uns das Roadbook in das Skigebiet oberhalb von Cerler. Leider verhängen ein paar Wolken das Maladeta-Massiv und den höchsten Gipfel der Pyrenäen, den 3408 Meter hohen Aneto. Also wieder bergab. Einige Passagen gehen nur im Standgas. Der Regen der letzten Nacht hat das Gelände ziemlich aufgeweicht, und dort, wo der Weg über blanken Fels oder Steinstufen führt, ist praktisch kein Grip mehr vorhanden, was mich schließlich den rechten Seitenspiegel kostet. Am besten schlagen sich noch die Tiroler. Nach den inzwischen knapp 800 Kilometern war bei ihnen der erste Satz Reifen fällig. Die Burschen überlassen nichts dem Zufall.Ein paar Stunden später passieren wir den Tafelberg ähnlichen Peña Montañesa, biegen in das Valle de Añisclo im Süden des Odessa-Nationalparks ein. Zuerst schlängelt sich der Weg recht belanglos am Ufer des Rio Vellos entlang, dann wachsen wie aus dem Nichts gewaltige Felsenwände rechts und links empor – und irgendwo zwischen Himmel und Fluss hängt diese wunderbare Straße im Stein, verläuft diverse Kilometer kaum autobreit mal weiter oben, dann wieder unten direkt am schäumenden Wildwasser, dessen Rauschen in diesem engen Canyon um ein Vielfaches verstärkt wird.Eine Weile später blicken wir von der etwas höher verlaufenden Strecke nach Buerba über diese Schlucht hinweg in die Garganta de Añisclo, einen noch gewaltigeren Canyon wie aus dem Lehrbuch für Geologie, der allerdings nur zu Fuß zu erkunden ist. Ich muss dringend noch mal hierher kommen, denke ich mir, während wir schon wieder über eine ziemlich verwegene Piste in Richtung Sabiñanigo unterwegs sind. Ein ganzes Stück vereint sich der Weg schließlich mit einem Flusslauf. Nicht besonders tief, aber ungemein rutschig. Und – was die ganze Sache nicht gerade erleichtert – gegen den Strom bergan. Diese Streckenführung ist einfach unglaublich.Umso ärgerlicher, dass es am nächsten Tag wie aus Kübeln gießt. Wir halten uns trotzdem an das Roadbook, brechen in die Sierra Loarre in Richtung Ayerbe auf, doch der Grund ist wie Schmierseife. Kurz darauf ein heftiges Gewitter, so dass uns nur noch die Flucht in ein Waldstück bleibt. Längst sind alle nass bis auf die Knochen, frieren, fluchen über die mit Wasser vollgesogenen Handschuhe, Stiefel und Zigarettenpackungen. Die Stimmung ist trotzdem gut. Auch als wir am frühen Nachmittag in der Nähe der Felsentürme von Riglos endgültig zur Umkehr auf den Asphalt gezwungen werden – an einem ziemlich steilen Stück hat sich wie zur Warnung für alle Folgenden die 1150er unverrückbar in den Schlamm gebohrt. Erstaunlich, dass man uns in Sos del Rey Católico – einer wunderschön renovierten historischen Stadt – überhaupt die Hoteltüren öffnet. Nächsten Morgen – Regen. Und die Klamotten sind noch immer patschnass. Ärgerlich, aber nun einmal nicht zu ändern. Nur zwei wagen hartnäckig einen Abstecher in die Botanik, der Rest legt die Strecke bis nach Elizondo mit hängenden Schultern auf Asphalt zurück. Ich biege spontan ins nahe Pamplona – oder auf baskisch Iruñea – ab, peile die Plaza del Castillo im Herzen der Stadt. 300 Jahre alte Häuserzeilen, bunte Fassaden mit hölzernen Balustraden, reich verzierten Gittern vor Fenstern und Balkonen, zahlreiche Bars und Cafés. Unschlagbar: das aristokratische »Iruña«, in dem Hemingway fast schon einen Stammplatz hatte und in dem man mir trotz meines aufgeweichten Aufzugs zwischen Geschäftsleuten und modisch gekleideten Teenagern einen Kaffee serviert.Letzter Tag. Schlussspurt ins mondäne St. Jean de Luz auf französischer Seite. Man riecht den Atlantik förmlich. Und noch trübt keine Wolke den unerwartet blauen Himmel. Schnell Öl, Kette und Reifen kontrollieren, los. Die Klamotten werden schon im lauen Fahrtwind trocknen. Wir verschwinden in einer satt grünen Hügellandschaft, folgen diesem aberwitzigen Roadbook in loser Formation über Stock und Stein, nehmen – sozusagen als symbolische Zielgerade – die atemberaubende Steigung auf den Berg La Rhune unter die inzwischen völlig abgewetzten Stollen. Noch eine letzte Kehre bis zur Hütte auf dem Gipfelplateau, dann breitet sich vor uns der aufgewühlte Atlantik aus, liegt Biarritz zu meinen Füßen. Wieder dieses Blau bis zum Horizont. Strandurlaub? Irgendwann bestimmt einmal.

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