Reise zur Rallye Monte Carlo

Monte Carlo. Es gießt in Strömen. Auf den Straßen und Gehwegen Monacos stehen riesige Pfützen, und das sonst vom Wetter verwöhnte Fürstentum am Mittelmeer liegt unter einer grauen Wolkendecke begraben. Die Menschen am Rand des Grand-Prix-Kurses haben die Krägen ihrer Mäntel hochgezogen und drängeln sich unter Regenschirmen. So haben Sabine und ich uns den Auftakt zur Rallye Monte Carlo, dem traditionell ersten Lauf im Jahr für die Rallye-Weltmeisterschaft, nicht vorgestellt. Eigentlich wollten wir den ersten Café au Lait genüßlich unter Palmen schlürfen und dazu sollte die Sonne lachen. Passend zum neuen, alten Startort. Denn seit Ende der 60er Jahre fällt die Startflagge erstmals wieder im Hafen von Monaco, bis dahin fand der Auftakt immer in Valence statt. Jetzt stehen wir mit durchnäßten Füßen an der Piste. Doch wer der wohl berühmtesten Rallye der Welt hautnah vier Tage lange mit dem Motorrad folgen will, muß sich wohl auf eine Menge Überraschungen gefaßt machen.Brüllend jagt das erste Rallyeauto auf uns zu, das Dröhnen des Motors potenziert sich zu infernalischem Lärm. Dann verschwindet der röhrende Bolide in einer meterhohen Gischtwolke. Paarweise starten die Autos an entgegengesetzten Startpunkten auf den 2,8 Kilometer langen Rundkurs in die erste von insgesamt 18 Wertungsetappen. Ein Sieg bei der »Großen alten Dame des Rallyesports« zählt unter den Teams viel - und wegen des außergewöhnlichen Flairs und natürlich wegen des legendären Rufs der Rallye ist es eine besondere Ehre, am Ende ganz oben auf dem Treppchen zu stehen.Zweimal müssen die Boliden über den vom Regen glitschigen Asphalt der Mittelmeer-Metropole rasen. Schon hier zählt jede Sekunde, denn wer weiß schon was in den Bergen auf die Fahrer wartet. Die erste Prüfung dauert also pro Team nur wenige Minuten. Gleich im Anschluß geht die Reise ohne Zwischenstopp via Verbindungsetappe direkt in das 400 Kilometer entfernte Valence im Rhônetal, wo tags darauf die zweite Wertungsprüfung in den Bergen der Ardèche beginnt. Für die Überführungsfahrten zwischen den Etappen besteht zwar auch ein Zeitlimit, sie werden aber nicht im Renntempo absolviert. Wir packen unsere Siebensachen und hecheln dem Rallye-Troß bis spät in die Nacht hinein nach Valence hinterher.Valence. Fünf Wertungsprüfungen stehen heute in der Ardèche auf dem Programm. Der außergewöhnlich kalte Winter hat das Mittelgebirge westlich der Rhône unter einer hohen Schneedecke begraben. Nicht nur unter den Veranstaltern erzählt man sich Geschichten von der Horror-Rallye 1973, als mehr als die Hälfte des Starterfeldes in den Schneewehen rund um Burzet steckenblieb.Wir entscheiden uns für die Prüfung St. Bonnet le Froid. Ein Rundkurs, bei dem Start und Ziel im selben Ort liegen und der sich deshalb zum Zuschauen besonders gut eignet. Winzige Straßen schlängeln sich vom Tal der Rhône in die wilde Berglandschaft der Ardèche. Kurve um Kurve schrauben wir uns höher und mit jedem Meter kommt die Quecksilbersäule dem Gefrierpunkt näher. Die Bäume haben Hauben aus Schnee, ein paar Serpentinen weiter oben beginnt das Weiß als rutschige Masse über die Straße zu wuchern. Kälte kriecht in unsere Thermokombis, die Reifen der F 650 verlieren immer öfter die Traktion und wir haben alle Mühe den Berg zu erklimmen.Je dichter die Schneedecke am Straßenrand wird, desto mehr geparkte Autos von Rallyefreaks passieren wir. Grinsend tuckern wir an den Massen von Rennpilgern vorbei. Doch in St. Bonnet le Froid vergeht uns beinahe das Lachen: Das Dorf macht seinem Namen Froid - kalt - alle Ehre: es liegt unter einer gut einen halben Meter dichten Schneedecke begraben. Dazu eine Nebelwolke aus der es feuchtkalt nieselt. Ekelwetter. Wir schliddern und fußeln uns durch den Schneematsch und sind froh, endlich das Motorrad abstellen zu können.Wir stapfen durch den hohen Schnee und laufen weit an der abgesperrten Strecke entlang. Auf den langgezogenen Biegungen kann man die Boliden gut beobachten. Der dichte Nebel über St. Bonnet le Froid saugt das Motorengebrüll auf wie ein feuchter, fetter Schwamm. Nur bruchstückhaft dringt das Bellen der Motoren durch die dicke Suppe. Links und rechts der verschneiten Straße warten die gespannten Zuschauer mit Thermoskanne, Daunenanoraks und Schals bewaffnet auf ihre heranrasenden Stars.Dann plötzlich vibriert die Luft. Das Publikum drängt an den Streckenrand, will nichts versäumen. Ein grelles Lichterband taucht aus der grauen Schleierwand auf. Mit kurzen, präzisen Gasstößen dirigieren die Fahrer ihre Rennwagen über die eisglatte Fahrbahn. Mir wird Angst und bange, als ich die Rallyeautos haarscharf an den jubelnden Fans vorbeidriften sehe. Ein Ausrutscher kann zur Katastrophe führen - und es gibt kaum ein Fahrzeug im Troß, das nicht bereits erste Unfallspuren aufweißt: Herunterhängende Spoiler, zerknautschte Kotflügel, zersplitterte Scheinwerfer und Windschutzscheiben.Es dämmert als wir die letzte Wertungsprüfung bei Le Moulinon erreichen. Glücklicherweise liegt kein Schnee mehr, doch Nebel und Nieselregen machen es hier auch nicht viel gemütlicher. Wie fauchende Monster stehen die Autos am Start, brüllen, schreien, wollen endlich losgelassen werden. Sobald die Starterflagge fällt, jagen die Boliden mit Vollspeed in die Dunkelheit der Nacht. Immer am Limit, immer im Grenzbereich. Ein atemberaubendes Spektakel.Bereits früh am nächsten Morgen jagt der Rallye-Troß in sechs Wertungsprüfungen durch die Region Hochdauphiné in Richtung Gap. Für uns wird es schwieriger, der Strecke zu folgen, da die abgesperrten Prüfungen wie an einer Perlenkette aufgereiht aneinander liegen. Auf einer der detaillierten Michelin-Karten zeichnen wir uns den Streckenverlauf sowie die einzelnen Wertungsprüfungen ein und suchen uns dann Quereinstiege zu den Stecken, die uns geeignet erscheinen.Als wir kurz vor Die die ersten Berge erreichen, erleben wir eine schöne Überraschung: Die Wolken werden rasch lichter und nach wenigen Kilometern lacht die Sonne frühlingshaft. Mit ihr klettern die Temperaturen merklich und die dicke Winterkombi wandert ins Gepäck. Der süße Geruch des Südens liegt in der Luft. Es duftet nach Pinien und frischer Erde. Wie im Rausch fahren wir über die kleinen südfranzösischen Sträßchen und genießen das Hochgefühl, mitten im Januar durch eine einsame Landschaft und durch malerische Dörfer, gemauert aus unbehauenen, sandfarbenen Stein, zu fahren.Am Col de Rousset treffen wir unsere Auto-Dompteure wieder. Gelgentlich hatten wir auf dem Weg hierher einzelne der auffäligen Rallyewagen gesehen - nur das sie viel schneller als wir unterwegs waren. Im kurvenreichen Gesäusel des Passes haben wir uns jetzt einen Logenplatz ausgesucht. Wie ein Schwarm aufgescheuchter Hornissen rasen die bunt lackierten Wagen stets quer durch die engen Kurven. Das Brüllen der Motoren jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken. Doch leider ist der Spuk viel zu schnell vorbei - und wir können nicht folgen, weil die Strecke zum größten Teil für den Verkehr gesperrt. Trotzdem, kaum ein anderes Rennen bietet die Möglichkeit, so hautnah im Geschehen dabei zu sein. Auch wenn´s nur für kurze Zeit ist.Gap. Hinter uns liegt eine traumhafte Tour durch die Provence. Straßen, die im wilden Zick-Zack von Die bis hierher durch enge Täler führten, rechts und links stets markante Felsenformationen aus hellem Stein, dazwischen abgeerntete Lavendelfelder, sibrig glänenzende Ölbäume. An einigen Stellen blickten wir bereits auf die atemberaubende Kulisse gezackter und verschneiter Bergriesen der Westalpen - alpine und mediterane Einflüsse, die sich hier auf wunderbare Art vermischen.Heute stehen sechs Wertungsprüfungen in den Seealpen auf dem Program, einschließlich der letzten »Etappe« auf dem Grand Prix-Kurs in Monte Carlo. Gleich die erste Prüfung bei Sisteron zählt mit einer Länge von über 36 extrem kurvigen Kilometern zu den schwierigsten der »Monte«, während die legendärste mit Sicherheit die Prüfung am Col de Turini darstellt. Leider hat das Wetter am letzten Rallyetag kein Mitleid mit den Fahrern: Graue Wolken hängen zwischen den hohen Bergen - und die animieren uns kaum zum Aufbruch. Beim Frühstück in Gap verplempern wir viel zu viel Zeit, so daß wir die zwei ersten Tagesprüfungen auf der großen Nationalstraße »Route Napoleon« eilig umfahren.Erst bei Chaudon-Norante stellen wir das Motorrad am Zieleinlauf ab und laufen weit in die Prüfung hinein. Noch gut eine Stunde haben wir Zeit bis die Autos kommen. Am Straßenrand, auf den Böschungen, ja sogar auf den Bäumen machen es sich die Fans bequem. Manchmal erscheint es absurd, sich bei Regen und Kälte viele Stunden die Füße in den Bauch zu stehen, um dann für wenige Sekunden die röhrenden Rallyeboliden an sich vorbeirauschen zu sehen. »Monte«-Fans müssen eben auch ein wenig verrückt sein. Wir haben in dieser Prüfung allerdings Pech, denn unser Platz erlaubt keine allzu gute Einsicht in die Strecke. Erst bei der übernächsten Prüfung von Le Fugeret ergattern wir in einer Serpentine eine hervorragende Stelle auf einer hohen Schneewehe.Nachdem der letzte Wagen passierte, müssen wir uns schnell wegen der nächsten Etappen entscheiden: Entweder wir sind am Col de Turini mit dabei oder wir erleben den Zieleinlauf in Monte Carlo. Obwohl die Nachtetappe am Paß - die legendäre »Nacht der langen Messer« mit dem frühmorgendlichen Zieleinlauf in Monte Carlo - aus Sicherheitsgründen gestrichen wurde und jetzt bereits am späten Nachmittag stattfindet, muß die Stimmung auf dem 1.604 Meter hohen Paß phantastisch sein. Und für die Fahrer zählt diese Prüfung zu den größten Herausforderungen: Die Mischung aus Eis, Schnee und engen Kurven sorgt für spektakuläre Showeinlagen - zumindest aus der Sicht der Zuschauer. Wir überlegen nur kurz. Auf zum Col.Doch die Fahrt dorthin dauert. Die Strecke gehört allerding zum Feinsten, was diese Region zu bieten hat. Viele Kilometer schlängeln wir uns durch eine Schlucht immer entlang am Fluß Vésubie, dann folgen wir winzigen Sträßchen über zahlreiche Bergkämme, mal schroffe Felsen, dann wieder wogenhaft geschwungene Hügel. Aber je höher wir kommen, desto kälter und winterlicher wird es. Erst gegen 18 Uhr nähern wir uns dem Paß, es ist stockdunkel - und die Rallye läuft bereits auf Hochtouren. In unserer Eile nehmen wir die immer größeren Schneeverwehungen am Straßenrand kaum war. Doch knapp acht Kilometer vor der Zufahrt zur Paßhöhe ist auf einmal Schluß für uns: Polizisten haben bereits hier die Straße abgesperrt und erklären, daß der Paß seit Stunden von Schaulustigen völlig überlaufen sei. Nich einmal per Motorrad gäb´s jetzt noch ein Durchkommen. Die wohl spektakulärste Etappe der Rallye findet ohne uns statt.Was uns jetzt nur noch bleibt ist der Zieleinlauf viele Kilometer weiter im Süden im Steuerparadies der Schönen und Reichen. Obwohl hundemüde, hetzen wir dorthin. Langsam fält die Straße in Richtun Meer, erst viel später bemerken wir den warmen Wind, der vom Mittelmeer landeinwärts strömt. Schließlich Monte Carlo, hell und strahlend. Elegant gekleidete Menschen flanieren über die palmengesäumten Alleen, vor dem berühmten Kasino parken schwere Limousinen. Nach den schneereichen, kalten Tagen in den Bergen, erscheint uns diese Stadt vollkommen märchenhaft. Unten am Hafen wimmelt es von Menschen, die die Rallye-Piloten begrüßen wollen und die die letzte Wertungsprüfung auf dem verkürzten Grand-Prix-Kurs miterleben wollen.Die Stimmung an der Strecke ist einmalig: Ein Gemisch aus Salzluft, Benzin und Gummi dringt in unsere Nasen. Die ersten Wagen sind bereits hier. Das heisere Röhren der Motoren hallt durch die Häuserschluchten und die Rallyefahrer treten ein letztes Mal publikumswirksam aufs Gaspedal. Eine gelungene Entschädigung zum versäumten Col de Turini. Doch Rennentscheidungen fallen hier nicht mehr. Wer seinen Wagen nicht in letzter Minute an die Leitplanke setzt oder ihn ein technischer Defekt aus dem Rennen schmeißt, der fährt seinen Boliden über die Zielrampe.Der Tag danach. Die weite Fahrerei der letzten vier Tage sitzt uns wie ein Kater in den Knochen. Doch von der Rallye ist in der Stadt gegen Mittag kaum noch etwas zu sehen. Die Streckenabsperrungen sind längst demontiert, fast alle Zelte abgebaut, sämtlich Rallye-Boliden bereits wieder auf Transporter verladen. Der Himmel über Südfrankreich und die Teams lachen freundlich bei der offiziellen Siegerehrung, während Fürst Rainer und Prinz Albert die Pokale überreichen. Heute wird der Col de Turini uns gehören.
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