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MOTORRAD 26/2015: Unterwegs in den Rocky Mountains

Reisebericht - Unterwegs in den Rocky Mountains Mountain high

Mit dem Motorrad dorthin, wo andere nur mit Bergschuhen hinstiefeln – das geht in den Rocky Mountains. Im Rahmen der Adventure Rally Rockies Edition werden Reiseenduristen bei Höhenluft und Abenteuer ganz legal voll high.

Schon erstaunlich, wo die Amis überall ihr Sternenbanner reinpflocken. Sechs Soldaten rammten 1945 nach der Schlacht von Iwojima die amerikanische Flagge auf die höchste Erhebung der Pazifikinsel. Die legendäre Fotoaufnahme dieses Moments repräsentiert den Sieg der/des „Guten“ über die „bösen“ Japaner. 1969 hisste Astronaut Buzz Aldrin die Fahne auf dem Mond, und Millionen von Amerikanern waren erneut von Stolz erfüllt. Jetzt bin ich es. Ich, der langhaarige Bombenleger von damals. 

Derjenige, der die Vereinigten Staaten als No-Go-Reiseziel verdammt hatte, nachdem erst ein ehemaliger Westerndarsteller und später ein wild gewordener Texas-Cowboy im Amt des Präsidenten überall in der Welt Unheil anzettelten. Das Ganze im Namen des amerikanischen Patriotismus, symbolisiert durch einen rot-weiß-blauen Stofffetzen. Und nun streichele ich ebendiesen. In diesem Moment liebe ich das Sternenbanner. Außer Atem, erschöpft, überglücklich. Denn auf fast 4000 Metern ist die Luft dünn. Erst recht, wenn man dorthin einen fast 240 Kilo schweren Haufen Motorrad manövriert hat.

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Grüne Täler, Wildblumen, Flussläufe und schillernde Bergseen

Über rutschige Wiesen, durch Geröllfelder, über angsterregend steile Steinrampen, entlang handtuchschmaler Schlammpfade, durch kratzbürstige Büsche und tiefe Wälder, hinauf über Serpentinen und Ziehwege, die einen schwindelig werden lassen. Und ganz oben ist nur noch eine felsige Abrisskante, die rund 200 Meter senkrecht abfällt. Von dort oben öffnet sich der Blick über eine Landschaft wie von einem anderen Planeten. Grüne Täler, Wildblumen, Flussläufe, schillernde Bergseen, karge Felsriesen. Keine Straßen, keine Häuser. Keine Menschen. Nur Ruhe und Natur. Und das Sternenbanner weht im Wind.

Das Ende dieser monumentalen Abrisskante nennt sich American Flag. Dieser Gipfel mitten in den Rocky Mountains von Colorado ist zwar in Höhe und Schwierigkeit nun wirklich nicht mit dem Mount Everest zu vergleichen. Doch als Zweizylinder-Kletterer keuche ich schwer, setze mich erschöpft hin und fühle mich wie ein Erstbesteiger. Und bin deshalb auch etwas verwundert, warum hier oben im scheinbaren Nirgendwo die Amifahne weht. Sir Edmund Hillary hätte es bestimmt auch nicht so prima gefunden, wenn ihm bei seinem Everest-Trip ein Zeichen der Zivilisation gezeigt hätte: Ätschibätschi, nur Zweiter! Meine Heldentat-Illusion verpufft wenige Minuten später vollends. Motorengeknatter. Drei seltsame Vehikel, ähnlich einem Golfmobil, erreichen „meinen“ Gipfel.

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Schließlich fahren wir eine Rallye!

Und Oma, Opi, Mama, Papa und eine Kinderschar klettern mit Picknickkörben aus diesen überdachten Quads, die sich auch ROVs (Recreational Off highway Vehicle) nennen. Gefährte, die genau für diesen Einsatzzweck konstruiert wurden: Freizeit-Bergfreunde ohne anstrengendes Wandern nach oben zu bringen. Genial für Menschen, die körperliche Betätigung ohnehin für überbewertet halten. In den USA sind die lustigen Vehikel übrigens Bestseller. Wie Krabbeltiere erklimmen diese auch als „Side by Side“ bekannten, voll geländegängigen Mini-Autos jedes steile und verblockte Stück.

So schwierig American Flag auch zu erreichen ist, so erklärt sich nun wenigstens, warum hier das Sternenbanner platziert wurde, denn unzählige Gipfelstürmer ersetzen das jeweils alte Teil durch ein neues. Im „Mountain State“ Colorado ist American Flag also eines von vielen Ausflugszielen – für mich persönlich zählt es nunmehr zu den schönsten Erlebnissen mit dem Motorrad überhaupt.

Foto: Dentges
Der ultrasteile Hancock-Pass (3697 m) ist mit Auto und Motorrad befahrbar. Wenn man sich traut...
Der ultrasteile Hancock-Pass (3697 m) ist mit Auto und Motorrad befahrbar. Wenn man sich traut...

Mein Teambuddy stubst mich an und reicht einen Energieriegel. Etwas neidisch blicke ich auf die fett belegten Clubsandwiches der Komfort-Bergsteiger-Familie und hebe die BMW vom Ständer. Weiter geht es. So wunderschön es hier auch ist, wir haben keine Zeit zu verlieren. Schließlich fahren wir eine Rallye. Die hat allerdings mit einem Rennen wie der Dakar ungefähr so viel zu tun wie American Flag mit dem Mount Everest. Die Veranstaltung nennt sich zwar „Adventure Rally Rockies Edition“, ist aber treffender wohl so zu beschreiben: Schnitzeljagd für große Jungs und Mädchen, die gerne Motorrad fahren. Am liebsten Reiseenduros. Am allerliebsten welche mit zwei Zylindern, denn neben Offroad-Passagen, wie der Weg hoch nach American Flag, bilden epische Landstraßen einen großen Teil des Streckennetzes.

Ein Traum also auch für Tourenfahrer, nicht nur für Geländefreaks. Auf Asphalt und auf leicht zu bewältigenden Dirtroads aus verdichteter Erde geht es häufig vorbei an Sehenswürdigkeiten, historisch bedeutsamen Orten, netten Cafés und BBQ-Schuppen sowie zu markanten Aussichtspunkten, die nicht so schweißtreibend zu erreichen sind wie die Offroad-Herausforderung American Flag. Oder andere Wahlziele, die mit dem Prädikat „Double Black Diamond“, also „höchst anspruchsvoll“ kategorisiert wurden. Bei der Rallye respektive Schnitzeljagd sind die Spielregeln (siehe auch Seite Infos) an sich recht einfach: Viel fahren und viele Punkte sammeln. Das Spielfeld ist in etwa so groß wie Rheinland-Pfalz oder Thüringen. Tagsüber also Kilometer abspulen, abends gemütlich zusammensitzen gemäß der Textzeile in John Denvers Folk-Hit aus den Siebzigern „Rocky Mountain High“: „Friends around the campfire and everybody‘s high, Rocky Mountain high, Colorado.“ Das Lied gilt dort übrigens als zweite Staatshymne.

Viele Wegpunkte mit höchstem Schwierigkeitsgrad

Beim Lagerfeuer treffen sich die gut einhundert Fahrer, planen innerhalb der Zweierteams die Route für den nächsten Tag und tauschen sich über ihre Erlebnisse aus. Als ausländischer Gaststarter möchte auch ich spannende Geschichten mit zurück nach Deutschland nehmen. 

Deshalb baut unser Team möglichst viele Wegpunkte mit höchstem Schwierigkeitsgrad ein. Die Strecke lässt sich aus etwa 90 Teilstück-Puzzleteilen individuell zusammensetzen. Das macht den Reiz dieser Veranstaltung aus, die bei amerikanischen Adventure Riders, also Endurowanderern, als Top-Event gilt. Im Basecamp, dem Tamichi Inn in Gunnison, kommen die unterschiedlichsten Fahrertypen zusammen.

Foto: Dentges
... sondern ist von Anfang an einem Teamkollegen zugeteilt.
... sondern ist von Anfang an einem Teamkollegen zugeteilt.

Klaus, ein 47-jähriger Tischler aus Franken, lebt seit fast 30 Jahren in New Mexico und bewältigte mit seiner Einzylinder-Honda immerhin 500 der 700 Kilometer Anreise zur Adventure Rally ausschließlich auf asphaltfreien Nebenstrecken – sein kleines Spezial-Abenteuer vor dem großen, der Rallye. Die beiden texanischen Kumpels Joe und Daniel hingegen rollen mit ihren BMW R 1200 GS und Suzuki V-Strom 650 auf Straßenreifen und fürchten deshalb abenteuerliche Offroad-Einlagen. Daniel: „Hey, es sind fast 900 Meilen zurück nach Hause, da sollten alle Teile am Motorrad bleiben.“ Sie bedauern ein bisschen, dass sie nicht wie einst die indianischen Ureinwohner und Pioniere des 19. Jahrhunderts das Gefühl erleben können, die Rockies nur mit allergrößter Anstrengung zu überwinden. Aber Zwischenstopps mit vielen kulinarischen Highlights machen ihre eher softe Streckenwahl auch zu einem Erlebnis.

Unser Team verdrückt indessen fast nur Müsliriegel statt einer (zeitraubenden) warmen Mahlzeit. Wir wollen Punkte sammeln. Klettern holprige Wege hoch, rumpeln teilweise unkontrolliert auf der anderen Seite wieder runter. Fahren Hunderte von Metern knietief durchs Wasser eines überschwemmten Seeufers. Liegen manchmal auf der Seite. Auch Teil unseres frei wählbaren Abenteuers. Es gewinnen andere. Schnellere. Härtere. Macht nichts, die Siegertrophäe am Ende sei ihnen gegönnt. In einer Vitrine namens Kopf bleiben mir meine abenteuerlichen Erlebnisse erhalten und werden wohl nicht so schnell zustauben. Wobei „Abenteuer“ ein dehnbarer Begriff ist. Für die einen ist es der Besuch eines Plumpsklos, andere stürzen sich im Holzfass die Niagarafälle runter.

Jailhouse Rock anstelle von Rockie Mountain High

Larry, ein Ingenieur aus Wisconsin, bekommt bei der Siegerehrung den Sonderpreis für die beste Story: Kurz vor Start der Rallye wollte er sich noch radelnd auf seinem Mountainbike aufwärmen. Doch das Fahrrad wurde gestohlen. Als Larry bei der Polizei in Gunnison Anzeige erstattete und seine Personalien angab, buchteten ihn die Cops sofort ein. Es ist nämlich so im Staate Colorado, dass man zwar ungehindert Marihuana rauchen oder legal einen Revolver im Handschuhfach mitführen darf – aber beim Auslassen eines Gerichtstermins, selbst wenn dieser schon 23 Jahre zurückliegt, kennt die Justiz kein Pardon.

Larry wanderte also in den Bau, bis sich die ziemlich lächerliche Scheidungsangelegenheit (zu seinen Gunsten) klärte. Zwei Tage Bergpanorama durch Schwedische Gardinen, Jailhouse Rock anstelle von Rockie Mountain High. Definitiv auch ein unvergessliches Abenteuer.

Foto: Dentges
Colorado gilt als touristisches Top-Ziel in den USA. Zu Recht, denn der „Mountain State“ bietet unendliche Möglichkeiten für Outdoor-Aktivitäten. Für Reiseenduristen ein wahres Paradies.
Colorado gilt als touristisches Top-Ziel in den USA. Zu Recht, denn der „Mountain State“ bietet unendliche Möglichkeiten für Outdoor-Aktivitäten. Für Reiseenduristen ein wahres Paradies.

Weitere Infos

Colorado gilt als touristisches Top-Ziel in den USA. Zu Recht, denn der „Mountain State“ bietet unendliche Möglichkeiten für Outdoor-Aktivitäten. Für Reiseenduristen ein wahres Paradies.

Anreise

Bester Anreiseort ist Denver/Colorado. Flüge von Frankfurt (rund 10 Std.) finden sich ab ca. 800 Euro. Von Denver zum Zielort Gunnison sind es mit einem Mietfahrzeug etwa vier Stunden.

Foto: Dentges
Die meisten Zweiradfahrer sind mit zweizylindrigen Reiseenduros unterwegs.
Die meisten Zweiradfahrer sind mit zweizylindrigen Reiseenduros unterwegs.

Mietmaschinen

Auf diesen Webseiten finden sich für die Adventure Rally taugliche Enduros und Tourenmaschinen: 

Die Verfügbarkeit ist beschränkt, bei Interesse also früh genug buchen!

Foto: Dentges
Medizinballgroße Felsbrocken, steile Steinrutschen – Fahrer und Fahrwerk werden ordentlich durchgeschüttelt.
Medizinballgroße Felsbrocken, steile Steinrutschen – Fahrer und Fahrwerk werden ordentlich durchgeschüttelt.

Adventure Rally

Die Veranstaltung ist eine Erfindung der amerikanischen Motorradzeitschriften Cycle World, Motorcyclist und Dirt Rider. Leser der Zeitschriften – und auf Nachfrage auch gerne interessierte deutsche Reiseenduristen – können sich für die Rockies Edition einschreiben und reisen mit einer Enduro zum Basecamp nahe Gunnison an. Die Bandbreite der Motorräder ist vielfältig: von Serien-Reiseenduros (z.B. BMW F 800 GS, BMW R 1200 GS, KTM 990 Adventure, Suzuki V-Strom) über relativ leichte Einzylinder-Bikes (Honda XR 400, Kawasaki KLR 650) bis hin zu Rallye-Umbauten. Die Mehrzahl der Teilnehmer hat Zweizylindermaschinen. Bei der Adventure Rally steht der touristische Gedanke im Vordergrund. Kein Rennen, sondern eher eine gut organisierte Möglichkeit, ein Adventure Bike artgerecht bewegen zu können.

Die Spielregeln sind unkompliziert: Je zwei Teilnehmer bilden ein Team und bekommen Kartenmaterial und Roadbook. Zirka 90 Ziele sind verzeichnet und kategorisiert. Die Punkte können ein interessanter Landstraßenabschnitt, ein Aussichtspunkt oder eine touristische Sehenswürdigkeit sein. Oder aber eine besonders schwere 4x4-Route, ein Geröllfeld, eine Flussdurchfahrt. Grün bedeutet: Asphalt; Blau: Schotter/Dirtroad; Schwarz: Gelände. Sogenannte „Double Black Diamonds“ sind die schwersten Prüfungen und erfordern fortgeschrittenes Enduro-Fahrkönnen. Durch clevere Kombinationen von leichten bis schweren Zielen sammeln die Teams Punkte. Außerdem gibt es Bonuspunkte für Spaßaktionen (Tierfotos machen, Rad ausbauen etc.). Der Wettbewerb geht über zwei Tage, die meisten Teilnehmer planen jedoch Zusatztage ein, um selbstständig die Gegend zu erkunden. Die nächste Rockies Edition soll vom 14. bis 17. Juli 2016 stattfinden. Kosten (Event, Unterkunft in Hotel mit Frühstück und Abendbuffet): ab 560 Dollar.

Weitere Infos, Termine und Kontakt über E-Mail an: 

tonia.troncone@bonniercorp.com

Foto: Dentges
Über dem Minen-Museum in Pitkin weht außer dem Sternenbanner auch die Colorado-Flagge.
Über dem Minen-Museum in Pitkin weht außer dem Sternenbanner auch die Colorado-Flagge.

Auf eigene Faust

Wer die Rockies in Colorado ähnlich wie in dieser Reportage erleben möchte, sollte sich mit seiner (Leih-)Maschine zwischen Juni und September dort aufhalten – außerhalb des Sommers sind die meisten der teilweise fast 4000 Meter hohen Pässe nicht befahrbar und oft auch gesperrt. Als optimales Kartenmaterial empfehlen sich die auf Enduristen spezialisierten „Butler Motorcycle Maps“ (www.butlermaps.com).

Tipp: Buddy suchen, nie alleine fahren! Zwar sind auf den Wegen und Pfaden meistens auch andere Offroader unterwegs. Im abgelegenen Backcountry ist ohne Fremdhilfe aber schnell Schluss mit lustig.

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