Report: Motorradfahren in Italien Klimawandel

Schluss mit lustig in Italien: Wo früher Schotterpässe, Bergstrecken, quirlige Städte und freundliche Ordnungshüter das Motorradparadies hießen, setzt es jetzt hohe Bußgelder. Wandelt sich das Traumland der Deutschen in eine »no go area« für Motorräder?

Foto: Gori
Den VFR-Fahrer traf es hart: Auf dem Weg zum Strand durchquerte er gemütlich ein kleines Adria-Städtchen und unterhielt sich dabei mit seiner Frau auf dem Beifahrersitz. Ganz Italiener, unterstrich er das Gesagte mit ein paar Gesten der freien Kupplungshand. Sein Pech, denn die Polizeipatrouille, die ihn kurz darauf aufhielt, sah darin einen Verstoß gegen Paragraf 168 der italienischen Straßenverkehrsordnung und konfiszierte die Honda – auf Nimmerwiedersehen.

Ebenfalls übel erging es einem GS-Fahrer auf einer Autobahn bei Rom, der sich auf dem Standstreifen an einem Stau vorbeihangelte. Behindert oder gefährdet wurde dabei niemand; dennoch setzte es eine Geldstrafe von 357 Euro, dazu zehn Punkte und ein zweimonatiges Fahrverbot.

Derartige Mega-Strafen häufen sich in Italien, die neue Durchgreif-Mentalität trifft auch Motorrad-Touristen aus dem Ausland. Was ist bloß los im Land von Rossi und Capirossi? Eigentlich liegen Zweiräder voll im Trend, Rekord-Zulassungen wie 2006 mit 164256 Motorrädern und knapp 300000 Rollern bescheren dem Staatssäckel seit Jahren riesige Mehrwertsteuer-Einnahmen. Die Regierung dankt – mit höheren Steuern für ältere Modelle und Gesetzen, die Motorradfahrern den Spaß verleiden.

»In gewisser Weise ist das der Sinn und Zweck«, bestätigt Francesca Marozza von der halbstaatlichen Motorradfahrer-Föderation FMI, »das Klima hat sich für Motorradfahrer verschlechtert.« Der Grund liegt vor allem in den hohen Unfallzahlen, deretwegen die Europäische Union Alarm schlug und Italien zum Handeln aufforderte. In mehr als 40 Prozent aller Unfälle sind Zweiradfahrer verwickelt, 1852 Motorrad- und Rollerfahrer kamen 2005 ums Leben, Tendenz steigend. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl bedeutet das traurigen europäischen Rekord.
Anzeige
Foto: Gori
»Vergessen wird dabei aber«, sagt Marozza, »dass wir einen riesigen Bestand haben, nämlich rund zehn Millionen Zweiräder. Da passieren natürlich mehr Unfälle als in anderen Ländern.« Die FMI jedenfalls setzt alles daran, absurde neue Vorschriften zu bekämpfen.

Teilweise mit Erfolg, denn die Konfiszierung von Zweirädern, die damit in Staatsbesitz übergehen, wurde wieder abgeschafft: Nicht nur beim Fahren mit einer Hand wurde der Pilot seine Maschine los, diese drakonischen Strafen galten ebenso für Aufstehen während der Fahrt, Wheelies, Fahren ohne Helm oder schlecht befestigtes Gepäck. Verabschiedet im August 2005, sollte das Gesetz die berüchtigten rollerfahrenden Handtaschen-Räuber in Neapel treffen, führte jedoch zu grotesken Auswüchsen. Tausende von Rollern und Motorrädern konfiszierten die Ordnungskräfte innerhalb weniger Monate. Auf Druck der FMI wurde der Paragraf
im letzten Herbst modifiziert; wobei die Polizei Zweiräder aus den genannten Gründen noch immer für 60 bis 90 Tage beschlagnahmen kann. Autofahrer, die den Gurt nicht anlegen, kommen hingegen mit fünf Punkten und 70 Euro davon.

»Gerecht ist das nicht«, urteilt der italienische Verkehrsexperte Riccardo Matesic. Er sieht als Hauptschuldige an der Misere die Heerscharen italienischer Rollerfahrer, meist Umsteiger vom Auto. »Das sind oft Leute ohne jede Zweiradkultur, und sie verursachen die meisten Unfälle.« Was die Statistiken belegen. Doch die Zeche zahlen auch die Motorradfahrer. »Als ich kürzlich mit einer Polizeistreife auf der Stadtautobahn in Rom unterwegs war«, erzählt Matesic, »wurden die Beamten zu einem Unfall gerufen, aber ein Rollerfahrer blockierte die Standspur. Trotz Blaulicht und Sirenen fuhr er kilometerweit vor uns her.« Konsequenz aus solchen Vorkommnissen: Wurden Motorradfahrer, die auf dem Standstreifen an Staus vorbeifuhren, bislang toleriert, so müssen sie
inzwischen mit hohen Strafen rechnen.
Anzeige
Ähnlich sieht es im Offroad-Bereich aus, viele Schotterpässe sind inzwischen für Motorräder gesperrt. Eine gewisse Schuld daran trifft die Motorradfahrer selbst, die in der Vergangenheit teilweise rücksichtslos drauflos gebollert sind. »Ich habe mal eine Gruppe deutscher Enduristen gesehen«, erzählt Offroader Giuseppe aus dem Veneto, »die kamen mit dem Hänger, haben ihre Motorräder abgeladen und innerhalb von zwei Tagen einen ganzen Hügel verwüstet. Kurz darauf verhängten die Behörden ein generelles Offroad-Verbot.« Die Vorschriften sind von Region zu Region unterschiedlich; gesammelt finden sie sich im »Vademecum Fuoristrada«, herausgegeben von der FMI (nur auf Italienisch erhältlich; www.federmoto.it). Grund-sätzlich rät die Motorradfahrer-Föderation ausländischen Touristen, Strecken abseits der Asphaltstraßen in Italien lediglich mit erfahrenen Reiseveranstaltern oder Ortskundigen unter die Stollen zu nehmen.

Autobahnen und Staatsstraßen auf dem Stiefel sind längst mit Radarfallen
gepflastert, besonders tut sich dabei das Touristen-Mekka Toskana hervor. Inzwischen sind aber fast alle der 8101 Städte und Gemeinden Italiens auf den Trichter gekommen und bessern ihre Kasse mit Bußgeldern auf, indem sie Radarfallen auf geraden Strecken am Ortseingang platzieren. »Mit Prävention und Verkehrssicherheit hat das nichts zu tun«, schimpft Riccardo Matesic. »Da geht es nur darum, Geld zu machen.«
Vollends unübersichtlich gestaltet sich die Lage in den großen Städten. Wegen Feinstaub- und Smogalarm verbannen sie Fahrzeuge, die vor den Euro-Richtlinien zugelassen wurden; bei Motorrädern trifft das Modelle, die erst ein paar Jahre alt sind. In Florenz zum Beispiel gilt für Euro 0 ganzjährig Fahrverbot, in der Lombardei rund um Mailand für alle Zweitakter ohne Kat, nach Bologna dürfen jeden Donnerstag nur Motorräder mit mindestens Euro 2, und die Hautstadt Rom wurde in drei Zonen mit verwirrend unterschiedlichen Regeln aufgeteilt.

Sogar ihre Lärmempfindlichkeit haben die Italiener entdeckt. Der Rennstrecke Monza drohte vor knapp zwei Jahren wegen der Klage einiger Anwohner die Schließung, erst großzügige Geldgeschenke an die ach so Hellhörigen sorgten für ihren Erhalt. In Imola ging der Streit um den Lärm so weit, dass die »Ducati Riding School« ihre Kurse dort nur mit speziellen, extra-leisen Schalldämpfern für Serienmotorräder abhalten konnte. Derzeit wird die Rennstrecke umgebaut; Insider bezweifeln jedoch, dass der traditionsreiche Kurs je wieder für Motorräder geöffnet wird.

Einen leichten Stand haben Zweiradfahrer in Italien derzeit also nicht, wenn auch zum Teil aus eigenem Verschulden. »Wir Italiener tun uns generell schwer, Regeln zu respektieren«, sagt Francesca Marozza von der FMI. »Manche Motorradfahrer haben’s einfach übertrieben.« Etwa mit nach oben gebogenen Kennzeichen, die verhindern, dass ein Blitzer die Nummer erkennt. Oder mit leer geräumten Auspuffanlagen, die ganze Dörfer aus dem Schlaf reißen. Oder – gerade im Süden – mit mangelndem Respekt vor der Helmpflicht. »Als Vertretung der Motorradfahrer arbeiten wir daran, das Image wieder aufzupolieren«, erklärt Marozza. Und dazu, so hofft man in Italien, werden im Sommer auch die als höflich und korrekt geltenden deutschen Motorradfahrer beitragen.

Wie sich die Lage für Motorradfahrer in anderen wichtigen Reiseländern verändert hat, lesen Sie in MOTORRAD 11/2007.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote