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Porträt Hohenstein-Ernstthal Die Ruhe vor dem Run

Immer globaler, immer spektakulärer, immer größer. Wo der Wanderzirkus MotoGP haltmacht, brennt die Luft. Wenige Tage zuvor herrscht im kleinen sächsischen Städtchen Hohenstein-Ernstthal noch scheinbare Ruhe.

Ein Elektro-Gabelstapler surrt unaufdringlich durch das fast leere Fahrerlager des Sachsenrings in Hohenstein-Ernstthal. Ausgeweidete Sattelschlepper bleiben verlassen zurück. Die spanischen Arbeiter des MotoGP-Vermarkters Dorna fügen routiniert mit entblößtem Oberkörper aus einem ausgeklügelten Aluminium-Puzzle einen temporären Kommando-Tempel für die Bosse zusammen. Man ahnt bestenfalls, was hier entsteht. Aber glauben kann man es kaum, dass keine 100 Stunden später in dieser sächsischen Sommeridylle die MotoGP-Boliden vor Hunderttausenden Zuschauern losdonnern werden.

Dann zerfetzt es eh die Ruhe. Eine hochdrehende Zweitaktsense bettelt um Futter. „Sensenmann“ Bernd Pischotta (67) ist für die Instandhaltung zuständig. „Den Monsterhang im Omega habe ich zum Glück schon hinter mir – aber es bleibt noch jede Menge Arbeit.“ Der Apparat heult auf. Weiter geht es. Dagegen herrscht im riesigen Kiesbett der Zieleingangskurve himmlische Ruhe. Die Zukunft im Blick, harkt sich ein jugendliches Trio fast schon lautlos meditativ durch den Kies. Der Wortführer und Gruppenälteste des Trios stellt sich vor. „Steini“, 25 Jahre alt: „Ich bin schon im vierten Jahr hier für die JF Motorsport Consulting dabei.“ Es schwingt etwas Stolz mit, wenn er von der letzten Woche erzählt: „Da haben wir von Dienstag bis Sonntag mit 60 Eimern Farbe die Kerbs getüncht. Sobald wir das Kiesbett fertig haben, bauen wir wahrscheinlich die Airfences auf. Das plant aber alles der Chef!“

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Geplant wird seit Januar

Wer ist der Chef? Und kann man den sprechen? „Den Chef sprechen?“ Reichlich ungläubig blickt die Assistentin hinter ihrer „Bild“-Zeitung hervor. „In diesen Wochen ist der immer unterwegs – keine Chan­ce.“ Kein Wunder, denn sekündlich erhöht sich auf den Zufahrtsstraßen rund um den Sachsenring nun die Arbeitstaktung. Zwischengeparkte Teamtrucks werden penibelst gesäubert, an ­Tribünen wird gewerkelt, Caterer wischen vorbei. Zwei gut gelaunte Sternquell-Brauerei-Mitarbeiter jonglieren einen Schankwagen auf einen Stellplatz. Auf die Frage, ob im ungünstigsten Fall das Bier ausgehen könnte, grinst sich der 47-jährige Uwe Rödel eins: „Das Bier geht nie aus. Wir planen seit Ja­nuar, Urlaub ist gestrichen, und im Zentrallager Sachsenring befinden sich unzählige Fässer und Container mit zwischen 1000 und 27000 Litern Fassungsvermögen. Wie viel denn hier beim GP umgesetzt werde? „Keine Ahnung, die genaue Zahl kennt vermutlich nur das Finanzamt“, feixt Kollege Olaf Urbig, bevor ein gut motorisierter, schwarzer BMW um die Ecke pfeift.

„Alles klar, Männer, habt ihr hinten auch schon fertig?“, tönt es aus dem Wagen. Sollte das etwa das Phantom, Jürgen Fritzsche, der Chef von JF Consulting, sein? Der Fahrer nickt, steigt aus. Zeit hat der 53-jährige Hohenstein-Ernstthaler wirklich nicht zu verschenken. Er kommt schnell zur Sache: „Meine Firma hat einen Vertrag mit der Sachsenring Management GmbH, SRM, dem Promoter. Wir planen, koordinieren und führen aus. Ich beschäftige aktuell 50 Leute und koordiniere dann noch 700 ehrenamt­liche Helfer und an die 1000 Security-Leute einer Spe­zial­firma. Im GP war ich schon weltweit aktiv, momentan nur noch am Sachsenring.“ So, das war es, Fritzsche steigt ein, donnert weiter. Nächste Baustelle.

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Foto: Jahn
„Von Dienstag bis Sonntag haben wir mit 60 Eimern Farbe komplett alle Kerbs frisch gestrichen.“ Das Kiesbetttrio: ­André, Sabine und „Steini“ kümmern sich nach dem Kiesbett um die Airfences.
„Von Dienstag bis Sonntag haben wir mit 60 Eimern Farbe komplett alle Kerbs frisch gestrichen.“ Das Kiesbetttrio: ­André, Sabine und „Steini“ kümmern sich nach dem Kiesbett um die Airfences.

Zeit für etwas mehr Gelassenheit. Die findet sich im Pressezentrum in Person von Judith Pieper-Köhler. Die 36-Jährige im SRM-Dress, zuständig für Medien und Marketing, hat zwar auch wenig Zeit, nimmt sie sich aber: „Schon mein Opa schraubte hier am alten Sachsenring an Rennmopeds, und mich trieb es selber jahrelang beruflich durch die GP-Fahrerlager dieser Welt.“ ­Eigentlich wollte sie 2012 aufhören, aber als der ADAC-Sachsen 2011 überraschend die GP-Ausrichtung hinwarf, übernahm die SRM als kommunaler Verband der umliegenden Gemeinden. „Da war ich dann mit neuer Funktion direkt wieder mit im Boot.“ Seitdem organisiert sie mit kleiner Mannschaft – und es läuft gut. „Wenn du aber mehr über die Gemeinde wissen willst, besuche doch mal unseren Oberbürgermeister Lars Kluge.“ Ein guter Tipp, denn der Weg zum Rathaus führt direkt über die Goldbachstraße am Ankerberg vorbei. Der legendäre Camping-Hügel mit Blick auf den Sachsenring scheidet seit Jahren die Geister. Rennfan oder Partysau? Meistens wohl beides.

Tankstellenbetreiber Michael Brückner jedenfalls ist seit neun Jahren unerschrockener Zeitzeuge. „Wenn am Wochenende die Goldbachstraße gesperrt wird, verkaufen wir hier an der Schnittstelle Ankerberg/Rennstrecke kein Benzin mehr, sondern nur noch anderes Flüssiges. Vor allem eins: Bier, Bier, Bier.“ Die Waschanlage gibt dann das Bierlager, ist bis zur Oberkante aufgefüllt. Auf seinem Gelände campen seit Jahren dieselben Holländer. Es gab sogar schon Besucher, die Go-go-Girls mitbrachten, die dann auf Fässern tanzten. „Da kommen Leute barfuß, verschlammt und völlig blau, und plötzlich erkennst du den Sparkassen-Mann, den die Mutti am Wochenende rausgelassen hat.“ Aber selbst im Extremfall sei es noch nie komplett gekippt, und die Einsatzleitung der Polizei nebenan hätte immer alles souverän im Griff gehabt. „Es ist Stress, verrückt, aber meine Mitarbeiter machen das trotzdem gerne. Wenn die Moto-GP fährt, müssen wir sogar die Kunden an der Kasse anschreien, so laut ist das.“

Die meisten hier sind selber echte Fans

Szenenwechsel, das Rathaus der 15000- Einwohner-Gemeinde Hohenstein-Ernstthal, die im Nebenjob auch noch Geburtsstadt von Karl May ist. Oberbürgermeister Lars Kluge, Jahrgang 1977, ist froh über beides, den Sachsenring und Karl May: „Natürlich ist so eine Rennstrecke quasi mitten im Ort und dann noch ein Weltmeisterschaftslauf mit diesem Besucheraufkommen eine Belastung für die Anwohner. Der eine oder andere flüchtet deshalb am GP-Wochenende, aber die meisten hier sind selber echte Fans.“ So hartgesottene wie Frank Stein und seine Kumpels aber wohl nicht. Die Leipziger bauen gerade am Ankerberg ihr Zelt auf. Am Montag, fast eine Woche vor der großen Sause.

Grid Girls Sachsenring 2014

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