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Reportage - Moto-Guzzi-Nacht in Berlin Nachts sind alle Guzzis weiß

Wenn der Tag im Arbeitstakt Berlins verpufft, wird man notgedrungen zum Nachtschwärmer. Am besten macht man eine Tugend daraus. Zwei Freunde, zwei Guzzis, eine Nacht in Berlin.

Es ist verrückt: Wir stehen morgens früh auf, bringen unser Blut mit einem Coffee to go in Wallung, hecheln zur Arbeit, schieben Überstunden und bemerken erst im abendlichen Stau, dass wir mehr vom Tag erwartet haben. Spätestens dann stellt sich die Frage: Ist da womöglich eine Welt außerhalb des grauen Alltags? Mein Rezept zum Ausbruch aus diesem Trott ist einfach. Ich rufe Klaus an: „’n Abend, sach mal – Lust, noch eine Runde zu eimern? Ja, ich weiß, ist schon nach sieben. Macht doch nichts! In 30 Minuten an der Tanke? Super, bis gleich!“

Klaus ist eine sichere Bank, wenn es um spontane Aktionen geht. Sein Herz schlägt wie meines vor allem für zweirädrige Köstlichkeiten aus Italien; möglichst rot, möglichst ehrlich. Die Ehre, ein paar exklusive Exemplare dieser Gattung in unseren düsteren Garagen zu haben, eint uns. Wir wissen das durchaus zu schätzen und entlassen Königswelle, Le Mans oder 916 ab und zu gemeinsam ins Tageslicht. Dann brüllen offene Contis frühmorgens durch leere Straßen. Wir wollen raus aus der Hauptstadt, um Kurven im Brandenburgischen zu suchen. Eine Aufgabe, wie man weiß …

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Ach, Berlin, ick liebe dir …

Diese meditativen Touren sind wertvolle Momente. Allerdings keine Option für einen mittelklassigen Don­ners­tag­abend kurz nach der Rushhour. Wir lassen die prätentiösen Ducatis also gleich zu Hause. Stattdessen bollern wir mit scheinbaren Zwillingen – zwei milchweißen Moto Guzzis V7 Spezial – auf den Parkplatz der Tanke. Klaus mit Schwingsattel und Chrom am Tank. Ich mit Rechtsschaltung und Doppelsitzbank. Unsere ollen Eimer sind anspruchslos und simpel. Breite Lenker statt tiefer Stummel. Patina statt glänzenden Lacks. Vier Gänge für ein Halleluja … Gerade wegen ihres recht stattlichen Alters entschleunigen uns diese Rappelkisten maximal. Damit sind sie erste Wahl für eine Nacht ohne Plan und große Worte.

Also – volltanken und los. Die Motoren der Siebenfuffziger sind warm und blubbern gelassen mit uns durch den bunten Stadtteil Wedding. Entlang der Müllerstraße rauschen Handyshops, orientalische Obstläden und verdunkelte Scheiben zwielichtiger Spielcasinos an uns vorbei. Der Glanz der früheren Flaniermeile ist längst verflogen. Keine zehn Minuten später breitet sich vor uns in der Dämmerung das Rollfeld des Flughafens aus. Tegel, wohlgemerkt. Wir machen halt am Rande eines hässlichen Autobahnzubringers, dessen Mauer seit Jahren Tribüne für Beobachter der einfliegenden Jets ist. Ein Höllenlärm! Nur wenige Meter über unseren Köpfen schweben die Brummer ein. Setzen auf, rollen träge zum Terminal, das im Flutlicht glimmt. Verliebte Pärchen lassen Seele und Beine von der Mauer baumeln, halten Händchen und blicken schmachtend in die Einöde aus Beton. Ach, Berlin, ick liebe dir …

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Nachts wirkt die Szenerie am Großen Stern überraschend friedlich

Klaus und mir ist nicht nach Händchenhalten. Wir schwingen uns lieber auf unsere Guzzis und cruisen zurück ins Herz der Stadt. An jeder roten Ampel macht uns der Ruhepuls des V2 und das stete Tickern der Ventile ein bisschen entspannter. Bis ein schwarzer BMW neben uns hält, dessen aufheulender Sechszylinder explizit zum Ampelsprint herausfordert. Mit unseren Ducatis hätten wir uns auf den motorisierten Dreikampf eingelassen, denn vom Begriff „Leistungsgewicht“ haben die vier Möchtegerngangster hinter den getönten Scheiben noch nichts gehört. Auf den blubbernden Guzzis aber perlt die Herausforderung an uns ab. Mit einer V7 bist du zurückhaltender Gentleman. Kein heißblütiger Heizer.

Der BMW stürmt mit aller Macht voran, als die Ampel wieder auf Grün springt. Klaus und ich lächeln uns kurz zu und kloppen gleichzeitig den ersten Gang rein. Es kracht mit einem metallischen Schlag im Gebälk, und die Guzzis stampfen gemütlich los. So kennen und lieben wir das. Allmählich werden die Straßen leerer, und ein für Berlin unbekannter Flow stellt sich ein. Wir surfen befreit auf der grünen Welle zum Großen Stern. In der Mitte des Kreisverkehrs ragt die Siegessäule golden empor. Heute Abend gibt sie sich im Schein einer farbenfrohen Lichtinstallation besonders Mühe. Zeit für eine Pause.

Foto: Wedemeyer
Mit der Dunkelheit werden unsere Pausen zu besinnlichen Stillleben.
Mit der Dunkelheit werden unsere Pausen zu besinnlichen Stillleben.

Zunächst stand die von Berlinern liebevoll „Goldelse“ genannte Dame vor dem Reichstag, bis die Nazis sich entschlossen, ihre verrückten Allmachtsgedanken mit dem Umzug der Skulptur zum heutigen Standort zu untermauern. Solche und ähnliche Geschichten triefen gerade hier – in der Mitte Berlins – aus allen Poren der Stadt. Kaiserreich, zwei Weltkriege, der Mauerstreifen – überall werden wir an vergangene Zeiten erinnert. Am Tag und im Alltagstrubel fällt dieser Blick allerdings schwer. Denn üblicherweise steht man hier genervt im Stau. Oder wartet darauf, dass desorientierte Touristen im Wirrwarr des sechsspurigen Kreisels geradewegs in dein Auto krachen.

Doch nachts wirkt die Szenerie am Großen Stern überraschend friedlich, ja fast bedeutsam: Am Horizont erstrahlt das Brandenburger Tor. Der Wind rauscht durch das Laub des Tiergartens. Fast zeremoniell scheint die alte Straßenlaterne wie ein zu groß geratener Kerzenständer auf unsere ollen Eimer. Klaus und ich genießen den Kitsch des gelben Kunstlichts, das die Kratzer und Rostpickel auf unseren Öfen fast unsichtbar macht. In diesem Moment wirken beide Maschinen auch nach gut vier Jahrzehnten noch richtig frisch.

Eine Sekunde für die Ewigkeit

Als wir uns weiter in Richtung Ku’damm aufmachen, steht Klaus zunächst im Dunkeln. Sein vorderes Licht ist ausgefallen – die Birne ist anscheinend durch. Doch es gibt Ersatz: Kurzerhand drückt er den Scheinwerfer mit herzlicher Gewalt etwas nach unten. Das Fernlicht weist ihm ab jetzt den Weg durch die Nacht. Am Bahnhof Zoo hat sich die Betriebsamkeit auf ein Minimum reduziert. Drei Taxen warten vergeblich auf Fahrgäste. Locker gleiten wir mit den erstaunlich agilen Brummern durch verengte Baustellen an ihnen vorbei, blicken auf moderne Fassaden von Hochhäusern und halb renovierten Shopping-Zentren. Nach 25 Jahren In­vestitionsmangel wird die westliche City nun wieder aufgehübscht. Im Osten der Stadt haben Investoren ja bereits jeden Quadratmeter renoviert…

Kurz blitzt die Silhouette unseres Spiegelbilds in den riesigen Schaufenstern auf. Eine Sekunde für die Ewigkeit. Doch weil wir von Glaspalästen genug haben, biegen wir mit quietschenden Trommelbremsen zum Potsdamer Platz ab und rauschen direkt weiter zum Gendarmenmarkt. Der klassizistische Platz beeindruckt gerade nachts mit den angestrahlten Kuppeln zweier Kathedralen, in deren Mitte sich das nicht weniger prunkvolle Konzerthaus erhebt. Hier ist die Hauptstadt edel. So wundert es, dass eine alternativ wirkende Artistikgruppe ausgerechnet an diesem schicken Fleckchen den öffentlichen Raum zur Bühne erklärt hat. Flow of Fire, so nennt sich das En­semble, inszeniert eine Feuershow, die uns und ein paar verlorene Touristen für einige Zeit im Bann hält. Körper biegen sich im Schein lodernder Fackeln, Funken sprühen übers Pflaster, und skurrile Musik aus einer anderen Welt nimmt uns gefangen.

Wir wärmen die kalten Hände an den luftgekühlten Zylindern

Als die Flammen erlöschen, merken wir, dass es kühl geworden ist. Zeit für einen Mitternachtssnack. Wir ziehen unsere Kragen hoch und fahren über den Alex zur Schönhauser Allee. Unterwegs wärmen wir die kalten Hände an den luftgekühlten Zylindern. Heizgriffe braucht hier keine Sau. Am Pfefferberg gibt es eine der besten Pizzerien der Stadt. Das „Due Forni“ ist eine Institution. Berüchtigt für unfreundliches Personal und punkige Atmosphäre. Doch das einer Bahnhofshalle nicht unähnliche Ambiente mit tätowierten Wänden und Che Guevara über der offenen Küche verträgt sich offenbar prächtig mit der Berliner Schnauze. Zumal die Pizzen auf der nur in Italienisch verfassten Karte legendär sind. Wer sich darauf einstellt und das grundsätzliche Desinteresse der Bedienung an den Gästen überwunden hat, kann hier eine wirklich gute Zeit haben.

So parken wir unsere Motorräder direkt vor der Tür, steigen die Treppen ins immer noch volle Lokal hinauf und lassen unsere spontane Tour bei Pizza, Wasser und Club-Mate gemächlich ausklingen. Im Gespräch über Gott und die Welt wird schließlich klar, dass unsere kleine Flucht aus dem Alltag eigentlich immer machbar ist. Denn unabhängig von Tageszeit, Potenz des fahrbaren Untersatzes oder Anzahl schräglagenfreund­licher Kurven finden wir offenbar auch inmitten des kontrastreichen Großstadtkerns unsere Therapie. Die alten Guzzis wirken dabei als Verstärker. Sie fordern weder körperlichen Tribut noch übermäßige Konzentration. Stattdessen weitet sich der Geist für neue Erkenntnisse. Am nächsten Morgen stehe ich später auf und genieße meinen Kaffee ganz entspannt auf dem Balkon. Unten vor der Tür strahlt meine Maschine in der Morgensonne. In Gedanken höre ich sie flüstern: „Alltag, du kannst mich mal!“

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