Reportage: Motorrad fahren in Japan Die Wiege des modernen Motorrads: Mit dem Motorrad durch Japan

Eine Motorradtour in Japan, das klingt verlockend. Endlich einmal da am Gasgriff drehen, wo das moderne Motorrad erfunden wurde. Doch die Straßenwelten dort sind anders. Können wir sie verstehen?

Foto: Suzuki

"Wir brauchen Ihren Führerschein, denn wir wollen eine Tagestour mit Motorrädern machen." Klingt richtig gut, was die nette deutsche Suzuki-Pressefrau da durchs E-Mail schiebt. Denn im Prinzip machten mich zwei Dinge in meinem Leben zum Motorradfahrer: "Easy Rider" im Jugendkino und Honda & Co. mit ihren wahnsinnig tollen Maschinen in den 70ern. Biken gehen in dem Land, wo das moderne Motorrad erfunden wurde - das muss erhellend sein. Dort, wo CB 750, Wasserbüffel, Z 900 und meine geliebten RDs gebaut wurden, endlich auch mal selber eine Reifenspur legen, geile Vorstellung!

Der erste Morgenspaziergang vor dem Hotel fordert schon mal den ganzen Mann: 30 Grad früh um sieben machen gemütliches Schlendern zur Jogging-Arie. Zikaden zirpen in der gefühlten Lautstärke von tausend Autoalarmanlagen. Und - upps - die Autos kommen von der falschen Seite. Linksverkehr, ich vergaß, tschuldigung. Gehupt wird in Japan wohl erst, wenn man schon platt gefahren ist. Schnell wird mir klar, dass ich, egal was kommt, hier nie irgendjemandem gegenüber laut werden darf. Hamamatsu ist quasi das Gegenteil von Rom. Wo du ja schon angehupt wirst, bevor du den Helm aufhast. Hier fahren?

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Foto: Pfeifer

Motorräder sehe ich nach einer halben Stunde entlang der Hauptstraße genau vier: eine abgefeilte CB 1100 F, einen undefinierbaren Roller, irgendetwas mit hinten zwei Rädern und schwenkbarem Vorderteil und - Gott sei Dank - eine Suzuki Bandit. Viel ist das nicht, wenn man bedenkt, wo ich gerade bin. Suzuki produziert hier Zigtausende Motorräder, das Yamaha-Stammwerk in Iwata ist auch nur ein paar Kilometer entfernt. Sollten die etwa alles nur des Geldes wegen? Nein. Eine Reihe von Suzukis wartet auf uns, dazu eine Reihe Suzuki-Manager und ein Suzuki-Testfahrer als Tourguide. Alle sehen ziemlich echt aus. Das kann keine Fata Morgana sein.

Doch die Straßen hassen Motorradfahrer. Sonst wäre nicht alle paar Hundert Meter eine rote Ampel verbaut. Und Rot bedeutet hier auch richtig Rot. Nicht so ein bisschen, sondern schon gefühlte zwei Minuten. Nach einer halben Stunde Stop and go bin ich gar. Und meine GSX-R 600 auch, bläst bei 105 Grad Kühlwassertemperatur stöhnend mit dem Lüfter. Beim nächsten Halt werde ich das Thema Kreisverkehr ins Feld führen. Damit bliebe man in Bewegung. In Japan gibt es keinen Einzigen. Dafür Ampeln. Sehe ich als Fehler an. Trotzdem ist die Disziplin in unserer Gruppe absolut vorbildlich. Selbst Uwe von PS unterwirft sich dem Gruppenzwang und rollt völlig wheelielos dahin. Kenne ich von ihm anders.

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Foto: Pfeifer

Langsam schälen sich Berge aus dem dunstigen Horizont, der Verkehr dünnt aus, irgendwas fehlt. Genau, Ampeln! Seit vier Kilometern keine Ampel, dafür erste Kurven. Zu meiner großen Genugtuung sehe ich, dass auch unser Tourguide die radikal niedrigen Limits eher als grobe Anhaltspunkte nimmt. Wo 40 steht, lässt er es schon ein bisschen schneller durchrollen. Auf der Landstraße darf man in Japan peinigend langsame 60 km/h fahren. Da liegt er schon drüber. Ich beschließe, das Thema Kreisverkehr noch etwas zurückzustellen. Jetzt wo sogar eine ziemlich wilde Bergstrecke beginnt, muss ja nicht Grundsätzliches erörtert werden.

Dafür ist irgendetwas mit unserem Tourguide passiert. Täuscht es mich, oder habe ich da gerade eine zackige Bewegung seiner rechten Hand gesehen? Doch, tatsächlich, der Junge lässt es plötzlich laufen, als ob er sich noch fürs nächste Acht-Stunden-Rennen in Suzuka qualifizieren wollte. Hängt schon mal ein bisschen das Knie raus und winkelt durchaus angenehm ab. Die anderen japanischen Herren machen das genauso, scheint also kein Problem zu sein. Autos gibt es schon lange nicht mehr, dafür eine sensationelle Abfolge von Kurven. Man muss ignorieren, dass man die ganze Zeit auf der falschen Seite fährt, was sich vor allem in Linkskurven ziemlich komisch anfühlt. Dranbleiben ist angesagt. Ich bleibe dran, aber muss nun schon mal fünfstellig werden hier.

Foto: Pfeifer

Jetzt biegt der auch noch in eine einspurige, geschotterte Bergpiste ein, die ziemlich steil nach oben in Richtung Gipfel führt. Die Langnasen, also wir, nutzen das schon mal, um ein bisschen zu driften, was Spaß macht, aber dem Hintermann Steine aufwirbelt. Ein Japaner tut so etwas nicht. Aus Höflichkeit. Sehr angenehm. "Wird man hier nicht kontrolliert?" "Nur an Wochenenden, denn dann ist hier der Bär los", erklärt unser Tourguide. Motorradfahrer in Scharen kämen hierher, um es sich mal richtig zu besorgen, da gäbe es auch ziemlich viele Unfälle. Verkehrstote in Japan? Unvorstellbar bei diesen harten Gesetzen. "Doch, 15 000 jedes Jahr!" Das Vierfache von Deutschland!? Wie kann das sein? "Vielleicht, weil zu harte Regeln unglaubwürdig sind." Möge diese Erkenntnis jedes Politikerhirn weltweit erreichen.

Weit entfernt ragt unser Hotelturm aus dem Dunst. Mitten aus einer schier endlos wirkenden Senke voller Industriegebäude und Straßenkreuzungen. Endlich kommt mein Thema zur Sprache. "Kreisverkehre wären gut." "Ja, Kreisverkehre, das würde den Verkehrsfluss beschleunigen." Wir verwickeln unsere japanischen Gastgeber in eine Diskussion über die Vorteile dieser Erfindung der Franzosen. Der faszinierendste Kreisverkehr fände sich in Paris. Da gehe es sechsspurig um den Arc de Triomphe und gäbe trotzdem nie schwere Unfälle. Ob wir nicht auch die Geschichte von der Autofahrerin gehört hätten, die zwei Tage lang versucht hat, da wieder rauszukommen und schließlich ohne Sprit liegen blieb? "Lost in Rotation?" "Yes!" Wir lachen uns gemeinsam kaputt.

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