Rhön Bei den Indianern Deutschlands

Als ihr Gebirge von der UNESCO zu einem Biosphären-Reservat erklärt wurde, hielten die Rhöner ihr Schicksal für besiegelt: Jetzt sind wir die Indianer der Republik. Mal schauen, was wirklich aus ihnen wurde.

Langsam nähern wir uns von Westen den Hügeln der Rhön, passieren das wunderschöne Fulda und dringen auf einer kurvenreichen Nebenstrecke bei Dipperz ins Reservat. Es gibt keine Kontrolle, keine Grenze, noch nicht einmal ein Schild. Wir sind gespannt, was sich die UNESCO dabei dachte, das Röhn-Gebirge zu einem Biosphären-Reservat zu machen, von dem es inzwischen fünf in Deutschland gibt. Modellregionen, in denen Wirtschaft und Umwelt, also die Interessen der Menschen und der Natur nicht in Konkurrenz, sondern vielmehr im beispielhaften Einklang stehen sollen.Ohne konkretes Ziel fahren wir einfach drauflos. Und das geht richtig gut. Mit einer ordentlichen Karte entdecken wir wundervolle, kleine Sträßchen, die sich wie ein Netz durch die sanfte Hügellandschaft ziehen. Schmal sind die Wege, die KTM Duke fallen wie von selbst von einer Kurve in die andere. Vorbei an Kleinsassen führt eine kleine Straße auf die Milseburg hinauf. Zu Zeiten, als der Motorsport in Deutschland noch nicht verteufelt war, galt diese Folge von Serpentinen als eine der schönsten Strecken für Bergrennen in der Republik. Einer Sage nach hatte der Riese Mils früher hier gehaust. Als aus dem Süden christliche Missionare kamen, bewarf er die mit großen Felsbrocken. Einer davon ist die Steinwand, heute ein beliebter Kletterfelsen für die Bergsteiger vom Alpenverein. Doch auch Riesen müssen irgendwann einmal sterben, und der gute Mils liegt hier angbelich begraben - die alte Rennstrecke führt jetzt sozusagen genau über seinen Sargdeckel und schließlich weiter zur Ruine Ebersburg. Gegenüber liegt die Wasserkuppe, leicht zu erkennen an den Iglus der Bundeswehr: großen Radar-Kuppeln zur Luftüberwachung.In Lütter steht hinter einer Kurve plötzlich ein verwegen aussehender Typ auf der Straße: hölzerne Schuhe an den Füßen, die Hose aus Cord viel zu weit, einen Schubkarren vor sich, auch aus Holz. Wir halten, plaudern ein wenig, dann lädt uns Martin - so heißt der Kerl - auf seinen alten Bauernhof ein, gleich nebenan. Vor dem Scheunentor, wir trauen unseren Augen kaum, wartet bereits eine Blues-Band, deren Musiker an ihren Instrumenten werkelen: die »Rhöner Säuwänzt«, auf Hochdeutsch: die »Schweinebäuche«. Martin und seine Kumpesl spielen auf Waschbrett, Tee-Kisten-Baß und Mandoline den Blues von den Baumwollfeldern der Rhön. So sagen sie selbst. Die Heimat des Blues sei die Rhön, behaupten die Säuwänzt. »Land der armen Leute« hieß das karge Gebirge früher wirklich. Viele wanderten von hier nach Amerika aus. Im neuen Land trafen sie auf Leute, die schwarz waren und noch viel ärmer. Denen haben die Rhöner schließlich ihre alten Lieder über die schweren Lebensbedingungen beigebracht. Und weil es in Amerika mehr Farbige gibt als Rhöner, denkt heute jeder, die hätten den Blues erfunden. So erklärt uns das Martin mit ernster Miene, und Oma Agathe nickt zustimmend. Wir ahnen langsam, auf was wir uns eingelassen haben.Die Säuwänzt singen Rhöner Platt, den Dialekt der Region, Lieder wie »Bo kömmsdn Du hää?« oder die »Langärmelich Öngerhoos«. Als die Rhön noch kein Reservat war, wollte kaum ein Mensch den Liedern lauschen. Da wurden die Leute vom Land nämlich nicht ernst genommen von den vornehmen Herren aus der Stadt, aus Frankfurt, die am Wochenende über das Gebirge herfallen. Mit der Auszeichnung der UNESCO sind die Dörfler selbstbewußter geworden - vorher waren sie nur stur, sagen die Städter. Und: Der Rhöner mißtraue allem Fremden, außer man könne es trinken. Doch das ist alles halb so wild, wie wir in den nächsten Tagen erfahren.Vom Hof mit den »Säuwänzten« sind es nur einige Kilometer zur ehemaligen Zonengrenze, zum einstigen Todesstreifen. In den früheren Jahrhunderten waren die Menschen hier arm, weil der Basaltboden wenig für Landwirtschaft hergegeben hat. Später war das Land arm, weil hier an der Zonengrenze das »Ende der Welt« war. Der Ort Geisa, altes Fulder Land, war weiter entfernt als Rio oder Bagdad - für Normalsterbliche nicht zu erreichen, nur über den Zaun zu sehen. Jetzt fahren wir einfach rüber in die ehemalige Zone.Der Hochrhön-Ring ist einer der zahllosen Wege, die für unsere Duke wie gemacht sind, mit engen Kurven und wenigen Geraden - viel Spaß ohne große Heizerei. Wir passieren die Wasserkuppe - immerhin der höchste Berg in ganz Hessen, fast ein Tausender - und weltweit die Wiege des Segelflugs. Im kleinen Bergort Poppenhausen steht die älteste Segelflieger-Fabrik der Welt. Das Modell, das damals aus dem Sargschreiner Alexander Schleicher einen Flugzeugkonstrukteur machte, nennt man heute »Holos, der Teufel«. Eigentlich hieß das Ding »Hol«s der Teufel« - es wollte zuerst nicht so recht in der Luft bleiben. Das hat Schleicher aber fix gelernt: Seine Segelflugzeug-Firma ist nicht nur die älteste, sondern inzwischen auch die erfolgreichste der Welt.Wir verlassen schließlich die Hochrhönstraße und damit Hessen und fahren über Nebenstraßen nach Birx in Thüringen. Durch eine grandiose Kurve aufwärts - schon stehen wir in Birx. Vor Acht Jahren noch wäre das eine Sensation gewesen. Der Ort auf dem Hügel nämlich liegt in einem winzigen Thüringer Zipfel, der nach Hessen hineinragt. Rings um Birx verhinderte der Todeszaun die Weiterfahrt - oder eben die Einreise. Das gerade eine Handvoll Höfe umfassende Dorf bot früher ausschließlich Blick auf Zaun, denn der Ausgang nach Osten liegt hinter einer Kuppe. Heute erinnert kaum noch etwas an den Schrecken der jüngeren deutschen Geschichte. Trotzdem, uns zieht´s weiter.Über den Hoch-Rhönring Richtung Fladungen kommen wir zum Dreiländereck. Heute trennt Hessen, Bayern und Thüringen keinerlei Grenze mehr. Hier finden wir einen jener ebenso zahlreichen wie typischen Touri-Parkplätze, an dem jeder trotzdem anhalten sollte. Denn es gibt richtig gute Thüringer Bratwürste. Das Grillhäuschen sieht zwar nicht spektakulärer aus wie alle anderen, trotzdem kommen aus Fulda und aus Bischofsheim die Leute bereits seit Jahrzehnten hierher, nur um eine Wurst zu essen. Und wegen der tollen Aussicht natürlich.Frisch gestärkt geht es hinüber ins Bayerische, besser gesagt ins Fränkische. Der Weg führt mitten durch das Naturschutzgebiet »Lange Rhön«, immerr wieder an riesigen Blumenwiesen vorbei. Hier reicht der Blick weit ins Tal. Land der offenen Fernen wird die Rhön genannt, weil sie weniger bewaldet ist als die Nachbargebirge Spessart oder der Vogelsberg. Im Bayerischen ist schließlich der Kreuzberg eines unserer Pflichtziele: Hier gibt es fromme Pater, und die brauen ein Klosterbier, das man einfach getrunken haben muß.Das Kloster liegt in der »Hohen Rhön«, entsprechend steil führt die Straße hinauf. Richtig gebirgig ist die Landschaft hier, im Winter laufen mehrere Skilifte, genau wie rund um die Wasserkuppe in Hessen. Und der Ausblick hat es ebenso in sich - wegen des guten Wetters haben wir super Weitsicht. Erfreulicherweise kann nach dem Genuß des köstlichen Gertensafts im Kloster Kreuzberg gleich übernachtet werden. Am nächsten Morgen lacht beim Aufstehen bereits schon wieder die Sonne. Und damit haben wir richtig Glück: Die Rhön ist rauh, ein steifer Wind bläst fast immer. Nix, nox et nebulae - Schnee, Nacht und Nebel, das waren für Melchior Adam Weikard die Eigenschaften von Fulda und der Rhön. Gleichzeitig behauptete der bischöfliche Leibarzt: »Es sind in Europa wenige Gegenden, welche schöner sind.« Nur konnte er die Schönheit seinen auswärtigen Freunden eben nur selten zeigen - weil meist alles von dicken Nebeln verhüllt ist. Die Südhessen, die das angenehme Klima der Bergstraße oder die künstliche Wärme von Frankfurt gewohnt sind, die frieren in der Rhön - Sommer, so heißt, gibt es in der Regel an einem Dienstag im Juli, meist herrschen Herbst oder Winter.Und es heißt auch, das Klima präge die Menschen. So gelten die Rhöner nicht als ausgesprochene Frohnaturen. Im Gegenteil, rauh und wild seien die Leute, urteilte ein Reisender namens Riesbeck. »Bis zum Ekel häßlich«, schreibt er vor 200 Jahren. »Die Weibsleute sind die eckigsten Kreaturen, die ich noch gesehen habe. Ihre Kleidung ist abscheulich. Man sieht gar keine taille, wohl aber die ungelenken Stampffüße bis an die Knie. Die Männer sind kein großer, aber ein dauerhafter und behender Schlag Leute, mit ungeheuren Köpfen und Füßen. Erdäpfel und Branntewein, den man auch den Kindern gibt, sind ihre vorzüglichsten Nahrungsmittel.« In der Tat: Schnaps wurde immer gern getrunken in der Rhön, aus dem »Kännee«, dem Kännchen. Auch heute sind Obstbrände eine Spezialität, gewonnen aus heimischen Streuobstwiesen.Der Heimatdichter Medler reimte sich und seine Landsleute: »Rauh die Erde, die mich trug; hart die Rute, die mich schlug; dürre Hecken, wilder Stein - kann ich selber besser sein?« Doch wer die Menschen hier länger kennt, entdeckt den herzensguten Kern: Mit dem Rhöner kann man Pferde stehlen. Und die Bewohner haben erkannt, das ihre Landschaft wohl was wert ist. Eine Schnellbahntrasse wollte man vor einigen Jahren mitten durchs Reservat bauen. »Bei uns beißen sie auf Basalt, Herr Minister«. So stand es mit Anspielung auf das Gestein der Gegend auf den Aufklebern. Der Minister biß auf Basalt, es wurden keine Schienen durch das wunderbare Land verlegt. Die Welt scheint hier tatsächlich noch in Ordnung hier, und die Kirche steht noch mitten im Dorf, an jedem Sträßchen geben Bildstöcke und Kreuze dem ein gutes Gefühl der Sicherheit, der solches zu schätzen weiß.Wir verbringen die Nacht im Jagdschloß Holzberg, das mitten in der Landschaft auf einem Hang liegt. Strom gibt es hier am Abend nicht, dafür Petroleum-Lampen auf den Tischen und eine ordentliche Küche. Alles rustikal, bis hin zu den Preisen. In einer großen Schleife durch Thüringen und das hessische Kegelspiel im Hünfelder Land steigen wir im Fuldatal wieder auf zur Hochrhön. Irgendein Schlaumeier weiß wieder etwas zu erzählen: »Das schöne Thal erfreut, aber wer kein Rindvieh, den macht«s nicht satt«. Uns schon, wir können uns regelrecht sattsehen an der phantastischen Umgebung. Und kommen zum selben Schluß wie Karl Julius Weber. Der stellte schlicht fest: Die Gegend gehört zu den schönsten in ganz Deutschland.

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