Riesengebirge (2)

Foto: Eisenschink
Auch im Wald ist Rübezahl allgegenwärtig.
Auch im Wald ist Rübezahl allgegenwärtig.
Wie aus einer anderen Welt wirken da die Super- und Baumarkthallen am Stadtrand von Jelenia Góra: Real, Obi, Intermarché. Doch neben den Mitbringseln der neuen EU-Mitgliedschaft bröckelt der Putz von grauen Häuserfassaden. Unsanft holpert die Sachs über Kopfsteinpflaster, in den Augenwinkeln ziehen blumenbeladene Balkone und Fenstersimse vorbei. So viel ist klar: Noch ein Geranienkübel mehr, und die ganze Pracht bricht zu Boden. Richtung Zentrum erscheint die Bausubstanz stabiler, die Häuser bunter, an allen Ecken wird gehämmert, gebohrt, restauriert. Schließlich taucht der farbenfrohe Altstadtkern auf, der die Wellnesskur bereits hinter sich hat. Ich parke das Motorrad am Marktplatz. Jetzt ist flanieren angesagt, zwischen prächtigen Bürgerhäusern aus Barock und Rokoko, schicken Boutiquen, malerischen Laubengängen und Straßencafés.

Auf dem Weg aus der Stadt wird mein Motorrad von einer vierköpfigen Moped-Gang entdeckt. Anerkennende Blicke, ein schwieriger Dialog: „Deutsches Motorrad? Ja. PS? 58. Zentimeter? Wie bitte?“ Nach einer Weile sind alle Fragen geklärt, und ich tuckere mit meiner 800-Zentimeter-hoch-drei-Maschine auf menschenleeren Chausseen in Richtung Riesengebirge.
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Karte: Renate Maucher
Zirka 550 Kilometer in zwei bis drei Tagen.
Zirka 550 Kilometer in zwei bis drei Tagen.
Erst in Karpacz wird ersichtlich, wo all die Sonntagsausflügler geblieben sind. Sämtliche Parkplätze des 6000-Seelen-Dorfes sind belegt, Wandergruppen streifen durch die Straßen und hinauf zur Schneekoppe. Ich werfe einen Blick auf den Sessellift, entscheide mich aber lieber für die serpentinenreiche Pass-Straße mitten durchs Dorf hinauf nach Górny. Von der Passhöhe gelange ich über eine Stichstraße zum höchsten Punkt von Karpacz und der Kirche Wang.

Rübezahl ist auch schon da. An den Souvenirständen vor der mittelalterlichen Stabkirche, die bis ins 19. Jahrhundert an einem idyllischen See in Südnorwegen stand und dann umplatziert wurde, sitzt er in allen Varianten: aus Plüsch, Keramik oder Holz, wahlweise ausgestattet mit Wikingerkeule oder Morgenstern. Dazwischen ein junger Mann mit Maske und zottigem Rübezahlkostüm: Für drei polnische Zloty gibt’s einen Schnappschuss fürs Fotoalbum – Arm in Arm mit dem Berggeist. Ich kehre um, rausche über die Pass-Straße hinunter nach Kowary und verdrücke mich über die Landstraße 368 in die Einsamkeit der Wälder.

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