Ruhrgebiet Pott, hässlich?

Das Ruhrgebiet – liebevoll der »Pott« genannt – wandelt sich allmählich: vom ehemaligen Kohle- und Stahlrevier hin zu einer Freizeitlandschaft. Ein Motorradstreifzug durch die einstige Hochburg der deutschen Schwerindustrie.

Gerhard und Horst warten bereits auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums Hannibal, Dorstener -, Ecke Riemker Straße im Norden von Bochum. Ein zwischen Autobahnen und Schnellstraßen eingekeilter Fleck, der garantiert in keinem Reiseführer beschrieben ist. Kreuz Moers, Kreuz Duisburg, Kreuz Kaiserberg, Dreieck-Essen-Ost – die Orienteirung fällt mir nicht leicht, und als ich mit der Honda NX 650 von der Stau-geplagten A 40 auf die B 226 schwenke, habe ich mich bereits verspätet. Mag ja sein, dass die Boomzeiten der Kohle- und Stahlindustrie im Ruhrgebiet vorüber sind, das größte Ballungszentrum Europas ist es immer noch. Ob sich hier lohnenswerte Motorradstrecken finden? Ist hier dafür überhaupt noch Plaz?Gerhard und Horst sehen das anders. Die beiden Männer sind hier aufgewachsen und schwärmen von diesem Teil Deutschlands, den sie auf ihren Motorrädern – eine knallgelbe britische Norton Commando aus dem Jahr 1968 und eine grüne 650er-Motobi Baujahr 1969 – ausgiebig durchstreift haben. Moment. Eine Motobi? Erst langsam dämmert´s mir. Einer der Benelli-Brüder hatte sich 1951 mit Motobi selbständig gemacht, sich dann aber elf Jahre später wieder der Motorradschmiede Benelli angegliedert – mit der Auflage, dass Motobi weiterhin neben Benelli existieren darf. Was eine Weile relativ gut funktionierte, obwohl man praktisch baugleiche Motorräder herstellte. Die zweizylindrige Motobi ist also im Prinzip eine 650er Benelli. Egal.Während die Triebwerke im Standgas warm laufen, deutet Horst auf den Asphalt. »Genau da unten hab‘ ich 24 Jahre lang als Bergmann malocht. Und dort drüben mussten meine Kollegen und ich 1974 zusehen, wie der 65 Meter hohe Hannibal-Förderturm gesprengt wurde.« Trotzdem spricht Horst ohne große Sentimentalität. Nach einem halben Leben mit Knochenarbeit unter Tage hat er direkt nach der Pensionierung den Gruben- gegen einen Motorradhelm getauscht. Vorzugsweise klassische Halbschale. Nun aber los. Rasante Ampelstarts, zügige Spurwechsel im dicksten Stadtverkehr. Von wegen Alteisen. Weil die Spiegel der Klassiker beim Gasgeben stark vibrieren, drehen sich meine Tourguides auf dem Weg durch die Bochumer City mitunter prüfend nach mir um. Die beiden lassen´s richtig laufen, haben sichtlich Spaß am Fahren. Bis die vermeintliche Stadtrunde durch Bochum in Essen-Katernberg endet. 150 Jahre Industriezeitalter verwischen Konturen, ein Stadtbereich geht nahtlos in den nächsten über. Wie Kathedralen bauen sich auf einmal die Fördertürme der Zeche und Kokerei Zollverein vor uns auf. Dazwischen bilden meterdicke Rohre eine krakenartige und gespenstig-schöne Komposition aus Rost und Stahl, die längst ausgedient hat.Als die Motoren verstummen, vernehmen wir George Gershwins »Rhapsody in Blue«. Zwischen Kohlenhalden und verwitterten Förderbändern steht ein Saxophonist mit einem Notenständer. »Hier kann man einfach in Ruhe üben«, erläutert der Musiker, der hier früher als Bergmann arbeitete. Zollverein, das sei die modernste Zeche der Welt gewesen, fährt er fort, »pro Tag haben die gigantischen Fördermaschinen bis zu 12000 Tonnen Steinkohle aus der Erde geholt«. Während andere Zechen inzwischen von der Bildfläche verschwunden sind, hat der Zollverein-Komplex im Dezember 2001 den Sprung in die Liste der UNESCO-Weltkulturerben geschafft und ist heute eine Mischung aus Museum und Landschaftspark. Mountainbiker strampeln an uns vorbei, folgen der »Route der Industriekultur«, die die imposantesten Relikte der Bergbauindustrie miteinander vernetzt. Ringsum sprengen die Wurzeln zarter Birkenwäldchen ausrangierte Eisenbahngleise, Stahlträger dienen als Kletterhilfen für Brombeerhecken.Glen Millers »In the Mood« hallt noch in den Ohren, als wir unsere Maschinen vom südlichen Stadtrand Essens hinunter ins Ruhrtal dirigieren. Der Baldeneysee kommt in Sicht, der größte unter den fünf Ruhrstauseen. Rundum ist plötzlich alles grün: Sträucher, Bäume, dschungelartiger Auwald. Im Biergarten am Schloss Baldeney pausieren wir eine Weile, halten die Gesichter in die Sonne und beobachten, wie Segelboote, Kanus und Ausflugsschiffe auf dem Gewässer ihre Bahnen ziehen. Schön hier. Das fand auch die Industriellenfamilie Krupp, die von 1873 bis 1945 in der nahegelegenen Villa Hügel residierte. Weitab von Kohle und Stahl versteht sich. Wir beobachten Graureiher und atmen saubere Luft, die es zu den Glanzzeiten von Krupp, Thyssen und Co. im Ruhrgebiet nur selten gegeben hat.»Früher haben wir die zurückgeworfen, jetzt kommen sie auf den Grill.« Der Angler, der uns auf dem Weg nach Kettwig beinahe vor die Räder läuft, präsentiert uns seinen Fang des Tages: Barsche und Forellen. Die Ruhr, bis in die 70er Jahre Kloake der Montanindustrie, ist jetzt der wohl sauberste Industriefluss Deutschlands. Mit Booten drauf und kleinen Yachten. Flankiert von kastanienbestandenen Biergärten, Picknickplätzen zwischen Gänseblümchenwiesen und einer sanft dahin mäandernden Uferstraße.Nach der Wald- und Wiesenetappe durchs Ruhrtal peilen wir Oberhausen an und gelangen zum »Emscher Landschaftspark«, wie das Gebiet zwischen Ruhrschnellweg, Emscher und Rhein-Herne-Kanal genannt wird – die einstige Kernzone von Kohle und Stahl. Doch dieses dicht besiedelte Areal vollzieht eine ehrgeizige Wandlung, die bereits an vielen Stellen auszumachen ist: die vielen brachliegender Zechen, Metallwerke und Abraumhalden sollen in den nächsten Jahren in eine Grünzone integriert werden. Ein wahrlich gigantisches Projekt.Norton und Motobi wummern eine Weile später über das stillgelegte Werksgelände der Gutehoffnungshütte. Vor uns der Oberhausener Gasometer, der in unmittelbarer Nähe einer topmodernen Einkaufspassage wie ein Dinosaurier wirkt. Mit dem Aufzug gelangen wir zur Aussichtsplattform des einst größten Gasspeichers Europas und schauen aus 117 Meter Höhe über die Emscher-Region. Fast bin ich enttäuscht, von hier oben keine flächendeckende Schwerindustrie zu sehen. Ein paar dörflich wirkende Ortskerne breiten sich unter uns aus, dazwischen der eine oder andere Fabrikschlot. Ansonsten nichts als Grün.Inzwischen ist es Nachmittag geworden. Freitagnachmittag. Das Wochenende bricht an, und wir sind bei diesem sonnigen Wetter nicht die einzigen, die auf zwei Rädern unterwegs sind. Die meisten zieht es ins nahe Bergische Land – logo – der Landstraßen wegen. Horst und Gerhard sind kaum noch zu bremsen. Schnell ein »Würstken« vorweg – »ausse Hand« oder »vonne Gabel« – und ein »Käffken«, dann brettern wir los ins benachbarte Kurvenrevier, dass sich zwischen Wuppertal, Solingen und Wermelskirchen erstreckt. Fantastische Motorradstrecken tun sich da urplötzlich auf. Enge und weite Bögen, Kehren, bergauf und bergab. Es geht nonstop an Rapsfeldern, Wiesen und Äckern vorbei, an Fachwerkhäusern und toll restaurierten Bauernhöfen. Sattes Grün statt rostfarbener Industrieanlagen.Viele Kurven später erreichen wir Hattingen. Eine Ortschaft wie aus dem Mittelalter. Stadtmauer, Befestigungstürme, verwinkelte Gassen und ineinander verschachtelte Fachwerkgiebel. Kaum zu glauben, dass Bochum oder Wuppertal quasi nebenan liegen. Erst als zwei Ecken weiter die Hattinger Henrichshütte erscheint, realisiere ich, dass wir schon wieder mitten im Ruhrgebiet sind. Bis 1987 wurden in dieser Anlage Erz und Kohle gefördert, Koks, Eisen und Stahl produziert, wurde gegossen, gewalzt und geschmiedet – alles unter einem Dach. Dann war Schluss und 10000 Beschäftigte standen auf der Straße. Einen der Hochöfen hätte man nach der Stilllegung demontiert und nach China exportiert, klagt Frau Nimmich vom Museumsgelände der Henrichshütte, und aus ihrem Mund klingt es so, als hätte man etwas von ihrem Privateigentum entwendet.Es wird langsam spät. Gerhard und Horst drängen mit Gasstößen zur Abfahrt, Norton und Motobi trompeten klangvoll im Duett. Auf dem Weg zum Kemnader See passieren wir die im 13. Jahrhundert erbaute Burg Blankenstein, am Hengsteysee führt uns eine grandiose Serpentinenstrecke hinauf zur beinahe tausend Jahre alten Hohensyburg. Irgendwann wird sich das bizarre Hochofen-Panorama harmonisch in die Reihe der vielen historischen Bauwerke entlang des Ruhrtals eingefügt haben.Nach einem Schlenker durch die Dortmunder Innenstadt parken wir die Motorräder schließlich im Hinterhof von Gerhards Zechenhaus im Ortsteil Barop. Gemüsebeete gedeihen neben Rosen, Farne neben Rhododendronbüschen. Hier und da Schuppen für Kleintierhaltung oder Werkstätten, in denen an Fahrrädern, Mofas und Motorrädern gewerkelt wird. In den Arbeitersiedlungen schufen die Zechenbarone ein Stückchen Freiraum für ihre Bergleute. Das Thema Kohle, bemerkt Gerhard, sei allerdings nach wie vor präsent. Sein Haus muss mit Eisenstangen und Flügelmuttern zusammengehalten werden, weil sich durch die Kohlenschächte im Ruhrgebiet vielerorts die Erde senkt. Und bei den letzten Umbauarbeiten im Garten sei er schon auf Kohle gestoßen. Und dann sei da noch der Nachbar gewesen, der im Hühnerstall Kohle gefördert hat. Alltag im Pott.Es ist bereits dunkel, als ich mich von Gerhard und Horst verabschiede und über den Ruhrschnellweg nach Duisburg aufbreche. Am Rhein werfe ich einen Blick auf die rauchende Hochofenkulisse der Thyssen Krupp Stahl AG in Bruckhausen. Eine moderne Fabrik inklusive Walzwerk, Stahlwerk, Kokerei. Und das quasi in Sichtweite einer weiteren Industrieleiche – das Hüttenwerk Meiderich, das August Thyssen vor rund 100 Jahren gegründet hat. Noch einmal wird die gravierende Veränderung, die das Ruhrgebiet durchläuft, sichtbar: der Versuch, aus der Not eine Tugend zu machen. Man nutzt, was vorhanden ist und schafft Raum für Neues. Das Meidericher Hüttenwerk ist zum Erlebnispark umfunktioniert worden. Der Hochofen? Eine Aussichtsplattform. Das Gasometer – ein Tauchbecken. Und am Erzbunker seilen sich Kletterer des Deutschen Alpenvereins ab, während sich BMXler auf Schlackenhalden austoben und Skater vor »Hochofen 2« ihre Kunststücke üben. Hierher und in viele andere ehemalige Industrieanlagen lockt es regelmäßig tausende von Menschen zu Konzerten, Theateraufführungen, Partynächten oder Sportveranstaltungen – eine spannende Kulisse.Der Abschied fällt mir schwer. Zu eindrucksvoll ist dieses illuminierte Industriemonster, das abwechselnd in blau, grün und rot leuchtet. Als ich nach dem Lichtspektakel schließlich zum Parkplatz zurückschlendere, quakt gegenüber aus dem ehemals giftigen Klärbecken – ein Frosch.

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