Rund um den Bodensee Seensüchtig?

Den Bodensee zu meiden, nur weil Eltern und Großeltern auch schon dort waren, grenzt an Selbstbetrug: Er ist das glitzernde Versprechen auf ein Leben südlich der Alpen.

Es gab Zeiten, da verging kein Sommer ohne Urlaubsgrüße vom Bodensee: Konstanz, Meersburg, Lindau, immer wieder die Blumeninsel Mainau - rund um Westeuropas größten See schickten die lieben Anverwandten ihre Postkarten los, bombardierten alle Daheimgebliebenen mit barocken bis blumigen Klischees. Bodensee, das war Tante Inge mit Onkel Werner, die im silbrigen Ford Taunus die Welt erkundeten, um todsicher dort zu landen, wo die Welt genauso in Ordnung war wie daheim.Aber irgendwie waren Tante Inge und Onkel Werner ja auch okay, und die Vorstellung, daß ein motorisiertes Zweirad grundsätzlich andere Ziele braucht als ein Ford Taunus, darf mittlerweile als spätpubertär und überholt gelten. Sie sollte zumindest überprüft werden, und um nicht gleich den Härtefall zu proben, empfiehlt sich eine bummelige Anfahrt ans Nordufer: Schloß Heiligenberg, auf mutiger Höhe über dem fruchtbaren Salemer Tal thronend, gewährt einen ersten Eindruck vom Reichtum und Glanz der ganzen Region. Die ehemalige Zisterzienserabtei Salem belegt wenige Kilometer südlich, daß weltliche und geistliche Herren gemeinsam hinter diesem Wohlstand her waren.Und in Uhldingen, da rollert die Vespa direkt am Ufer aus, wo eine Liegewiese höchst demokratisch auf Sonnenhungrige aller Stände wartet. Strohmatte, Federball, Sommerglück, die Kleinen planschen im flachen Wasser, die Großen schielen unter der Schirmmütze wechselweise zum Anleger der Weißen Flotte oder zu den Pfahlbauten hinüber. Nämliche wurden lange Zeit als Exempel frühzeitlicher Baukunst vermarktet. Auf langen Pfählen, so hieß es, hätten die Bewohner vor rund 4000 Jahren ihre Häuser in den See gesetzt, um sich besser vor Feinden schützen zu können. Ohne die Leistung der Handwerker zu schmälern, sieht die Wahrheit einfach so aus, daß der See damals nicht ganz so ausgedehnt war, und die Pfähle dienten quasi als Fundament im morastigen Ufergürtel. Die nachgebauten Uhldinger Hütten jedoch stehen mitten im Wasser, wie zum Hohn der gesamten Ärchäologie, aber zum nachhaltigen Nutzen des Fremdenverkehrs.Von Uhldingen nach Überlingen führt die Bundesstraße 31. Nein, sie lauert, denn ihre brutale Geschäftigkeit zerreißt jäh den Traum von einem Feriengarten, vom munteren Reigen historischer Erbaulichkeiten. Gegen die B 31 hilft eine Fahrradkarte, Maßstab 1 : 75000, und auf der findet sich sogar ein ufernaher und Obstbaum-gesäumter Weg zur Klosterkirche Birnau, deren rosaroter Zwiebelturm bis hinüber zur Insel Mainau grüßt.Dortselbst haben es sich die Grafen Bernadotte in einem anregenden Ensemble aus Libanonzedern, Magnolien und Rosenstöcken, Barockschloß, Seeterrassen und Laubengängen gutgehen lassen. Bis sie der Idee verfielen, ihren Garten dem gemeinen Volk zu öffnen. Jetzt verdienen sie sich zwar eine goldene Nase, registrieren mehr Besucher als Neuschwanstein, müssen aber Eis am Stiel und Coca-Cola verkaufen. Woraus zu lernen wäre, daß selbst Adel zum Gelde strebt, daß daran jedoch nichts grundsätzlich Schlechtes zu finden ist, wenn einem der Duft von über 1000 Rosensorten entgegenquillt.Deutlich bodenständiger geht es auf dem Bodanrück zu, jener Halbinsel, welche die westlichen Ausläufer des schwäbischen Meeres, den Überlinger und den Untersee, voneinander trennt. Durch eine weite Hügellandschaft schwingen die kleinen Straßen, goldgelbe Kornfelder kontrastieren mit dem Blau des Sees, tiefgrüne, feuchte Wiesen geben eine Ahnung, wie sumpfig die Niederungen hier einst waren. Fast so sumpfig wie das Vogelschutzgebiet auf der Halbinsel Mettnau, die sich von Radolfzell aus in den Untersee schiebt.In Stein hat«s ein Ende mit dem großen See, in Stein am Rhein nämlich. Hier tritt der Deutschen Lieblingsstrom wieder aus dem See aus, um sich kurz darauf, bei Schaffhausen, gischtend und tosend in die Tiefe zu stürzen. Derlei Wagemut läßt er in Stein noch völlig vermissen, trudelt genüßlich am Ufer der mittelalterlich geprägten und prächtig erhaltenen Stadt entlang, läßt sich gar problemlos überbrücken.Schwupps, schon ist das Südufer des Sees erreicht. Auch hier fuhrwerkt eine breite Straße längs zum See und quer durch alle Träume, aber dafür entschädigt das Hinterland noch reichlicher. Zwischen Fachwerkdörfern treiben sich lustige Straßen herum, im heiteren Zickzack zwischen Kornfeldern und Weinbergen hindurch. Thurgau heißt die Gegend, und - richtig - ein Botaniker namens Müller hat just hier den Müller-Thurgau kreiert. Schon ganz beschwingt zischt die Vespa über die Höhen, wegen der recht steilen Hänge des Seerücken genannten Uferstreifens schweift der Blick immer wieder im freien Flug über den Untersee. Wandert zur Insel Reichenau, einem einzigen Gemüsegarten mit Hunderten glitzernder Gewächshäuser drauf und drei trutzigen Kirchen. Zieht über das Wollmatinger Ried - schon wieder ein Vogelschutzgebiet - bis nach Konstanz, der größten Stadt am Bodensee.Eine erfrischende Leichtigkeit weht durch die alte Reichsstadt, getragen wohl von den vielen Studenten, die sich im südwestlichsten Zipfel Deutschlands fast schon wie in Italien aufführen, und den Touristen, die sorglos rund um den Hafen bummeln. Sie passieren dabei auch eine eher schmucklose Halle, in der Konstanzer Kaufleute früher ihr Leinen verkauften, in der 1417 sogar einmal um die Papstwahl gerungen wurde. Zum einzigen Male übrigens auf deutschem Boden, und deshalb trägt das alte Kaufhaus seinen Namen: Konzil. Wenige Meter weiter fahren die Dampfer der Weißen Flotte ab. Beruhigend brummen ihre Diesel, die Sonnenstühle verlockend auf dem Oberdeck postiert. Also los: Die große Runde über«n Überlinger See.Ältere Herren setzen Entdecker-Miene auf, Damen im legeren Urlaubs-Complet hissen Kopftücher, Kleinkinder entern sämtliche Auf- und Abgänge. Eine Seefahrt, die ist lustig. Und um in aller Ruhe auf der Fahrt von A nach A Gedanken zu jagen, verbucht der Dampfer sogar gegenüber einer Vespa entscheidende Vorteile. Als da wären: kontinuierliche Versorgung mit Kaffee und Kuchen, von Helmzwängen ungestörte Frischluftzufuhr, anregende Plaudereien unter dem Sonnensegel und ungeahnt schöne Ansichten von Uferpromenaden. Eine lockt besonders, die von Meersburg nämlich, und deshalb wird die Dampferfahrt kurz unterbrochen. Wer hochstapft zum Schloß, einem barocken selbstredend, oder sich in den Weinbergen verlustiert, kann bei klarer Sicht einen ungehinderten Blick auf die Alpen werfen, dabei fast den ganzen See überblicken und mit der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff schwärmen: »Es ist unerhört!«Als der Dampfer wieder an der Mole von Konstanz vorbeischippert, steht längst fest, daß dieser wunderbare Tag nur noch mit einem Festessen zu krönen wäre. Ein leichter Müller-Thurgau mit Bodensee-Felchen gefällig? Oder Saibling mit Reichenauer Gemüseplatte? Wer am Bodensee nicht zum Liebhaber von Süßwasserfischen wird, dem ist kaum noch zu helfen. Zumal der Verzehr einem noch vor kurzem bedrohten Handwerk dient: In kleinen Ruderbooten fahren die rund 150 Berufsfischer aus, legen ihre Netze und Reusen aus, kehren selten mit mehr als 20 Kilo Fang heim. Am Schweizer Ufer heißt der Felchen übrigens Egli, was Motorradfahrer natürlich besonders freut - eine Egli, aber gut durch.Diese Freude läßt sich steigern: Weit erbaulicher noch als Speisekarten sind Landkarten des Thurgau. Ob da der Fritz W. Egli mitmalen durfte? Zwischen Konstanz, Weinfelden und Romanshorn jedenfalls scheint jeder Meter zum Rollern und Biken gebaut. Radfahrer sind ebenfalls geduldet, und unter lauschigen Obstbäumen tauschen motorisierte wie tretende Zweiradler schon mal die besten Übernachtungstips aus. Der Renner: ein Lager im Stroh, von etlichen Bauernhöfen für kleines Geld und inklusive Frühstück angeboten.Von Romanshorn geht«s per Fähre nach Friedrichshafen und von dort kreuz und quer durch das Tettnanger Hopfen-Anbaugebiet nach Lindau. Lindau? Genau, Zeit für eine Karte an die Eltern: Ihr Lieben, der See ist wunderschön, die Verpflegung prima, ihr kennt das ja. Aber eins habt ihr vergessen: Die Straßen sind richtig klasse. Und morgen fahr’ ich kurz mal in die Alpen.

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