Rund um den Ortler (2)

Foto: Eisenschink
Ortler-Tour, MOTORRAD 21/2003
Ortler-Tour, MOTORRAD 21/2003
So abenteuerlich die Trassenführung über die Alpen auch gewesen sein mag, die spannende Kurvenfolge am Finstermünz Pass blieb den Reisenden der Antike versagt. Die Via Claudia Augusta folgt bis zur Festung Altfinstermünz dem Inntal, während ich auf der Pass-Straße nach Nauders rausche. Fast in Tuchfühlung mit der Felswand, aus der man die Fahrbahn herausgehobelt hat. Genial. Als bei Nauders der Kurvenspaß hinter mir liegt, durchforste ich die Landkarte nach weiteren Herausforderungen.

Kaum im Engadin, keine zehn Kilometer von Nauders entfernt, stoße ich auf eine Straße, die noch original aus Römerzeiten stammen muss. Zumindest lassen das die mit Holzbalken gestützten Felstunnel vermuten, die aussehen wie altertümliche Bergwerkschächte. Doch Fehlanzeige. Nicht einmal hundert Jahre ist es her, dass die Schweiz diesen verwegenen Verbindungsweg nach Samnaun errichtet hat. Ich taste mich zu Fuß in einen der finsteren Tunnel und gucke durch winzige Felsluken hinunter in die Klüfte. Mit einmal beginnt es zu grollen, als ginge draußen eine Steinlawine zu Tal. Doch es sind nur acht Gold Wing, die unter tagheller Illumination mit jeweils unterschiedlicher Techno-, Rock und Pop-Beschallung vorbeiziehen.
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Foto: Eisenschink
Ortler-Tour, MOTORRAD 21/2003
Ortler-Tour, MOTORRAD 21/2003
Am Ende der abenteuerlichen Bergfahrt stoße ich auf das Bergdorf Samnaun. Zollfreier Status hat das dörfliche Idyll zur internationalen Drehscheibe gemacht. „Duty Free Center“, „Zollfrei einkaufen“, „Zigaretten, Spirituosen, Parfüm“ – der Schilderwald nimmt kein Ende. Schnäppchenjäger stürmen durch die Gassen. Ein wenig vom ursprünglichen Charakter ist dennoch geblieben: Zwischen Parfüms von Christian Dior und Emporio Armani findet sich auch Ringelblumenessenz und Murmeltierbalsam.

Die schweizerisch-österreichische Grenze taucht auf, ein scharfer Blick durchdringt den Tankrucksack, keine zollpflichtige Ware, danke, weiterfahren. Die Zöllner sind auf Zack. Schließlich weiß jeder, dass im Dreiländereck Schweiz-Österreich-Italien ein Netz uralter Schmugglerpfade existiert. Am Abend – ich bin zurück in Nauders – erzählt mir der Wirt vom Nauderer Hof nach dem zweiten Glas Südtiroler Cabernet, wie er in der kargen Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg Rinderfelle, Autoreifen, Säcke voller Kugellager, ja sogar Kuhherden über die Grenze geschmuggelt habe. Drüben in Italien gab’s halt schon damals vorzüglichen Wein – wir stoßen an – und bei den Schweizern Tabak und Saccharin. Lukrative Sache, an der nahezu jeder Nauderer inklusive Bürgermeister ein Zubrot verdiente.

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