Rund um Hamburg (2)

Foto: Scholz
Natürlich auch das - Romantik pur.
Natürlich auch das - Romantik pur.
Auch heute scheint es, als seien nahezu alle norddeutschen Biker angerollt. Die Stimmung ist dennoch völlig entspannt. Keine Drehzahlorgien, keine Burnouts, sondern schwitzende Zweiradler, die nur Apfelschorle und Schatten wollen. Gesprächsthema Nummer eins: der anstehende 21. Hamburger Motorradgottesdienst, der im vergangenen Jahr rund 30000 Motorradfahrer in die Hansestadt lockte. Obwohl der Zollenspieker eine äußerst edle Küche bietet, steht uns der Sinn nach etwas anderem. Bis mir die Idee kommt: auf zur Strandperle! Die Strandperle ist ein echtes Hamburger Original. Eigentlich nur eine kleine Imbissbude vis-à-vis des Containerhafens, aber in Hamburg absolut Kult. Hier ist jeder Platz belegt, doch das stört nicht weiter, denn die Strandperle trägt ihren Namen nicht umsonst. So schnappen wir Alsterwasser plus Bockwurst mit Kartoffelsalat und machen es uns am Elbstrand gemütlich. Beobachten das bunte Treiben am Wasser und mit leichtem Fernweh das Be- und Entladen der Ozeangiganten im Containerhafen auf der anderen Uferseite.

Wir wollen noch ins Alte Land. Der Weg dorthin führt durch die Hamburger Speicherstadt, und schon nach kurzer Zeit empfängt uns der schwere Geruch von Kaffee und exotischen Gewürzen, die in den Hafenspeichern lagern. Backsteingebäude in alter hanseatischer Architektur, wir kommen aus dem Staunen kaum mehr raus. Vor meiner Motorradzeit hatte ich merkwürdigerweise keine Ahnung, was es hier alles zu entdecken gibt. Zahllose Brücken überspannen die Speicherstadtkanäle, in denen früher flachbäuchige Schuten die Waren der Überseepötte zu den Lagerhäusern transportierten.
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Foto: Scholz
Die Route durch und rund um Hamburg.
Die Route durch und rund um Hamburg.
Es gibt verschiedene Wege ins Alte Land, und der über die vier Kilometer lange Köhlbrandbrücke, die seit 1974 den westlichen und östlichen Hafenteil verbindet, ist der bei weitem attraktivste. Bis zum Horizont breitet sich unter uns der Hafen mit seinen Ladekränen, Ozeanriesen und Containerlagern aus. Dazwischen flitzen kleine Lotsenboote und Barkassen. Von keinem anderen Platz ist der Hafen schöner zu betrachten. Hauptsaison des Alten Landes ist die Zeit der Obstblüte, wenn die riesigen Obstbaumplantagen in leuchtendem Weiß und zartem Rosa erstrahlen. Wir nutzen nun die Gunst des Sommers und decken uns an Straßenständen mit prachtvollen Früchten ein. Noch ein kleiner Klönschnack mit der Bäuerin, und schon geht es weiter. Entlang des südlichen Elbufers und per Glückstadt-Fähre kommen wir an Elmshorn und Kaltenkirchen vorbei in den Norden Hamburgs, wo die üppigen Rapsfelder in voller Blüte wogen. Wir weichen auf kleinste Landstraßen und Schotterpisten aus, die uns durch ein wahres Meer in Gelb zu geleiten scheinen. Der süße Geruch der Rapsblüten macht einen fast benommen.

Langsam naht der Abend, und wir müssen die Zügel unseres schier unermüdlichen Streitrosses wieder Richtung Metropole lenken. Der Rückweg führt an dem wundervoll restaurierten Herrenhaus von Tralau vorbei, über die herrlich kurvigen Feldwege zwischen Vinzier und Grabau. Im Abendlicht schimmern golden und majestätisch die großen Windräder des hohen Nordens. Während uns die Strahlen der tief stehenden Sonne blenden, kehren wir zurück in die Hansestadt.

Am nächsten Tag ist der Nieselregen wieder da. Die Atempause vor den anstürmenden Meereswolken war nur kurz. Die Krux des Lebens im hohen Norden Deutschlands. Doch wenn die Sonne dann leuchtet, scheint sie irgendwie heller als anderswo zu strahlen. Als wäre sie es uns schuldig.

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