Rund um Wien (2)

Foto: Eisenschink
Nach Hardegg tauche ich durch eine moosbewachsene Stadtmauer ein und erklimme eine Burg, die den Blick über die Thaya hinweg nach Tschechien freigibt. Von der Hardegger Warte auf der gegenüberliegenden Seite hat der Osten den Westen während der Zeit des Eisernen Vorhangs misstrauisch beäugt. Heute winken lediglich ein paar Wanderer fröhlich herüber. Trotz „zentraler Europalage“ nach dem EU-Beitritt Tschechiens ist die Natur noch nahezu unberührt.

Zwei Ecken weiter kündigen bei Retz erste vereinzelte Reben das Weinviertel an. Doch der Weinbau kommt nicht richtig zum Zuge, statt Reben machen sich Mais- und Getreidefelder breit. Auf Böden, die zu den ertragreichsten Österreichs zählen, haben die Trauben mächtig Konkurrenz.

Dicht, extraktig, fett, wulstig und brüstig, mächtig und kernig...“ Hans Burger in Wullersdorf verfügt über ein schier unerschöpfliches Vokabular, wenn es um die Beschreibung von Weinen geht. Hinter mir liegt eine ausgiebige Kurvenhatz durch das Kamptal, und der Vortrag des passionierten Weinbauern weckt Gelüste. Also suche ich mir ein Quartier in der Nähe, genieße nicht nur den für die Region typischen Grünen Veltliner, sondern auch einen Blick in Burgers Weinkeller. Von außen unscheinbar wie ein Garagentor, führt der Eingang 200 Meter in den Bauch der Erde. Im Schein von Petroleumlampen öffnet sich ein weit verzweigtes Labyrinth von Treppen, Gängen und Kammern.

Wieder auf der BMW offenbart sich ein paar Kilometer weiter die längste Kellergasse Österreichs. Wie urige Einfamilienhäuser reihen sich die Eingänge zu den Weinkellern aneinander. Bisweilen lädt der eine oder andere mit Namen wie „Fritzlkeller“, „Sauschädel-Köller“ und „Keller der stillen Zecher“ zur Verköstigung ein – und stellt die Abstinenz des Motorradreisenden auf eine harte Probe.
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Foto: Eisenschink
Nur die prompte Kehrtwendung rettet den Tag fürs Kurvenflitzen. Über Laa an der Thaya brause ich zu den Leiser Bergen, die schon von weitem verlockend aus der Ebene ragen. Eine halbe Stunde Kurventaumel auf den beinahe leer gefegten Straßen rund um den gut 500 Meter hohen Buschberg, dann geht’s auf geradem Weg nach Wien.

Stau, Straßenbahnen, Fiaker-Gespanne – das Zentrum der Landeshauptstadt führt mit seiner Hektik zunächst zu kompletter Überforderung meines Reaktionsvermögens. Ein fast zwangsläufiger Schock nach der Abgeschiedenheit im Wald- und Weinviertel. Vorsichtig manövriere ich die BMW an Blechkolonnen vorbei, achte auf japanische Reisegruppen, die sich unvermittelt auf die Fahrbahn stürzen, und die von tückischen Mäuerchen eingefassten Straßenbahnschienen. Zeit für einen Kaffee.

Im Café Sperl empfängt mich der Charme eines echten Wiener Kaffeehauses, mit Mobiliar der vorletzten Jahrhundertwende und livriertem Portier an der Sitzkasse. Trotz Motorradoutfit empfängt mich ein herzliches „Grüß Gott, gnäää Frau“, bevor ich neben den zentral präsentierten Mehlspeisen in purpurroten Polsterstühlen versinke. Leises Gemurmel und Zeitungsrascheln bildet die an hohen Stuckdecken widerhallende Hintergrundmusik. Nur Kaffee scheint es im Kaffeehaus keinen zu geben. Meine Bestellung sorgt für eine deutliche Irritation des Obers. Da gäbe es unter anderem die Melange, den Kleinen und den Großen Braunen, den Verlängerten, den Gespritzten Mokka, den Kapuziner, den Einspänner, den Franziskaner... Es dauert, bis die Grundbegriffe der Wiener Kaffeehaus-Sprache verinnerlicht sind. Als ich schließlich diverse Kaffeespezialitäten probiert sowie das Angebot hausgemachter Mehlspeisen durchfuttert habe, legt sich bereits Dunkelheit über die Stadt. Und mit ihr der Verkehr. Unbehindert geht es nun durch das prunkvolle Wien. Parlament, Hofburg, Karlskirche, Hochstrahlbrunnen, Hoftheater – die hell erleuchteten Monumentalbauwerke reihen sich dicht an dicht. Sobald eine Ampel auf Rot schaltet, summt die Bremselektronik der BMW wie ein Airbus. Dazu mischen sich klassische Töne aus Richtung Oper, von schräg gegenüber ertönt Rapmusik, vermischt mit den Gesängen einer Karaokebar, dem Klackern der Skater und dem Hufgetrappel der Fiaker. Mountainbikes sausen vorbei, kommen aus der Nacht und verschwinden wieder ins Dunkel.

Am nächsten Morgen reißt das Entdeckungsfieber nicht ab. Stephansdom, Schönbrunn, Prater mit Riesenrad – eh klar. Doch dann wird es Zeit für das andere Wien mit einer Skurilitäten-Tour der besonderen Art. Zum Beispiel zum Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum im Narrenturm. Das fünfgeschossige Gebäude – bis 1860 eine Anstalt für Geisteskranke – empfängt die Besucher mit einem 50000 Ausstellungsstücke umfassenden Horrorkabinett menschlicher Abgründe. Ringsum stapeln sich in Formaldehyd eingelegte zweiköpfige Embryonen und tuberkulöse Lungen, verkrümmte Skelette sowie naturgetreue Wachsnachbildungen einzelner von Ekzemen, Geschwülsten und Entzündungen furchtbar entstellter Körperteile. Ich begutachte eine „Speiseröhre mit verschlucktem Teil einer Zahnprotese“, studiere den „Blinddarmstein aus einer Gallenblase einer 78jährigen Frau“ und suche nach der Betrachtung des „unverdauten Mageninhalts eines psychiatrischen Patienten, der neben Rosshaar sogar den Inhalt seiner Matratze aß“ schließlich das Weite.

Etwas verträglicher wird es bei den Grabstätten: Zentralfriedhof, Friedhof St. Marx und der Friedhof der Namenlosen – schaurig-schöne Nekropolen, in denen fremde wie einheimische Ausflüglerscharen offenbar vergnügliche Stunden verleben. Hinter den Würstelbuden stoße ich am Zentralfriedhof auf die pompösen Ehrengräber von Brahms, Schubert, Strauß, Beethoven und Falco, steige in begehbare Familiengrüfte, stolpere über verwitterte Grabsteine in dschungelartigem Gestrüpp und entdecke Grabmonumente, die an kleine gotische Kathedralen erinnern. Anschließend besuche ich Mozart auf dem Biedermeier-Friedhof St. Marx, dessen Gebeine im Gegensatz zu „Rock me Amadeus“-Falco nicht im Ehren-, sondern im anonymen Massengrab gelandet sind. Mit den unbekannten Toten auf dem Friedhof der Namenlosen ging man würdevoller um. „Ertrunken durch fremde Hand am 1. Juni 1904 im 11. Lebensjahr“ steht dort auf einem mit Blumen und Holzkreuz geschmückten Grab zu lesen. Oder: „Sepperl, ein Tag alt, in Schuhschachtel am Donauufer gefunden“.

Jetzt ist’s genug, alles lechzt wieder nach Leben und Natur. Nussdorf, Grinzing, Neustift am Walde – die Stadt verschwindet im Rückspiegel, und ich tauche ein in die von Weinreben bedeckten Südhänge des Wienerwalds. Ein Heurigenlokal drängt sich ans nächste, und auf der teilweise gepflasterten, schmalen Höhenstraße geht es in die Berge. Schattige Buchenwälder geleiten zu Kahlenberg und Leopoldsberg, hinunter nach Klosterneuburg und erneut hinauf in den Wienerwald bis hinüber zum Tulbinger Kogel. Die 1100er ist wieder in ihrem Element.

Bei Tulln überquere ich die Donau und fahre auf der Schnellstraße nach Krems. Noch steht die Sonne hoch genug, um einen letzten Schlenker durch den Dunkelsteiner Wald einzuschieben. Fantastisch gewundene Sträßchen führen in schnellem Wechsel über Berg und Tal, streifen die Klöster Göttweig und Maria Landegg. Am Ende stehe ich wieder vor dem beeindruckendsten von allen: Melk. Erschöpft falle ich ins Straßencafé und bestelle, gewitzt durch meinen Wien-Aufenthalt, professionell einen Einspänner. Der Ober blickt auf mein deutsches Nummernschild und nickt nur kurz. Ich meine, es war anerkennend.

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