Saarland Ansichts-Sache

Motorrad fahren im Saarland? Dort, wo sich Eisenhütten und Hochöfen reihen? Genau dort. Auf wunderbaren Landstraßen, die durch dichte Wälder führen.

»Nimm bei Zweibrücken schon mal das Gas weg«, hatte mich Alex gewarnt »sonst bist du drüben bei Perl gleich wieder raus aus’m Saarland«. Prompt verpasse ich in diesem Moment die Autobahnausfahrt Zweibrücken-Ernstweiler. Der Blick schwenkt zur Seite, wo ein blonder Lockenkopf zweisprachig von einer Plakatwand grüßt: »Willkommen et bienvenue im Saarland«. Am Rand der A8 wuchern Buchen, Birken und Ginsterbüsche, dahinter schimmern sattgrüne Wiesen. Langsam bremse ich runter und peile die nächste Ausfahrt an.Moment. Ein Motorradausflug ins Saarland? Macht das überhaupt Sinn? Schließlich heißt es, dass es hier viele Eisenhütten und Kohlengruben und wenig fahrerische Reize gäbe. Alex, ein guter Bekannter von mir, sieht das anders. Obwohl er mitten im Stahlzentrum Dillingen lebt, schwärmt er von üppiger Natur, motorradgerechten Sträßchen und französischem Flair. Jetzt will ich´s wissen, was das rund 2500 Quadratkilometer große Saarland wirklich zu bieten hat – ein Zwerg, der flächenmäßig rund 28 Mal in Bayern Platz hätte.Irgendwo zwischen Limbach und Blieskastel. Schmal fädelt sich die Landstraße an der Blies entlang, flankiert von Wiesen, Feldern und Pferdekoppeln. Es ist Sonntag früh, neun Uhr. Zeitpunkt und Strecke sind gut gewählt. Die Birkenalleen, durch die ich brumme, präsentieren sich noch unbelastet von jeglichem Wochenendverkehr. In Blieskastel schließlich die ersten Verkehrsteilnehmer - Kirchgänger im Sonntagsstaat. Ein Blick in die Altstadt enthüllt ein echtes Schmuckstück: Gebäude aus Renaissance und Barock, die Reste einer in der Französischen Revolution zerstörten Schlossmauer, dazwischen Pflastersteingassen und hinter Efeuranken versteckte Fachwerk-Winkel. Dazu äußerst einladende Straßencafés, die aber offensichtlich erst nach dem Gottesdienst ihre Pforten öffnen. Schade.Hoch über der Stadt reckt sich ein 4000 Jahre alter Hinkelstein – der größte in Mitteleuropa – aus einem weit gefächerten Mosaik aus Wäldern, Wiesen und Feldern. Kein Schild, keine Imbissbude weit und breit - es ist, als hätte ihn Obelix eben erst dort abgestellt. Im Hintergrund leuchten gelbe Rapsfelder auf sanft geschwungenen Hügeln bis hinüber zum französischen Nachbarn. Die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich hat hier in den letzten 200 Jahren ihre Linie, das Saarland achtmal seine Nationalität gewechselt. Nach dem Krieg wurde es 1959 auf eigenen Wunsch als elftes Bundesland in die BRD eingegliedert.Der Weg nach Süden führt weiter entlang der Blies, die eine 60 Kilometer lange Schleife bildet. Trotz Flussidylle will kein rechter Fahrspaß mehr aufkommen. Die Ortschaften reihen sich dicht an dicht, erscheinen als Häusermeer mit schmuckloser Einheitsfassade. Gedankenverloren folge ich dem Wegweiser nach Bliesbrücken und passiere kurz darauf ein Schild »Vous êtes en France«. Verdutzt registriere ich den gelbweißen Straßenstein mit der Aufschrift »D 82« und das weiße Ortschild »Bliesbruck«. Es besteht kein Zweifel. Ich bin in Frankreich. Die eindeutigen Grenzsignale sind längst verwischt.Bei Sarreguemines mündet die Blies in den Fluss, der dem Saarland seinen Namen gegeben hat, die Saar. Ihre Quelle liegt in den Nordvdogesen, die französische Bezeichnung lautet Sarre. Bunte Kähne und Hausboote schippern über das Blau und sorgen für mediterranes Flair. Hinter der Stadt läuft ab Schleuse 27 der Saar-Kohlen-Kanal neben dem Fluss her, der die saarländische Landeshauptstadt mit dem Rhein-Marne-Kanal und so mit dem verzweigten innerfranzösischen Kanalnetz verbindet. Doch am Sonntag warten keine Frachtkähne, sondern nur Ausflügler auf ihren Hausbooten geduldig auf die Schleusenöffnung.Saarbrücken scheint sich gerade von der 1000-Jahr-Feier im letzten Jahr zu erholen. Das Saarufer, eine Liegewiese für ungezählte Sonnenanbeter, gleichtz einem bunten Flickenteppich. Als ich am St. Johanner Markt um die Ecke biege, sind die Straßencafés proppenvoll. Mit viel Glück ergattere ich einen freien Stuhl und bestelle – endlich – einen Café au lait, der wahlweise in Mark oder France bezahlt werden kann. Am Flussufer liegen bunt bemalte Hausboote, bestückt mit Blumenkübeln, aus denen die Geranien quellen. Die Schornsteine qualmen, drinnen brutzeln vermutlich die Frühstückseier. Ein älterer Herr streckt den Kopf aus der Kajüte und ruft aus voller Kehle: »Hier ist die schönste Ecke der Saar, oder nicht?« Als ich zustimmend nicke, fährt er fort: »Saarabwärts sieht’s da schon anders aus.« Au weia. Jetzt schleicht es sich also an: das Schreckgespenst von Dreckschleudern, Kohlegruben und Stahlwerke.Um möglichst schnell dran voranzukommen, klemme ich mich auf die A 620, die bald darauf ein breites Spektrum an Fördertürmen, Hüttenwerken und Kokereien präsentiert. Die Saar, eben noch Freizeitfluss, mutiert zum Industriegewässer. Mitten aus der Stadt Völklingen sprießt ein krakenartiges Geflecht aus Hochöfen, Rohrleitungen und turmförmigen Behältern: die »Alte Völklinger Hütte«. Eine Industrieleiche aus 40000 Tonnen Rost und Stahl, die mit einem Mal nun doch mein Interesse weckt. Ich folge der Beschilderung, vorbei an Häuserfronten, fingerdick mit Ruß überzogen. Und dann, mitten im Stadtzentrum, baut sie sich direkt vor mir auf: Europas älteste, komplett erhaltene Anlage zur Roheisenerzeugung, gleichmäßig verteilt auf sechs Hektar. Sie hat als erste Industrieanlage den Sprung auf die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes geschafft. Ein Aschenputtel unter so makellosen Schönheiten wie dem Tadj Mahal und den Schlössern und Gärten von Sanssouci.»Bis 1986 wurde hier Roheisen erzeugt, dann war der Hochofen aus«, erzählt Jürgen Knoblauch, ein Ehemaliger, der die Besucher durch die Hütte lotst. In der Gasgebläsehalle träumen monumentale Maschinen einen tiefen Dornröschenschlaf. Es sei nicht immer so ruhig, meint Herr Knoblauch, manchmal fänden hier Rock-Konzerte statt, dann sei in etwa der Lärmpegel von damals erreicht.« Damals, da hätten sie »’ne Mordsmenge Sauerstoff« durch die Turbinen gejagt. 15 Millionen Kubikliter Luft wurden täglich durch die Winderhitzer auf 1100 Grad »erwärmt« und dann in die Hochöfen geblasen. An den Fensterscheiben klebt der Ruß, historischer Schmutz, wie Herr Knoblauch stolz betont, durch den man die Umrisse einer Stadt erkennt, die es ohne die Hütte niemals gegeben hätte. »Weißen Schnee kannten wir als Kinder nicht«, erinnert er sich. Kein Wunder, bei 39 Tonnen Ruß, die Tag für Tag auf Völklingen herabregneten. Heute sei der Schnee wieder weiß; die Saarstahl AG, Europas größter Drahthersteller, beziehe das flüssige Roheisen inzwischen nur noch aus der Dillinger Hütte. Mein Gott, Dillingen! Ich muss weiter, bei Alex vorbeischauen! Aber ein Abstecher muss noch drin sein: das Waldgebiet vor der Völklinger Hüttentür.Schmale Straßen, bisweilen kaum autobreit, beschreiben nach Süden hin einen Schlenker durch den Warndt. Der Kontrast ist krass - als hätte sich ein Theatervorhang gelüftet. Frisch und klar strömt die Luft durchs Visier, ein tiefgrünes Blätterdach schlägt ruckartig über mir zusammen. Ich fahre durch einen 5000 Hektar großen Mischwald, wie ich ihn niemals im Saarland erwartet hätte.Auf einmal herrscht dichter Nebel – die Dillinger Hütte heißt mich mit einem kräftigen Dampfausstoß willkommen. Unübersehbar die Hauptstadt der Stahlkocher an der Saar. Hier wohnt Alex. Auge in Auge mit der Hütte, die ein gutes Drittel der Stadt ausmacht. Aber das stört ihn wenig, denn die Zeiten von Kohle und Stahl seien im Prinzip passé. Auf seinem Balkon wuchern Grünpflanzen, im Hintergrund züngelt ab und an eine Stichflamme aus einem Schlot. Das Schauspiel wird von ihm gar nicht mehr wahrgenommen, vielmehr schafft es im Abendlicht sogar eine gewisse Atmosphäre. Nur zwei Ecken weiter dominiert schon wieder die Natur. Es duftet nach Gräsern und Blumen, und der Grünspecht hämmert aus dem Wald der Hochspannungsmasten, zwischen denen der noch genügend Bäume findet.Eine Atmosphäre ganz anderen Art empfängt Alex und mich in der Nachbarstadt Saarlouis. Schon nach wenigen Kilometern unserer gemeinsamen Tour rollen wir durch die Bierstraße, Ecke Sonnenstraße – ein Straßenzug, der im Prinzip ein einziges durchgehendes Straßencafé ist. Saarlouis klingt nicht nur französisch, die Stadt mit der Sonne im Wappen verdankt ihre Gründung keinem Geringeren als Louis XIV, dem Sonnenkönig. Historische Festungsmauern, Wassergräben und Kasematten dienen als Freilichtkulisse für Cafés, Kneipen und Restaurants, in denen sich ein buntes Völkchen tummelt.Kurze Zeit später preschen wir über die kurvigen Landstraßen zwischen Saarlouis und deutsch-französischer Grenze. Harmonisch geschwungene Hügel, versprengte Waldstücke zwischen Äckern und Streuobstwiesen – eine Landschaft ohne Sensationen, aber mit mächtiger Wirkung. Auf dem Saargau, einer Hochebene, schlängelt sich der Grenzverlauf durch uraltes Siedlungsgebiet. Die einstige Schicksalsgrenze, die auch mal mitten durch ein Dorf führte, lässt sich nur noch erahnen. Längst habe ich die Orientierung verloren und folge Alex, der auf kleinsten Sträßchen vor mir herstiebt. Mal in Lothringen, mal im Saarland.Im Norden tritt ein weiterer Grenzverlauf hinzu. Wo Deutschland, Frankreich und Luxemburg im Dreiländereck zusammentreffen, wuchern Weinreben über die Uferhänge der Mosel. Dazwischen die Winzergemeinde Perl. Dort erfahre ich, dass saarländischer Wein an den Hängen der Obermosel, der Wein der Saar aber bereits auf rheinland-pfälzischem Boden wächst. Eines zumindest wird klar: Die Grenzverläufe sind viel zu verwirrend, als dass man sie noch wahrnehmen wollte. Oder sollte. Und so wählen wir die luxemburgische Uferpromenade zwischen Reverschen und Reich, weil sie den besten Moselblick zu bieten hat.Schließlich sind wir auf der Suche nach dem besten Ausblick auf die Saar. Am Rand der B 406, die uns in fliegender Fahrt nach Orscholz führt, wuchern dichte Wälder. Mittendrin versteckt sich das Wahrzeichen des Bundeslandes, die Saarschleife: der Fluss, eingezwängt in felsig-steile Talhänge. Vom Aussichtspunkt Cloef starren Schaulustige gebannt in die Tiefe, wo die Saar in einer abrupten Kehrtwende um einen schmalen Bergrücken fließt. Ausflugsschiffe, Yachten und Kanuten manövrieren neben großen Schubverbänden, vollbeladen mit Kohle oder Erz, durch die enge Kehre – von einer aufmerksamen Zuschauer-Jury lautstark kommentiert, als handele es sich um einen Aufmarsch der Gladiatoren.Alex verabschiedet sich. Mit dem Anblick der Saarschleife ist er quasi aufgewachsen. Im Saarland ziert dieses Panorama Briefmarken, unzählige Postkarten und wird sogar als Hintergrundposter im Fernsehen verwendet, wenn sich der saarländische Ministerpräsident der Öffentlichkeit zeigt. Er rauscht mit seiner R 100 GS in einer Schnelligkeit von dannen wie weiland Lafontaine aus der Regierung. Kaum ist mein saarländischer Tourguide verschwunden, unternehme ich einen Abstecher nach Rheinland-Pfalz, wo es nicht nur eine, sondern gleich mehrere Saarschleifen gibt. Die sind zwar nicht ganz so spektakulär wie die saarländische, lassen sich aber auch vom Motorradsattel aus aktiv nachvollziehen. Zwischen Saarburg, wo die Weinreben bis in den mittelalterlichen Stadtkern wachsen, und Mettlach mäandriert die B 51 in ausgelassenen Schlenkern direkt am Saarufer entlang.Bei Mettlach schwenke ich in die Eichenlaubstraße und brause durch den Naturpark Saar-Hunsrück gen Osten. Kartenlesen ist nicht erforderlich, ein stilisiertes Eichenblatt markiert die gesamte Strecke, die durch eine ansehnliche Mittelgebirgslandschaft mit Höhen bis 700 Metern führt. Mit der Bezeichnung Schwarzwälder Hochwald nimmt die Region eine zwar nicht ganz zutreffende Anleihe beim Original im Süden, dennoch erweist sich das industrieverschrieene Saarland als waldreiches Bundesland. Von Eichenlaub ist jedoch auf der gleichnamigen Straße nichts zu sehen. Hier dominiert dunkler Fichtenwald, der nach einer Weile dann doch noch Schwarzwaldgefühle aufkommen lässt. Fehlen nur die Andenkenläden mit Kuckucksuhren und Schwarzwaldpuppen mit den roten Pomponhüten.Zwischen Bostalsee und St. Wendeler Land lichtet sich der Wald zusehends. Das gemütliche Nebeneinander von Rapsfeldern, Streuobstwiesen und kleinen Orten bleibt in hügeliger Harmonie erhalten. Jedenfalls so lange, bis ich wieder in das industrielle Herz des Saarlandes zurückkehre. Neunkirchen ist erreicht, der Endpunkt meiner Tour, wo ein Hütten- und Grubenweg rund um das ehemalige Eisenwerk führt. Die Schlote rauchen schon lange nicht mehr, das industrielle Herz steht still. Auch in Neunkirchen sind mit der weltweiten Stahlkrise die Hochöfen erloschen, und die Museumskultur im Hüttenpark läutet das postindustrielle Zeitalter ein. Ich setze mich auf eine Parkbank mit Blick auf ausgediente Zahnräder, Walzen und Kurbelwellen, die sich wie überlebensgroße Kunstobjekte rundum verteilen. Zwischen 120 Kilogramm schweren Schraubenmuttern und wagenradgroßen Kolbenringen wuchern längst Wiesenblumen oder Unkraut. Gemäht wird nur zweimal im Jahr, um die Artenvielfalt zu erhalten. Die Natur rückt vor, ergreift sanft von den Dinosauriern der Eisenzeit Besitz. Mir gefällt´s. Aber das ist Ansichtssache.

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