Saisonstart im Rheingau/Taunus Freiheit jetzt

Dass Motorradfahren mehr ist als bloß Fortbewegung und Fahrspaß, wissen wir schon lange. Dass eine gelungene Tour aber geradezu reanimierend für die menschliche Kreatur sein kann, galt bislang als unerforscht.

Foto: Eisenschink

Langsam wird es besser. Mit jedem Meter wird die Klammer im Kopf weiter. Paddam, paddam, paddam, die Platten der alten Rheintalautobahn poltern unter den Breitreifen. Mannheim, Maimarkt, Mann Mobilia. Landschaften in Rotweiß links, Lärmschutz in Grau rechts. Gerade genug der Reize. Das Tempolimit wechselt alle drei Kilometer, also möglichst unverfänglich mit 110 bis 130 Sachen rollen. Passt fast immer. Viel Konzentration ist nicht, der Kopf komplett leer. Zwölfstündige Arbeitstage mit unablässigem Nachdenken, Entscheiden, Organisieren haben Spuren hinterlassen.

Ein angekündigtes kleines Zwischenhoch über Westdeutschland machte die Entscheidung leicht. Avisierte 20 Grad in Rheinhessen und ein Besuch bei alten Freunden – Erholung jetzt! Und dann diese Benelli Café Racer. Eines der extremsten Motorräder der westlichen Hemisphäre. Wild, rau und unbeherrscht. Wirklich die? Ja, die! Keine Kompromisse mehr. Wenn man abschalten kann, dann damit. Fühlt sich an, wie zur Ferrari-Vermietung gehen. Ein letztes Mal früh aufstehen, ein Rucksack mit dem Nötigsten, Zahnbürste, Kreditkarte, Telefon. Der erste Gewissenskonflikt. Wirklich das Handy? Okay, aber nur für Notfälle. Dann geht’s los. Cool brüllend tritt die Benelli an, die erste Sitzprobe astrein.
Abtörnender Nebel wabert während der ersten Kilometer, die Temperatur kaum über zehn Grad. Egal, viel dringt eh noch nicht durch, und es soll ja besser werden. Dicke Jacke und Fleecepulli, den Rest muss die Benelli richten. Höhe Odenwald erste blaue Lichtblicke. „Die Straßenmeisterei Bensheim bedankt sich für Ihr Verständnis!“ Ähm, Verständnis wofür? Dunkle Erinnerung an Baustellen. Viel scheint wirklich noch nicht im Kopf anzukommen. Es gibt Zeiten, da sollte man eigentlich nicht fahren. Rundum silberne und schwarze Kombis, die Fahrer mit Headsets und angestrengten Blicken.

Der Nebel wird durchlässiger, die Sonne schafft sich Kilometer für Kilometer mehr Platz. Hinter Darmstadt ist sie da. Mit ihr verblassen die letzten Wochen und Tage. Mit ihren ungezählten Anweisungen, Telefonaten, Konferenzen und Schriftstücken. Wie ein Beruhigungsmittel scheint die Wärme der Underseat-Auspuffan-lage in den Körper zu sickern. Die letzten ungelesenen Mails, ein noch ausstehender Rückruf, vorbei und fast vergessen. Fauchend grollt der inzwischen leicht unterfordert wirkende Dreizylinder, doch im Kopf wird es allmählich leichter. Zum Glück, denn nun ist in Sachen Konzentration Schwerstarbeit angesagt – fünf Auto-bahnkreuze bis zum Einstieg bei Eltville! Sicherheitshalber stopfe ich einen kleinen Roadbook-Zettel in die Kartentasche. A 61 bis Rüsselsheim, A 60 bis Mainspitzdreieck, A 671 Richtung Wiesbaden, Biebrich, – Himmel, sollte ich nicht noch den Kollegen Biebricher zurückrufen? – Amöneburg, A 66 gen Westen bis zur Überleitung B 42. Navi wäre cool. Puh – irgendwann ist’s gepackt.
Die endlosen durchquerten Industriereviere rund um die gebeutelten Rüsselsheimer Opelwerke reißen mit der letzten holprigen Autobahnabfahrt schlagartig ab, strahlend weiße Streuobstwiesen und erste Weinberge treten an ihre Stelle. Frühling wie mit einem Knall. Geschafft, ich bin drin. Schlangenbad, Bad Schwalbach – zugegeben, es gibt sicher anspruchsvollere Einstiege als die B 260, beispielsweise die kleine Landstraße nördlich von Eltville, aber für mich und das Warm-up mit der fahrwerksseitig eher wüsten Benelli gerade recht. In prächtigen, lang gezogenen Kurven erklimmt die gut ausgebaute Bundesstraße die Südflanke des Rheingaugebirges. Geschmeidig legt der Reihen-Triple an, endlich von der Leine, endlich Gas. Und fegt mit satten, topstabilen Schrägen zwischen Tannen und Mischwald zum höchsten Punkt am Roten Stein auf fast 500 Meter. Erstes tiefes Durchatmen bei Mensch und Maschine.

Der Wald tritt zurück, gibt die Aussicht auf die umliegenden Hügelketten frei, dann stürzt sich die Straße steil und dramatisch in den Bad Schwalbacher Kessel. Bremsen, bremsen, bremsen! Alte Badehäuser sausen heran, Hotels und Pensionen geleiten den Weg ins Zentrum der kleinen Kurstadt. Kurzer Stopp. Merkwürdig zerzaust, das Ganze, eine sonderbar stillose Mischung aus Alt und Neu, kurios und schon ein wenig verlebt, viele Läden und Kneipen stehen leer. Die Schattenseiten der Gesundheitsreform?

Durchs Schwalbacher Kessel-Motodrom geht’s quasi u-förmig westlich wieder raus aus der Stadt und zurück auf die noch karg-grauen Höhen. Zweimal abbiegen, dann beginnt das Wispertal. Die Dolomitenhöhenstraße des Rheingaus quasi. Nur dass sie nicht zwischen Gipfeln cruist, sondern tief unten, an einem naturbelassenen Flüsschen, das in unzähligen Windungen zwischen Weiden, Baumstämmen und Treibholz seinen Weg zum Rhein bohrt. Ein tausendmal geflicktes, wunderschönes Sträßchen, für Motorräder zwar rigide auf 60 km/h begrenzt und vermutlich extra nicht besser asphaltiert, aber trotzdem schier unbegrenzten Spaßfaktor bietend. Mit jedem sanft fallenden Höhenmeter zum Rhein hinab wird das zarte Leuchten der grünen Baumspitzen intensiver, verstärkt sich im Gegenlicht zu jenem unnachahmlichen ersten Flirren des Sommers. Immer kraftvoller flutet die warme Frühlingssonne, weckt nicht nur Apfelblüten zum Leben.

Schon locken die ersten Abstecher in „weiße“ Sträßchen rechts und links des Wispertals . Nach wenigen Metern werden sie klein und kleiner, auf der Karte kaum noch erkennbare graue und weiße Ortsverbindungen, vorm Vorderrad oft nur noch holprige Verschlingungen. In Wisper endet der erste Versuch recht schnell in einem Labyrinth aus Schotterwegen vor dem funkelnden Wispersee, doch weiter talabwärts ist’s erfolgreicher. Eine kleine Landstraße pfeilt mit überraschender Top-Asphaltierung und wunderbar Benelli-konform gen Himmel. Verliert sich hinter Ransel über das weite, wellige Hochplateau des Rheingaus gen Norden, während ich mich rechts über Espenschied direkt wieder runter ins Wispertal stürze. Dort geht es inzwischen mächtig zur Sache, immer höher aufbrechende Schieferfelsen verengen dunkel das Tal.

Kurz vor Lorch entfädelt sich links eine kleine weiße Verbindung über Pressberg südlich nach Rüdesheim. Ein paar enge Kehren, ein paar fiese Rutscher auf feuchtem Asphalt, dann kurz über den flachen Rheingaurücken, bevor eine Abkürzung senkrecht hinab nach Assmannshausen führt. Durch ein strahlend weißes Blütenmeer schwebt die Benelli quasi im freien Fall in den berühmten Weinbauort, in dem die kleinen Gassen sie wie Bremsfallschirme abfangen. So schnell ist kaum hingeschaut, wie plötzlich Hofeinfahrten, Treppen und andere Barrieren vor dem Vorderrad auftauchen. An der „Alten Schenke“ wird’s kurz kritisch - hart links halten, an den schaurigen Andenkenläden vorbei und dann rechts über die Bahngleise. Und dann ist er da, breit, schön und imposant – der Rhein. In einer seiner verwegensten Passagen. Eingezwängt zwischen hohen Felsen, Weinbergen und Burgen, schäumt er von Bingen bis Sankt Goar in ungewöhnlich scharfen Kurven, die den Schiffern seit Jahrhunderten eiserne Konzentration am Ruder abverlangen.

Gerade legt die Fähre an, die sich zwischen Lastschiffen und Ausflugsdampfern ihren Weg bahnt. Wichtige Sache an einem Fluss, über den zwischen Wiesbaden und Koblenz auf 80 Kilometern keine einzige Brücke führt. „Hier fährt man halt Fähre“, erklären mir zwei Mainzer Biker, die der kurze, schaukelige Aufenthalt auf ihrer Feierabend-Runde nicht stört. Kultig sei das. Und schön. Niemand vermisse was, sind sie überzeugt. Ich bleibe auf der östlichen Rheinseite, brenne unter dem markanten Felsen der Loreley hindurch, bis es hinter St. Goarshausen noch einmal hoch auf den Höhenzug des Rheingaus geht. Dort cruise ich gemächlich zwischen den Feldern in Richtung Lahntal. Die Benelli erlebt schönste Momente. Unvermittelt fällt mir das letzte Mail ein – ha! Seit Stunden nicht mehr daran gedacht. Die Texte für Vorschau und Inhalt – komplett vergessen! Klasse, es scheint der richtige Weg.
Bad Ems taucht auf, ein kleiner Kurort an der Lahn, am jenseitigen Ufer prächtig das Kurhotel, gegenüber pastellfarbene klassizistische Häuser, in den Randzonen sympathisch vermodert – Anmutungen der Anfänge des vorigen Jahrhunderts stellen sich ein. Alles ist komplett anders als die top gestylte Fachwerk-Idylle der rheinischen Touristik-Hochburgen. Die ersten Straßencafés haben bereits geöffnet, frühlingshafte Betriebsamkeit macht sich breit. Schwungvoll geht es an der Lahn weiter, an Wiesen, alten Bauernhöfen, bemoosten Booten und noch geschlossenen Zeltplätzen vorbei, bis schließlich links das Gelbachtal abzweigt. Eigentlich weder an der Route gelegen, noch im Reiseplan vorgesehen, doch zu schön, um vorbeizufahren. Eine weite, von Wäldern eingerahmte Flussaue in voller Blüte, mittendrin der kleine, weidengesäumte Gelbach, die Straße an den schattigen Waldrand gedrückt, Pferde auf den Wiesen, Mountainbiker staubend auf Waldwegen. Ich nehme immer mehr Gas raus, das anfangs noch bis unter die Haarspitzen gebunkerte Stress-Adrenalin baut langsam ab. Endlich runterkommen, endlich wieder Mensch werden.
Bis Limburg fahre ich noch, dann verliere ich mich mit der klangvoll animierenden und ein wenig peinlich um Beachtung heischenden Benelli in den fast schon italienisch verwinkelten Gassen der Fachwerkaltstadt. Hier bleiben! Keine Termine und Verbindlichkeiten mehr, einfach das nächstbeste Zimmer neben der Bar mit dem riesigen Alfa-Romeo-Emblem nehmen und es gut sein lassen. Der Taunus steht noch länger.

Am nächsten Morgen bockt die Benelli. Hat kaum noch Strom zum Starten. Leer gesaugt wohl vom etwas überanstrengten Lüfter. Die Segnungen der Kleinserie. Also anschieben. Toll! Hätte ich das doch gestern schon den Herrn erzählt, die sich ergriffen um die schrille Karre drängten. Egal, irgendwann fängt sich die Diva und besinnt sich auch auf ihre Akkus. Da kommen die herrlich schnellen Landstraßen und Birkenalleen hinauf in den Taunus ge-rade recht. Villmar, Weilrod, Schmitten, allmählich wird es kühler, die Vegetation mit jedem Höhenmeter winterlich-spärlicher, die Orte verwittert-unwirtlich, und vor den Autohändlern drängen sich die Allradler. Hier ist Winter noch Winter.

Oberreifenberg, Niederreifenberg, Sandplacken und dann der Große Feldberg. Satte 880 Meter über null und Renn- und Relaxstrecke der Frankfurter Biker. Unter der Woche ist kaum jemand unterwegs, die Straßen sind leer, die Benelli darf alles ungestört erleben. Eine abenteuerhungrige Speed Triple bremst auf der Gegenfahrbahn kurz an. Sparringspartner gesucht? Danke nein, ohne mich! Oben am Feldberg ist es noch eisig und grau wie in Sibirien, der Funkturm so abtörnend hässlich, als hätte Albert Speer ihn höchstselbst der Nachwelt vermacht. Entfernt dringt der Sound von Kettensägen aus dem Wald und das dumpfe Krachen der Stämme. Sonst ist es still. Am Sandplacken gibt’s Kaffee im Kännchen mit Kniebundhosenambiente. Und dahinter den langen Abflug ins Tal.
Vorbei an Glashütten, Idstein und Taunusstein geht es auf Nebenstrecken entlang des Limes und seinen zahllosen Kastell-Überresten zurück in den Rheingau. Der Feierabendverkehr aus dem Rhein-Main-Gebiet wird immer dichter. Deshalb heißt es, zügig westwärts Boden gewinnen. Da fällt mir der Tipp der Mainzer Biker ein: Mit der Fähre den Rhein überqueren und dann über die Serpentinen des Bacharacher Stegs Richtung Hunsrück aussteigen.

2,50 kostet das Vergnügen, und wenige Minuten später schaukelt die kleine Fähre forsch hinüber gen Bacharach. Bacharach! Insignie deutschen Eltern-Urlaubs und gymnasialer Schulausflüge. Ein Ort, in den ich ohne ausdrücklichen Hinweis vermutlich heute keinen Fuß setzen würde. Und es ist auch gar nicht so einfach, einen reinzukriegen in diese kompakte, kleine Stadt: Rückseitig in einen schmalen, hohen Felseinschnitt gezwängt, vorne ebenso hart begrenzt von der Köln-Frankfurter ICE-Strecke, der Bundesstraße 9 und jahrhundertealten Flutmauern. Ich tauche quasi drunter durch und bin plötzlich um Jahrhunderte zurückversetzt. Die Reifen klatschen über Basaltkopfsteine, schmale, hohe Sandstein- und Fachwerkhäuser aus dem Mittelalter recken sich rundum empor. Drinnen Weinstuben und Hotels in fröhlicher Eintracht mit modernen Läden und Einkaufsmärkten. Gar nicht mal so übel. Die schöne Benelli fällt bald der Enge zum Opfer und muss parken, ich schaffe es noch zwischen Schulklassen, Amerikanern und Busreisenden bis zu den Tischen eines kleinen Cafés, plaudere mit Frau Hönel, der Souvenirverkäuferin von nebenan, über den Wandel der Touristen und genieße unverhohlen den Trubel in diesem Klassiker deutschen Kulturdaseins. Bacharach. Wer hätte es gedacht.
Zwei Tage Motorradfahren, zwei Tage Benelli, zwei Tage wunderbarer Frühling, zwei Tage Heimatkunde. Und? Jenseits des Darmstädter Kreuzes an Meetings, Mails oder den Chef vom Dienst gedacht? Nur einmal kurz vor Bad Ems. Die Klammer im Kopf scheint fast verschwunden, die Therapie auf dem besten Wege. Ich krame das Handy hervor, verlängere zwei Tage. Jetzt noch Hunsrück und Mosel. Dann ist rund wieder rund und eckig wieder eckig.

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