Sardinien Zweierlei Maß

Wenn zwei das gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe ... zwei MOTORRAD-Redakteure entdecken Sardinien: Sie auf Schotter - er auf Asphalt, sie per Enduro - er mit einer VFR und den Erinnerungen an Angelo und »Padre Padrone«. Zwei Reisende - zwei Perspektiven.

Es ist vorbei, Angelo. Deine Insel liegt hinter mir. Die Schraube der Sardenia-Fähre wühlt den Schlamm im Hafenbecken von Porto Torres auf, ich lehne an der Reeling, winke herab zu den Einheimischen. Sie verabschieden ihre Verwandten, die in Italien, Deutschland oder sonstwo wieder an die Arbeit müssen, und die sie irgendwo im Gewühl auf den Außendecks vermuten. Jemand muß ihnen doch zuwinken.Um mich herum überwiegen deutsche Touristen. Bunt gekleidet. Gezeichnet von befremdender Bräune, versuchen sie, ihr Urlaubsende allzu laut und wortreich hinauszuschieben. Ich fühle mich merkwürdig leicht inmitten dieser traurigen Fröhlichkeit. Vor einer Woche hatte mich dieselbe Fähre hier an dieser Stelle ausgespuckt, in einen Nebel, der die kleine Hafenstadt auffressen wollte, häßliche Pfützen auf den Parkplatz am Anleger kleckste und in dicken Tropfen von den Sonnenschirmen des Cafés kullerte. Allein Minirock und Geträller der Bedienung versprachen Gutwetter.Die Sonne gewann dann tatsächlich. Aber das tut sie ja immer bei euch. Sie ist eine schonungslose Siegerin: Im Pinienwald hinter der Stadt strahlte sie ebenso grell auf bunte Plastiktüten an den Bäumen wie später auf die weiße Altstadt von Castelsardo. Der Blick über die Bucht ist kaum zu ertragen. Feuerrot meine Honda, tiefblau das Meer, dann dieses Weiß. Einfach zuviel. Vor der Bar lag ein Köter im Staub, drinnen saßen schweigend Männer. Dunkle Augen, dichte Brauen, wilde Blicke. Ich bekam meinen Roten - und schwieg ebenfalls.Am Strand von Isola Rossa gab es einen Baum. Sein Schatten reichte für eine Stunde, dann zog er weiter. Ich hinterher. Zwei Schöne lockten die Jungens herbei. Die hatten nicht viel zu bieten, schmissen in manischer Imponiersucht Steine ins Wasser. Die Schönen drehten sich, voll von Langeweile, auf den Bauch, aber abends, Angelo, vor meinem Hotel, haben sie sich nach der roten VFR umgeschaut. Auf dem Weg zur Küstenstraße habe ich kurz angehalten: die Bucht, das Dorf, der alte Turm, den die Venezier hier hinterlassen haben, die flachen Felsen, die sich ins Meer vorwagen, auf denen ich dem Wasser oder den Möwen gelauscht habe. Ich brauchte eine Spur, doch weder die klinischen Badeorte an der Costa Smeralda konnten mir helfen noch die einsamen Angeber, die dort mit Powerbooten, Golfschlägern oder Autoschlüsseln wedeln. Endlich, unter einer Pinie, irgendwo hinter Ozieri bin ich eingestiegen, habe gelesen. »Padre Padrone« von Gavino Ledda, du kennst es. Das harte Leben sardischer Hirten, die der nackte Kampf ums Überleben in Einsamkeit, Mißgunst und Härte treibt.So was versteht einer wie ich nur schwer, mein Freund. Weil die Geschichte nicht irgendwann, sondern vor gerade mal 40 Jahren spielt. Ist das euer Geheimnis: Sardinien, bis vor wenigen Jahrzehnten Europas Armenhaus, über Jahrhunderte geknechtet von Spaniern, Veneziern, Italienern, noch immer am ökonomischen Tropf des Festlands? Seine Wälder schon von den Römern gerodet, schutzlos ausgeliefert den heißen Winden aus Afrika. Und der Sonne. Hartes Gras wuchs rund um meine Pinie, Dornengestrüpp markierte den Rand der Weide. Kehliges Rufen drang zu mir herüber, dann leiser Glöckchenklang: Als ich den Lauten folgte, sah ich die Honda umringt von Schafen, doch bei meinem Auftauchen packte der Schäfer seine Zigaretten wieder in den Schultersack und zog schnell weiter.Ich hab’ dann erstmal Gas gegeben. In den Abend hinein. Mal gucken, ob ich die Sonne, bevor sie sich davonmacht, nicht doch noch einhole. Einmal wollte ich gewinnen, aber du weißt: Sie war wieder besser als ich. Hat mich geblendet, als ich die Kuppen hochstürmte, gleich darauf nachtdunkle Schatten über diesen Rausch aus Kurven gelegt. Als ich anhielt, spürte ich sie noch, gespeichert im Asphalt und in den Steinen, und als ich endlich ein Quartier fand, hing über dem Eßtisch ein Kinderbild von einer Familie unter einem übermächtigen Gestirn. Nächstgroß war der Vater, aber er hat mir von seinen Oliven und dem schweren Wein angeboten. Dann mußte er fort, die Hochzeit der Nachbarstochter vorbereiten. Die ganze Straße war beschäftigt, und als der Mond das Dorf und die schroffen Berge ringsum schon längst mit kaltem Licht bewarf, haben sie alle auf der Gartenmauer gesessen. Die Frauen links, die Männer rechts.Zwei Tage, nachdem ich in deinem Hotel ankam, hast du mich zur Pferdeprozession in Fonni geschickt. Erzählt, daß du als junger Bursche auch mitgeritten bist, wenn die Reiter nach dem Prozession durch die Stadt und nach der Predigt des Pfarrers die Menge in eure viel zu große Kirche getrieben haben. Einer war dabei, Angelo, der ritt den einzigen Hengst, und schiere Macht erfüllte seinen Blick und seine Gebärden. Ihr habt immer noch Herren, stimmt«s? Aber die Mädchen waren ganz aufgeregt wegen des Festes. Die älteren Frauen freuten sich, daß alles ein wenig schien wie früher. Stolz auf ihre Kinder, strahlten sie eine ewige Gewißheit aus. Ihre Männer schwatzten im Schatten, schmunzelten. Fonni war so schön, diesen ganzen Nachmittag und bis spät in die Nacht.Zur Erholung hast du mir den Monte Spado empfohlen, weil sich dort manchmal die Adler zeigen. Und mit viel Glück die Mufflons, auf der anderen Seite der Schlucht. Ich habe keine Adler entdeckt, aber ich wußte, oben auf dem Gipfel, was sie sehen: im Osten die Zacken des Sopramonte, in denen sich Orgosolo verbirgt, das alte Räubernest. Die heiße Ebene, an deren Ende Nuoro döst, die Stadt. Orgosolo wurde berühmt, weil seine Bewohner sich jahrelang mit Wandmalereien und Protesten gegen die ganze NATO wehrten und deren Pläne, für tieffliegende Bomber einen Schießplatz einzurichten. Und Nuoros berühmtestes Kind heißt Grazia Deledda, die für ihre sanft-rebellischen Bücher 1926 den Nobelpreis erhielt. Oh, ihr Sarden.Ich war umringt von den Gipfeln der Barbaggia, wo noch heute die Schäfer mit ihren Herden oft wochenlang in den Bergen verschwinden. Ich konnte in die fruchtbare heiße Ebene des Tieso schauen, in der bereits im Mai über die Mittagsstunden niemand mehr arbeiten kann. Dann sitzen die Bauern in den Weinlauben der Wirtshäuser, diskutieren das letzte Fußballspiel von Cagliari und ob die Industriellenfamilie, deren Oberhaupt gerade entführt und in die Berge verschleppt wurde, nun zahlt oder nicht. Hinter der Ebene liegt die Giara di Gésturi, ein steiles Basaltplateau, auf dessen Rücken ganze Wälder windschiefer Korkeichen gedeihen und kleine, zottige Wildpferde verstecken. Am Abend, bevor ich dorthin abgereist bin, hast du mir von Stratford-on-Avon erzählt, wo du das Hotelfach gelernt hast, und warum du wiedergekehrt bist. Ich war auch schon in Stratford, mit einer 130-PS-Triumph, und bin stumpf an Shakespeares Geburtshaus vorbeigedonnert. Da hat mir ein Freund gefehlt, Angelo. Der erklären kann und verlangsamen.In zwei Wochen wird die Fähre mit Annette hier anlegen. Weil sie Enduro fährt, kann sie deine Insel ganz einfach als Freizeitpark betrachten. Die vielen Wege nehmen, auf die ich neidisch herabblickte, wenn mich die Straßen aus den Tälern hoben. Und villeicht wird sie als Frau manches anders sehen. Hoffentlich hat sie Geduld. Und noch eins: Ich hab’ sie doch noch gesehen. Drei Stück, als ich an der Kreuzung zur Straße nach Fonni ein letztes Mal auf deinen Berg geschaut habe: Adler.Nicht ganz so toll wie Korsika, aber fast, hatte Fred erzählt. Nicht so wild und extrem, hatte er gesagt, eher karg und einsam. Karg und einsam? Schon seit rund einer Stunde kämpfen Marion und ich uns an Plastikstühlen und Straßencafés mit mehrsprachigen Speisekarten vorbei, entdecken eine »Deutsche Metzgerei« und Kneipen mit Erdinger Weißbier. Ein Surfbrettverleih klebt am anderen, eine Appartementsiedlung folgt der nächsten. San Theodoro, Budoni, Santa Lucia - hier ist nichts mehr gewachsen, alles neu betoniert, vertraut aus den Katalogen der Ferienhaus-Agenturen. Gräßlich. Okay, die Ostküste südlich vom Fährhafen Olbia wäre ziemlich touristisch, hatte Fred noch gesagt, fahrt möglichst weit in den Süden. Na denn. Wir visieren Arbatax an, immerhin bereits in der Südhälfte liegend. Hinter Santa Lucia verläßt die Straße gottlob die Küste, steigt allmählich auf mehrere hundert Höhenmeter an. Kleine unasphaltierte Wege entschwinden verlockend von der Straße und winden sich durch duftende Pinien- und Korgeichenwälder, Steilküste stritt an die Stelle der langen Sandstrände des Nordens. Endlich, Fred, ich hatte schon langsam an deinen Erzählungen gezweifelt. Die Plastikstühle und der deutsche Kaffee verschwinden, kleine »Alimentari« treten mit ihren bunten Gemüsekisten an die Stelle der Supermärkte, und Frauen in schwarzer Tracht lösen die leicht geschürzten, rotverbrannten Alemannen ab. Ein paar frisierte Mopeds kreischen vorüber, Cafés sind nur noch nachtschwarz hinter Perlenvorhängen zu erahnen, allenfalls haben ein paar Gäste ihre Holzstühle aufs Trottoire gerückt. Platz für Fremde ist nicht vorgesehen. Und für fremde Frauen erst recht nicht. Unvorstellbar, die Enduros davor zu parken, hineinzugehen und einen caffelatte oder einen Roten zu bestellen. Egal. Wir genießen von fern, verzichten auf Teilnahmeberechtigung. Soviel zur weiblichen Perspektive, Fred. Dann die Ogliastra. Nach der letzten Paßhöhe breitet sich aus, knapp unterhalb von Baunei. Eine riesige, heiße Ebene rund um die Stadt Tortoli, eingerahmt von einem markanten Halbkreis kantiger Gipfel des Gennargentu-Gebirges. Auf einer schmalen Kurvenstrecke zwirbeln wir hinab, beginnen in der Montur schier zu kochen vor Hitze - und stürzen uns in der menschenleeren Bucht von Arbatax in die Fluten. Endlich ankommen. Weißt du eigentlich, wie toll das Meer hier ist, Fred? Wie unglaublich klar und sanft?In den Bergen über der Küste finden wir ein Quartier. Im Osten das Meer, im Westen die verheißungvollen Schotterwege zu den Monti del Gennargentu, den höchsten Bergen der Insel, die sich am Punta la Marmora zu immerhin 1834 Meter aufschwingen. Perfekt. Von Bari Sardo ballern wir die endlosen Kehren einer kleinen Aspaltstraße über Lanusei in die Berge hinein. Mehrfach kreuzen wir die Gleise der tapferen kleinen Schmalspurbahn, die ähnlich abenteuerlich die zerklüftete Insel bezwingt wie die Straßen. Von Cagliari im Süden bis nach Olbia. Kurz vor dem Stausee Lago Alto del Fulmendosa liegt ein winziger Bahnhof. Der Streckenwärter rattert vermutlich nur zweimal am Tag mit seinem klapprigen Fiat hierher, schließt die Schranke für den Hin- und für den Gegenzug und fährt dann wieder nach Hause. Es ist still im Inneren Sardiniens. Kurz hinter der Station zweigt eine noch kleinere Straße ab, und von dieser soll laut Karte ein Schotterweg in die Barbagia-Berge abzweigen. Tatsächlich biegt am westlichsten Zipfel des weitläufigen Sees ein kleiner Weg ab. Den nehmen wir. Danach müßte wenig später noch mal einer links weggehen, unterhalb der Gennargentu-Gipfel entlangführen und später bei Aritza wieder auf auf die Teerstraße münden. Eine perfekte Route. Theoretisch. In der Praxis haben aber die italienischen Straßenkarten im Detailbereich die Treffsicherheit einer Feldhaubitze. Tatsächlich zweigt hier nicht ein Weg ab, wie verzeichnet, sondern mindestens zehn. Nach rechts. Und fünf andere nach links. Und sie münden überall, bloß nicht auf die Teerstraße nach Aritzo. Nach zwei Stunden kennen wir jede Kuhherde, jeden Bauernhof und jede Wasserdurchfahrt in den kargen Höhenzügen des südlichen Gennargentu. Und manchen netten Bauern, der uns fröhlich das Ende des Weges signalisiert, Hunde, die bellend ein Stück neben uns her rennen, Kühe, die gemächlich an den Wegrand trotten, um uns Platz zu machen, und flüchtende Katzen, die sich in die Stämme der Steineichen krallen. Wir sind im Herzen Sardiniens. Als das Wetter umzuschlagen beginnt, fädeln wir uns zurück zum Stausee und auf die Straße nach Lanusei hinab. Warm empfangen uns die tieferen Regionen. Schon bald heben sich die roten Felsen der Baja di Gairo leuchtend vom Türkis der See ab. Im letzten Licht des Tages folgen wir auf kleinen Wegen zwischen duftenden Feigenkakteen und vollbehangenen Weinstöcken den abwechselnd felsigen und sandigen Meeressaum. Noch einmal versteigen wir uns in den Schotterwegen des roten Küstengebirges, in felsigen Bachbetten, duftender Macchia und steilen Eselspfaden und der stillen Einsamkeit einer Insel, die tatsächlich nicht so wild und monumental ist wie Korsika, sondern irgendwie bescheidener, einfacher - und vielleicht gerade deswegen so schön. Padre Padrone, langsam verstehe ich, was du meintest, Fred, als du von einer ganz besonderen Insel erzählt hast, von einem Stück Italien, das so ganz anders sei. Als eine alte, schwarzgekleidete Frau mir für umgerechnet wenige Pfennige einen Berg Tomaten und Äpfel in ihrem winzigen, zeitabgeschiedenen Laden verkauft, bin ich endgültig überzeugt.

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