Sauerland Alles beim Alten

Mit einer alten Yamaha SR 500 und mit vielen Erinnerungen von Besuchen in der Kindheit durchstreifte Ruth von Spalding das Sauerland

Gestern gab die Spülmaschine ihren Geist auf. Heute stürzt der Computer ab, nachdem ich gerade in mühevoller Kleinarbeit versucht hatte, aus dem Internet bestimmte Informationen zu beschaffen. Die Schattenseiten des elektronischen Zeitalters werden gerade allzu deutlich. Höchste Zeit also, dem einfachen und unmittelbaren Leben wieder einmal auf die Spur zu kommen. Tankrucksack packen, vollmechanischen Reißverschluß bedienen, die alte Yamaha SR 500 mit gezieltem Krafteinsatz ankicken, und dann nix wie weg. Visier auf, Luft rein, alles echt, leider auch der Dieselstinker vor mir. Aber nach einer knappen Dreiviertelstunde auf der A44 bringt die Abfahrt Wünnenberg-Haaren Erlösung für Körper und Geist, denn unvermittelt öffnet sich neben dem grauen Band der Autobahn das Tor zum Sauerland. Nicht spektakulär, nicht überraschend, aber um so erholsamer. Im gemächlichen Tempo passiere ich die Ortschaft Haaren und erinnere mich an die autobahnlose Kinderzeit. Haaren war immer die erste Station bei der Fahrt in den Familien-Jahresurlaub. Denn ohne Autobahn brauchte der gute alte Käfer geschlagene zwei Stunden bis hierher. Als ich dem Einzylinder in Fürstenberg zum ersten Mal eine Pause gönne und meinen Blick auf die Paderborner Hochebene richte, frage ich mich, was sich wohl verändert hat in all den Jahren. Auf den ersten Blick eigentlich nichts. Alles wirkt ähnlich beschaulich und behütet wie zu den Zeiten, als wir uns ganz ohne Gurt auf der Käferrückbank die Nasen an den Scheiben plattdrückten, um die gewaltigen Berge hier zu bestaunen. Die sind heute allerdings nicht mehr ganz so imposant, und die Entfernungen zwischen zwei Dörfern scheinen auch geschrumpft, aber sonst - alles beim alten. Auf der Weiterfahrt in Richtung Marsberg habe ich das Gefühl, als packe mich diese Landschaft in Watte, als führe ich durch eine Art Spielzeugland. Daß die Realität anders ist, daß auch das Sauerland kein Paradies ist, werden nicht zuletzt die Landwirte dieser Region aus leidvoller Erfahrung bestätigen können. Die steinigen Böden, denen die Agronomen schon in grauer Vorzeit nur mit Mühe einen guten Ertrag abringen konnten, sind gewiß nur ein Aspekt des harten Alltags. Brüssel sorgt für den Rest. Doch Politik soll mich hier und heute nicht beschäftigen.Der Kilian-Stollen des ehemaligen Kupferbergwerks in Marsberg gewährt Einsichten in die Unterwelt und erinnert an die tausend Jahre alte Tradition des Kupferbergbaus in dieser Region. Im Stollen herrscht eine angenehmer Kühle. Ein wunderbares Gefühl nach der Hitze des Tages. Ich tausche den Motorradhelm gegen einen gelben Sicherheitshelm und tauche ab in die Unterwelt. Auf einer Streckenlänge von immerhin zweieinhalb Kilometern erfahre ich - im wahrsten Sinne des Wortes - den Arbeitsalltag derer, die hier noch bis 1945 ihr hartes Brot - damals Salär genannt - verdienten. Wir sind mit der Grubenbahn unterwegs, und je tiefer wir kommen, desto kühler wird die feuchte Luft. Bei zehn Grad beginne ich die wärmenden Qualitäten meiner Motorradbekleidung wieder zu schätzen. Doch dieser Ausflug lohnt sich. Nicht nur, weil unser Führer, der ehemalige Bergbau-Ingeneur Kehr, sein Lebenswerk in bildreicher Sprache vermitteln kann, sondern auch weil viele Arbeitsszenen lebensnah mit Wachsfiguren dargestellt werden - Madame Tousseau läßt grüßen. Vom vorsintflutlich anmutenden Werkzeug, oder Gezähe, wie es bei den Bergarbeitern heißt, bis hin zum Plumsklo bleibt kaum ein Detail der Geschichte verborgen. Nach zweieinhalb Stunden blendet wieder das Tageslicht, und das türkis schimmernde Kupferstück - Lohn meiner ersten Bemühungen unter Tage - wird auf jeden Fall einen Ehrenplatz auf meinem Schreibtisch erhalten. Jetzt aber ist mir nach der ein oder anderen Kurve, und an diesen herrscht hier kein Mangel. Dennoch bremse ich meinen Tatendrang bereits wenige Kilometer später. Kaffeepause in Ober-Marsberg, weil die Gaststuben kaum gemütlicher aussehen könnten. Die Sauerländer verstehen offensichtlich zu leben, der Genuß gehört hier anscheinend zur Tagesordnung. Mir fallen die zahlreichen Brauereien ein, die ich auf der Fahrt bisher gesehen habe, urigen Restaurants mit ihren deftigen Speisen oder die allgegenwärtigen Schützenfeste und Feuerwehrbälle. Ein Tal der Tränen bereist man hier wahrlich nicht. Zwar wirken die Menschen zunächst reserviert, gar ein wenig verschlossen. Ist aber die erste Schwelle des Mißtrauens überschritten, fühlt man sich rasch in eine freundliche Gemeinschaft aufgenommen. So auch auf dem Hof von Eleonore und Peter, die dem Gast mehr als ein Nachtlager zu bieten haben. Während ich Eleonore in der riesigen Wohnküche beim Marmeladekochen über die Schulter blicke, erzählt sie, aus welchem Holz die Sauerländer Bauern geschnitzt sind. Noch bevor Wackersdorf bundesweite Bekanntheit erlangte, sollte hier im »Dreiländereck« vom Paderborner Land, Hochsauerland und Waldecker Land ein atomares Endlager entstehen. Eleonore machte mobil, und die Bauern wehrten sich erfolgreich mit guten Argumenten und starken Treckern. Nun munkelt man von einer Müllverbrennungsanlage. Wenn die Politiker diese Rechnung mal nicht wieder ohne Eleonore gemacht haben. Nach einem opulenten Abendessen sinke ich satt und zufrieden in die weiche Matratze. Nein, Kilometer habe ich heute nicht gefressen, aber wozu auch? Abstand habe ich dennoch gewonnen, großen Abstand, denn diese Welt, die meiner großstädtischen geografisch eigentlich so nahe liegt, ist doch eine ganz andere. Die Nacht hat hier nur ihre eigenen Geräusche. Kein Verkehrslärm, keine laute Musik, keine grölenden Fußballfans, dafür ein alter Hahn, der früh am morgen laut vor meinem Fenster kräht.Macht nichts, dann eben rauf auf die SR und ab in Richtung Obermarsberg. Heute will ich tatsächlich nur fahren - und bleibe in dem kleinen Ort, wo ich nur etwas Reiseproviant kaufen wollte, schon wieder hängen. Beim Schwatz über Kaninchen. Deren Aufzucht und Pflege ist das liebste Thema der überaus redseligen Familie, die ich eigentlich nur nach dem Weg zum nächsten Supermarkt fragen wollte. Und jetzt erfahre ich manches über Artenvielfalt, Kreuzung und Paarung, Ausstellung und natürlich über den ignoranten Wertungsrichter auf der letzten Tierschau. Ach ja, ein paar Süßkirschen könne ich auch noch mitnehmen, meint Fritz, der Kaninchenzüchter. Die Ernte sei gut in diesem Jahr. Gänzlich unbeeindruckt vom Lauf dieser Welt und vom harten Leben eines Zuchtkaninchens, hält ein Obermarsberger Senior ein Vormittagsnickerchen auf der Parkbank gleich gegenüber. Da sage noch einer, daß die Südeuropäer die Lebenskunst erfunden hätten. Die Kirschen wandern in den Tankrucksack, und Fritz muß mal wieder nach seiner Zucht sehen. Eine gute Gelegenheit, die Kurve zu kratzen.Ganz ohne Ziel und Karte lasse ich mich von der Straße führen und verführen. Ich folge ihrem Lauf, schwinge links, rechts, rauf und runter. Keine Ampel, kein Verkehr stören die reine Lust. Um mich herum der Naturpark Diemelsee, in mir drin ein sich wandelndes Weltbild. Wer braucht schon Computer oder Spülmaschine, wenn er einen Einzylinder sein eigen nennt? Dann der Diemelsee, die Wiederauferstehung längst vergessen geglaubter Kindheitserinnerungen. Das sanft gekräuselte Wasser, der typische, leicht muffige Duft des stehenden Gewässers, die bewaldeten Hänge ringsherum, Paddelboote und eislutschende Kinder. Allein die Surfer passen nicht so recht ins Bild, das mir im Kopf hängen geblieben ist. Moderne Zeiten also auch hier.Das Wasser ist weniger kalt als erwartet. Schwimmend erfühle ich die unterschiedlich warmen Bereiche und verharre auf dem Rücken treibend eine ganze Weile in einer Art Warmwasserblase. Mit dem Kopf halb unter Wasser, dringen die Geräusche des bunten Treibens nur noch sehr gedämpft an meine Ohren. Ja, so soll’s sein. Später gönne ich mir auf der Terrasse des Fährhauses dann noch ein mächtiges Spaghetti-Eis, bevor ich Gummi und Asphalt wieder eine innige Beziehung eingehen lasse. Die Strecke nach Padberg begrüßt mich mit schattenspendenden Alleen, und am Wegesrand treffe ich Gerhard Willike, einen alten Bauern, von dessen Sorte es heute nur noch wenige gibt. Auf seine Sense gestützt, erzählt der 63jährige, daß er seit seinem vierzehnten Lebensjahr Bauer ist und nun aber den Hof aufgeben muß. Sein Sohn ist Schlosser und will das Gut nicht übernehmen. Die notwendigen hohen Investitionen kann und will sich Gerhard nicht mehr leisten. Bauer zu sein, sagt er, hieße heute mehr und mehr Manager zu sein, und dies ließe sich mit seiner Leidenschaft für Beruf und Natur nicht mehr in Einklang bringen. In zwei Jahren werde der Hof zugenagelt, berichtet er weiter und fügt verbittert hinzu, daß hier bereits andere Zeiten angebrochen seien - die der Industriebauern. Die Sense geschultert, geht Gerhard schweren Schrittes zurück auf seinen Hof, und ich schlürfe später ein wenig nachdenklich ein alkoholfreies Radler im Padberger Burghof Café. Nun, wer hinter die Kulissen blickt, muß damit rechnen, daß der Zauber seine Wirkung verliert. Das gilt leider auch im Sauerland. Dem Lauf der Rhene folgend, erreiche ich über Adorf und Flechtdorf die Kreisstadt Korbach. Urbanes Leben, ja sicher. Doch die Altstadt präsentiert sich mit gut erhaltenem Fachwerk, und der Turm der alten Stadtmauer spendiert mir eine tolle Aussicht über die Waldecker Metropole. Doch mir ist heute nicht nach Stadt, sondern eher nach einer Landpartie, und so fliegt der Eintopf ein Stück die B 252 gen Süden, dann nach Osten in Richtung Edersee. Pech gehabt. Heute ist Wochenende. Eine unendlich lange Blechkarawane schiebt sich im Schrittempo über die kurvenreiche Straße am Nordufer des Stausees und verwandelt das Asphaltband in den schmalsten Parkplatz zwischen Korbach und Waldeck. Nee, darauf habe ich jetzt wirklich keine Lust, zweiter Gang und ab. Durch dichte Wälder zieht sich meine Fahrt zum Weidelsberg, der im Naturpark Habichtswald liegt. Schlappe 500 Meter hoch ist dieser »Berg«, kein Vergleich zu den schneebedeckten Spitzen in den Alpen. Aber trotzdem, das Panorama in alle Himmelsrichtungen ist einfach sehenswert. Wer im Freundeskreis keinen Imageverlust befürchtet, wenn er sich zu einer Tour ins vermeintlich provinzielle Sauerland bekennt, dem sei nicht nur dieser Ort wärmstens ans Herz gelegt. Denn wer richtig hinschaut, der entdeckt diese Region abseits bierselig grölender Kegelklubs und lernt rasch zu schätzen, daß ursprüngliche Landschaft, gepflegte Traditionen und innovative Touristik-Konzepte reibungslos ineinandergreifen. Unprätentiös, selbstbewußt und erlebenswert.Plötzlich ist es so spät, daß bereits dichter Nebel unten in den Tälern aufzieht. Schneller als in den Straßenschluchten unserer Citys kühlt es hier oben ab, und der Nebel kriecht immer weiter über die Wiesen, schleicht sich förmlich heran, steigt höher und höher, bis er schließlich gänzlich Besitz ergriffen hat von Tal und Berg. Auf einer Lichtung hinter Arolsen stoppe ich und sauge die beinahe unheimliche Stille in mich ein. Inzwischen ist es dunkel geworden, und plötzlich erinnere ich mich an die Nachtwanderungen zu Kinderzeiten, meistens während der Klassenfahrten. Unsere Angst vor der Dunkelheit kaschierten wir mit ebenso lautstarkem wie unpassendem Gesang: »Eisgekühlte Coca-Cola, Coca-Cola eisgekühlt, dazu zwei belegte Brote...« Mein Stichwort, ein hungriges Gefühl in der Magengegend treibt mich zurück nach Arolsen, direkt in die Arme der guten Eleonore. Kurz bevor ich deren Hof erreiche, springt hinter einer Kurve ein Reh ganz knapp vor der SR über den Weg, 27 PS haben auch ihre Vorteile. Laute Glocken wecken mich am nächsten Morgen. Es ist Sonntag, und im religiösen Sauerland rüstet man sich zum Kirchgang. Ich genieße Eleonores Frühstück und verbringe den Rest des Tages auf zwei Rädern. Stoppelfelder, junger Mais, Aussichten und Einsichten - immer wieder kleine Begegnungen abseits alltäglicher Hektik. Bleibt ein letzter Halt in Warburg, das eine obere und untere Altstadt zu bieten hat und zudem den Titel Hansestadt trägt. Nicht zu Unrecht, so meinen viele Kenner, gelte Warburg als die schönste Stadt Westfalens. Angesichts des mittelalterlich geschlossenen Stadtbildes will ich nicht widersprechen. Über Rhoden zockle ich nach Oesdorf, um mich dort zum Ausklang meines Ausritts von den wagemutigen Darbietungen unerschrockener Roller-Artisten begeistern zu lassen. Noch ein paar Jahre Übung auf ihren Motorrollern, und es würde mich nicht wundern, die Kids beim Hallen-Cross in der Dortmunder Westfalenhalle wiederzusehen. Der Nachwuchs ist auch schon auf Rädern unterwegs. Kein Hof, auf dem Dreijährige nicht auf grün-gelben oder rot-gelben Plastiktreckern ihre Runden drehen würden. Andere Farbkombinationen scheinen verpönt. Schließlich sind die Trecker der Väter auch alle grün-gelb oder rot-gelb. So ist das eben im Sauerland. Und eine SR 500 ist eben schwarz, oder? Das Leben kann so einfach sein - ohne Spülmaschine und Computer.

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