Sauerland Sackpfeife, Saukopf und Oberneger

Kurven bis zum Abwinken. Eine Tour durch das Sauerland ist einfach eine runde Sache. Und an einige der Ortsnamen wird man sich garantiert noch lange erinnern.

Wie zufällig gelangen Birgit und ich zu diesem Trecker-Oldtimer-Treffen. Böse Zungen könnten nun behaupten, meine betagte XT 500 hätte sozusagen von selbst den Weg dorthin gefunden und würde keine schlechte Figur zwischen den ganzen Exponaten machen. Einzylinder sind schließlich Einzylinder – nur dass so ein Lanz Bulldog, wie ich erfahre, mit satten 7350 Kubikzentimetern Hubraum daherkommt. »Ist ein Zweitakt-Diesel mit 20 Zentimeter Bohrung und gut einem viertel Meter Hub«, erklärt mir der stolze Besitzer, der etwas belustigt auf meinen »Dampfhammer« schaut. Nun gut. Birgit – im Sattel einer Honda Dominator – und ich machen uns vom Acker; wir haben unsere »kleinvolumigen« Einzylinder aus ganz anderen Motiven ins Sauerland gelenkt – um zu schauen, ob im Juni in den höchsten Bergen Westfalens schon was vom Sommer zu sehen ist.Östlich von Siegen, im Quellgebiet von Lahn, Eder und Sieg wirkt es jedoch gar nicht sommerlich. Die Sonne schafft es kaum über die Wipfel der dichten Fichtenwälder. Nur auf den wenigen Lichtungen macht sich leuchtend gelber Löwenzahn breit. Auf einer kleinen, buckeligen Straße holpern wir hinauf bis auf eine Höhe von 600 Meter. Die frostige Jahreszeit hat ihre Spuren hinterlassen und beachtliche Löcher in den sowieso schon reichlich geflickten Teer gefressen. Höchste Zeit eigentlich für die Straßenbauer, doch mehr als eine provisorische Ausbesserung mit viel Rollsplitt wird hier sicher nicht geschehen.Also Gas weg nehmen und behutsam durch die Kurven eiern. Neben uns rauscht die noch junge Lahn höchst lebendig bergab, vermag mit ein wenig Fantasie fast schon an einen alpinen Wildbach zu erinnern, bevor sie sich im Tal von Bad Laasphe wieder beruhigt. Womit wir innerhalb weniger Kilometer im Sommer gelandet sind. Neben dem knalligen Löwenzahn, der die saftig grünen Wiesen überzieht, entdecken wir blühenden Ginster und lila Lupinen, die vom lauwarmen Wind hin und her bewegt werden. Das ruft nach Pause. Leise tickern die heißen Motoren vor sich hin, ab und an brummt eine Hummel vorbei, und weit entfernt poltert ein Güterzug durchs Tal. Die wärmenden Strahlen der Sonne fühlen sich unendlich gut an. Beinahe schon zu warm für eine schwarze Lederhose. Beklagen wollen wir uns aber nicht.Und für Abkühlung ist ohnehin schnell gesorgt. Hinter Biedenkopf hangelt sich die Bundesstraße gleich wieder hoch in die Berge. Wir gelangen prompt auf eine Erhebung, von der aus es laut Karte eine tolle Aussicht geben soll. Viel besser als das Panorama allerdings der Name des Hügels: Sackpfeife, 674 Meter über Null. Birgit und ich können uns ein Grinsen unterm Helm kaum verkneifen. Überhaupt diese Namen im Hochsauerland. Kaum haben wir die Sackpfeife verdaut, lesen wir Saukopf und Oberneger. Aber es kommt noch besser. Nördlich von Lennestadt liegt ein Berg namens Mondschein, wir rollen durch die Siedlung Faulebutter und erreichen schließlich Schliprüthen am Fuße des Mount Baukloh.Aber so weit sind wir noch lange nicht. Zunächst gehen wir erst mal auf Nordkurs, nehmen das Rothaargebirge ins Visier, wo sich die höchsten Berge Nordrhein-Westfalens befinden. Natürlich keine alpinen Riesen, doch immerhin recht ansehliche Kuppen. Die kleinen Straßen, die sich auf der Generalkarte stets als gelbe Linien übers Papier ziehen, erweisen sich selbst am Wochenende nahezu autofrei. Perfekte Bedingungen also. Bis auf die Tatsache, dass immer wieder Wege abzweigen, die entweder gar nicht beschildert sind oder nur bis zum nächsten Dorf. Irgendwann haben wir keine Lust mehr, an jeder Kreuzung anzuhalten und auf die Karte zu schauen. Stört irgendwie den ganzen Rhythmus. Ab sofort lassen wir uns einfach treiben. Wir werden schon irgendwo herauskommen.Die Strecken scheinen tatsächlich wie für uns gemacht. Eine Kurve folgt auf die nächste. Ohne Unterbrechung. Und die beiden Enduros fühlen sich auf dem nicht immer guten Belag pudelwohl. Nebenbei versuchen wir, uns die vielen Richtungswechsel zu merken. In Dotzlar sind wir rechts abgebogen, in Elsoff links und in Wunderthausen wieder rechts. Oder war’s andersherum? Egal. Eine Zeitlang zumindest. Denn als wir leicht desorientiert zum dritten Mal durch das gleiche Dorf kommen, ziehen wir doch lieber wieder die Karte zu Rate.Winterberg ist nicht mehr weit und lockt mit zahlreichen Restaurants und Cafés. Einige Wirte haben sogar Tische und Stühle nach draußen gestellt. Bei gerade mal 13 Grad eine kühne Idee. Aber schließlich kommt der Name Winterberg nicht von ungefähr: Der Ort liegt immerhin 770 Meter hoch. Sonnenschein muss zum Draußen sitzen reichen, mit angenehmen Temperaturen wird der Winterberger nicht gerade verwöhnt. Vermutlich würde er sich im milden Rheinland fast wie in den Tropen fühlen, während wir als Rheinländer eher geneigt sind, das Rothaargebirge schon mal als hochalpin zu bezeichnen. Mit anderen Worten: Es ist saukalt hier oben.Wir düsen wieder der Wärme entgegen, gelangen hinunter ins Sorpetal. Auch hier die Straße unverändert schmal und kurvig, die Dörfer mit wunderschönen Fachwerkhäusern. Ein Tal wie aus einem Prospekt. Bald aber zieht uns ein Gipfel in seinen Bann, der höchste aller Berge in dieser Region: der kahle Asten. Quasi der Mount Everest des Sauerlands, dessen Spitze wird über die »Nordroute« erreichen wollen. Zu Fuß.Unser »Basislager« für diese Expedition beziehen wir am Ostende des Sorpetals. Stilecht auf einem Campingplatz. Mit einfallender Nacht kriechen feuchtkalte Nebelschwaden aus den Wiesen, und am nächsten Morgen ist das Zelt mit einer dicken Raureifschicht überzogen. Kein Wunder bei dieser Höhe. Wir packen die Rucksäcke mit Schokoriegeln und heißem Tee, schnüren die Stiefel und marschieren mit dem Höhenmesser in der Hand tapfer los, denken dabei an Reinhold Messner und seine Everest-Besteigung. Das motiviert natürlich: Trotz immer Sauerstoff ärmer werdender Höhenluft kommen wir recht gut voran. Und dann endlich – kurz vor Mittag die letzten Schritte hinauf zum Gipfel. Wir stehen 841 Meter über dem Meeresspiegel. Irgendwie will sich trotzdem keine Euphorie einstellen. Das Gipfelplateau ist mit Restaurant, Frittenbude und Parkplatz bestens erschlossen. An der Wetterstation erfahren wir zudem eine bittere Wahrheit: Der Kahle Asten ist gar nicht der Mount Everest des Sauerlands. Er ist nur der zweithöchste Berg, also so was wie der K2 im Himalaja. Nur ein paar Kilometer weiter nordwärts bohrt der Langenberg seinen Gipfel genau zwei Meter höher in den Himmel. Die Enttäuschung ist riesig. Deprimiert schlurfen Birgit und ich wieder hinab ins Basislager. Sicherlich werden wir irgendwann einmal zum Gipfel des Langenbergs aufbrechen.Am nächsten Morgen böllern wieder unsere Einzylinder durchs Tal. Oder besser: durch die Täler. Wir halten uns nordwärts auf den kleinen und feinen Straßen – etwas anderes scheint es hier auch nicht zu geben – und sehen das Rothaargebirge in den Rückspiegeln langsam verschwinden. Gelegentlich führt uns eine winzige Verbindungsstraße von einem Tal in das nächste. Spannende Kurvenkompositionen, die recht steile Hänge überwinden. Wie die wunderbare Strecke von Brunskappel nach Elpe. Wir kommen richtig in Fahrt, hätten nie gedacht, welche Schmankerl sich im Sauerland verbergen. Zwischendurch fallen uns immer wieder die vielen toll restaurierten Fachwerkhäuser auf. Schöner wohnen scheint kaum noch möglich.Ein kurzes Stück Bundestraße holt uns aus unseren Träumerein zurück auf den geraden Asphalt. Wochenendverkehr. Fahren in der Kolone – Feind Nummer eins, wenn es um Fahrspaß geht. Egal. Augen zu und durch. Und gleich wieder Blinker gesetzt und rauf auf die Landstraße. Wir zockeln durch Arnsberg und – hoppla – staunen plötzlich über eine Strecke, die ganz sicher von einem Motorradfahrer geplant wurde. Anders ist der Weg auf einen kleinen Pass vor der Ortschaft Sundern einfach nicht zu beschreiben. Wir haben eine perfekte Anordnung von Kurven gefunden, wenden in Sundern die Motorräder, fahren wieder hinunter nach Arnsberg und gleich noch mal hoch nach Sundern. Nun ist uns völlig schwindelig. Aber manche Straßen verdienen eine dreifache Befahrung. Auch wenn zig andere Motorradfahrer der gleichen Meinung sind und uns gehörig um die Ohren fahren.Keine Frage, dass so ein Weg am Wochenende zu einer Bergrennstrecke mutiert. Mit allen Folgen. An den verlorenen Kampf um Zehntelsekunden erinnern hier leider zahlreiche Kreuze am Straßenrand.Zum Glück beruhigt sich hinterm Pass die Straße wieder ein wenig, hält nur noch ein paar Serpentinen zum Auslaufen nach Sundern bereit. Wir steuern den nahe gelegenen Motorradtreffpunkt Sorpesee an. Kaffee und Kuchen. Sowie zahlreiche Bikes aller Gattungen. Das alte und beliebte Spiel vom Sehen und Gesehen werden. Für Unterhaltung ist zumindest gesorgt.Wir müssen uns schon fast zwingen, die Einzylinder wieder zu starten. Das Stück Torte und die Sonne im Gesicht haben uns träge werden lassen. Aber der weitere Verlauf der Strecke nach Plettenberg bringt unsere Reflexe dank ihrer zahlreichen Serpentinen blitzartig wieder auf Vordermann. Vorbei an Finnentrop und Kirchhundem nehmen wir noch mal Kurs aufs Rothaargebirge – wir wollen schauen, was es mit dieser auf der Karte rot gekringelten Linie auf sich hat, die hinauf zum Rhein-Weser-Turm führt.Bald tauchen wir wieder in einen dunklen Fichtenwald ein. Eigentlich untypisch für diese Region. Ursprünglich war das Sauerland nur von Buchen, Eichen und Birken bewachsen. Nachdem deren Bestände komplett abgeholzt waren, wurden, um den weiter steigenden Bedarf zu Beginn des Industriezeitalters decken zu können, schnell wachsende Fichtenplantagen angepflanzt, die noch heute die Landschaft dominieren.Ein weiteres Mal scheuchen wir heute die Einzylinder durch die Kehren. Ich bin jedes Mal auf ein Neues überrascht, was sich mit einer alten XT 500 noch so anstellen lässt. Man muss nur vorrausschauend genug fahren. Wegen der Bremsen, die eigentlich keine sind. Und nachts wegen der Sechs-Volt-Funzel. Ein Feuerzeug macht mehr Licht. Doch noch scheint die Sonne, als wir den Rhein-Weser-Turm erreichen, der die Wasserscheide zwischen den beiden Flüssen markiert. Von hier oben haben wir einen weiten Blick über die tausend Berge – so heißt es zumindest – des Hochsauerlands. Aber es bleibt nicht mehr allzu viel Zeit, bis dieser Tag zu Ende geht. Und schon am späten Nachmittag macht sich die lauwarme Frühlingsluft aus dem Staub. Höchste Zeit, den Rückweg anzutreten. Der verzögert sich allerdings, denn hinter Erndtebrück ist wieder Stau auf der Landstraße. Pech gehabt. Wir mogeln uns langsam vorbei, bis wir den Grund für diese dahinkriechende Karawane ausmachen können. Es ist der Lanz Bulldog, der von seinem Piloten zur Höchstgeschwindigkeit getrieben wird. Mit Tempo 18 vibriert der Riesen-Eintopf nach Hause. Sicherlich wird sein Fahrer ein ebenso gelungenes Wochenende wie wir gehabt haben.

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