Schwäbische Alb Zartbitter

Eine Motorradtour über die Schwäbische Alb bietet alles: herrliche Kurvenstrecken zwischen bizarren Felsen und mystischen Burgen ebenso wie Wege an Sonnenblumen und Orchideen entlang.

»Heiligs Blechle, des war guat!« So in etwa würde sich wohl ein motorradfahrender Schwabe ausdrücken, wenn er aus dem kurzen Tal zwischen Bermaringen und Blaubeuren-Asch kommt. Dazu ist im Grunde nichts hinzuzufügen. Außer, daß es von dieser Sorte Kurvengewimmel in den Höhen der Schwäbischen Alb eine ganze Menge gibt. Im fachwerkdurchsetzten Blaubeuren jedoch geht es erst mal um die Tiefen dieses Mittelgebirges, dessen erosionsanfälliger Karstuntergrund von einem adrigen Höhlensystem wie Schweizer Käse durchzogen ist.Der Blautopf, ein rund fünfzehn Meter durchmessender Teich beim Blaubeurer Kloster, ist das offene Ende einer solchen Ader. Jahrelang war die legendenumwobene Quelle Forschungsobjekt des Höhlentauchers Jochen Hasenmayer. In einer waghalsigen Expedition ist er durch dieses »blaugrüne Auge der Erde« 1250 Meter weit gegen den Strom des Wassers vorgedrungen und hat etwas Licht in den Mythos Blautopf gebracht. Mich schaudert vor so viel Mut, als ich beim Anblick dieses kleinen Tümpels davon erfahre. Ich erlebe die Alb lieber auf der Sitzbank meiner Africa Twin.Ein paar schwungvolle Serpentinen steigen von Blaubeuren hinauf nach Beiningen. Dann geht es rechts ab nach Schelklingen und durch die Lutherischen Berge Richtung Münsingen hinüber ins Tal der Lauter. Das zählt zu den erklärten Lieblingszielen von Wanderern, Bootsfahrern und auch Motorradfahrern. Die ersten schwärmen von der lieblichen Landschaft, die zweiten nutzen die träge dahinfließende Große Lauter, um in gemieteten Kajaks Kapitän zu spielen, und die dritten genießen die kurvenreiche Strecke hinunter zur Wimsener Höhle. Auch die steht unter Wasser, aber gegen einen kleinen Obolus kann sie per Holzkahn befahren werden. Ein schaurig-schöner Ausflug in die Welt der Finsternis.Nach einer kurzen Rast im Gasthof Friedrichshöhle lockt, direkt über dem Eingang zur Wimsener Höhle, ein winziges Sträßchen, das auf die Zwiefalter Alb hochklettert und in der Stille der Waldlandschaft zu gemächlichem Motorradwandern verführt. Ein Stück weiter südlich bildet die Donau die natürliche Südgrenze der Schwäbischen Alb. Zwischen Sigmaringen und Tuttlingen hat sie sich tief in den Kalksandstein gegraben, an dessen steilen Wänden und Felsnadeln sich Wochenende für Wochenende die Freikletterer messen. Nach den weiten Bögen am Flußlauf entlang steigert sich die Strecke hinter Kloster Beuron zur wilden Kurvenhatz und steigt über einen Bergrücken hinüber nach Fridingen. Nur zwei Kilometer vom Fridinger Stadtkern entfernt schafft die Donau etwas, was man dem zweitgrößten Strom Europas kaum zutrauen würde: Ein Großteil ihres Wassers versickert hier im Untergrund, um rund zwölf Kilometer weiter südlich, in Aach, als wasserreichste Quelle Deutschlands wieder an die Oberfläche zu treten und über den Rhein in die Nordsee zu fließen. Der Rest, der nicht versickert, schaukelt im Flußbett gemächlich hinunter ins Schwarze Meer.In diesem südwestlichsten Teil der Schwäbischen Alb kratzen die Hügelkuppen knapp an der Tausendmetermarke. Dazwischen verbergen sich zahlreiche gute, spannende Motorradstrecken. Eine davon schlängelt sich über Kolbingen hinauf nach Bubsheim und wieder hinunter nach Dürbheim, von wo sich die Abstecher über Stichstraßen zum Dreifaltigkeitsberg und zum Klippeneck schon allein wegen der Aussicht lohnen. Den einen verehrten bereits Kelten, Römer und Franken als »Heiligen Berg«, den anderen erst die Segelflieger.In nordöstlicher Richtung ragen weithin sichtbar die Türme der Burg Hohenzollern gen Himmel. Der märchenhaft anmutende Prunkbau, Stammsitz des letzten deutschen Kaisergeschlechts, lockt jährlich eine halbe Million Besucher auf 855 Meter Höhe. Nicht weit davon, nahe des verspielten Schrebergartenschlößchens Lichtenstein, ruft aber schon wieder die Unterwelt. Für die größten Tropfsteinhöhlen der Alb, die Nebelhöhle und die Bärenhöhle, sind weder Taucherausrüstung noch Boot nötig. Sie können zu Fuß besichtigt werden. In der Bärenhöhle gibt es tatsächlich noch Skelette des Tieres, das diesem bizarren, jahrtausende alten Kalkstollen seinen Namen gab.Noch älter dürften die Funde sein, die im Urweltmuseum Hauff in Holzmaden ausgestellt sind. Als die Versteinerungen von Ichthyosaurier, Flugsaurieren und Krokodilen noch etwas lebendiger waren, wäre eine Trialmaschine bestimmt praktischer gewesen, um die Schwäbische Alb zu erkunden. Auf der kurven- und burgenreichen Straße der Staufer jedoch, südlich an Schwäbisch Gmünd vorbei, kommt auch die 750er Honda ganz gut zurecht.Letztes Etappenziel ist die Ostalb mit ihren herben Tälern, markanten Felsformationen und schmucken Barockkirchen. Hinter Heidenheim erstreckt sich das Härtsfeld, ein karger, zu früheren Zeiten eher unbeliebter Flecken Erde. Steiniges Ackerland stand nie hoch im Kurs. Inzwischen aber gedieh das Härtsfeld zum Eldorado für Naturliebhaber. Neben Wachholder wachsen hier sogar Orchideen.In Nördlingen endet die Tour. Das gehört zwar streng genommen bereits zum Ries, aber erstens zählt es zu den besterhaltenen, mittelalterlichen Städten in Deutschland, zweitens ist es heuer 1100 Jahre alt geworden, und drittens gibt es in Nördlingen eine ganze Menge guter Kneipen, in denen sich dieser runde Geburtstag gebührend feiern läßt.

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