Schweden Alter Schwede

Schnell fühlt man sich im Süden Schwedens wohl: verwinkelte Schotterstraßen, rote Holzhäuser, endloser Wald und 5000 Seen - eine Reise durch das Reich von Elch und Pippi Langstrumpf.

Das mußte ja so kommen. Seit Stunden fahren Guido und ich über schmale Schotterwege durch den südschwedischen Fichtenwald. Jetzt stehen wir an einer Kreuzung und haben keine Ahnung, wie es weiter geht. Ein uralter Wegweiser mit drei rostigen, gelben Metallschildern verrät: Kylleskruv, links, drei Kilometer. Heda, rechts, ein Kilometer. Und Klockarnflyvegen, da kommen wir her. Unsere Karte kennt keinen dieser Orte. Geradeaus führen nur zwei Fahrspuren. Wohin, steht nicht auf dem Schild.Also geradeaus. Ich kicke die XT wieder an, und wir folgen dem kurvigen Weg durch den dichten Wald. Elchland, aber die Riesenhirsche des Nordens verstecken sich. Noch. Auf dicken, grauen Felsbrocken wächst weiches Moos, garniert mit kleinen Farnen. Ein prächtiger Fliegenpilz gedeiht mitten auf der Piste. Noch eine lange Rechtskurve, dann erreichen wir eine große Lichtung. Drei urgemütliche, dunkelrote Holzhäuser schmiegen sich an den Waldrand, umgeben von perfekt gepflegtem Rasen. Eine blau-gelbe schwedische Fahne bemüht sich um straffe Haltung, torkelt aber mangels Wind nur müde um den Fahnenmast. Der Lärm eines Rasenmähers sägt durch die Stille, und schon verschluckt uns wieder der Wald.Unsere Minipiste endet an einer breiten Asphaltstraße. Schilder gibt es keine, und die Orientierung haben wir jetzt endgültig verloren. Also, links abgebogen. Kaum 20 Minuten später rollen wir in Kosta ein. Im Ort, der in der südöstlichsten Ecke der Provinz Småland liegt und einst Zentrum des Glasreiches war, werden heute noch 15 berühmte Glasbläsereien betrieben. Kosta ist mit über 250 Jahren der älteste Flecken, in dem dieses faszinierende Handwerk ausgeübt wird. Wir schauen zu, wie im Gasofen die 1150 Grad heiße, gleißend helle Schmelze dümpelt. Der Glasbläser holt mit einem langen, hohlen Stahlrohr eine Portion aus dem Ofen. Mit präzisen Handgriffen drückt er den glühenden Klumpen gegen nasses Zeitungspapier. Es zischt und dampft. Hin und wieder schickt der Mann gezielte Luftstöße durch das Rohr und weitet so die ehemals konturlose Schmelze zu einer ansehnlichen Vase.Nach der gemütlichen Wärme in der Glasfabrik erschrickt uns draußen fieser Nieselregen. Das Labyrinth der Waldwege lassen wir links liegen und düsen statt dessen zu unserem Zeltplatz am Helgasjön. Der Bauer Mats Nilsson hat sein Seeufer zum Wildnis-Campingplatz deklariert. Wildnis, das heißt Wasser aus dem See, Plumpsklo im Container und sonst nichts. Dafür stören hier weder Wohnwagen noch Dauercamper wie auf den meisten anderen Plätzen. Dabei gilt in Schweden immer noch das »Allemannsrätten«, das Jedermannsrecht. Dieses uralte Gesetz erlaubt jedem, eine Nacht in der freien Natur zu zelten. Ein Recht, um das die Schweden zu beneiden sind. Aber leider auch eines, das seit zehn Jahren - vor allem von Deutschen, die billigen Urlaub suchen - überstrapaziert wird. Kein Wunder also, daß an den schönsten Plätzen inzwischen »Camping verboten«-Schilder angebracht sind. Am nächsten Morgen ist der Sommer zurück. Ein paar weiße Wolken segeln am hellblauen Himmel. Im seichten Wasser liegt ein hölzerner Steg, perfekt geeignet für ein ausgedehntes Frühstück in der warmen Sonne. Aber nach dem dritten Kaffee locken uns doch wieder die kleinen Straßen. Wir beladen die Motorräder und schlagen Kurs Nordost ein. Erstaunlich, wie gut sich die Hauptstraßen vermeiden lassen. Die kaum befahrene Piste schlängelt sich durch die typische Landschaft Smålands. Ein Potpourri aus Wald, kleinen Seen und roten Holzhäusern. Ab und an ein Minidorf wie Fiffekul, Klo oder Gåmlehult. Gemütlich blubbert die XT im dritten Gang über den feinen Schotter. Wo bleibt bloß der Elch? Sicher hört er den Eintopf meilenweit und macht sich rechtzeitig aus dem Staub. Bleibt nur die Hoffnung auf ein schwerhöriges Tier.Im Dorf Älghult wittern wir unsere Chance. Aha, wie der Name sagt, hier wird also dem Elch gehuldigt. Guido fragt an der Tankstelle nach dem besten Platz für eine Huldigung. »Überall und nirgendwo«, antwortet der Tankwart wenig ermutigend. Also ändern wir unseren Kurs nach überall, werden aber trotz mehrstündiger Suche nicht mit dem begehrten Riesenhirsch belohnt. Elche aufspüren macht hungrig. Gut, daß Eksjö nicht mehr weit ist, wo wir ein Balkanrestaurant finden. Bei amerikanischer Musik serviert uns der chinesische Kellner italienische Pizza mit französischem Rotwein. Multikulti in der schönsten Stadt Smålands. Das Zentrum von Eksjö besteht fast komplett aus Holzhäusern, einige in Blau, andere in Rot, Gelb oder Weiß. Viele Häuser sind über 300 Jahre alt, da dürfen sie ruhig krumm und schief sein. Grobgepflasterte Gassen ziehen sich durch die malerische Altstadt Gamla Stan. Ein kleines, gelbes Schild mit rotem Rand weist uns den Weg von Eksjö nach Rumskulla. Die Landschaft legt sich in Falten. Das schmale und holprige Teerband folgt jeder Delle und umrundet beinahe alle Felsbrocken, wovon es hier viele gibt. Fahrspaß pur. Ab und an eine Lichtung, ein paar Häuser und röhrende Rasenmäher. Und dann passiert das Unerwartete. In sauberer Schräglage bollert die XT durch eine lange Linkskurve, als plötzlich - nur wenige Meter vor mir - ein verdutzt dreinblickender Elch über die Straße trottet. Vollbremsung. Der Koloß macht sich erstaunlich flink aus dem Staub, ich kann nur noch einen kurzen Blick auf ihn werfen. Aber immerhin, keiner ist umgefallen - Elchtest bestanden. Als Guido schließlich neben mir hält, glaubt er kein Wort. Trotzdem besteht er darauf, ab jetzt mit seiner BMW vorauszufahren. Als ob sich Elche durch Gummikühe betören ließen.Wir rollen weiter nach Norden bis zum riesigen Vättern-See. Am Ufer finden wir endlich unseren Traumplatz fürs Zelt. Direkt am Sandstrand unter ein paar alten, knorrigen Kiefern. Weit und breit ist kein Mensch zu sehen. Es ist absolut still, kein Windhauch kräuselt die weite Wasserfläche. Erst spät verabschiedet sich die Sonne hinter den bewaldeten Höhenzügen am anderen Ufer. Fein strukturierte Zirruswolken leuchten erst gelb, dann orange, rot, lila und schließlich weiß. So eine Stimmung - man könnte auch in Kanada sein.Schon früh am nächsten Morgen ist die Sonne wieder aktiv. Und wir mit ihr, denn wir haben ein Rendezvous mit einer alten Lady am Götakanal. Götakanal und Trollhättekanal verbinden seit über 170 Jahren Stockholm mit dem 600 Kilometer entfernten Göteborg am Skagerak. Die Schiffe müssen sich durch 65 Schleusen mühen, die zur damaligen Zeit Meisterleistungen des Kanalbaus waren. Ebenfalls sehenswert sind die drei heute noch aktiven Schiffsveteranen, die für den Kanal maßgeschneidert wurden. Die älteste der drei Ladies, die 125 Jahre alte Juno, treffen wir in der Schleuse von Borensborg - gerade öffnet sich das handbetriebene Schleusentor, und der schneeweiße Dampfer nimmt bedächtig Fahrt auf. Vorbei am alten, stilvollen Göta-Hotel gleitet die Juno durch das dunkle Wasser, in dem sich die Alleebäume des Kanalufers spiegeln.Kaum 100 Kilometer südlich begeben wir uns nochmal auf eine Zeitreise ins letzte Jahrhundert. Das Andrée-Museum in Gränna ist allerdings ungleich spannender als alle Kanäle dieser Welt. Vor 100 Jahren grassierte das große Entdeckungsfieber. Einer dieser Möchtegern-Entdecker war der Schwede Andrée. Er wollte unbedingt als erster zum Nordpol. Ein heroischer Traum, den Andrée aber nicht auf die anstrengende Art mit Schlittenhunden oder zu Fuß realisieren wollte. Nein, gemütlich sollte es schon sein, und so wählte Andrée einen Ballon. Die Ingenieure schüttelten die Köpfe, aber niemand riet von dem Vorhaben ab. Schließlich stand die Ehre der Nation auf dem Spiel. Ein Schwede am Nordpol - wen interessierten da technische Unzulänglichkeiten? Am 11. Juli 1897 hob der Ballon »Adler« von Spitzbergen ab. Der stürmische Südwestwind wurde Andrée und seinen Mitreisenden Fraenkel und Strindberg schon beim Start fast zum Verhängnis. Der Ballon drohte ins Polarmeer zu stürzen. Hektisch warfen die drei Ballast über Bord und retteten so die Expedition. Zunächst jedenfalls. Zwölf Stunden segelte der Adler dann nordostwärts, bevor der Wind einschlief. Zwei weitere Tage trieb das Gefährt kreuz und quer übers Packeis. Schließlich geschah, womit keiner gerechnet hatte. Die feuchte Luft gefror auf der Ballonhülle zu einem dicken Eispanzer. Der Adler bekam akutes Übergewicht, wurde flügellahm und stürzte wenig elegant auf eine Eisscholle. Die nächsten drei Monate kämpften sich die Männer durch die Treibeis-Wüste zurück und erreichten schließlich die unbewohnte Insel Vitö. Aber es nutzte ihnen nichts. Keiner überlebte den Polarwinter. Erst 33 Jahre später wurden die Reste der tollkühnen Expedition gefunden. Zahlreiche Original-Gegenstände und Fotos, die im Andrée-Museum ausgestellt sind, erinnern an die abenteuerliche Reise.Die Ballonfahrt geht uns nicht aus den Köpfen, als wir über die E4 südwärts rollen. Unsere Entdeckerlust ist geweckt. Da kommt der Taberg, einer der höchsten Berge Smålands, gerade recht. Eine kleine Straße windet sich hinauf zum schroffen und felsigen Gipfel. Sie ist zwar nicht ganz so spektakulär wie die Großglockner-Hochalpenstraße, dafür aber auch nicht so unverschämt teuer. Zwei Kurven und eine Kehre. Wow! Satte 343 Meter schwingt sich der Taberg in den Himmel. Nicht rekordverdächtig, aber die Aussicht über die sanfte Hügellandschaft bis zum Vättern-See ist trotzdem schön.Es wird wieder einsamer. Wir folgen kleinen, meist geschotterten Straßen, die sich in endlosen Kurvenkombinationen durch die Wälder schlängeln. Längst haben wir die Ruhe, die diese Landschaft ausstrahlt, verinnerlicht, den Fahrstil darauf eingestellt. Doch dann überrascht uns plötzlich dieses Riesenschild. »Scandinavian Raceway Anderstorp« steht drauf, unübersehbar. Die Yamaha dreht höher und biegt fast von selbst auf die Rennstrecke ab. Alter schützt vor Schräglage nicht, auch mit 180000 Kilometern auf der Uhr fühlt sich der Eintopf frisch genug für ein paar schnelle Runden. Wenn wir wollen, zwinkert uns die junge Frau an der Information zu, können wir ruhig mal um den Kurs fahren. Und ob wir wollen. Mit jeder Runde scheint sich die XT wohler zu fühlen. Den Gepäckberg in meinem Rücken versuche ich zu ignorieren. Wo es langgeht, hat man schnell raus, die Bremspunkte wandern langsam zum Kurveneingang und die Schräglagen werden kühner. Bis ich in einer Runde gleich zweimal von einer tosenden Ducati überholt werde. Okay, okay, dann fahren wir eben wieder weiter, kleine Schotterstraßen suchen. Da paßt die Enduro ohnehin besser hin. Und schließlich gibt´s noch genug von diesen spaßigen Wegen zu entdecken - im Süden Schwedens.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote