Schweizer Alpen (2)

Foto: Johann
In dem immer enger und steiler werdenden Tal rücken die einzelnen Traversen, die aus dem einstigen Pfad entstanden, zusehends dichter zusammen, die Verkehrsadern pumpen verschlungen über- und nebeneinander Schienen- und Straßenfahrzeuge zum Pass. Eisenbahn, Autobahn und Nationalstraße, die mittels Brücken, Stelzen und Galerien zu einem einzigartigen Verkehrskonzept verwoben sind. Bei Inschi ein Haus auf einer Klippe balancierend, 50 Meter tiefer tosen wie Skylla und Charybdis Eisen- und Autobahn entlang. Oben vorm Gartentor die N 2. Wohnen, wo andere rasen. Im Wohnzimmer herrschen Lebensbedingungen wie auf Landebahn sieben von Rhein-Main-Airport, das Rauschen der Reuss ist schon lange übertönt.

Ein Zug verschwindet bei Wassen im Granit, tritt wenig später etwas höher im Berg wieder aus. Nur mittels mehrerer Tunnelspiralen packt die Bahn die harten Steigungsprozente. Bis sie wenige Kilometer weiter in Göschenen im eleganten Paarlauf mit der Autobahn in den Berg abtaucht. Der Tunnel beginnt.

Große Ampelanlagen kündigen auf der A 2 das Nordportal an. Ihre zweispurige Röhre wurde erst rund hundert Jahre nach der Bahntrasse, 1970 bis 1980, freigesprengt. Seit dem Lkw-Unfall vom 24. Oktober 2001, als zwei brennende Reifen- und Textillaster ein Inferno auslösten, wird die Einfahrt streng überwacht. Elf Menschen kamen bei dem Unfall ums Leben und der halbe Alpentransit zum Erliegen. Zusammen mit der Tunnelkatastrophe 1999 am Mont Blanc wurde die Verletzlichkeit selbst hochmoderner Alpentraversen schmerzhaft deutlich. Dennoch wird weiter gegraben. Tief unten am Fuß des Berges ist der Gotthard-Basis-Tunnel bereits im Bau, in dem später die Schnellzüge nicht mal mehr vom Gas müssen, wenn sie von Zürich nach Mailand fegen. Acht Milliarden Franken hat die Schweiz dafür geplant. 2014 soll er fertig sein. Die nächste Dimension.
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Foto: Alp Transit Gotthard AG
Mit der Aprilia bleibe ich derweil auf der N 2, die sich ab Göschenen zusammen mit einer Zahnradbahn weiter zum Pass hinaufarbeitet. Der Lärm ist abgeklungen, die Felsen werden steiler, die Kehren und Lawinengalerien abenteuerlicher. Ein kleiner Schotterweg zweigt ab, die Tuono kriegt den ersten Offroad-Kick. Hier war das Nadelöhr. Die kritische Stelle der ersten Jahrhunderte. Die Schöllenen Schlucht. Unüberwindlich. Wir rollen vorsichtig an der Felswand entlang, dann biegt der Weg abrupt nach rechts und mündet auf einen malerischen Steinbogen: die Teufelsbrücke. Ein paar mutige Urner mauerten sie – beziehungsweise ihre Vorgängerin – vor 800 Jahren über die Schlucht und machten damit den Weg zum Pass frei.

Halt! Noch nicht ganz. Ein nervtötender Felsvorsprung bereitete noch 500 weitere Jahre Kopfzerbrechen. Bis 1707 half eine windige Hängebrücke weiter. Erst als sie den halben Wald- bestand des Ursentals verschlungen hatte, wagte ein Tessiner Baumeister das bis dahin Undenkbare und bohrte sich 60 Meter durch den Granit. Das allererste Tunnelprojekt der Alpen überhaupt, das „Urner Loch“. Heute ein unauffälliger kleiner Tunnel, der Name in typisch Schweizer Pragmatismus fast despektierlich banal – aber hier haben sie’s erfunden, die Schweizer, diese Weltmeister im ewigen Kampf mit dem Berg.

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