Schweizer Alpen Der Gotthard

Zersprengt, durchbohrt, geschient – oder wenn Verkehr zum Schicksal gerät und ein Berg unter die Räder. Der wohl berühmteste Pass der Alpen zahlt für den kürzesten Weg nach Süden einen hohen Preis.

Foto: Johann

Nebelfetzen wabern über den Urner See, leichter Wind löst die Bergspitzen im Süden behutsam aus den Wolken. Uri Rotstock, Glitschen, Chulm, die ersten Fast-Dreitausender der Urner Alpen. Hier liegt die Innerschweiz, hier schoss Tell den Apfel, und ich ziehe den Jackenkragen etwas dichter – hier beginnt der Weg zum Gotthard, dem Herzen der Schweiz.

Der Zündschlüssel der Aprilia Tuono rastet im Schloss, ihre Elektronik antwortet mit feinem Summen, versetzt Zeiger und Lampen samt „EFI“-Einspritzcode in Einsatzbereitschaft. Übersetzt etwa: Lass mich an und nimm mich mit auf diesen Berg! Modern-synthetische V2-Töne erfüllen die kühle Morgenluft, und wir rollen los, zu dieser 3000 Meter hohen, steinernen Barriere zwischen Nord- und Südeuropa.

Ein Granitmassiv, mit dem die Menschen seit Jahrtausenden ringen. Um Übergänge, Traversen oder Tunnel. Denn hier liegt die kürzeste Route über den Alpenhauptkamm, die selbst die Zugvögel wählen. Schicksal eines Bergs und einer Region, die den Lebensnerv zwischen Nord und Süd mitträgt. Nirgends werden die Alpen häufiger gekreuzt als am Gotthard. Vermutlich waren die Römer bereits auf dieser Route unterwegs.

Noch geht es entspannt am Urner See entlang, die Tuono grummelt im Drehzahlkeller. Ich kauere hinter dem breiten Streetfighter-Lenker und dem Digital-Panel, unten roh verschraubte Kühler an den offenen, zerklüfteten Flanken. Hardcore-Mechanical-Look heißt das bei Aprilia. Extrem martialisch und damit durchaus dem Berg gleichend, der sich zunehmend rauer und schroffer aufbaut und gar nicht erst um Schönheit bemüht.

Anzeige
Foto: Johann

Obwohl es im Tal streng genommen fast noch hübsch ist. Flüelen, die letzte Stadt am See und die erste am Pass. Blühend, lebendig – ganz wie der Name. Der alte Bahnhof bildet das zentrale Element zwischen Uferpromenade und Ortskern. Die Talstation der Gotthardbahn quasi. Hier ist der Anfang. Was Flüelen noch in romantischem Promenadenambiente darbietet, zeigt sich wenige Kilometer weiter in seiner eigentlichen Dimension. Erstfeld, ein lärmiger Rangierbahnhof, mächtig und breit wie eine Recklinghäuser Erzverladestation.

Von 1872 bis 1882 arbeiteten Schweizer Bergleute an dem ersten großen Eisenbahn-Tunnelprojekt der Alpen, das oben bei Göschenen den Granit geöffnet hat. Das Wagnis, einen fast 3000 Meter hohen Felsstock von höchst fragwürdiger Dichte und Stabilität runde 1000 Meter unter seinem Gipfel 17 Kilometer weit zu durchbohren, gilt als eine der kühnsten Leistungen des 19. Jahrhunderts. Die geologischen Expertisen füllen im Gotthard-Museum eine ganze Wand. Es war absolutes Neuland, das der Genfer Baumeister Louis Favre beschritt, die Gefahren kaum einschätzbar, der Zeitdruck immens. Die Bergleute treten zum Teil in Streik, die Arbeitsbedingungen sind unmenschlich, Sicherheitsvorkehrungen fast nicht exisitent. 177 Mineure sterben bei dem Projekt. Favre selbst bricht wenige Monate vor dem Durchstich und der Vollendung seines Jahrhundertwerks im Tunnel tot zusammen. 1882 rollt die erste Bahn. Über eine Million Menschen befördert sie bereits im ersten Jahr durch den Berg.

Dagegen war die Entwicklung des derzeit radikalsten Zweizylinders vermutlich ein niederrangiges Ereignis. Den die Aprilia inzwischen so ungeniert trompeten lässt, dass es schier unanständig ist. Ein Kind der Südalpen, das neben der tosenden Reuss vermutlich Heimatgefühle kriegt. Vor der Eisenbahn gab es nur diesen Weg. Den Saumpfad, auf dessen Rudimenten die Straße hinter Amsteg den Berg hinanklettert. Seit rund 800 Jahren mühen die Menschen sich damit ab, legten Pfade und grob gepflasterte Wege an, entwickelten ihn vom Fuß- zum Karrenweg und schließlich zur Straße. Ab 1937 sogar mit Pflaster.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel