Sibirien - das Motorrad

Motorrad fahren auf Schnee und Eis bei Temperaturen von bis zu minus 40 Grad – eine Reise, die im Winter durch Sibirien führt, stellt besondere Anforderungen an Mensch und Material.

Robust und ausgereift, luftgekühlt, kein Schnickschnack und beinahe von jedermann selbst im Schneesturm mit dicken Winterhandschuhen zu warten – bei der Wahl der Fahrzeuge wollten Rob und Dafne de Jong keine Experimente wagen. Unterm Strich kamen für die beiden Abenteurer nur zwei Yamaha XT 600 in Frage. Ob die Technik der Enduros allerdings Temperaturen von bis zu 40 Grad unter dem Gefrierpunkt standhalten würde, war der große unbekannte Faktor – entsprechende Erfahrungsberichte gab es bis dahin nicht.

Auch klar, dass für den Transport der notwendigen und umfangreichen Winterausrüstung und für das Fahren auf Eis und Schnee nur ein Gespann Sinn macht. Da sich in Verbindung mit einer kettenangetriebenen Yamaha XT 600 ein zusätzlich angetriebenes Seitenwagenrad technisch nicht realisieren lässt, grübelten die beiden Extremreisenden darüber, ob es nicht möglich sei, das Gespann bei Bedarf schnell mit dem Solo-Motorrad zu einer zweiradangetriebenen und somit traktionsstarken Fuhre zu verschrauben.

In die Tat umgesetzt wurde dieser Plan von Helmut Hermann vom Stern Gespannservice (www.stern-gespannservice.de). Die Basis bildete ein robuster Stahlrahmen und eine Verkleidung aus Kunststoff als Wetterschutz für die auf der Plattform gestapelten Ausrüstungsgegenstände – wo wenig dran ist, kann auch wenig kaputt gehen. Parallel dazu wurden drei Stahlausleger an verschiedenen Stellen des Rahmens der Solo-XT angebracht, um dieses Motorrad mit dem Gespann in möglichst kurzer Zeit verbinden zu können. Für den Fahrbetrieb wird das nun arbeitslose Rad des Seitenwagens mit Hilfe eines einfachen Mechanismus hochgeklappt. Damit die so vereinten Piloten stets auf gemeinsamen Kurs bleiben, hat Hermann eine mit wenigen Handgriffen zu montierende Lenkgestängekonstruktion entwickelt, die jeweils auf der Höhe des Lenkkopfs an einem Ausleger beide Gabeln miteinander verbindet – fertig war das Expeditionsmobil.

Zumindest teilweise. Jetzt ging es darum, die Fahrzeuge gegen die Kälte zu rüsten. Damit das Motoröl bei arktischen Temperaturen überhaupt in Schwung kommt, wurde es mit 15 Prozent Dieseltreibstoff vermischt. Zusätzlich rüstete Rob die Maschinen mit einer an den Schwimmerkammern montierten Vergaserheizung aus, implantierte gegen Kälte unempfindlichere Gel-Batterien, die zudem über eine sehr hohe Startleistung verfügen, und verzurrte auf der Ladefläche des Beiwagens einen 1000 Watt starken Notstromgenerator. Damit lassen sich die XTs selbst bei minus 40 Grad starten oder Heizdrähte auf Temperatur bringen, die notfalls in den Öleinfüllstutzen eingeführt werden, um das Motoröl anzuwärmen. Um die besonders kälteresistenten (und mit Spikes versehen) Reifen des schwedischen Herstellers Trelleborg aufziehen zu können, wurden die Antriebsräder, das Beiwagen- und das Vorderrad der Zugmaschine mit 18er-Felgen versehen. Bei den Wilbers-Federbeinen handelt es sich ebenfalls um eine wintergerechte Sonderanfertigung: Ein »Eiskratzer« sorgt an der Dämpferstange dafür, dass das Teil stets eis- und schneefrei bleibt.

Dann der erste Härtetest für Mensch und Material: Rob und Dafne verschwanden dick vermummt mit den Motorrädern und der gesamten Ausrüstung für mehrere Stunden in einer riesigen Kühlkammer, in der ansonsten Lebensmittel gelagert werden – und in der für diesen Test eine Temperatur von minus 46 Grad herrschte. Zelt aufbauen, Schlafsäcke und Isomatten auslegen, eine Suppe kochen – alles keine leichte Angelegenheit mit dicken Winterhandschuhen. Dass sich die Motorräder nach dieser Abkühlung tatsächlich wieder starten ließen, besiegelte endgültig den kühnen Plan der Abenteurer, damit im Dezember nach Sibirien aufzubrechen.
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