Sierra Nevada (2)

Foto: Eisenschink
Ein kurzes Stück Autobahn bis zur Ausfahrt Granada Zentrum, und ich bin bereits vom Sog der quirligen Provinzhauptstadt erfasst. Im Schlepptau einer einheimischen Rollergang brettere ich im Gassen-Zickzack den Berg hinauf und wieder hinab. Linkskurve folgt auf Rechtskurve, dunkle Gassen auf sonnenüberflutete Plätze, grobe Pflastersteine auf feinsten Asphalt. Am Ende des Höllenritts stehe ich vor den Souks der Alcaicería, blicke auf ein schier überbordendes Angebot an orientalischen Wasserpfeifen, Teppichen, Öllämpchen, Berbertrommeln, arabischen Krummdolchen – und frage mich, ob ich tatsächlich in Spanien bin.

Märchenhaftes Granada. Rund 800 Jahre stand die Stadt unter islamischer Herrschaft, bevor sie die spanische Reconquista im Jahr 1492 für das christliche Abendland zurückerobert hat. Doch noch heute weht durch das alte arabische Viertel ein Hauch Orient, der sich auf harmonische Weise mit den Insignien des Okzidents vermischt. Mitten aus den Souks erhebt sich die Kathedrale nebst Grabkapelle der katholischen Könige, in den Auslagen der arabischen Händler haben Madonnenfigürchen, Rauschgoldengel, Rosenkränze, ja sogar Flamenco-Kostüme und Plüsch-Stiere ihren festen Platz.

Ich parke die Honda neben dem Verkaufsstand des „Kaligrafen von Bagdad“ und schlendere durch verwinkelte Gassen den Albayzín-Hügel hinauf, erstehe ein Paar goldbestickte arabische Pantoffeln im Bazar Medina, esse Couscous in der Kasbah, trinke Pfefferminztee in der Tetería Al Andalus und beobachte, wie Bauchtänzerin Laila in der Caldería Nueva ihre Hüften schwingt. Es dämmert schon, als ich den Aussichtspunkt vor der Kirche San Nicolàs erreiche und über die Darro-Schlucht hinweg auf die Alhambra schaue. Die UNESCO hat sie auf die Liste des Weltkulturerbes gesetzt, rund 8000 Gäste drängen täglich durch ihre Pforten und machen sie zu Spaniens meistbesuchtem Monument. Aus gutem Grund. In roséfarbenes Licht getaucht, wirkt die maurische Festung wie ein Märchenschloss aus Tausendundeiner Nacht – gesäumt von Dattelpalmen, überragt von den schneebedeckten Dreitausendern der Sierra Nevada.
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Foto: Eisenschink
Am nächsten Morgen packe ich meinen dicksten Fleece-Pulli in den Tankrucksack, fülle heißen Tee in die Thermosflasche und verschwinde auf „Europas höchst gelegener Straße“ in den Bergen. Rund 1350 Höhenmeter auf den ersten 35 Kilometern.

Schier endlos fädeln sich die Serpentinen durch den Kiefernwald, das Nationalpark-Besucherzentrum El Dornajo taucht auf („wir verkaufen Schneeketten“), dann ist die Baumgrenze erreicht, und der Blick schweift über die eisige Flanke des 3398 Meter hohen Pico Veleta. Dahinter erhebt sich der Gipfel des Mulhacén, mit 3481 Metern Spaniens höchster Berg auf dem Festland. Auf 2100 Metern liegt Solynieve, das südlichste Wintersportgebiet auf der Iberischen Halbinsel. Ausstaffiert mit Skiliften, achtstöckigen Hotelkästen und dem aufgerissenen Schlund von Spaniens größter Tiefgarage, die in Stoßzeiten etwa 3000 Autos schluckt. Solynieve, auf deutsch: Sonne und Schnee, ist ein Ort aus der Retorte.

Nur wenige Kilometer vom Trubel entfernt genieße ich wieder die nahezu unberührte Natur einer Bergregion, die man als Biosphärenreservat unter Schutz gestellt hat. Angegliedert ist der 86000 Hektar große Sierra-Nevada-Nationalpark, in dem noch Steinböcke, Geier und Königsadler heimisch sind. Selbst wenn ich keines der seltenen Tiere erspähe – der Weitblick über die schneebedeckten Felshänge ist phänomenal. Ein paar widerstandsfähige Gräser ragen aus der Winterlandschaft empor, an denen Eiskristalle funkeln wie Lametta. Doch noch ist die Fahrbahn frei und führt mich unter stahlblauem Himmel bis auf 2550 Meter Höhe, bevor sie hinter einer weiß-roten Schranke unter einer geschlossenen Schneedecke verschwindet.

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