Sinai Wie am dritten Tag

Die Sinai-Halbinsel, wo nach dem Alten Testament Moses die Zehn Gebote empfing, gleicht heute noch einer Urlandschaft wie zu Zeiten der Schöpfungsgeschichte: schroffe Gebirge, menschenleere Wüsten, unzählige Canyons und Wadis - und Tauchgründe, die zu den schönsten der Welt gehören.

Grau ist der Himmel über der Wüste. Es regnet. Zum erstenmal in diesem Winter und so heftig wie nie zuvor in den letzten fünf Jahren. Ich komme mir vor wie ein stümperhafter Anfänger. Dummheit Nummer eins: keine Regenhose eingepackt. Fehler Nummer zwei: Michael und ich sind vor einer Stunde von der Hauptstraße in das Wadi Zahgra abgebogen, um die Strecke quer durch den Sinai bis nach Dahab an der Ostküste abzukürzen. Eines jener canyonartigen und bei Trockenheit wasserlosen Flußtäler, die hundertfach die Halbinsel durchziehen und zu tödlichen Fallen werden können, wenn sich bei den seltenen Regenfällen das Wasser sammelt und - wie in diesem Moment - als Sturzbäche durch die Schluchten schießt: Ursache für die makabere Statistik, daß in den Wüsten dieser Welt mehr Menschen ertrinken als verdursten.Zum Umkehren ist es jetzt zu spät. Bergauf hätten wir wegen der extremen Steigung und des aufgeweichten Untergrunds keine Chanche, wieder die Straße zu erreichen. Immer tiefer versinken die Räder unserer Enduros im Matsch, immer öfter schwappt das braune, schäumende Wasser bis über die Motorblöcke. Wir rutschen mehr als daß wir fahren, können der stärker werdenden Strömung in der engen Schlucht nur gelegentlich nach links oder rechts ausweichen, sind inzwischen naß bis auf die Haut.Längst habe ich keinen Blick mehr für die spektakuläre Landschaft, die uns umgibt, seit wir am Vormittag - und bei bestem Wetter - die reizlose Küstenstraße bei Abu Rudeis verlassen hatten. Wir tauchten ein in eine Wunderwelt aus hochhaushohen Felsformationen, die im Wadi Sidri immer enger zusammenrückten, bis wir stellenweise nur noch durch einen schmalen Spalt das leuchtende Blau des Himmels erkennen konnten. Wind und Wetter haben das weiche Gestein zerfurcht und geformt, bizarre Gebirge geschaffen, die nur aus Ecken und Kanten bestehen, unzählige Muster und Reliefs geschnitten, als hätten Heerscharen von Bildhauern jahrelang daran gearbeitet. Eine phantastische Wüstenwelt, ein Labyrinth von Schluchten, das je nach Tageszeit und Sonnenstand in allen nur denkbaren Schattierungen zwischen Rot und Braun leuchtet, durch das versteckte Wege und Pfade führen, die seit Menschengedenken als Verbindungen zwischen Afrika und Asien dienen. Für Händler, Krieger, Nomaden - und für den Propheten Moses, der vor über 3000 Jahren das Volk Israel aus der ägyptischen Gefangenschaft hierher in den Süden des Sinai führte.Die Geschichten des Alten Testaments sorgen heute für babylonisches Stimmengewirr. Touristen aus aller Welt pilgern tausendfach an die Flanken und bis auf die kahle Spitze des Gebel Musa, des Moses-Bergs, wo der Prophet die zehn Gebote in Steintafeln ritzte. Auch mich reizte der Aufstieg auf den knapp 2300 Meter hohen Gipfel, lockte der sagenhafte Blick besonders bei Sonnenaufgang über die einzigartige Gebirgslandschaft. Doch nach unserer Tour durch das Wadi Sidri zogen plötzlich dunkle Wolken auf. Der biblische Berg war im verhangenen Himmel nicht mehr zu erkennen, und die Abkürzung durch das nahe Wadi Zahgra nach Dahab schien uns der schnellste Weg, um dem drohenden Unwetter zu entkommen - bis der Regen begann.Dahab. Kurz vor Mitternacht. Hektische Gestalten rennen durch den Ort. Autos stecken unverrückbar bis über die Räder in riesigen Wasserlöchern. Eine breite Schlammlawine hat Teile der Hauptstraße unpassierbar gemacht und Strommasten umgeknickt. Im flackernden Schein unzähliger Kerzen hocken Touristen und einheimische Beduinen auf nassen Sitzkissen in den ufernahen Behausungen, die nur aus einfachen Holzgerüsten und bunten Stoffplanen bestehen, und lauschen batteriebetriebenen Radios, die erste Informationen über die Ausmaße des Unwetters empfangen. Es wird Tage dauern, bis die wenigen Straßen und Pisten, die durch den Sinai führen, wieder befahrbar sind.Ich hätte mir keinen besseren Platz aussuchen können, um auf gutes Wetter zu warten. Direkt am Rand der Wüste beginnt eine märchenhafte Unterwasserwelt, beginnen die Tauchgründe des Roten Meeres, die zu den attraktivsten der Welt gehören. Unzählige Korallenriffe reichen direkt bis an die Küste, und der Gegensatz könnte nicht krasser sein: oben braunes, totes Land, nur Sand und Felsen -unter Wasser ein Rausch aus Farben. Pralles Leben, artenreich und vielfältig wie sonst nirgendwo in diesen Breiten. Warme Meeresströmungen machen es möglich: Auch im Winter sinkt die Wassertemperatur im Roten Meer nicht unter 22 Grad. Spontan melde ich mich für einen einwöchigen Tauchkurs an, während mein zufälliger Reisebegleiter Michael so schnell wie möglich nach Israel weiter fahren will.Tag für Tag entschwinde ich wie ein langsam sinkender Fallschirmflieger immer tiefer in diese knallbunte Wunderwelt. Es dauert, bis sich meine Bewegungsabläufe dem neuen Element angepaßt haben und ich endlich Kopf und Augen frei habe für das, was mich umgibt. Völlig schwerelos gleite ich an wuchernden Korallengärten entlang, beobachte Papageienfische mit schrillen Mustern aus Lila und Türkis, entdecke meterlange Muränen und giftige Drachenfische, folge einem riesigen Schwarm silbrig glänzender Barrakudas, der nach einer Weile in kreisrunder Formation langsam in für mich als Anfänger unerreichbare Tiefen jenseits von 25 Metern abtaucht. Eine stille Welt. Nur das eigene rhythmische Atemgeräusch und das kaum vernehmbare, ständige Knistern und Knacken der Korallen, sonst nichts. Mir fällt es schwer, wieder in den Sattel der XT zu steigen.Wie ein schwarzes Band windet sich die Straße auf und ab in Richtung Nuweiba durch wüstenhaftes Land. Dünenfelder liegen zerstreut zwischen ausgefranzten Gebirgszügen und wildgeformten Felsenzyklopen. Breite Schluchten und Wadies durchtrennen senkrechte Wände und verlieren sich schließlich im unzugänglichen Hinterland. Kilometer um Kilometer nichts als Sand und Stein unter einem glühend heißem Himmel. Ein faszinierendes wie lebensfeindliches Land, nahezu ausschließlich bewohnt von Beduinen, die seit unzähligen Generationen als Nomaden durch den Sinai ziehen. Nur ab und zu sind ihre Zelte von der Straße aus zu sehen. Einfache Konstruktionen mit Dächern aus schwarzen Ziegenhaar und Wänden aus Sackleinen. Männer sitzen im Schatten ihrer Fahrzeuge, während Frauen, verhüllt bis auf die Augen, kaum wahrnehmbar umherhuschen, um Tee zu servieren oder sich um die Handvoll Schafe und Ziegen zu kümmern.Bei Nuweiba, einem trostlosen Nest aus einstöckigen grauen Häusern, fällt die Straße wieder hinunter zur Küste, trennt dann haarscharf Wüste und Meer, dessen dunkles Blau meine vom hellen Sand angestrengten Augen entspannt. Saudi Arabien erscheint am gegenüberliegenden Ufer zum Greifen nahe. Nackte graue Felsen, die senkrecht aus dem Golf von Akaba wachsen. Ein Anblick, der mich bis Tabah begleitet. Kurz vor dem schwer bewachten Grenzübergang nach Israel biege ich wieder ins Landesinnere ab, folge der ansteigenden Straße durch schroffe Gebirge, bis sie nach vielen Kilometern in einer weiten und kargen Ebene mündet. Heiße, unbewegte Luft liegt über diesem trostlosen Landstrich, wo 1967 während des Sechstagekrieges zwischen Israel und Ägypten heftig gekämpft wurde.An der nächsten Kreuzung halte ich mich in Richtung Süden. Irgendwann markieren steile Felsen den kurvigen Weg, der mich wieder bis Nuweiba führen soll. Immer enger wird die Schlucht, schließlich stehen die goldglänzenden Wände aus Stein so dicht, daß gerade zwei Autos gleichzeitig passieren können. Erst in der Oase Ain Furtega zweigt ein Weg ab ins einzige Seitenwadi in dieser sonst auswegslosen Schlucht. Schnell verliert sich die anfangs noch feste Piste in dem breiter werdenden Tal, verschwindet schließlich unter tiefem Sand, fein wie Puderzucker, bis ich nach zwölf Kilometern ein hochgelegenes Plateau erreiche. Der Ausblick ist überwältigend. Ein buntes Felsenreich umschließt einen tiefen Talkessel. Gemusterte Fassaden aus Granit und Kalk, zerklüftet und unzugänglich und nur unterbrochen von zahlreichen Schluchten und Wadies.Zu Fuß steige ich hinunter in das glühend heiße Becken. Der Pfad führt vorbei an einer einsamen Akazie, windet sich in engen Serpentinen tiefer in den roten Stein. Dann entdecke ich den ausgetretenen Weg zum Coloured Canyon, einem hohen und schmalen Spalt, in dessen senkrechte Wände Wind und Wasser in Jahrtausenden bunte Erosionsmuster geschliffen haben.Immer enger schließt mich der Canyon ein. Glattpolierte Mauern aus vielfarbigen Gesteinsschichten, die durch die gewaltigen Kräfte der Natur zusammengepreßt und geformt wurden und die sich schließlich bis auf Schulterbreite verengen. Wie überdimensionale Bowlingkugeln versperren gleich dreimal tonnenschwere Steinsbrocken, die irgendwann einmal von weit oben heruntergestürzt sind, den schmalen, gewundenen Weg. Auf allen Vieren krieche oder klettere ich über diese glatten, haltlosen Hindernisse in dieser atemberaubend schönen und stillen Naturkulisse, in der Temperaturen wie in einer finnischen Sauna herrschen. Gleichermaßen begeistert und erschöpft mache ich mich nach mehreren Stunden auf den steilen Rückweg. Ich brauche dringend wieder Fahrtwind im Gesicht.Südlich von Nuweiba erreiche ich die in dieser Hälfte des Sinais einzige Verbindungsstraße zwischen Ost- und Westküste, die teilweise wunderbar geschwungen durch das langsam ansteigende Gebirge führt, dessen bekanntester Gipfel der Moses-Berg ist, den ich jetzt unbedingt besteigen möchte. Bis dahin Wüste in allen Variationen, vielfarbig, menschenleer - und skurril: Nur wenige Kilometer vom biblischen Berg entfernt hat der Belgier Jean Verame kleine und große Felsen, teilweise sogar ganze Hügel, mit insgesamt zehn Tonnen blauer Farbe angestrichen. Mit seinen Blue Hills wollte sich der Künstler für den Frieden einsetzen. Die Wirksamkeit einer solchen Aktion sei dahingestellt - aber die Farbtupfer paßen wunderbar in diese braune Landschaft.Drei Uhr morgens. Es weht ein eisiger Wind, die Temperatur liegt knapp über dem Gefrierpunkt. Kurz vor dem festungsartigen Katharienen-Kloster stelle ich mein Motorrad ab - und muß feststellen, daß ich trotz der Kälte nicht der einzige bin, der heute pünktlich zum Sonnenaufgang auf dem Gipfel stehen möchte: Knapp 1000 Touristen sind bereits unterwegs.Der steile Weg ist trotz der Dunkelheit nicht zu verfehlen. Eine endlose, laut schwatzende Lichterkette wandert weithin sichtbar langsam bergauf. Vorbei an den hohen Mauern des Kloster, das bereits im 6. Jahrhundert errichtet wurde, schließlich über enge, ausgetretene Serpentienen. Noch dichter und hektischer das Gedränge auf dem Gipfelplateau, das ich nach zwei zähen Stunden erreiche.Auf einmal herrscht Ruhe. Die ersten Strahlen der Sonne verfärben den östlichen Himmel in ein rosa leuchtendes Meer, lassen die kahlen Spitzen der umliegenden Berge aus Granit und Basalt feuertot leuchten. Ein Rausch an Farben, der mit zunehmenden Sonnenstand noch an Intensität gewinnt - ein einzigartiges Schauspiel, das für die meisten wegen der harschen Kälte nur von kurzer Dauer ist. Nach einer Stunde stehe ich fast allein auf dem 2285 Meter hohen Gipfel. Lange schaue ich wie gebannt über diese zerfurchte Urlandschaft aus Fels und Stein, die sich in einem halluzinogenen Licht vor mir ausbreitet. Es fällt schwer, daran zu denken, daß ich in zwei Tagen wieder im winterlichen Deutschland landen werde.

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