Sizilien im Frühling Eine Insel sieht bunt

Oder gelb, wenn gerade irgendwo Ginster blüht. Und verführt mit traumhaften Motorradstrecken auf Schotter sowie Asphalt, antiken Bauwerken, einer überraschenden Weite und schließlich dem größten Vulkan Europas.

Foto: Deleker

Stop and go, Lärm, Hitze, Gestank, drängeln, hupen, gestikulieren und gleichzeitig telefonieren, dann blitzartig in eine nicht wirklich vorhandene Lücke stoßen, dazwischen Motorroller von vorne, von hinten, von oben und unten. Chaos? Ach was, voll normal auf Sizilianisch. Feierabendverkehr in Palermo. Ein Affront gegen teutonische Tugenden wie Ordnung, Rücksicht, Spurtreue oder Regelakzeptanz. „Der Kraftfahrer sollte sich vorbereiten, mahnt ein älterer Reiseführer. Robert und ich sind alles andere als vorbereitet, jedenfalls nicht auf den Freitagskollaps Palermos. Aber genau in den hinein entlässt einen die Fähre La Superba, deren Hafenbecken fast mitten in der Inselhauptstadt liegt. Der Crashkurs ist kostenlos, unausweichlich und höchst lehrreich.

Wir versuchen, die zunächst unergründlichen Spielregeln zu verstehen, schwimmen irgendwie mit und lassen uns vom Verkehr westwärts spülen. Hauptsache raus. Was besser klappt als anfangs befürchtet. Der kleine Campingplatz Sveracavallo vor den Toren der Stadt ist eine Oase der Ruhe, umfangen von alten Mauern und beschattet von knorrigen Bäumen. Endlich angekommen, dem fiesen deutschen Aprilwetter entflohen. Lauwarmer Wind streicht über die Zelte, trägt den schweren, süßlichen Duft von blühendem Ginster. Die Frühlingssonne wärmt den Weg nach Westen, über fast verkehrsfreie Nebenstraßen trödeln wir mit den Enduros durch die sanft gewellte Landschaft. Die Hektik Palermos ist vergessen, Sizilien spielt nun eine ganz andere Melodie: Ruhe, Weite und überraschende Einsamkeit. Wie ein intensiv grüner Teppich überziehen Wiesen und Felder die Hügel. Rot leuchtende Kleefelder, gelber Ginster und mit kräftigem Löwenzahn übersäte Straßenränder setzen die farbigen Akzente.

So manche Nebenstraße renaturiert sich inzwischen von selbst, ist auf dem Rückweg von der Teerstraße zur Piste. Wir kommen langsam runter, nehmen das Gas ein Stückchen zurück. Nur die Orientierung gerät mitunter zum Glücksspiel. Schilder zeigen in die falsche Richtung oder fehlen ganz. Bleibt oft nur Navigieren nach Gefühl und Sonnenstand, was nicht immer auf Anhieb klappt. Immerhin entdecken wir auf diese Weise Wege, die nicht mal in der Karte verzeichnet sind. Und erreichen abends nach einen entspannt-spannenden Tag trotzdem die antiken Tempel von Selinunt an der Südwestküste.

Um dem Ansturm der Bustouristen zu entgehen, streifen wir früh am nächsten Morgen durch die gigantischen Ruinen der Griechenstadt, in der während der Antike über 100000 Menschen lebten. Von den alten Tempeln sind leider nur kolossale Bruchstücke durcheinandergewürfelter Säulen, Wände und Steine übrig. Lediglich einer der Tempel wurde wieder aufgebaut und zeigt die beeindruckende griechische Baukunst, deren Verhältnisse von Flächen, Längen und Breiten bis heute als ideal harmonisch gelten. Zudem hatten die Griechen ein feines Gespür für die perfekte Lage, bauten ihre Tempel stets am schönsten Platz. Das gilt auch für die berühmten Bauwerke von Agrigent, die ganz oben auf einem Hügelkamm über dem Tal thronen. Der 2500 Jahre alte Concordia-Tempel ist der einzige, der niemals zerstört wurde. Er überstand Karthager, Römer, Erdbeben und andere Katastrophen fast unbeschadet. Könnten die antiken Baumeister ihn heute noch betrachten, sie wären sicher stolz auf ihre solide Konstruktion. Entsetzt wären sie allerdings über den modernen Hintergrund: Wie ein Geschwür wuchert die hässliche Neustadt von Agrigent auf den Hügeln hinter den Tempeln.

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Foto: Deleker

Genug Ruinen, wir suchen die SS 118 und kurven nordwestwärts. Doch der Spaß stellt sich nicht recht ein, denn viele Strecken im Westen der Insel sind geprägt von schmierig-glattem Teer. Je glänzender, desto glatter. Ungewollte Rutscher in geringer Schräglage sorgen nicht nur für unerwünschte Adrenalinschübe, sondern auch für massiven Vertrauensverlust. Der Grund, erklärt ein einheimischer Honda-Fahrer, sei die Beimischung von Marmor zum Teer. Autoreifen polieren das unglückliche, aber leider sehr haltbare Gemisch im Lauf der Jahre regelrecht – und machen es dadurch stetig rutschiger. Also konzentrieren und vorsichtig fahren. Allmählich gewinnt die Straße an Höhe, kurvt hinauf in die Monti di Sicani, immerhin bis 1450 Meter hoch. Wald ist hier Mangelware, die Berge sind mit Feldern und Wiesen ausgelegt. Die wenigen Orte können mit der herrlichen Frühlingslandschaft indes nicht mithalten, erinnern mit ihren nüchternen und farblosen Zweckbauten eher an Nordafrika als an Italien. Der Charme pastellbunter Dörfer, wie sie etwa in Ligurien vorherrschen, fehlt den sizilianischen Ortschaften völlig. Dafür begeistern sie oft mit ihrer aussichtsreichen Lage auf Bergrücken hoch über den Tälern. Wie Prizzi, berühmt geworden durch Jack Nicholsons Mafiaepos „Die Ehre der Prizzis“. Noch heute könnte Prizzi mit seinen verwinkelten, engen und steilen Gassen als Realkulisse für die Fortsetzung des Films dienen. Die „ehrenwerte Gesellschaft“ der Prizzis und Corleones hat in Sizilien noch immer die Fäden in der Hand, auch wenn diese im Lauf der letzten Jahrzehnte deutlich dünner geworden sind.
Mittag, höchste Zeit für einen Snack in einer Bar. Doch die Suche verläuft ergebnislos. Die Siesta wird auf dem Land eisern eingehalten. Nicht mal einen Cappuccino können wir in Prizzi ergattern. Erst viel später in Roccapalumba werden wir fündig. Von dort klettert die SS 285 – endlich mal bestens geteert – hinunter zum Meer.

Die Nordküstenstraße nervt. Hauptverbindungsweg der Insel, zu viel Verkehr, zu viele Orte. Aber bevor wir wieder ins Landesinnere abbiegen, stoppen wir in Cefalù. Umwerfend ist allein die Lage der Altstadt auf einer Landzunge im Meer. Schmale, gepflasterte Gassen, manche nicht mal breit genug für ein Ape-Dreirad, verstecken sich zwischen den gleichförmigen vierstöckigen Häusern, von denen die meisten aus dem 16. Jahrhundert stammen. Auf den mit schmiedeeisernen Gittern bewehrten Balkonen weht in dichten Reihen Bettwäsche im Wind. Geht es Anfang Mai in Cefalù noch ruhig zu, steppt in den Sommermonaten hier der Bär. Sicher sind dann auch die Eisportionen in den zahlreichen Gelaterias kleiner. Wir ordern fünf Kugeln vom vermutlich besten Eis der Welt, finden eine freie Bank zwischen bunten Fischerbooten am Stadtstrand, während vor uns die Sonne die letzten orangefarbenen Meter des Tages macht. Direkt hinter Cefalù wachsen die Berge der Madonie in den wolkenlosen Himmel. Abgesehen von seiner Majestät, dem Ätna, erheben sich in der Madonie die höchsten Berge der Insel, der Pizzo Carbonara misst fast 2000 Meter. Die Madonie entzieht sich jedem Sizilien-Klischee, erinnert mit ihren dichten Buchenwäldern, engen Tälern zwischen schroffen Gipfeln und glasklaren wilden Bächen eher an die Alpen als an Südeuropa. Selbst die wenigen Straßen zeigen alpinen Charakter: bester Teer, Kurven bis zum Abwinken, 1000-Meter-Pässe. Und im Gegensatz zu mancher Alpenregion gegen null tendierender Verkehr. Endlich wieder reueloser Motorradgenuss.

Südlich der Madonie verliert die Landschaft ihre alpine Prägung, macht erneut Platz für die einsame Weite Zentralsiziliens. Baumlose Hügel rollen bis zum Horizont, Weizenfelder wogen im sanften Westwind, wechseln sich ab mit blumenübersäten Wiesen. Stundenlang schwingen wir durch die grünen Wellen gen Süden, bis wir das hoch auf einem Bergrücken thronende Enna erreichen, wo schon vor 3000 Jahren das Volk der Sikuler siedelte. Von deren Kultur ist allerdings nichts mehr geblieben, zu oft wurde die strategisch wertvolle Lage Ennas von Karthagern, Römern oder Arabern begehrt, die die Stadt in unschöner Regelmäßigkeit zerstörten und anschließend in ihrem Stil wieder aufbauten. Nach Stadtrundgang, Museen oder antiken Ruinen steht uns ohnehin weniger der Sinn, verlockender erscheint der ein-zigartige 360-Grad-Panoramablick vom höchsten Punkt Ennas. Von wo aus wir uns einen ersten Blick auf den nur noch 70 Kilometer entfernten Ätna erhoffen. Der aber versteckt sich im Dunst. Also die Enduros starten und die SS 120 anpeilen, vom Reiseführer als eine der feinsten Panoramastraßen geadelt. Doch kein Lohn ohne Mühe. Sogar reichlich Mühe bereitet es, in Nicosia dem Straßenlabyrinth mit seiner typisch sizilianischen Beschilderung zu entkommen. Alle Wege führen nach – nein, nicht nach Rom, sondern zurück nach Enna, zumindest, wenn man den Schildern Glauben schenkt. Ein Schildbürgerstreich? Weil Männer bekanntlich niemals nach dem Weg fragen, irren wir fast eine Stunde durch Nicosia, bis wir schließlich mehr oder weniger zufällig den richtigen Ausgang nach Troina finden.

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Foto: Deleker

Endlich die SS 120. Der Reiseführer hat nicht zu viel versprochen, diese Straße ist der Hammer. Erst recht, als kurz hinter Cerami am Horizont der Ätna auftaucht, frisch verschneit, gigantisch groß und mit dekorativer Rauchfahne verziert. Ab diesem Moment sind die unzähligen Kurven fast nebensächlich, wir haben nur noch Augen für den größten Vulkan Europas. Die schönste Sicht findet sich bei den Ruinen des alten Dorfs Borgo Salvatore Giuliano. 30 Kilometer vom Vulkan entfernt wähnten sich die Bewohner Jahrhunderte auf der sicheren Seite. Aber die tödliche Gefahr kam von unten – ein Erbeben zerstörte das malerische Dorf. Der permanent aktive Ätna ist für die Menschen an seinen sanften Hängen Segen und Fluch zugleich, sie lieben und hassen ihn, verdrängen die stets präsente Gefahr, dass der Vulkan sie nur so lange duldet, wie er will. Mongibello nennen ihn die Sizilianer, schöner Berg. Die fruchtbare Vulkanerde ist ein perfekter Boden für Obst- und Weinanbau. Üppige Ernten sorgen für Wohlstand. So lange, bis sich der feuerspuckende Berg wieder räuspert und lange Lavaströme alles vernichten, was ihnen in den Weg kommt. Von Nicolosi windet sich eine wunderbare neue Straße mit perfekten Radien durch schwarze Lavafelder hinauf zum Rifugio Sapienza, dem touristischen Hotspot am Ätna. Erst sieben Jahre ist es her, dass ein Lavastrom viele Andenkenläden, Parkplätze und die Seilbahn zerstörte, die noch weiter hinauf führt. Inzwischen ist alles wieder aufgebaut, aber die Besitzer der Souvenirbuden und Cafés wissen sehr wohl, dass ihre Existenz eine Frage der Zeit ist. Drohend erheben sich die vier dampfenden Gipfelkrater hoch über dem Rifugio.

Hier oben auf 1950 Meter Höhe ist vom Frühling nichts zu spüren. Kalter Wind fegt über bizarre Lavafelder, Schneereste am Straßenrand zeugen trotz natürlicher Fußbodenheizung vom rauen Klima. Wir seilen uns nach Zafferana ab, 1400 Höhenmeter praktisch ausschließlich in Kurven, Geraden finden kaum statt. Eine traumhafte Strecke wie fast alle, die sich rund um den 3330 Meter hohen Riesen schlängeln. Die 120-Kilometer-Runde um den Ätna zählt zweifellos zu den spannendsten Kursen Europas, nicht zuletzt wegen der ständig wechselnden Aussichten zum rauchenden Giganten und den sichtbaren Folgen seiner Ausbrüche. Komplett erfüllt rollen wir in Taormina ein, der Touristenhochburg der Insel. Zu Recht, Altstadt und das exponierte Teatro Greco sind in der Tat sehenswert. Uns aber plötzlich völlig schnuppe, als wir die schwarze Aschewolke über dem Ätna entdecken. Er bricht aus! Dumm nur, dass sich das Wetter rapide verschlechtert und bald fette Wolken den Vulkan verdecken. Immerhin leuchtet abends der frische Lavastrom den Himmel feuerrot an. Wir hadern mit unserem Pech im Glück, denn der einsetzende Regen verzieht sich erst 24 Stunden später, als die kurze, aber heftige Eruption schon wieder vorbei ist. Am nächsten Tag sind die Straßen östlich des Vulkans von frischer, schwarzer Asche überzogen, die knisternd unter den Reifen staubt. Wenigstens ist eine weitere aufregende Motorradstrecke Siziliens vom Ascheregen verschont geblieben, die SS 185 von Castiglione über den Pass Portella Mandrazzi bis zur Nordküste, wo wir unsere Zelte direkt am Meer aufschlagen. Morgen folgen wir der Küste bis Palermo. Irgendwie freuen wir uns schon auf den wunderbaren Feierabendverkehr der Inselmetropole, so unvergleichlich chaotisch, laut und flexibel. Diesmal sind wir vorbereitet.

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