Sizilien Besuch beim Paten

Klischees sind so eine Sache. Wer denkt bei Sizilien nicht zuerst an die Mafia? Wer aber einmal dort war und Land und Leute erlebt hat, redet von anderen Dingen. Ganz bestimmt.

Vor einer knappen Stunde bin ich von der Fähre gerollt, mitten hinein ins hektische Treiben Palermos. Jetzt stehe ich hier ganz allein. Allein inmitten hunderter mumifizierter oder der skelettierter Leichen, die mich aus den dunklen Augenhöhlen ihrer blassen Totenschädel anstarren, als würden sie mir einen Vorwurf daraus machen, dass ich noch am Leben bin. Sie hängen an Drähten und Haken, stehen in halbrunden Mauernischen, liegen auf Holzbrettern oder sind in Kindersärge gebettet. Angezogen, wie es zur Zeit ihres Ablebens wohl für einen Festtag standesgemäß gewesen wäre, erinnern sie in einem Maß an die Vergänglichkeit, dass mir das Grausen kommt. Von 1559 bis 1881 wurden im Convento dei Cappuccini, einem weiß getünchten Kellergewölbe nur einen kurzen Fußmarsch vom Zentrum Palermos entfernt, über 8000 mumifizierte Tote eingelagert. Sie wurden über die Jahrhunderte von der Verwandtschaft besucht und immer wieder neu eingekleidet. Heute sind die Gewänder verstaubt, teils schon zerfallen, und das Konvent ist zur umstrittenen Sehenswürdigkeit geworden. Aber es macht deutlich, welche Beziehung die Sizilianer zu ihren Verstorbenen haben. Familienanschluss bis über den Tod hinaus. Immer noch eine Gänsehaut auf dem Rücken, stürze ich mich mit der Africa Twin in das Verkehrsgetümmel der sizilianischen Hauptstadt. Das mindestens genauso nervenaufreibend ist wie die Gruft und am besten zu ertragen, indem man es zu den Sehenswürdigkeiten zählt. Irgendwann liegen die Straßenschluchten Palermos schließlich hinter mir, der V2 der dicken Enduro schnurrt zufrieden vor sich hin, und mit jedem Kilometer steigt die Lust am Fahren. Sizilien wandelt sein Gesicht innerhalb weniger Kilometer. Frühling liegt in der Luft. Sogar in Mondello, normalerweise ein hochgradig überlaufener Badeort der Hauptstädter, herrscht nebensaisonbedingt beschauliche Ruhe. Fischer reparieren ihre Netze, und nur einige wenige genießen die noch milden Sonnenstrahlen vor einer der Bars.Ich fahre am Monte Pellegrino entlang und lasse am Passo di Rigano Palermo endgültig aus dem Rückspiegel verschwinden. Auf kleinsten Straße versuche ich, nach Westen zu kommen. Oft auf buckligen Feldwegen, auf denen normalerweise nur Weinbauern mit ihren Raupenfahrzeugen unterwegs sind. Es wird später Nachmittag, bis ich das Naturreservat Lo Zingaro im äußersten Nordwesten umfahren habe und Érice erreiche – das »Dorf in der Stille der Wolken«, wie es in einem Werbeprospekt über Sizilien genannt wird. Nicht zu unrecht. Wie ein Vogelnest sitzt es auf einem Felsplateau, dieser Ort ganz aus Stein, in dem selbst die kleinsten Gassen mit Felsplatten ausgelegt sind und von dem aus Trapani und die halbe Westküste bis hinaus zu den Ägadischen Inseln überblickt werden kann. Ab Trapani ist das Land flach wie ein Pfannkuchen. Nur alle paar Kilometer macht die Straße einen kleinen Knick, um sich weiter schnurgerade durchs Land zu schneiden. Einige Windmühlen, deren Silhouetten wie schwarze Riesen vor der untergehenden Sonne erscheinen, sind das einzige, was über den Horizont ragt. Sie trieben lange Zeit die Mahlsteine an, mit denen die getrockneten Salzbrocken zerrieben wurden, die in den Salinenfelder zwischen Trapani und Marsalla per Sonnenkraft kristallisierten. Auch heute wird hier noch Salz gewonnen, aber die Bedeutung von einst hat dieser Wirtschaftszweig längst verloren und so dazu beigetragen, dass die Ecke zu den ärmsten Siziliens gehört. Die Dörfer entlang des Küstenstreifens haben ihren ganz eigenen Charakter. Kastenförmige Häuser mit Flachdächer, die als zusätzlicher Lebensraum dienen, erinnern an nordafrikanische Kasbahs. Eine Bauweise, die die Sommerhitze im heißesten Teil Siziliens besser ertragen lässt.Erst als ich bei Marsalla wieder ins Landesinnere abzweige, steigt die Ebene bedächtig zu weit geschwungenen Hügeln an, denen Weinfelder ihr grafisches Muster aufzwingen. Hier im äußersten Südwesten scheint selbst das spärliche Gras an den Straßenrändern nicht mehr als ein blasses Grün hervorzubringen. Zu wenig Wasser, zu viel Hitze. Bereits Anfang Mai ist während der Mittagszeit kaum jemand auf den Straßen zu sehen. Immer bewegter wird das Land, bis die Hügel nicht mehr überschaubar sind. Und damit verschwindet auch das afrikanische Ambiente aus den Dörfern. Typisch italienischer Baustil gewinnt die Oberhand, so wie in Salemi, dessen alte Häuser wie die Gänge eines Schneckenhauses um eine Hügelkuppe gewunden sind. Hinter der Stadt durchquere ich ein weites Tal und erreiche Gibellina. Ein Dorf, das ganz anders als die anderen Ortschaft wirkt. Kalt, fast abweisend ist der erste Eindruck. Angerostete moderne Kunstwerke in den Straßen verstärken diesen Eindruck noch. Gibellina ist der Beweis, dass der Charakter einer Ortschaft nicht künstlich geschaffen werden kann. Das Dorf wurde komplett auf dem Reisbrett entworfen – als Ersatz für das alte Gibellina, das am 15. Januar 1968 durch ein Erdbeben vollkommen zerstört worden war. Wenige Kilometer weiter kann ich mir ein Bild davon machen, mit welcher Macht die Erde damals gewütet haben muss. Von dem alten Ort sind nur noch einige windschiefe Häuserreste übrig, der Rest einer Teerstraße endet im Nichts. Sie scheint einfach in der Erde versunken zu sein. Im zerstörten Dorfkern haben Künstler versucht, die Katastrophe auf ihre Art in Erinnerung zu halten. Wo ehemals die Häuser Gibellinas standen, wurde alles mit Beton ausgegossen, nur die einstigen Gassen und Straßen haben sie als Gänge in Form von Kanälen freigelassen. Ein Bild, das betroffen macht und gleichzeitig verdeutlicht, wie machtlos der Mensch gegen die Naturgewalten ist. Dabei hinterlässt die Landschaft ringsum einen so friedlichen Eindruck. Besonders um den Lago di Garcia, wo wogende Getreidefelder das Land überziehen. Hoch im Hang schlängelt sich das Asphaltband in unzähligen Kurven nach Westen. Aber nicht nur die Straßenführung lässt die Honda von einer Schräglage in die andere fallen. Auch der Scirocco, der seit Tagen bläst, trägt seinen Teil dazu bei. In wilden Böen wechselt er alle paar Sekunden die Richtung und bringt die Africa Twin ganz schön ins Schlingern. Ein Grund, in Corleone die Segel zu streichen.Wer Corleone sagt, denkt Mafia. Seit Francis Ford Coppola in seinem legendären Film »Der Pate« der Kleinstadt zu mafioser Berühmtheit verhalf, schleicht sich bei dem Namen unwillkürlich ein ungutes Gefühl ein. Auch bei mir. Dabei hat Corleone nicht mehr – und wohl auch nicht weniger – mit der Mafia zu tun als andere Städte in Sizilien. Die alten Herren, die vor der Bar gegenüber der Kirche auf wackligen Holzstühlen sitzen, werden wohl nichts mit diesen dunklen Mächten zu tun haben. Einer von ihnen hat über dreißig Jahre in Deutschland gearbeitet und muss die Fragen seiner Freunde über die Enduro, die ihr Interesse weckt, an mich übersetzen. Wie viele Zylinder, wie viel PS, wie schnell? Als Gegenleistung werde ich über die Sehenswürdigkeiten Corleones aufgeklärt. Die Kirche natürlich, das Museum und die Ausgrabungsstätte über dem Ort, an der es allerdings nicht viel zu sehen gäbe, da für die Archeologie das Geld fehle. Dass die Stadt als solche eine Besichtigung lohnt, fällt den Bewohnern wahrscheinlich gar nicht auf. Corleone ist ein alter, gewachsener Flecken mit engen Gassen, verwinkelten Häusern und schmiedeeisernen Balkonreihen, mit all den Spuren, die die Zeit hinterlässt und die einem sizilianischen Ort erst sein typisches Leben einhauchen. Genau so hatte ich mir Sizilien immer vorgestellt.Mein nächstes Ziel ist Agrigento. In einer schier endlosen Kurvenstrecke windet sich die Straße über unzählige Bergkämme und durchschneidet Täler, die umso karger werden, je weiter ich nach Süden vorstoße. Eine Landschaft, die es den alten Griechen angetan hatte. Südlich von Agrigento, wo die letzten Steilabbrüche in die flache Ebene vor der Küste auslaufen, sollen einst an der Via dei Templi sieben große Tempel gestanden haben, von denen der Concordia noch fast vollständig erhalten ist. Die Ruinen der heiligen Stätten vor der Kulisse Agrigentos ergeben einen bizarren Kontrast. Einerseits verdeutlichen sie die vergangenen Jahrtausende, andererseits vermitteln sie durch ihre so selbstverständlich wirkende Nähe den Eindruck, als stamme alles aus einer Epoche. So richtig stimmungsvoll wird es am Abend, wenn die beleuchteten Tempel wie eine überirdisch Erscheinung in der Dunkelheit zu schweben scheinen.Quer durchs Land mache ich mich wieder auf in Richtung Norden. Zum ersten Mal fällt für wenige Minuten Regen. Ein Mitbringsel des Scirocco, der irgendwo in Nordafrika auch noch Sand aufgenommen hat und mit jedem Regentropfen wieder etwas davon ablädt. Was das für Auswirkungen hat, erfahre ich in der nächsten Kurve. Ein entgegenkommender Bus gerät ins Schlingern, dreht sich ein Stück um die eigene Achse und verbarrikadiert für einen Moment die ganze Straße. Ich suche bereits nach einem Fluchtweg ins Grüne, aber der Busfahrer scheint sein Fahrzeug im Griff zu haben. Er lenkt gegen, steht gerade wieder einigermaßen ordentlich auf der Fahrbahn, als ich mit Schweißtopfen auf der Stirn an ihm vorbei zittere. Ich lasse die Stiefel kurz am Boden streifen. Sie rutschen über den Teer, als wäre er mit Schmierseife überzogen. Nach wenigen Kilometern ist der Belag jedoch wieder trocken, und als ich in den Bergen über Resuttano einen Platz für mein Zelt suche, haben die Reifen längst wieder satten Grip in jeder Kurve.Einfach ist es nicht, in dieser bergigen Gegend ein einigermaßen ebenes Plätzchen für den Schlafsack zu finden. Die lange Suche soll sich aber lohnen. Vor einer verlassenen Steinhütte finde ich ein paar Quadratmeter Wiese, die gerade für das Zelt reichen und einen fantastischen Ausblick über zwei Täler auf einmal bieten. Es ist irgendwann nach Mitternacht, als ich mit einem Schlag hellwach bin. Erst weiß ich nicht weshalb, aber als ich mich mit dem Ellbogen auf den Boden stütze, um aus dem Zelt zu schauen, spüre ich es deutlich. Die Erde zittert. Irgendwo, tief im Inneren Siziliens, haben sich mal wieder die Erdschichten verschoben.Nördlich von Pertralia Sottana beginnt der Parco delle Madonie, ein gebirgiges Landschaftsschutzgebiet, das einige der letzten größeren Waldgebiete Siziliens einschließt. Ich lasse mir vom Wirt der Trattoria in Petralia erklären, wie ich zum Portella di Mandarini gelange und mache mich auf den Weg. Als ich bereits mehrere Kilometer auf einer harten und löchrigen Sandpiste am Berghang entlang gefahren bin, frage ich mich, ob ich noch richtig bin. Eine solche Straße hatte der Wirt nicht erwähnt. Doch die Himmelsrichtung stimmt in etwa. Und bald darauf habe ich wieder Asphalt unter den Rädern. Kurve um Kurve geht es durch kühlende Wälder und enge Täler. Meter um Meter windet sich das graue Band der Straße in die Tiefe. Ewig dürfte es so weitergehen.Stunden später. Schwarzgraue Mauern aus unförmigem Gestein bestimmen das Bild der Dörfer, das Land wird rau und zerklüftet. Ich bin am Fuße des Ätna angelangt, dessen massige Erscheinung schon seit einiger Zeit das Bild am Horizont bestimmte. Durch seine flachen Flanken kann man kaum glauben, dass er über 3300 Meter hoch ist. Die Straße entlang seiner Nordseite durchquert breite Lavafelder, aus denen die Mauerreste verbrannter Gebäude ragen. Opfer des Vulkans. Wenn der Ätna ausbricht, gefährdet er die Orte an seinem Fuß durch glühende Lavaströme, die als zäher Brei über seine Hänge fließen. Diese ständige Gefahr wird wohl einer der Gründe sein, weshalb viele Häuser total heruntergekommen sind. Eine Renovierung könnte schon beim nächsten Ausbruch verlorenes Geld sein. Ich verbringe die Nacht auf einem Campingplatz bei Taormina und bin fasziniert, wie nachts unterhalb des Ätna-Gipfels deutlich die orange leuchtende Glut des Lavastroms zu erkennen ist, der pausenlos aus einem der Krater quillt. Südlich des Ätna beginnt der Garten Siziliens. Hier hat der Sommer bereits die Oberhand gewonnen. Die Felder sind gelbbraun, nur die Zitronen- und Orangenbäume stechen noch in sattem Grün aus der Landschaft. Und natürlich die Feigenkakteen, deren Früchte zu den sizilianischen Spezialitäten gehören. Sie scheinen in den extrem trockenen Altlavafeldern besonders gut zu gedeihen. Bei Sortino folge ich einer schmalen Straße, die bald vor einem steinigen Weg endet, der hoch über einer Schlucht in den Fels getreten ist. Er führt zu dem größten Gräberfeld der Vorgeschichte. Über fünftausend Grabnischen wurden in das Gestein gehauen. Mit den damaligen Werkzeugen muss das eine Arbeit gewesen sein, als wolle man mit einem Esslöffel eine Baugrube ausheben. Auf dem Rückweg nach Norden fahre ich noch einmal hinauf zum Ätna, genieße die Kurven, die an seiner südlichen Flanke bis auf 1900 Meter klettern. Von dort führt eine unbeschilderte, enge Straße nach Westen, durch alte Lavafelder, in denen auf mühsam herausgearbeiteten Terrassen knorrige Olivenbäume und Rebstöcke verwurzelt sind. Hinter Randazzo geht es ein kurzes Stück nach Osten, dann hinauf zum Portella Mandrazzi – und damit zur vielleicht besten Motorradstrecke Siziliens. Kurz vor der Passhöhe stelle ich das Zelt auf eine Bergwiese. Ich lege mich auf den von der Nachmittagshitze noch aufgewärmten Boden und genieße noch einmal die Ruhe der sizillianischen Berge, während der Ätna langsam in der Dämmerung verschwindet. Das quirlige Treiben Palermos scheint zu einer ganz anderen Welt zu gehören. Morgen wartet in der Hafenstadt bereits auf die Fähre auf mich.

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