Slowakei Eine gewaltige Kulisse

Wie aus dem Nichts erhebt sich weithin sichtbar die Bergwelt der Hohen Tatra. Anderswo erschließt sich die Slowakei erst auf den zweiten Blick - dann allerdings umso attraktiver.

Ein kilometerweites Überholverbot macht mir zu schaffen. Ernsthaft. Hundertmal hätte ich den altersschwachen Laster passieren können. Mit Tempo 60 zieht er auf der schnurgeraden Strecke seine Bahn, und sonstwo wäre ich schon längst vorbei. Doch ein slowakischer Kellner in Österreich hatte mir gestern erzählt, was ich in seinem Land zu erwarten hätte. Er sprach über interessante Dinge. Von den wilden Bergen im Norden, den stillen Dörfern in den Wäldern, ein wenig über Politik. Und darüber, daß in der Slowakei selbst kleinste Vergehen im Verkehr drastisch bestraft würden.Zeit also für eine kurze Pause, während der Laster mit einer gewaltigen Dieselfahne zwischen den weitflächigen Weizenfeldern verschwindet, die sich zwischen Nitra und Levice erstrecken. Und für einen Blick auf die Karte. Orientierungslos wandern meine Augen hin und her. Lauter Ortsnamen, die in meinen Ohren wie Zungenbrecher klingen und die sich mir einfach nicht einprägen wollen. Nur das nahe Bratislava ist mir inzwischen ein Begriff, weil der Weg nach der Grenze mitten durch die Hauptstadt führte. Und auch mein Ziel steht fest. Die Hohe Tatra, das kleinste Hochgebirge der Welt, das der Länge nach gerade einmal 26 Kilometer mißt, und wo dennoch 20 Gipfel über 2500 Meter hoch aufragen. Der Rest des Landes erscheint mir in diesem Augenblick unglaublich fremd.Ich fahre noch ein Stück entlang der gut ausgebauten Fernstraße und biege dann auf den schmalen Weg ein, der nach Banská Stiavnica führt. Die Landschaft verändert sich. Und auch der Zustand der Straße. Überall klaffen Löcher im Teer, und das Profil der Reifen knirscht auf langen Rollsplitt-Passagen. Doch die Strecke führt langsam bergauf, paßt sich elegant den vielen Hügeln und Tälern des Slowakischen Erzgebirges an und wird schließlich von einem Wald gleich einer undurchdringlichen Mauer verschluckt. Bis nach Stiavnické Bane habe ich nur einen Trecker überholt. Und einen Lada passiert, dem ein Hinterrad fehlte. Auf einem Felsstein aufgebockt, parkte er am Straßenrand. Auch in dem Ort ist auf der Straße kaum jemand unterwegs, ebenso leblos wirken die Häuser. Brüchige Wände aus grauem Beton, darüber schiefe Dächer. Ausgebessert mit einfachen Materialien, die unter einem sozialistischen Regime dann und wann zu haben waren.Eine Bushaltestelle und ein Kiosk markieren neben der Kirche das Zentrum. Mir ist nach einem Kaffee, und ich darf wählen zwischen Cola, Bier und Schnaps, während ein paar Kinderhände verstohlen über das Plastikkleid der KTM streichen. Es sind neugierige Augen unter wirren Haarschöpfen, schmutzige Beine in kurzen Hosen, und nur einer der beiden Buben hat Schuhe an. Sie merken, daß ich sie beobachtet habe, erschrecken, lachen verlegen und verschwinden hinter einen Baum. Ein strategisch guter Platz, um zu schauen, wie ich reagiere. Sie konnten ja nicht wissen, daß ich nichts dagegen hatte.Die Straße führt weiter in Richtung Norden bis nach Kremnica. Ein farbenfroher Ort hinter einer dicken mittelalterlichen Stadtmauer, herausgeputzt für Touristen, die durch die Fußgängerzone schlendern oder in der Nähe über den geographischen Mittelpunkt Europas staunen. Mir genügt ein kurzer Stopp, dann folge ich der steilen Stichstraße, die sich hinter der Stadt einen Berg hoch windet. Vor einer Sendestation ist Schluß. Aber beim Wenden entdecke ich eine Piste, die zuerst als dünner Strich, dann sogar als gestrichelte Linie auf der Karte verzeichnet ist, und die demnach bis Kordicy führt, das tief unten im nächsten Tal liegt. Ich zögere keine Sekunde.Gleich nach dem Einstieg umgibt dichtes Gestrüpp den Weg. Dann wird´s steil. Und steinig. Die groben Stollen knirschen über loses Geröll, der Motor muß an einigen Passagen mehr als Bremse denn als Antrieb herhalten. Plötzlich verschwindet der abenteuerliche Pfad für ein kurzes Stück in einem Bach. Das Wasser rauscht an dieser Stelle über moosbewachsene Wackersteine, und ein paar Minuten später klebt feiner Sand auf meinen nassen Stiefeln. Die Piste mausert sich schließlich zu einem flotten Forstweg. Einen Waldarbeiter ist so erstaunt über mein Auftauchen, daß ich erst im Spiegel erkenne, wie er seine Hand hebt, um meinen Gruß zu erwidern. Vielleicht hätte ich ihn nach der Richtung fragen sollen. Immer öfter zweigen Wege ab, die nicht auf der Karte verzeichnet sind. Und die Namen auf einigen Holzschildern, die vermutlich Wanderen gelten, sind im Maßstab von 1:200000 ohnehin nicht vermerkt. Ich verlasse mich auf mein Gefühl. Irgendwann wird schon ein Ort oder zumindest ein Haus auftauchen. Gut eine Stunde später lande ich weit abgeschlagen von meinem ursprünglichen Ziel in in Horná Stubna. Kordicy liegt genau auf der anderen Seite des Berges.Ganz sicher hätte ich ohne diese Irrfahrt die kleine Strecke von hier bis zur Hauptstraße, die weiter nach Donovaly führt, nicht unter die Räder genommen. Und hätte vermutlich niemals erfahren, was mir entgangen wäre: ein Kurvenwirrwarr, dessen Dramaturgie einem schier den Atem raubt und mich die Enduro wie hypnotisiert bis zur Haftungsgrenze der Reifen über das schmale Asphaltband treiben läßt. Die windige Straßenführung über einen knapp 900 Meter hohen Paß hält locker einem Vergleich mit vielen Trassen in den Alpen stand. Ebenso das Panorama bei Donovaly. Dort führt die Straße noch ein paar Meter höher in die Berge, und bei einer Skistation reicht der Blick ungehindert über die unzähligen grünen Gipfel der Niederen Tatra. Dahinter reflektieren die nackten Felsen der Hohen Tatra die rot glühenden Strahlen der Sonne, die langsam den Tag beendet. Ein guter Abschluß. Mit dem letzten Licht schaffe ich es noch bis noch bis zum »Nationalpark Kleine Fatra«. Hochhaus-hohe Kalkfelsen flankieren eng den einspurigen Weg und reflektieren bereits das Licht des Scheinwerfers.In Vratná am Fuß des markanten Vel´ky Krivan quartiere ich mich in einem einfachen Zimmer in einer Berghütte ein. Ein muffiger Raum, dessen Einrichtung nur aus einem knarrenden Bett, einem Haken an der Wand und einem museumsreifen Heizlüfter besteht. Unter mir im voll besetzten Gastraum herrscht dicke Luft, die durch die offene Durchreiche aus der Küche dringt. Mit einem Sprachführer in der Hand versuche ich die Speisekarte zu übersetzen, aber die Auswahl beschränkt sich auf Schnitzel und Knödel unter einer pampigen Mehlsoße. Dazu viel Pfeffer und Paprika. Böhmisch-ungarische Küche eben. Deftig und schwer. Und lausig zubereitet. Aber davor hatte mich bereits der Reiseführer gewarnt. Und der Kellner in Österreich. Eine Fahrt durch die Slowakei sei bis auf wenige Ausnahmen nichts für Feinschmecker.Der Weg am nächsten Morgen führt mich über eine kleine, wenig befahrene Straße nach Lokca und durch eine bezaubernde, ja stille Landschaft. Sanft geschwungene Hügel unter einem grünen Wiesenteppich. Nur ab und an unterbrechen lange Busch- und Baumreihen die weiten Flächen. Bauern lagern ihr Heu in Scheunen mit spitzen, fast bis zum Boden reichenden Dachgiebeln. Dann begleitet mich ein Reiher ein kurzes Stück an einem Fluß entlang, bis er im hohen Schilf vermutlich seinen Nistplatz ansteuert. Vorbei am Orava-Stausee schlängelt sich der Weg schließlich ostwärts in Richtung der nahen polnischen Grenze. Wieder erkenne ich die nackten Flanken der Hohen Tatra, doch von dieser Seite ist mit einem Fahrzeug bis auf einen kleinen Schlenker hinter Trstená keine weitere Annäherung möglich. Die gesamte Region steht unter Naturschutz. Von einem hochgelegenen Aussichtspunkt blicke ich noch einmal über das Land. Alles verschwimmt im Gegenlicht. Der Stausee, die Hügel und die Felsen, der Wald. Dann stürzt sich die Straße an der Westflanke des Gebirges ein letztes Mal energisch zu Tal und bringt mich auf einer weiten Ebene hinter Liptovsky Mikulás erneut in eine aussichtsreiche Position. Von meinem Standpunkt aus präsentiert sich die Hohe Tatra auf einmal der gesamten Länge nach. Wie aus dem Nichts ragen oberhalb der Baumgrenze die granitenen Gipfel in das Blau des Himmels, am höchsten Punkt, der Gerlachspitze - oder Gerlachovsky stít - immerhin 2655 Meter weit.Doch dieses imposante Panorama schwindet, je näher man kommt. Nur eine Straße führt in Halbhöhenlage knapp unterhalb der Baumgrenze an der Südflanke des Gebirges entlang, und der Wald versperrt jede Sicht auf die nackten Felsen. Weitere Abstecher sind - außer per Seilbahn und mit Wanderstiefeln - nicht möglich. Ich halte erst wieder in Tatranská Lomnica direkt vor dem Eingangsportal des »Grand Praha«. Verstaubte Bergromantik der Jahrhundertwende und damals das erste Hotel am Platz für die feine Gesellschaft der österreich-ungarischen Monarchie. Ein livrierter Kellner begleitet mich auf einem ausgetretenen, roten Läufer durch die hohen und dunklen Hallen des mit unzähligen Erkern und Türmchen verzierten Gebäudes. Mein Zimmer ist ein Saal mit einem gewaltigen Kronleuchter an der stuckverzierten Decke. Der blanke Holzboden knirscht unter den Enduro-Stiefeln, drei üppige Plüschsessel gruppieren sich im hinteren Bereich, ein Bett, in dem locker eine ganze Familie Platz hätte, im vorderen. Der Raum dazwischen würde für eine kleinere Feier reichen, und beim Blick aus dem Fenster wirken die Gipfel der Hohen Tatra wieder zum Greifen nahe. Knapp 100 Mark für eine Nacht sind dafür nicht viel.Schon kurz nach Sonnenaufgang stehe ich ganz oben. Oder fast ganz oben. Zuerst per Seilbahn zum 1750 Meter hoch gelegenen See Skalnaté pleso, dann in einem Sessellift bis knapp über die 2000-Meter-Marke unterhalb des zweithöchsten Berges der Hohen Tatra, dem Lomnicky stít. Ein befestigter Weg führt weiter über einen steilen Kamm, und zu meinen Füßen erstreckt sich eine Bergwelt, die man von unten nicht erahnen kann. Zwischen den vielen Spitzen Hunderte von Metern tiefe, granit-graue Schluchten und Täler, in denen Gemsen, Luchse und auch Bären ihr Revier haben. Kleine, türkisfarbene Bergseen glitzern in der Sonne, und über die Kanten stürzen Wasserfälle, um weit unten als schäumende Wildwasser ihren verzweigten Weg zu suchen. In südwestlicher Richtung verschwimmt in der Ferne das Land, durch das ich in den letzten beiden Tagen gefahren bin. An Orten wie diesem kann ich mich stundenlang aufhalten.Zurück am frühen Nachmittag, rausche ich mit der KTM weiter in Richtung Osten. Zuerst bis nach Zdiar kurz vor der polnischen Grenze. Ein langgestreckter Ort aus bunt gestrichenen Holzhäusern. Mit kleinen Fenstern, um der Kälte des Winters zu trotzen, und klapprigen Bänken davor, um im Sommer die Sonne zu genießen. Heute ist so ein Tag. Die Alten sitzen und reden, und am liebsten würde auch ich Platz nehmen und den Kindern zuschauen, die auf der Straße spielen, auf der außer mir lediglich ein Pferdefuhrwerk unterwegs ist.Dann kehre ich der Hohen Tatra endgültig den Rücken. Das Land wird flach. Hinter dem mittelalterlichen Levoca nur noch fruchtbare Felder und sonst kaum etwas, das den Blick ablenkt. Nach einer Weile nur ein einziger, gut 200 Meter hoher Berg aus Kalkstein, auf dem seit dem 12. Jahrhundert weithin sichtbar die Zipser Burg thront. Erst etwas weiter südlich schwingen sich der Weg und das Land noch einmal zu Höchstform auf. In einem nicht enden wollenden Hin und Her geht´s durch den Nationalpark Slovensky raj, was übersetzt soviel wie »slowakisches Paradies« bedeutet. Ein treffender Name. Durch das offene Visier sauge ich noch viele Kilometer die unzähligen Eindrücke auf, schaue, sobald sich der Wald öffnet, über scharfe Felsen in weite Täler. Irgendwo dort unten haben sich der Hornád und seine Nebenflüße tief durch das weiche Gestein gefressen, und erst als die Sonne wieder hinter den Hügeln verschwindet, steige ich vom Sattel. Morgen beginnt für mich die Heimreise, und noch weiß ich nicht, wo ich langfahren werde. Bei einem Bier wandern meine Augen wie so oft in den letzten Tagen über die Karte, die fast nur noch aus vielen losen Blättern besteht. Aber ich fühle mich nicht mehr ganz so orientierungslos wie vor ein paar Tagen. Nur die Namen der Orte sind für mich immer noch Zungenbrecher.

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