Slowenien (3)

Foto: Eisenschink
Berge oder Meer lauteten die Alternativen in dem Zeitungsartikel, Letzteres gilt es noch zu erkunden. Auf der A 1 verschwinden die Zweitausender bald im Rückspiegel, stattdessen dominiert nun das zerklüftete Hochplateau des slowenischen Karstes, und ein warmer Hauch des Südens weht. Plötzlich, hinter Kozina, wickelt sich die Fahrbahn in Serpentinen zur Adria hinab und gewährt einen fulminanten Blick über drei Länder. Links Kroatien mit rund 1800 Kilometer Küstenlinie, rechts Italien mit satten 7600 Kilometern, dazwischen Slowenien mit 46 Kilometer Meeres-Anrainerschaft. Beim Näherkommen staune ich, was man auf so kleiner Fläche alles unterbringen kann: vierspurige Schnellstraßen samt Über- und Unterführungen, Fabrikgebäude, Supertanker, Fährschiffe, Grand Hotels, Kasinos, Dattelpalmen, Lacoste-Shop, dm-Markt und Souvenirläden mit Popart-Postern von Jesus, Elvis, Che Guevara und Tito.

Die herrliche Altstadt von Piran, in die ich während meines übereilten Rückzugs strudle, wirkt im Vergleich wie eine Oase. Mit idyllischem Hafen, verwinkelten Gassen, blumengeschmückten Plätzen, und venezianischen Löwenköpfen an den Häusern. Ein Wortschwall, bestehend aus „mamma mia“ und „dio mio“ dringt aus einem Fenster – an der slowenischen Adriaküste, die übrigens Teil der Halbinsel Istrien ist, herrscht Zweisprachigkeit. Die Verdijeva Ulica wird auch Via Giuseppe Verdi bezeichnet, die Njoki im Restavracija/Ristorante Verdi auch Gnocchi, die Špageti auch Spaghetti. Ich ergattere einen freien Tisch mit Blick aufs Meer und genieße das süße Leben in bella Slovènia. Ein Abstecher zum italienischen Nachbarn ist gar nicht nötig.
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Foto: Eisenschink
Rund 280 kurvige Kilometer weiter – Sneznik-Gebirge und Krka-Tal liegen hinter mir – blicke ich durch mondäne Springbrunnenfontänen auf habsburggelbe Stuckvillen und Grandhotels und wähne mich im benachbarten Österreich. Slowenien scheint eine Art Europa en miniature zu sein. So kurte in Rogaška Slatina einst die Habsburger Doppelmonarchie, die Familie Bonaparte und die Herren und Damen von Thurn und Taxis. Heute lassen sich im Spiegelsaal des Grandhotel Rogaška lediglich die Laptop-bewehrten Vertreter der internationalen Geschäfts-welt erspähen, die sich Moët zu 62,50 Euro und Zigarren Marke „La Libertat“ à 4,60 Euro zu Gemüte führen.

Nach Norden hin tauche ich mit der BMW wieder in die Einsamkeit der Berge ab. Die ersten Reben der Weinbauregion Haloze tauchen auf, ein verstecktes Dörfchen hier, ein klapperndes Windrad dort, dazwischen kaum handtuchbreite Straßen, die auf der Landkarte nur mühsam auszumachen sind. Ptuj, Sloweniens älteste Stadt, empfängt mit einer denk-malgeschützten Altstadt am Ufer der Drava, deren Bürgerhäuser und altertümliche Werbeschilder noch von der einstigen wirtschaftlichen Blüte zeugen. Das nahe gelegene Maribor dehnt sich, die historischen Stadtgrenzen sprengend, hingegen nach allen Seiten aus. Schnellstraßen katapultieren mich an den verglasten Kuppeln des Europark Centers und Obi-Baumax-x vorbei.

Nach dem Werbeplakat „H & M – jetzt auch in Maribor!“ liegt der Stadttru-bel hinter mir, und die Straße kurvt in herrlichen Formationen durchs Drava-Tal. Ab Dravograd schlängle ich mich durch Karawanken und Sanntaler Alpen in Richtung Westen und werfe bei Gornji Grad einen ungläubigen Blick auf die Uhr: fast sieben. Ist es nun das Land, in dem man in zwei Stunden Meer oder Gebirge erreichen kann oder nicht? Ich gebe Gas und schwenke hinter Kamnik auf die Autobahn. Um noch einmal mit meinen Wirstleuten in Radovljica auf Slowenien an zustoßen.

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