Slowenien In aller Stille

Nur auf Nebenstrecken, kleinsten Sträßchen und Schotterpisten erschließt sich der ganz Charme Sloweniens. Und das Beste daran: Hier ist kaum jemand unterwegs.

Schotterfreunde wird es ärgern. Die Stichstraße hinauf zum Mangart-Gipfel, einst Sloweniens wildeste Schotterpiste, ist unter einer Asphaltdecke verschunden. Wo vor kurzem noch ein Hinweisschild den Haftungsausschluss verkündete, aber ein Befahren auf eigene Gefahr zuließ, da steht jetzt ein Mauthäuschen in Toilettengröße. Ein junger Mann kassiert mit freundlichem Lächeln Wegzoll.Sieben Kilometer lang schraubt sich die ehemalige Militärstraße in waghalsiger Streckenführung den Felshang hoch, durchquert ein paar düstere Tunnels und windet sich ab der Mangart-Hütte durch baumloses Gelände. Fast alle halbe Minute wechselt hier oben die Stimmung. Schnell schweben die Nebelwolken vom Tal herauf, verschlucken ganze Berggipfel, um dann kurz darauf zackige Felsspitzen als steinerne Inseln im Wolkenmeer wieder freizugeben. In der Mangart-Hütte besorge ich mir eine Tasse Kaffee, wärme mir daran die Hände.Es ist bereits später Nachmittag, als ich zurück am Predil-Pass bin. Vorbei an wie ausgestorben wirkenden Bergdörfern führt die Route in weiten Schwüngen hinunter bis Kluze, einem Verteidigungsbollwerk aus dem 15. Jahrhundert. Kurz vor der Festung überquere ich eine unscheinbare Brücke. Was sich darunter verbirgt, erkennt man nicht sofort. Das Bauwerk ist nur wenige Meter lang, überspannt aber die tiefste Schlucht Sloweniens. Fast 70 Meter hat sich hier die Koritnica wie eine Kreissäge in den Fels gefressen. An einigen Stellen ist der Spalt nur einen einzigen Meter breit.Kurz darauf taucht Bovec auf. Seit die Soca als Wildwasserfluss entdeckt wurde, ist in dem Dörfchen ziemlich was los. Vor allem junge Leute versuchen mit Rafting- und Kajaktouren ein paar Mark zu verdienen. Dabei wäre es im Frühjahr 1998 fast vorbei gewesen mit dem kleinen Ort. Ein Erdbeben hatte die ganze Region erschüttert.Bei Bovec zweigt die Straße ins Trenta-Tal ab, schlingt sich in wilder Kurvenhatz auf den Vršic-Pass. Und so richtig Spaß machen die restlichen zehn Kilometer bis Kranjska Gora. Doch Vorsicht ist geboten. Die Kehren der Nordrampe sind aus glatten Pflastersteinen zusammengepuzzelt, und der Morgentau sorgt für chronischen Haftungsmangel.Slowenien will auf Nebenstraßen entdeckt werden - wie die Piste durch das Radovna-Tal. Loser Schotter macht die Fahrt zwar zum Eiertanz, aber das stille Seitental hat schon fast etwas Meditatives. Am Ende des Tals stoppe ich die Honda auf einem Parkplatz am Eingang zur Vintgar-Schlucht. Die kahlen Wände einer engen Felsspalte steigen direkt aus dem Wasser empor, rutschige Holzstege, gewagte Konstruktionen, ein abenteuerlicher Spaaziergang. Wenige Kilometer weiter erreiche ich das Städtchen Bled am Bleder See. Die Region gilt als das Lugano Sloweniens und ist eines der touristischen Zentren des Landes. Westlich des Sees, über Gorje nach Zatrnik, windet sich eine klasse Motorradstrecke hinauf auf die Pokljuka-Hochebene, von der ein einspuriges Sträßchen nach Gorjuše abzweigt. Hier sind noch die typischen alten Holzhäuser zu sehen, bei denen die Dächer durch schichtweises Übereinandernageln von Brettern regendicht gemacht worden sind. Einige beherbergten bis vor kurzem noch Sennereien.Etwas weiter südlich stoße ich auf den zweiten großen See Sloweniens, den Bohinjsko Jezero. Obwohl seine Lage zwischen den Bergen des Triglav Nationalparks weit spektakulärer ist als die des Bleder Sees, herrscht Ruhe. Das Gewässer genießt Schutz vor jeglicher Bauwut. Ich tausche die Motorradsitzbank mit einem Stehplatz in der Gondel, die auf den 1535 Meter hohen »Vogel« hinaufschwebt. Erst von hier oben lässt sich die ganze Schönheit der Landschaft erfassen. Ein Stück im Norden ragt die Kuppe des Triglav in den Himmel. Er ist mit 2864 Meter der höchste Berg im slowenischen Alpenland. Ostwärts laufen die Julischen Alpen in ein wirres Hügelland aus, und tief unter mir klont sich das Bergpanorama im Wasserspiegel des Bohinjsko Jezero.Bei Bohinjska Bistrica gibt es laut Karte zwei Möglichkeiten, um nach Skofja Loka, eine der ältesten Städte Sloweniens, zu kommen. Ich wähle den längeren Weg über den Sedlo-Pass. Wieder einmal sind einige Kilometer auf weichem Schotter zu bewältigen. Nach der Passhöhe kringelt sich eine asphaltierte Straße ins Tal. Bauern, die an den steilen Wiesen einen schweren Stand haben, hängen gerade das Heu auf die »Kozolci«, die Heuharfe, um es vom Wind trocknen zu lassen. Wenige Kilometer weiter in Zeleznika stehe ich vor einem steinernen Hochofen – ein Relikt aus Zeiten der Eisenindustrie. Ein älterer Herr versucht mir mit ausschweifenden Handbewegungen etwas zu erzählen. Aber ich verstehe nur so viel, dass die Arbeiter das Eisenerz direkt aus den Hügeln beim Dorf geholt und hier zu Stahl gekocht haten. Und dass es in Kropa, hinter den Hügeln im Norden, ein Schmiedemuseum geben soll. Ob er auch von der traumhaften Motorradstrecke wusste? Die Hügelflanken hinüber nach Kropa sind so steil, dass die Straßenbauern ein Gewusel an Kurven anlegen mussten.Kropa steht tatsächlich für Schmiedehandwerk. Heute produziert zwar nur noch eine kleine Firma, aber die kunstvollen Hoflampen und Fenstergitter überall im Ort zeugen von der hohen Kunst dieser Schmiede. Im kleinen Dorfmuseum erfahren Interssierte, dass geschmiedete Eisennägel der große Verkaufsschlager waren. Von Kropa aus wurden per Pferdekarren tonnenweise Nägel sogar bis Triest und Venedig geliefert.Entlang der Kamniker Alpen nordöstlich von Skofja Loka mogeln sich einige winzige Sträßchen nach Osten. Mal krallen die Reifen in griffigen Teer, mal wirbeln sie den Staub kiesiger Feldwege auf. Ein kurzer Blick in die Schlucht der Kamniška Bistrica, dann fahre ich den Crnivec-Pass hinauf, um kurz vor der Passhöhe in einen geschotterten Weg abzubiegen. Dieser führt über die grünen Hochalmen der Velika Planina und endet im Tal der Logarska Dolina.Logarska Dolina ist eine Sackgasse, an deren Ende ich auf Wanderschuhe umsattle und zum Rinka-Wasserfall hochsteige. Neunzig Meter tief stürzt das Rinnsal in eine ausgewaschene Kuhle und erzeugt ewige Gischt. Als ich zurückkomme, dämmert es bereits, und es sieht nach Regen aus. Ich lege den Schlafsack unter das Vordach einer einsamen Hütte im Wald, die unbewohnt zu sein scheint. In der Dunkelheit kreisen die Gedanken immer mehr um zottelige Braunbären, die es in Slowenien noch geben soll.Am nächsten Morgen geht über mir plötzlich der Fensterladen auf. Als wäre es vollkommen normal, dass unter seinem Fenster ein Fremder im Schlafsack liegt, wünscht mir der Hüttenbesitzer einen guten Morgen und lädt mich zum Frühstückskaffee ein. Die Einladung kommt nicht ungelegen, denn ein nächtlicher Kälteeinbruch hatte die Berge ringsum mit einer zuckrigen Schneeschicht überzogen.Über Velenje erreiche ich Maribor und lasse mich dann entlang der Drava, dem Hauptfluss des Nordens, weiter nach Osten treiben. Erneut auf kleinsten Wegen und Sträßchen - und jede Abzweigung wird zum Ratespiel. Doch der Fluss dient immer wieder zur Orientierung. In den letzten zwei Tagen ist er mächtig angeschwollen. Es hat unaufhörlich geregnet. Dabei sollte gerade hier mehr Sonne scheinen als anderswo. Denn östlich von Ptuj beginnt eines der besten Weinanbaugebiete des Landes. Bei Ljutomer erinnern mich die Hügel, die von den Weinstockreihen kunstvoll mit grafischen Mustern überzogen sind, unwillkürlich an die Toskana. Na ja, wenigstens im Kleinformat.Plötzlich erschrecke ich. Laute Trommelschläge übertönen den Motor der Honda. Das Schlagen wird lauter und schneller, flacht kurz ab und beginnt von neuem. Ich stelle erschreckt den Motor ab. Verursacher des Geräuschs ist eine Art hölzernes Windrad, das sich direkt über mir dreht. Über eine einfache Mechanik erzeugen Holzschlegel den Krach. Das sei ein »Klopotec«, erklärt mir der Wirt in der »Gostisce Jeruzalem«. Es solle Vögel von den Weintrauben fernhalten.Der Schlag des »Klopotec« begleitet mich auch durch das Hügelland des Haloze-Gebirges, ein Meer von steilen Buckeln, auf deren Kuppen kleine Bauernhöfe thronen. Wälder und Maisfelder wechseln sich ab. Die Ernte ist für die Bauern mühsame Handarbeit. Sie mähen das Gras oft noch mit der Sense, die Maiskolben werden von Hand abgerissen und im Schubkarren nach Hause gefahren. An Holzgestellen hängen sie dann zum Trocknen in der Sonne - ganze Scheunenwände leuchten in knalligem Gelb.Der Hügelkamm links des Tales bildet die Grenze zu Kroatien. Die Wachtürme dort sind unbesetzt. Der neuen Grenze, die ja erst seit einigen Jahren besteht, wird wohl nicht viel Bedeutung beigemessen. Gut so, denn der Weg entlang des Macelj-Gebirges, von Kozminsci nach Rogatec, zählt zu den schönsten Gegenden des Landes. Die richtigen Abzweigungen zu nehmen, ist allerdings wieder ein Glücksspiel. Nach manchem Umweg erreiche ich Brezice und schließlich Kostanjevica na Krki. Kostanjevica na Krki steht für Kunst. Am Rande dieses kleinen Ortes gibt es einen Skulpturenpark - mitten an der grünen Wiese.Ich fahre noch ein Stück an der Krka entlang und biege dann nach Westen ab, um quer durch das Hügelland zum Cerknisko See zu kommen. In Rob ist die Teerdecke zu Ende, die Schotterstrecke steigt kräftig an und verschwindet immer tiefer in dichten Laubwäldern. Hier verfahre ich mich endgültig. Endlich taucht eine Lichtung auf, und nach einer steilen Abfahrt bin ich in einem kleinen Dorf. Ein paar Bauernhäuser, ein paar Hütten, zwei Hunde und eine Bäuerin mit wahrlich stattlichem Umfang. In Krvava Pec sei ich gelandet. Und weil eine Wegbeschreibung mangels Sprachkenntnissen scheitert, ruft sie ihren Sohn. Der holt seine grasgrüne, wie selbstgebastelt aussehende Fünfziger aus der Hütte und weist mich an, ihm zu folgen. Ich habe Mühe, hinterher zu kommen.Nach wilden Kilometern kreuz und quer durch den Wald stoßen wir auf einen etwas breiteren Weg. Als ich meinem Lotsen für seine Hilfe etwas geben will, lehnt er energisch ab, lässt seine Fünfziger im Kies scharren und verschwindet mit Vollgas zwischen den Bäumen.Die Irrfahrt war nicht so falsch, wie ich erst dachte. Es sind nur noch wenige Kilometer bis zum Cerknisko See. Er ist ein periodischer See, hat weder einen dauernden Zu-, noch einen Abfluss. Sein Wasser versickert im Karstboden. So ist er nur gefüllt, wenn mehr Regen fällt, als durch die Versickerung verschwindet. An einigen Stellen wird im Sommer auf dem trockenen Seegrund sogar Landwirtschaft betrieben. Dass der Untergrund vieler Landesteile so porös ist, hat Slowenien zu einem der höhlenreichsten Länder der Erde gemacht. Die größte dieser Tropfsteinhöhlen, die Postojnska, liegt ganz in der Nähe. Aber weit spektakulärer ist die weiter südlich gelegene Škocjanske, eine stellenweise bis zu hundert Meter hohe Spaltenhöhle hundertsiebzig Meter unter der Erde. Innen spannt sich in fünfundvierzig Metern Höhe eine schmale Brücke über den Höhlenspalt. Und tief unten rauscht ein Fluss, der ab hier für die nächsten vierzig Kilometer unterirdisch fließt, um erst im italienischen Triest wieder an die Oberfläche zu kommen. Auf dem Weg nach Süden ändert sich die Landschaft wieder grundlegend. Der Karst wird zerklüfteter, ist von Steilabbrüchen durchzogen, und es wächst nur noch dorniges Gestrüpp. Wenige Kilometer vor der Küste wirkt die mediterrane Stimmung, die über der Region liegt, immer vertrauter und anziehender. Dann bin ich in Piran. Ich stelle die Honda am Bootshafen ab, setzte mich vor ein Café und konzentriere mich auf das Grollen der Wellen, die ungestüm an die Hafenbefestigung schlagen.

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