Spanien Damals wie heute

Ein uralter Testbericht in MOTORRAD beflügelte jahrelang die Fantasie von Claudia Lorenz: eine Honda TLR 200. Seit 1991 auf ihrer Wunschliste. Doch hält die Zuneigung, wenn es auf einmal ernst wird? Notizen von der ersten Tour.

Foto: Horst Lorenz

Schwer zu sagen, wie oft ich den Testbericht über die Honda TLR 200 gelesen habe. Einige Dutzend Mal bestimmt. Die Geschichte war bereits in der MOTORRAD-Ausgabe 17/1991 erschienen, verfasst von Werner Koch, der sichtlich Spaß an diesem Fahrzeug hatte, das sich jedoch in keine Kategorie pressen ließ. Als reinrassiger Trialer geht die kleine Honda nicht durch, als Enduro ebenfalls nicht. Vielleicht eine »Trialduro«? Egal. Leicht und wendig, simple Technik, geringe Sitzhöhe und kurzstrecken-
tauglich. Unterm Strich ein geniales Konzept. Damals wie heute.

»Sie war fast nicht zu finden...
Na ja, wen interessiert das Ding schon?«
MOTORRAD 17/1991

Mich, lieber Werner! Aber damit gehöre ich sicherlich zu einem exklusiven Freundeskreis. Ende der achtziger bis Anfang der neunziger Jahre wurden europaweit nur rund 2500 Exemplare verkauft. Der entscheidende Tipp kam von einem Bekannten, der im Schuppen eines Kumpels eine 200er-TLR entdeckte: Baujahr 1987 und seit zehn Jahren nicht bewegt. Da war mehr als nur eine Wäsche fällig.

Erfreulicherweise hält sich der Restaurierungsaufwand in Grenzen. Ein zweitägiges Reinigungsbad für Vergaser und den Benzinhahn, eine Spülung für den Tank und neues Gabel- und Motoröl. Zündkerze, Luftfilter, Kette und Reifen werden ebenfalls ersetzt. Schließlich der große Augenblick – der erste Startversuch: Schon nach dreimal Kicken meldet sich das Triebwerk mit einem schüchternen Plopp. Ein paar weitere Versuche, und der Viertakter säuselt gleichmäßig im Standgas, reagiert spontan auf jede Drehung am Gasgriff. Ich bin begeistert! Die Vollabnahme beim TÜV entpuppt sich als reine Formsache, und die betagte TLR darf endlich wieder dahin, wo sie hingehört – ins Grobe.

»Aber wohin? Jedes passende Gelände ist hierzulande reglementiert, observiert oder zubetoniert.« Wenn vor 16 Jahren vor der Haustür schon nichts ging – was soll man da erst heute sagen? Die Anzahl der Feldwege, die noch nicht gesperrt sind, lassen sich vermutlich an zwei Händen abzählen. Glücklicherweise stehen zwei Wochen Urlaub an. In Spanien. Zwischen Costa Brava und den Ausläufern der Pyrenäen locken laut Karte diverse Strecken und Pisten, die interessant sein könnten. Das Basisquartier schlagen mein Mann Horst und ich auf einem Zeltplatz bei Sant Pere Pescador auf. Die erste Ausfahrt soll gleich morgen stattfinden.

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Foto: Horst Lorenz

»Starten ist kein Problem, ob kalt, warm oder glühend heiß, der Single ist spätestens nach dem zweiten, dritten Kick da.« Dritter Kick – leise dreht der Motor. Klack, erster Gang, und die zierliche Honda rollt los, dahinter folgt Horsts Suzuki DR-Z 400. Zuerst geht’s allerdings über profanen Asphalt – gut 25 Kilometer Landstraße bis Figueres. Die Tachonadel der TLR zittert irgendwo zwischen 60 und 70 hin und her. Für den Motor kein Problem, der könnte die Fuhre bis auf Tempo 120 treiben. Doch das Fahrwerk befindet sich bereits jetzt im Grenzbereich. Keine Chance, eine gerade Linie einzuhalten. Die spanischen Autofahrer, die sonst schon mal gerne eng an einem vorbeirasen, überholen mit respektvollem Abstand.

»Der kurze Radstand, Lenkkopfwinkel und die voluminösen Trialreifen sind für den Eiertanz verantwortlich.« Die erste Piste lockt zum Glück gleich hinter Figueres: Bei Llers schlagen wir – die Pyrenäen vor Augen – Kurs Nordwest ein. Leider haben die starken Regenfälle der vergangenen Tage dem Feldweg stark zugesetzt. Er präsentiert sich aufgeweicht, teilweise sogar weggebrochen. Das Trialprofil setzt sich sofort zu, was die ganze Fuhre bisweilen unlenkbar macht. Aber mit ein paar beherzten Gasstößen hält das Vorderrad Kurs. Horst hat es da mit seiner Suzuki deutlich leichter. Richtige Stollenreifen sind eben doch durch nichts zu ersetzen. Wir erreichen Les Escaules. Laut bollert die Suzuki durch die engen Gassen des kleinen Weilers, während sich die Honda fast geräuschlos bewegt. Am Ortsrand geht der Teer in einen Schotterpfad über, der sich kurz darauf hoch über dem Rio Muga recht anspruchsvoll durch den Fels in Richtung des Stausees Pantà de Boadella windet. Absätze, steile, mit Wurzeln gespickte Kehren – die Honda erklimmt mit Leichtigkeit jeden Anstieg. Das 10er-Ritzel ist die richtige Wahl.

»Der TLR-Besitzer sollte sich nicht scheuen, je nach Einsatz die Übersetzung anzupassen.«In der Nähe des Ufers beginnt eine rund zwölf Kilometer lange Piste, die laut Karte erst weit oben in den Bergen endet. Genau unsere Strecke! Wie zwei Gämsen klettern die beiden Motorräder durch diese immer wilder erscheinende alpine Welt. Die grauen Bergspitzen, die sich vor uns in den blauen Himmel recken, erscheinen zum Greifen nahe – laut Karte befinden wir uns tatsächlich in beachtlichen 1300 Metern über dem Meeresspiegel. Am Ende der Strecke lockt die »Ermita de les Salinas«, eine bewirtschaftete Hütte, deren Hausherr sich über unseren Besuch besonders zu freuen scheint. Stolz erklärt er, dass er diesen Weg jedes Wochenende mit seiner 30 Jahre alten Vespa fährt. Rückzug zum Meer. Bis Roses fast nur bergab. Der Tageskilometerzähler steht auf 150, der Benzinhahn immer noch nicht auf Reserve. Dennoch steuere ich die nächste Tanke an. Gerade mal viereinhalb Liter hat sich der Zwerg genehmigt, zwei sind also tatsächlich noch drin gewesen.

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Foto: Horst Lorenz

»Mit einem sagenhaften Maximalverbrauch von 3,5 Litern Normalbenzin und einem Minimalverbrauch von 2,8 Litern wird der theoretische Aktionsradius von 230 Kilometern zur Tagesetappe.« Wir zuckeln an der Strandpromenade vorbei zum Hafen und verlassen den Ferienort über eine geschotterte Serpentinenstraße in Richtung der Cala Joncols. Die Bucht mit ihrem Kiesstrand und dem glasklaren Wasser ist bei Tauchern sehr beliebt, von denen einige in der Strandbar zu »Café del Mar«-Klängen abhängen. Wir erkundigen uns nach dem Weg in Richtung Cadaqués, doch man erzählt uns, dass diese Strecke seit vergangenem Frühjahr für Fahrzeuge aller Art gesperrt sei. Also zurück Richtung Roses und über die GI 614 bis in den kleinen Hafenort, der stets eine Künstlerhochburg war: Salvador Dalí hatte ganz in der Nähe einen Wohnsitz mit Atelier, und Picasso und Miró kamen regelmäßig hierher. Der Ortskern mit seinen blitzweißen Häusern konnte trotz Heerscharen von Touristen zum Glück einen großen Teil seiner Ursprünglichkeit bewahren. Das nächste Tagesziel: der 605 Meter hohe Puig d’Esquers. Noch verhüllt Nebel seinen Gipfel. Egal, bis wir oben sind, wird sich diese Suppe hoffentlich verzogen haben. Bei Llancà zweigt schließlich eine Piste ab, die zumindest in die gewünschte Richtung führt: bergauf. Der Weg hat es wirklich in sich. Große Felsbrocken und hohe Absätze. Nicht von schlechten Eltern. Zum Schluss folgt auch noch eine überaus steile, grob ge-schotterte Passage. Jetzt muss jedes der 17 PS antreten, damit es überhaupt noch vorangeht. Doch allmählich kommt der Gipfel in Reichweite. Leider ist die Aussicht mäßig, der Dunst ist einfach zu dicht. Nur wenn die Wolkendecke für einen kurzen Moment aufreißt, reicht der Blick weit über das Land.

»Wer keine Ambitionen auf sportlichen Lorbeer mitbringt, sondern nur ab und zu seinen Spaß zwischen Wurzelwerk und Schotterpfad sucht, ist mit dem Mountain Bike von Honda gut bedient.« Der Single ist verstummt, nur noch leises Knistern. Die kleine Honda hat mich nicht enttäuscht. Ganz im Gegenteil – dieses anspruchslose und leicht zu handhabende Motorrad macht Lust auf mehr. Ganz so, wie es Tester Koch vor 16 Jahren beschrieben hat.

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