Spanien Gesucht... und gefunden

Berge und Strände in unmittelbarer Nähe, Passstraßen, auf denen praktisch kaum ein Mensch unterwegs ist und gelegentlich auch mal eine Schotterpiste – wer danach sucht, sollte einmal den Norden Spaniens unter die Räder nehmen.

In dem kleinen Fischerhafen von Hondarribia, dessen meterhohe Schutzmauern das überschäumende Temperament des Atlantik bändigen sollen, lassen einige alte Herren sirrend die Angelschnüre über die Wasseroberfläche fliegen. Ansonsten herrscht Ruhe. Wie in der Altstadt. Hier, mitten im Ort, ist der Geruch nach Fisch und Meer schon fast wieder aus der Nase verschwunden. Die Gassen sind eng und unübersichtlich, und die schmalbrüstigen Fachwerkhäuser lückenlos aneinandergereiht. Fast verspielt lockert die kräftige Farbgebung der Fenster, Türen und Balkone die strenge mittelalterliche Architektur um die Plaza de Armas auf. Da wirkt der mächtige, gelbbraune Steinklotz mitten auf der Plaza ziemlich ernüchternd. Das wuchtige Gebäude, das eher an ein Gefängnis als an ein Schloss erinnert, diente einst als Residenz Karls V. Heute ist dort ein Parador untergebracht, eines der staatlichen Hotels, wie man sie in historischen Gebäuden im ganzen Land findet. Besser kann man in Spanien eigentlich kaum schlafen; aber der Blick in meine Brieftasche belehrt mich, dass es auch anders gehen muss.Zwischen sattem Grün windet sich westlich von Hondarribia eine kurvige Straße durch das geschwungene Bergland. Der tiefblaue Atlantik schiebt sich bis an die steile Küste heran, und mit jedem Kilometer verschwinden im Osten die Ausläufer der Pyrenäen tiefer im Dunst. Vom Gipfel des Jaizkibel bietet sich noch mal ein herrlicher Rundumblick, bevor es in einer kurzen Kurvenorgie hinunter nah Pasai und schließlich San Sebastian geht. Wunderschöne Häuserfassaden und breite Straßen – die Altstadt ist ein Denkmal aus der Belle Epoque. Lange Zeit zog es den europäischen Adel an die Strände in diesem Winkel der iberischen Halbinsel. Heute dagegen flüchten während der heißen Sommer hauptsächlich die Bewohner des zentralspanischen Hochlandes hierher. Ich nehme in einen netten Café im Zentrum Platz und stöbere ein wenig im Reiseführer. Dabei erfahre ich, dass diese Stadt von den Basken Donostia genannt; ein Name aus der baskischen Sprache Euskara, die zu den ältesten Sprachen Europas gehört und deren Quellen sich in dunkler Vergangenheit verlieren. Nur durch mündliche Überlieferung konnte sich der Wortschatz über Generationen erhalten; durch diese Sprache manifestieren die Basken ihr Nationalgefühl und Selbstbewusstsein.Nach einer Weile treibt mich der hektische Touristenrummel wieder raus aus der Stadt. Auf der Karte habe ich mir die »dünnste« Strecke zum Nachfahren ausgesucht, die sich als wunderbares Sträßchen entlang des Rio Urumea entpuppt. Aber irgendwann steht der Wald so dicht neben der Straße, dass kaum noch Tageslicht auf den Asphalt durchdringt. Weiter geht´s hoch hinaus über das langgezogenen Tal des Rio Araquil, bis ich schließlich zum Klosters San Miguel gelange. Laut Reiseführer soll man bei den Mönchen übernachten können. Aber als ich ankomme, sind die Gebäude leer. Nur aus der »Bar« des Klosters vernehme ich Stimmen. Lautstark diskutieren einige Männer in der rauchigen Luft. Ein ausgestopfter Fuchs mit aufgesetzter Sonnenbrille und einer Zigarette im Maul wacht über dem Tresen, und das einzige, was entfernt an ein Klosterleben erinnert, ist der chorale Gesang, der aus einem billigen Kassettenrecorder scheppert. Ich bekomme ein gutes Essen, ein Nachtlager werde ich mir dagegen woanders suchen müssen. Hinter dem Puerto de Ulzurrun öffnet sich das Land, und ich fahre durch eine weite, fruchtbare Ebene. Hinter dem Stausee von Alloz erreiche ich nach einer Weile das Dorf Estella. Auf dem örtlichen Campingplatz lerne ich schließlich Martin kennen, einen Deutschen, der sich in dieser Stadt niedergelassen hat. Als Motorradfahrer sind ihm natürlich auch die besten Strecken in der Umgebung vertraut, und er empfiehlt mir für den nächsten Tag einen Abstecher in die nahe Sierra de Urbasa. Allerdings wird hier so ziemlich alles, was einigermaßen über Meereshöhe aufragt, als Sierra, also Gebirge, bezeichnet. Die Sierra de Urbasa ist eine rund 1000 Meter hoch gelegene Ebene, auf der mir ein unspanisch-kühler Wind um die Ohren pfeift. Die weite, mit wenigem Buschwerk bewachsene Wiesenlandschaft ist vor allem durch die großen Pferdeherden bekannt, die hier frei unterwegs sind. Obwohl sie fast wild leben, zeigen diese Pferde nur wenig Scheu, ja, sie lassen sich sogar dann kaum aus der Ruhe bringen, wenn sie über die Straße marschieren und Verkehr naht. Neugierig betrachtet ein Fohlen meine fotografischen Bemühungen, wirft schließlich noch das Stativ um. Es bleibt beim Schrecken auf beiden Seiten.Ich rausche weiter über eine einsame und sehr kurvige Nebenstrecke, die von Zudaire nach Maestu führt. Durch uralte Dörfer, in denen sich seit Jahrhunderten kaum etwas verändert hat. Nur die vor den Höfen geparkten Autos wollen nicht so recht in dieses altertümliche Bild passen.Aber auch hier entdecke ich, wie eigentlich überall auf dem Land, nur ältere Menschen. Landwirtschaft ist längst kein Thema mehr für die Jugend, von denen es die meisten in die nahen Städte zieht. Aber auch ich mache mich auf den Weg in die nächste Stadt, nach Vitoria Gasteiz. Allein dieser elegante Name ist schon Grund genug, um dort einen Besuch abzustatten. Der eigentliche Anlass ist aber die Altstadt, die malerisch auf einem Hügel thront. Ich spaziere durch enge Gassen, staune über eine Unzahl wunderschön zurechtgemachter Geschäfte und Bars. Jedes der oft vierstöckigen Häuser ist reichhaltig verziert und verfügt über wunderschöne Erker und Balkone. Fast scheint es, als hätte jedes Bauwerk ein eigenes Gesicht, einen eigenen Charakter. Über allen wacht – wie könnte es in einem katholischen Land auch anders sein – natürlich eine mächtige Kathedrale.Langsam nähere ich mich wieder der Atlantikküste. Jetzt macht das Land seinen Namen alle Ehre - Espagña verde, grünes Spanien. Die hügelige, sattgrüne Landschaft endet erst wenige Meter vor der Küste. An der »Costa Vasca« geht das Grün hier und da zwischen bizarren Gesteinsformationen in feinsandige Badestrände über. Am meisten beeindruckt mich der weite Playa de Laga, aber die Wassertemperaturen im Frühjahr bieten keinerlei Anreiz, die Badehose auszupacken. Es leibt bei einem Spaziergang. Ich fahre noch ein paar Kilometer bis Oma. In diesem kleinen Dorf lebt Agustín Ibarrola, der zu den bekanntesten Künstlern in Spanien gehört. Eines seiner Werke steht auf einem Höhenrücken im Wald oberhalb des Dorfes – oder besser: Der Wald gehört bereits zum Objekt. Ibarrola hat viele Stämme so bemalt, dass sich von bestimmten Blickwinkeln zusammenhängende Bilder ergeben. Der Anblick eines weiteren berühmten Kunstwerks bleibt mir allerdings verwehrt. Nach einer recht schwungvollen Tour via Torrelavega in Richtung Atlantikküste stehe ich bei Altamira vor den Toren der berühmtesten Höhle des Landes, in der bereits vor Jahrtausenden ein wahres Genie gelebt haben muss. Die mit mehrfarbigen Zeichnungen ausgemalten Felskammern werden sogar als Sixtinische Kapelle der Vorzeit bezeichnet. Der Nachteil des Ruhmes: eine Warteliste für Besucher. Ich wäre in etwa 15 Monaten an der Reihe gewesen.Nur wenige Kilometer von Altamira entfernt stürme ich bergan. Hier erhebt sich die kantabrische Kordillere in den Himmel, eine wilde und zerklüftete Landschaft, die ganz sicher zu den schönsten Spaniens gehört. Noch besser: die unzähligen Passstraßen, die denen in den Alpen in kaum etwas nachstehen und eigentlich nur darauf warten, dass man sie unter die Räder nimmt. Aber kaum jemand ist hier außer mir unterwegs. Ohne die ewig lange Anreise wären diese Strecken längst hoffnungslos überlaufen. Genau wie die Schotterpisten rund um die markanten Felsen der Picos de Europa. Schmale Wege vorbei an mächtigen Granitwänden und tiefen Schluchten. Ich fahre wie in einem Rausch, gelange schließlich zum Pass von Puerto de San Isidoro in der Sierra de Corteguero. Eine herrliche Aneinanderreihung atemberaubender Kurven. Diese Landschaft macht hochgradig süchtig. Ich gönne mir eine kurze Verschnaufpause am Meer bei Villaviciosa, bevor ich mich entscheide, in einer weiten Schleife durch das östliche Asturien zurückzufahren. Kurven ohne Ende. In der langen Schlucht im Nationalpark von Somiedo dann die geschwungenen Strecken bis zum Ebro-Stausee. Der Ebro, der hier seinen Anfang hat, fließt quer durch Spanien bis hinüber zum Mittelmeer. Vielleicht sollte ich ebenfalls diese Richtung einschlagen: Über meinem Kopf sammeln sich nämlich gerade Regenwolken, die Schuld am grünen Beinamen des Nordens sind. Aber zwischen Elorrio, Bergara und Azkoitia soll es noch einige tolle Pässe geben. Mal seh«n. Ich stelle die Africa Twin vor einer Bar ab, bestelle einen Cafe cortado, um zu überlegen. Die Tasse ist leer, die Straße noch trocken, und ich – fahre nach Elorrio.

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