Spessart Die Räuber sind unter uns

Wer kennt ihn nicht, den Rasthof Spessart an der A 3 zwischen Frankfurt und Würzburg? Vor Jahrhunderten lag hier das Revier der legendären Spessartbanden. Heute offenbart es eine der verschwiegensten Möglichkeiten, ein deutsches Mittelgebirge zu entdecken.

Foto: Eisenschink

Es ist noch frisch an diesem Aprilmorgen. Vielleicht doch die dicke Jacke? Nein! Das war gestern. Heute muss es die Lederkombi sein. Wenn sich das Wetter an die Vorhersage hält, wird es spätestens mittags pudelwarm. Das erste schöne Wochenende. Gestern schon mal die Corsaro Probe gestartet. Ein paar bange Momente während leicht unrhythmischer, schwacher Verlautbarungen, dann war sie da. Keck und laut – wie der Seeräuber-Name schon sagt. Wunderbar. Alles noch mal durchgecheckt, aufgefüllt, gefettet. Sind Achse, Bremssattel und Kettenspanner nach dem Reifenwechsel wirklich wieder fest? Alles fest, alles dran. Rucksack mit dem Nötigsten packen, und los geht’s.

Endlich! Der Wind wieder im Gesicht, das Gas in der rechten Hand, spüren, wie sie ­antritt, ihre Muskeln spannt. Halt, halt, noch nicht. Sie ist genauso kalt wie du! Vorsichtig zirkeln wir die ersten Kurven ins Tal hinab, im Schatten noch der Tau der Nacht. Piano, piano, Straßen feucht, Reifen neu. An der ersten Tanke frischen Sprit zapfen. Na also, fühlt sich doch gleich ganz anders an. Deutlich motivierter tritt der 1200er-Zweizylinder an.


Rauf auf die Autobahn und per Eil-Cruising die ersten Kilometer ins Taubertal zurückgelegt. Das offenbar noch in morgendlicher Stille träumt. Zwischen Trauerweiden, Erlen und Weidenkätzchen wabern die letzten Nebelschleier, und fast reglos kreiselt die Tauber ihre scheinbar eine Million Schleifen bis zur Mainmündung ab. Gelegentlich rumpelt uns ein Lieferwagen entgegen, sonst ist niemand unterwegs. Die Kurven ziehen Richtung Wertheim zusehends knackigere Radien und Mensch und Bike zunehmend in Tuchfühlung. Endlich wieder hinter diesem prächtigen Lenker sitzen und den Tag mit möglichst 48 Stunden auf sich zustürmen lassen. Ungehemmt darf die Maschine nun von der Leine, sprintet durch das leere Tal. Unbeirrt von Kanaldeckeln, Frostaufbrüchen oder haarigen Kurvenausgängen. Die Corsaro steckt weg, was ihr in die Quere kommt.

Schon bald fliegen die ersten alten Sandsteinbrücken und Kloster Bronnbach vorbei, und wenige Minuten später grollt die Morini fast etwas vulgär zwischen den mächtigen Sandsteinmauern in Wertheim, bis uns die ersten Stände und Straßencafés vor dem Marktplatz stoppen. Namen bestimmen Schicksale. Hier waren Werte daheim. Eine jener reichen, mittelalterlichen Städte, die zwischen Würzburg und Aschaffenburg den Main säumen. Der alte Handelsweg. Da gab’s was zu ver­dienen. Von drei Seiten umfängt der Fluss das einsame und einst nahezu undurchdringliche, 1300 Quadratkilometer messende Wald­gebirge nördlich der Stadt. ­Den Spessart. Das pekuniäre Gegenstück quasi – denn dort herrschte bitterste Armut.

Westlich der Stadt zieht sich ein kleines Sträßchen zunächst in langen, schnellen Bögen entlang des Faulbachs und klettert dann in immer engeren Kurven durch dichten Wald hinauf ins Gebirge. Eine imaginäre Passhöhe taucht auf, von mehreren Wander­wegen gekreuzt. Über buckligen Asphalt rumpeln wir ein paar Serpentinen hinab in eine kleine Flussaue. Noch dreimal abbiegen – und die Schlüsselstelle ist erreicht. Sowohl der Hochspessart als auch das berühmte Wirtshaus. Mythos und Legende über Jahrhunderte hinweg. Kreiert in Wilhelm Hauffs Märchenalmanach 1827 und 1959 mit Lilo Pulver heimattümelnd filmisch finalisiert. Ich bin an der A 3, Anschlussstelle Rohrbrunn, und ­dem Rasthof »Spessart Süd«. Ein modern verglaster Raststättenkomplex samt Hotel und Wellnesszone. Auftankstation an der halb Deutschland durchquerenden Ferntrasse Köln–Passau. Draußen Kennzeichen aus Holland, Belgien und dem Ruhrgebiet, drinnen Stimmen aller Nationen. Der Nachfolger. Just zum Zeitpunkt des Filmdrehs musste das ursprüngliche Wirtshaus, das man als Schauplatz von Hauffs Novelle vermutete, dem Autobahnbau weichen. Das zweite Erwachen der uralten Verbindungsstraße zwischen Würzburg und Aschaffenburg. Während auf dem Parkplatz die Autobahnpolizei wacht, warnen im Restaurant Schilder vor Taschendieben. Das alte Revier der Räuber. Hier, rund um Rohrbrunn, Rothenbuch und Weibersbrunn, vermutete man sie damals. Immer wieder kamen Reisende um ihr Hab und Gut, wurden Postkutschen und Fuhrwerke geplündert. Im Wald steht ein Gedenkstein an jener Stelle, wo Förster Johann Sator am 3. Juni 1773 Johann Adam Hasenstab, einen der mutmaßlichen letzten Umtriebigen des Spessart, bei Wilderei ertappt und niedergestreckt hatte. Hasenstab – in vielen Spessartdörfern heute noch ein verbrei-teter Name. Das Telefonbuch nennt allein in Rothenbuch 23 Einträge.


Holprig und mit 1000 Flickstellen fädelt sich eine kleine Straße jenseits des Rasthofs durch den frisch ergrünten Mischwald weiter Richtung Weibersbrunn, Rothenbuch und Waldaschaff. Die Versuchung für räuberische Machenschaften war damals groß. Das undurchdringliche Waldareal bot seinen Bewohner kaum eine Lebensgrundlage. Bis auf ein paar »mobile Glashütten«, die sich das Feuerholz zunutze machten, vegetierten die Spessartbewohner in den wenigen Dörfern mehr oder weniger ­dahin. 1852 beauftragte die bayrische Regierung den Würzburger Arzt Rudolf Virchow, die dramatisch angestiegenen Todesfälle im Spessart zu untersuchen. Der Sozialmediziner und ehemalige Barrikadenkämpfer der 1848er-Märzrevolution hatte bereits vier Jahre zuvor in Schlesien anhand der sogenannten »Hungerpest« bedrückende Zusammenhänge zwischen Krankheiten und Lebensumständen erforscht. Im ­Spessart, »der ebenfalls nicht zu den glücklichsten Zonen der Erdoberfläche zählt«, erschüttern ihn neben dem Fehlen elementarer Nahrungs- und Erwerbsgrundlagen vor allem die erbärmlichen Wohnverhältnisse. »Große Mistlachen vor den Häusern, drinnen die Wände nass und schimmelig, die Bewohner auf’s Äußerste zusammen-gedrängt... Mitunter hausen bis zu neun Personen in einer dumpfen, lichtlosen Kammer, oft zwei bis drei Personen schlafen im selben Bette... was nicht selten zur geschlechtlichen ­Immoralität und sozialen Verwahrlosung führt.« Es ist, als wäre Not und Trostlosigkeit fast noch zu spüren, als ich durch die erwähnten Dörfer rolle. Graue Häuser an der Straße aufgereiht, ausgebleichter Putz, Autowracks in den Gärten. Ein paar lieblose Läden, Kneipen namens »Spessarttraube«, »Zum Adler« oder »Zum Ochsen«, hinter deren dunkle Butzenscheiben sich vermutlich nie ein Fremder verirren wird.


Erst das Hafenlohrtal bringt wieder Licht ins Dunkel. Ein idyllisches, naturgeschütztes Tal mit alten Baumriesen und Mühlen am wild mäandernden Bach, das vor einigen Jahren mit knapper Not der Überflutung durch einen Staudamm zur Wasser­gewinnung entronnen ist. Im oberen Teil bei Lichtenau zwei tolle alte Gasthäuser – der »Hohe Knuck« und das »Gasthaus im Hochspessart«. Hier, schrieb Kurt Tucholsky be­reits 1927 anlässlich eines Besuchs, habe er ein Gefühl längst vergangener Zeiten gehabt.

Ein Stück Richtung Aschaffenburg noch, und die Spessarthöhenstraße zweigt nach Norden ab. 50 Kilometer zieht sie sich von Hösbach am nordwestlichen Rand des Gebirges bis nach Steinau im Kinzigtal. In Sailauf geht es gleich mit kräftigem Höhengewinn an den Berg, die Corsaro stiebt hinauf. Der Wald öffnet zunehmend Ausblicke gen Westen auf den fernen Ballungsraum Rhein-Main. Aufatmend lasse ich auf der komfortabel ausgebauten Straße die Erinnerung an Virchows deprimierende Schriften hinter mir und die Corsaro wieder das Kommando übernehmen. Kurz vor dem Abzweig Jakobstal liegen bereits über 500 Höhenmeter an, und ein kleiner Skilift taucht an einem freien Osthang auf. Erst kurz vor Wiesen verlässt die Höhenstraße den dichten Wald für eine Zwischen­etappe in einem wunderschönen Hochtal. Ihr folgend ginge es zum Wiesbüttsee, rechts jedoch auf ein kleines »weißes« Sträßchen nach Frammersbach. Volltreffer! Was ich als besseren Feldweg vermutete, bietet geschlagene elf Kilometer schieren Fahr­genuss. Einspurig und nur mehr von zwei verblichenen Seitenlinien begrenzt, wirbelt die kleine Straße in einem regelrechten Kurven-Crescendo zwischen Wald und blühenden Obstwiesen hinab nach Frammersbach. Ein paar Kilometer auf der B 276 Richtung Lohr, bis kurz hinter Partenstein – Bushaltestelle »Helminenglück«! – ein weiterer Spannungskick wartet. Wieder ist es ein »weißes« Sträßchen, das unscheinbar links unter der Bahnüberführung hindurchtaucht, sich aber diesmal als legal befahrbare Schotterpassage über den Bergrücken ins Nachbartal entpuppt. Jetzt beginnt echtes Piraten-Terrain. Wohlig grummelnd staubt die Corsaro auf feinem Schotter in Richtung Bayerische Schanz. Ein uralter Wegweiser fliegt vorbei, die Waldpisten nach Lohr und Ruppertshütten anzeigend, dann seilt sich die Piste in langen Schotterkehren ab in Richtung Ruppertshütten. Ein paar Asphaltkilometer noch, und die Bayerische Schanz liegt vor uns. Ein weiteres herrliches Spessart-Wirtshaus, typisch an einer Wegkreuzung mitten im Wald residierend.

Durch das Jossatal geht es zurück auf die Spessart-Höhenstraße und gleich darauf zur nächsten wichtigen Kreuzung, der Wegscheide. Kein Frankfurter Kind, das nicht irgendwann mal hier seine Ferien verbracht hätte. 1920 als Landschulheim mit moderner, naturverbundener Pädagogik gegründet, war es der Lichtblick manches Großstadtkindes, das zwischen Hoechster Farben, Adler- und Casellawerk oft kaum einen Sonnenstrahl sah. Nach längerem Intermezzo als Kriegsgefangenlager und später Vertriebenenauffang­stätte erlangte es in den 50er Jahren wieder seine ursprüngliche Bestimmung.


Westlich führt ein abzweig in das einst mondäne Kurbad Orb, gerade­aus ist schon bald das nördliche Ende des Spessart erreicht. Ein paar schnelle Kilometer noch, dann öffnen sich die Bäume bereits über dem weiten Kinzigtal. In inzwischen ­wohliger Sonnenwärme holpert das kleine Sträßchen über Alsberg und Seidenroth hinab. Fliegen summen, als ich zwecks Kartenstudium den Motor abstelle. Es riecht nach Land, Kühen und den sonnenwarmen Holzbalken einer alten Scheune nebenan. »Mutterkuhhalter Main-Kinzig« informiert stolz ein Schild. Unten liegen die bildschön restaurierten Fachwerkhäuser von Steinau, Wirkungsstätte der Gebrüder Grimm. Die dort ihre Märchen sammelten, während der Vater sich als Amtmann beim Staat verdingte. Die Mythen-Inspira­tionskraft scheint bis in die Ausläufer des Spessart gestrahlt zu haben.
Hinter Steinau geht es ein letztes Mal zackig hoch in die Berge, für Biker allerdings mit gebremsten Schaum: Mehr als 70 km/h verweigert ihnen hier die StVO. Der Grund ist offensichtlich. Die nächsten Kilometer entzünden ein regelrechtes Feuerwerk unterschiedlichster Kurven, Kehren und Abstürze bis hinab ins Jossatal. Dort sehe ich zum ersten Mal ihre charakteristischen Spuren: kegelförmig angenagte Weiden, fachkundig umgelegte Bäume, kleine Knüppeldämme im fröhlich durch die Auen kringelnden Wasserlauf der Sinn – Biber. Die kleinen Vegi-Räuber der Bäche. Seit ein paar Jahren wieder heimisch und nichts unangenagt lassend, was ihren Dämmen und Winterwohnsitzen dienlich sein könnte.

Will ich den Spessart nicht aus den Augen verlieren, hilft nun nur noch ein entschlossener Südkurs. Auf der Anhöhe bei Zeitlofs sind östlich im abendlichen Dunst bereits die ersten Ausläufer der Kuppen-Röhn erkennbar, als ich die Corsaro auf ein letztes Schottersträßen locke. In Roßbach weisen kleine Schilder am Ortseingang zur Waldabkürzung nach Rieneck und Burg­sinn. Doch dann kommt es unerwartet happig – gleich drei mächtige Holztrans­porter donnern mir auf dem Waldweg ent-gegen. Ihre gewaltige Staubwolke nimmt schlagartig jede Sicht, ich drücke die Corsaro blindlings, so weit es geht, nach rechts, inständig hoffend, irgendwie zwischen Bäumen und Zwillingsrädern oben zu bleiben. Dann sind sie vorbei. Puh. Das waren sie, die neuen Herrscher des Spessart.


Als ich den Main wieder erreiche, strahlen bereits die Lichter der alten Städte Lohr und Gemünden unter dem Abendhimmel. Ein paar Streetfighter-Piloten grüßen aus Straßencafés vom Gemünder Marktplatz. Staubig und glücklich lasse ich mich in einen freien Stuhl fallen. Wunderbar war er, dieser erste schöne Tag der Saison. Und der Spessart zeigte sich kaum weniger spannend als einst in Hauffs Wirtshaus.

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