Südamerika – Antarktis 42 Breitengrade

Auf zwei Enduros durch die Anden – von der chilenischen Atacama-Wüste bis hinunter ins argentinische Feuerland –, dann per Schiff in die Antarktis. Wer so weit immer in Richtung Süden reist, durchquert sämtliche Klimazonen – und kreuzt 42 Breitengrade.

Es ist still. Absolut still. Und es ist kalt. Bitterkalt. Minus 15 Grad. Nicht gerade verlockend, um aus dem warmen Schlafsack zu kriechen. Aber schließlich sind Birgit und ich nicht die mühsame Piste zur Laguna Lejia hinaufgefahren, um jetzt den Sonnenaufgang zu verschlafen. Also raus. Mir bleibt die Luft weg. Nicht, weil die hier oben auf 4350 Meter ohnehin arg dünn ist. Auch nicht wegen der Kälte. Die Landschaft ist Ursache unserer Atemnot. Keine Welle trübt die spiegelglatte Lagune. Nur einige Flamingos, die Survival-Künstler in diesen Höhen par exellence, staksen im brackigen Wasser. Am anderen Ufer rollt die Atacama-Wüste in sanften braunen Wellen bis zu einer Reihe von Vulkanen. Der Lascar erinnert mit seinen gelblichen Rauchschwaden daran, dass er jederzeit wieder ausbrechen könnte, wenn er nur wollte. Seine Nachbarn, die perfekten Kegel von Aguas Calientes und Pili, haben sich indessen das Rauchen schon lange abgewöhnt. Stattdessen schmücken sich diese 6000er mit einer dünnen Schneehaube. Eine archaische, atemberaubend schöne Landschaft. Stundenlang staunen wir über diese fremdartige Welt Nordchiles, genießen heißen Kaffee und die warme Sonne. Dann satteln wir die Enduros und fahren wieder hinunter zum Salar der Atacama, wo wir mittags bei 30 Grad Hitze schwitzen. 45 Grad Differenz in kaum sechs Stunden sind extrem; in der Atacama aber Normalität.Die Straße kurvt wieder hoch aufs Altiplano und tauscht ihren Asphalt gegen staubigen Schotter. Der begleitet uns über den Sico-Pass bis weit hinein nach Argentinien. Nicht ein einziges Auto begegnet uns. Nur das gleichmäßige Bollern unserer Einzylinder ist zu hören.Wir gelangen nach San Antonio de los Cobres. Ein deprimierender Ort, in dem nur Arbeiter der umliegenden Minen leben. Kalter Wind wirbelt Staub durch die Straßen, hier und da sehen wir dick vermummte Menschen in armseligen und verschlissenen Klamotten. Wenigstens gibt es eine Tankstelle an der Kreuzung mit der Ruta 40. Die »Cuarenta«, wie sie liebevoll genannt wird. Die längste Straße Argentiniens zieht sich von der bolivianischen Grenze entlang der Anden bis zur Magellanstraße. 4700 Kilometer. Unser Zuhause für die nächsten beiden Monate.Kurz hinter San Antonio schwingt sich die Cuarenta hinauf zu einem der höchsten Pässe Amerikas, dem Abra el Acay. Keine Frage, da wollen wir hoch. Was viel leichter ist als erwartet. Nur die Motorräder verlangen nach deutlich mehr Gas, weil ihnen in solchen Höhen die Luft und damit die Leistung wegbleibt. 4895 Meter verkündet das Schild auf der Passhöhe. Unser GPS zeigt 4950. Das motiviert. Einmal auf 5000 zu stehen. Schritt für Schritt stiefeln wir vom höchsten Punkt der Straße wie in Zeitlupe weiter berghoch, keuchen wie altersschwache Dampfmaschinen. Endlich – 5000 Meter! Euphorie kommt auf. Wir fühlen uns überirdisch gut. Wenn es bloß nicht so kalt wäre. Schnell ein paar Bilder machen und dann talwärts immer nach Süden. Die Berge verlieren an Höhe, bleiben weit im Westen zurück. Plötzlich verschwindet die Piste in einem etwa 50 Meter breiten Fluss. Vor der Furt hat sich bereits ein Stau gebildet. Vier Autos – für die Ruta 40 bemerkenswert. Ich ziehe Stiefel und Hose aus und suche nach einer Spur im knietiefen Wasser. Wir müssen hier einfach durch. Ein Blick zu meiner Honda. Die scheint zu ahnen, was auf sie zukommt und schielt angestrengt in die Berge. Was ihr aber nicht hilft. Motor starten und langsam ans Wasser rollen. Das flaue Gefühl im Bauch wird stärker. Die Angst des Torwarts vorm Elfmeter. Gang rein. Und Gas. Ab in die Brühe. Mein Gott, wie die Strömung bremst. Mehr Gas. Die Honda buddelt sich durch, Meter für Meter bis ans gegenüberliegende Ufer. Jetzt Birgit, die ihrer Suzuki die Sporen gibt und mit einer mächtigen Bugwelle durch den Fluss rauscht. Motor aus, Stiefel ausleeren. Die Autofahrer am anderen Ufer applaudieren begeistert.In Fiambala tanken wir randvoll für den 460 Kilometer langen Paso de San Francisco, der wieder hinüber nach Chile führt. Bis zur Passhöhe, auf 4747 Meter, haben die Argentinier die Straße vor vier Jahren ausgebaut und geteert. Langweilig. Aber kaum berühren unsere Reifen chilenischen Boden, wirbeln sie wieder ordentlich Staub auf. Ein paar Kilometer weiter bauen wir an der Laguna Verde unser Zelt auf. Was für ein See! Fast unwirklich leuchtet er in grellem Türkis. Die Hügel am gegenüberliegenden Ufer sehen harmlos aus, dabei handelt es sich um über 6000 Meter hohe Berge.Während wir noch das Zelt einräumen, hat sich eine schwarze Wolkenwand angeschlichen. Ein Gewitter. Birgit ergreift die Flucht, fährt zur nahen Polizeistation, wo sie Unterschlupf findet. Ich flüchte in die windschiefe Wellblechhütte am Ufer. Rasend schnell ist das Gewitter hier, Blitze zucken im Sekundentakt. Ohrenbetäubender Donner rollt durch die Berge. Unwillkürlich ziehe ich den Kopf ein, schwanke zwischen Faszination und Angst. Zentimeterdicke Hagelkörner knallen auf das Blechdach. 30 Minuten später ist der Spuk vorbei. Dem Wind geht die Puste aus, die Wolken lösen sich auf, und die Abendsonne verströmt warmes Licht über die frisch verschneiten Berge. Eine grandiose Szenerie.Weniger grandios ist die Panamericana, auf die wir zwei Tage später treffen. Von wegen Traumstraße. Ein schnurgerades Teerband durch eine öde Wüste. Tankpausen und Kaffeestopps. Langeweile pur. In La Serena verlassen wir die »Panam« und klettern wieder in die Anden. Der Paso del Agua Negra, 4770 Meter hoch, bringt uns auf die andere Seite der Berge. Dort nehmen wir die altbekannte Ruta 40 unter die Räder. Kurs Süd. Was sonst? Auf den nächsten 1200 Kilometern gibt es nur wenig Abwechslung.Hinter Chos Malal, einem gesichtslosen Ort in der Steppe, haben wir vorerst genug von der Cuarenta und wechseln abermals westlich über die Anden ins chilenische Seengebiet. Eigentlich eine Landschaft wie in Schleswig-Holstein mit saftigen Wiesen, schwarzweißen Kühen und Namen wie Café Schwarzwald, Mödinger Salami oder Puente Hopperdietzel. Erinnerungen an die vielen deutschen Einwanderer in dieser Gegend. Den Unterschied machen die schneebedeckten Bilderbuch-Vulkane. Wie der Villarrica, dessen Krater schwefelige Dämpfe ausstößt, oder der Lanin, einer der schönsten Berge überhaupt.Südlich des Seengebiets sieht dagegen alles anders aus. Puerto Montt ist die letzte größere Stadt für die nächsten 2000 Kilometer, gleichzeitig das Tor zum wilden Süden und der Anfang der legendären Carretera Austral, die »Straße in den Süden.« Tagelang holpern wir mit unseren Enduros durch die Küstenurwälder. Ab und an ein kleines Dorf. Einfache bunte Holzhäuser. Man lebt vom Fischfang, und bei einem Kilopreis von zwei Euro wandert in unsere Campingpfanne das eine oder andere Lachsfilet.Wir folgen weiter dieser einspurigen Piste, die sich in unzähligen Kurven ihren Weg durch die Wildnis sucht. Nur der ständige Regen nervt. Allerdings – ohne vier Meter Niederschlag pro Jahr könnte dieser üppige Wald nicht wachsen. Lediglich 100 Kilometer weiter östlich, jenseits der Anden, ist alles anders. Statt Regenwald Trockensteppe, statt Windstille ewiger Sturm und statt fünf Kurven pro Minute wie hier auf der Carretera nur noch fünf pro Tag auf der Cuarenta. Wir sind also gewarnt vor den Extremen Patagoniens. Aber auch neugierig. Für die Andenüberquerung wählen wir den Paso Roballos. Der ist zwar nur 733 Meter hoch, macht uns jedoch viel mehr Probleme als die 4000er-Pässe im Norden. Schuld daran ist mal wieder der Regen, der die Piste in eine Rutschbahn verwandelt. Immer öfter baggern die Stollenreifen durch tiefen Matsch. Wir haben Mühe, die Haltung zu bewahren. Bis uns die Einfahrt zu einer Estancia lockt. Vielleicht können wir auf dem Gelände der Farm das Zelt aufbauen. Birgit klopft an die Haustür. Sofort werden wir hereingebeten und mit heißem Tee versorgt. Die argentinische Gastfreundschaft macht uns sprachlos. Horacio und Estella nehmen uns völlig selbstverständlich auf.Über Nacht hat sich der Regen verzogen, und die Piste ist abgetrocknet. Gelbe Hügel, so weit das Auge reicht. Im Westen die vereisten Bergspitzen der Anden, im Osten die Steppe. Wolkenloser Himmel, 18 Grad. Perfekt. Und kräftiger Rückenwind, der uns bis zur Ruta 40 schiebt, auf die wir nach Süden abbiegen. Prompt lernen wir den Wind von seiner anderen Seite kennen. Volle Breitseite. Nicht selten benötigen wir die komplette Piste, um die Wind-Attacken auszugleichen. Patagonische Normalität.Wir arrangieren uns so gut es geht mit dem windigen Begleiter, staunen über die einzigartigen Reize des kargen Landes. Eine unvorstellbare Weite, eine Handvoll Autos pro Tag und vom Sturm modellierte Wolken, die wie Kunstwerke in den Himmel ragen. Tage später stehen wir vor dem gewaltigen Perito Moreno Gletscher. Stundenlang starren wir auf die 60 Meter hohe Abbruchkante, warten darauf, dass sich einer der so fragil wirkenden Eistürme in den See stürzt. Spannung pur.Wenig später bekommt unsere Reise eine unerwartete Wende. In Calafate treffen wir den Norweger Mikal, der mit seiner XT aus Ushuaia kommt. Begeistert erzählt er von seiner Kreuzfahrt in die Antarktis. Wir hören interessiert zu, zählt doch das Reiseziel Antarktis zu unseren Träumen, die bislang unrealisierbar schienen. Bis Mikal sein Last-Minute-Ticket erwähnt und uns die Adresse des Reisebüros in Ushuaia gibt. Augenblicklich bin ich elektrisiert. Wir stürmen ein Internet-Café und schreiben an das Reisebüro. 20 Minuten später kommt die Antwort. Es gibt noch zwei Tickets für jeweils 1900 Dollar. Birgit und ich starren wie gebannt auf den Bildschirm. Ist das wirklich wahr? Wir buchen sofort. Die Sache hat nur einen Haken, das Schiff legt in vier Tagen in Ushuaia ab. 1000 Kilometer in vier Tagen? Es muss klappen.Ushuaia auf Feuerland, die südlichste Stadt der Welt. Im Hafen wartet schon unser Schiff, die Lyubov Orlova. Die Motorräder stellen wir bei einer Pension unter, dann gehen wir an Bord. Wir sind aufgeregt wie selten zuvor. Hubschrauber kreisen in meinem Bauch, als die Orlova ablegt und ihr Schiffshorn dreimal tönt. Die Drake Passage, das stürmischste Meer der Erde zwischen Kap Hoorn und der Antarktis, gibt sich ungewohnt zahm. Keine Spur von den sonst üblichen Riesenwellen.So ist die Orlova schon nach 50 Stunden in der antarktischen Wunderwelt. Die breite Gerlache Straße, durch die wir fahren, ist spiegelglatt. Im Norden ragen die schroffen Berge von Livingston Island auf, verschwinden aber nach wenigen hundert Metern im Hochnebel. Eisberge gleiten vorbei. Plötzlich entdecke ich fünf Buckelwale, die abwechselnd aus dem grauen Wasser tauchen. Meterhoch steigen die Gischtwolken aus den Atemlöchern in die eisige Luft. Ein magischer Moment.Früh am nächsten Morgen biegt die Orlova in einen schmalen Fjord, und der Eisteppich wird immer dichter. Gewaltige Eisberge dümpeln in einer Bucht. Einer hat die Konturen eines Pinguins, ist locker 30 Meter hoch. Daneben ein blau schimmernder Eisbogen, kaum weniger groß. Landschaften wie diese werden gerne mit »unbeschreiblich« beschrieben. Was daran liegen mag, dass sämtliche Superlative sich hier vergeblich bemühen.Vor Cuverville Island rasselt der Anker ins Wasser, und Schlauchboote bringen uns an Land. Eselspinguine ziehen hier ihre Jungen groß. Fasziniert beobachten wir das geschäftige Treiben in der Kolonie. In einer Mulde schlafen ein paar See-Elefanten. Neben gähnen, schnaufen und furzen eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Bei 22 Stunden Tageslicht kommt bei uns dagegen der Schlaf zwangsläufig zu kurz. Aber schlafen kann ich auch zuhause, während sich hier ein Höhepunkt an den anderen reiht.So stehe ich morgens um vier Uhr schon wieder an Deck, als die Orlova Kurs auf eine der spektakulärsten Wasserstraßen der Erde nimmt, den Lemaire-Kanal. Die See ist völlig glatt. Nebelbänke verwischen den Horizont. Der Kanal wird immer schmaler, Robben und Pinguine dösen auf Eisschollen, monumentale Berge steigen rechts und links empor. Keiner von ihnen ist jemals bestiegen worden. Viele haben nicht mal Namen. Und die detaillierte Seekarte auf der Brücke der Orlova weist viele Gebiete als »noch nicht vermessen« auf. Es gibt sie also doch noch, die weißen Flecken auf der Landkarte.Der Lemaire endet so grandios wie er beginnt, eingerahmt von fast senkrechten Bergwänden. Nach Süden öffnet sich die Landschaft. Vor Peterman Island fällt der Anker. Das GPS zeigt 65° 10´, der südlichste Punkt unserer Reise. Peterman Island ist groß genug, um endlich einmal dem Motorengeräusch des Schiffs zu entkommen. Wir steigen auf einen felsigen Hügel. Zum ersten Mal ist es völlig ruhig. Antarktika - der Kontinent der Stille. Nur hin und wieder schreien Raubmöwen oder ein kalbender Gletscher grollt dumpf. Ein paar Schneeflocken tanzen durch die Luft. Hochsommer, null Grad. Unten am Meer brüten Adelie-Pinguine, dahinter ragen gewaltige Berge auf. Komisch, dass mir gerade jetzt unsere Motorräder einfallen. Dabei scheinen mir der üppig grüne Urwald entlang der Carretera Austral oder der eisige Morgen an der Laguna Lejia Lichtjahre entfernt zu sein. Die Antarktis ist anders, fremdartig und faszinierend. Hier scheint kein Platz für die bekannten Bilder aus unserer Welt.

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