Südamerika (2)

Foto: Deleker
Südamerika, MOTORRAD 3/2004
Südamerika, MOTORRAD 3/2004
Schließlich gelangen wir zum Salar de Uyuni, dem größten Salzsee der Welt. Für uns einer der Höhepunkte dieser Reise. Unser Traum, mit den Enduros über die brettebene und schneeweiße Salzfläche zu düsen, geht allerdings baden. Die letzte Regenzeit, intensiv wie seit 50 Jahren nicht mehr, hat den Salar meterhoch überflutet. So bleibt uns nur ein trauriger Blick über die endlos weite Wasserfläche. Doch die melancholischen Gedanken werden schnell von realen Problemen abgelöst. Es gibt keinen Sprit in Uyuni. Mañana – morgen, lautet die Auskunft des Tankwarts. Aus morgen wird übermorgen. Und dann wieder: „Mañana“. Vier Tage warten wir auf die nächste Tankfüllung. Als sie schließlich eintrifft, entpuppt sie sich als zweifelhafte Brühe mit höchstens 85 Oktan. Und riecht obendrein verdächtig nach Terpentin. Doch das Zeug nennt sich optimistisch „Especial“.

Unsere Honda- und Suzuki-Singles verdauen das Gebräu zum Glück ohne Murren und bringen uns ins zugig kalte Potosí, von dort in die malerische Kolonialstadt Sucre und schließlich in die Metropole La Paz. Verkehrschaos in einer neuen Dimension. Jeder hat Vorfahrt. Oder tut zumindest so. Wir kämpfen uns durch, finden trotz fehlender Schilder die Ruta 3, die uns aus diesem Moloch wieder hoch aufs Altiplano bringt. Und zum Abzweig jener Piste hinunter in die immergrünen Yungas, die als gefährlichste Straße der Welt gilt. Ein zweifelhafter Superlativ. Erst vor zwei Tagen stürzte ein Kleinbus in die Tiefe – 16 Tote.
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Foto: Deleker
Südamerika, MOTORRAD 3/2004
Südamerika, MOTORRAD 3/2004
Entsprechend groß ist unser Respekt. Die einspurige, steil bergab führende Piste ist mühsam in die Felswand gehauen. Links geht es völlig schutzlos nahezu senkrecht in die Tiefe, mal nur 100, dann wieder fast 1000 Meter. Und rechts genauso steil hinauf. Zudem herrscht auf dieser Strecke Linksverkehr. Damit die Piloten der bergab rollenden Autos bei Gegenverkehr stets den Abgrund im Blick haben, wenn sie auf der schmalen Trasse rangieren. Allerdings verrät kein Schild, ab wann der Seitenwechsel von rechts nach links gilt. Wir können auf dieser haarsträubenden Spur nur warten, bis uns der zum Glück recht langsam bergan kriechende Gegenverkehr, zumeist schwer beladene Lkw oder uralte, vollbesetzte Busse, laut hupend darauf hinweist. Das war es dann schon mit der Rücksichtnahme.

Auf zwei Rädern stehen wir in der Hierarchie der Straße ganz unten. Nach einigen Kilometern legt sich unsere Anspannung, weicht der Euphorie des Fahrens auf dieser spektakulären Piste. Mit jedem Meter abwärts wird es grüner, feuchter und wärmer. Handtellergroße Schmetterlinge flattern umher, und irgendwann zeigt das Thermometer 27 Grad. In Coroico, einem netten Urwaldkaff, quartieren wir uns im Hotel Esmeralda ein, können uns kaum satt sehen am üppigen Grün der Yungas und würden gerne noch ein paar Ausflüge machen. Aber ein landesweiter Generalstreik ist angedroht. Eigentlich nichts Außergewöhnliches in Bolivien. Bei Protesten in La Paz gab es jedoch gestern zwei Tote. Die Situation ist schwer einzuschätzen, da die Armee bereits die Kasernen verlassen hat. Alle raten uns, das Land zu verlassen.

Also Kurs Nordwest, zum Titicaca-See und nach Peru. Überraschend freundliche Grenzbeamte empfangen uns im Nachbarland. Anstatt direkt nach Cuzco zu fahren, steht uns der Sinn erst mal nach Meer. Die Strecke hinunter zum Pazifik ist der Wahnsinn. 4000 Höhenmeter, feinster Asphalt, zu mindestens 1000 Kurven arrangiert. In einem Restaurant am Pazifik machen wir Bekanntschaft mit peruanischen Gaumenfreuden. Inka-Cola heißt die knallgelbe Flüssigkeit, die wie geschmacksverstärkte, aufgelöste Gummibärchen schmeckt. Entweder man hasst dieses Zeug oder wird süchtig. Ich bestelle noch eine Flasche. Eine große. Schließlich muss das Essen verdaut werden – gebratenes Meerschweinchen, die Spezialität des Landes. Schmeckt fast wie Kaninchen.

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