Südamerika, Teil 1 Lockruf der Anden

Abenteuer Südamerika: Venezuela, Kolumbien, Equador, Peru und Bolivien sorgen mit grandiosen Gegensätzen für eine Enduro-Tour der Extraklasse.

Foto: Pichler

Manche Sehnsüchte sind unstillbar. Bereits vor 17 Jahren haben wir Südamerika mit dem Motorrad durchquert, seitdem hat uns der Kontinent nicht mehr losgelassen. Bis wir endlich beschließen, erneut aufzubrechen. Trotz allen technischen Fortschritts ist eine Südamerika-Reise auf dem Motorrad auch heute noch ein großes Abenteuer. Es beginnt mit dem Wort »manana« – morgen. Im Zollbereich auf dem Flughafen von Caracas heißt es das: »Lass mich in Ruhe«, »komm’ morgen wieder«, »diese Formulare kann ich nicht bearbeiten«. Kurzum: Das Wort steht wie eine Mauer zwischen dem Reisenden und seinem Motorrad. Erst Tage und etliche Schmiergeldzahlungen später können wir unsere Maschine den Behörden abluchsen. Endlich raus aus der Stadt. Rauf auf kurvige, steinige Pisten entlang der Küste oder asphaltierte Fernstraßen im Landesinneren.

Das Benzin ist sensationell günstig: 17,6 Liter kosten 1706 Bolivares, das sind 57 Cent. Ein Liter Sprit für drei Cent, ein­-fach märchenhaft. Bei der ersten Rast in Chichiriviche gesellt sich Raoul Jose zu uns. Woher wir kommen, fragt er. »De Austria«, ist unsere Antwort. Raoul Jose kennt »Australia«, das Land mit den vielen Kängurus. Es dauert eine kleine Ewigkeit, ehe er begreift, dass wir nicht aus »Australia«, sondern aus »Austria« stammen. Klar kennt er auch Österreich, es fallen ihm sogar zwei Landsleute ein: Adolf Hitler und Arnold Schwarzenegger.

Eine letzte Nacht im Reich von Hugo Chavez, Staatspräsident und selbsternannter »Kämpfer der Armen«, dann überqueren wir bei Maicao die Grenze nach Kolumbien. Die Ausreiseformalitäten sind in fünf Minuten erledigt, kein Vergleich zu dem Chaos bei der Einfuhr. Kolumbien, das als das gefährlichste Land Südamerikas gilt, sorgt auf den ersten Kilometern nicht gerade für Entspannung. Das Medellin-Kartell um den Drogenbaron Pablo Escobar, die Geschichten unzähliger Entführungen von Ausländern, Überfälle und Totschlag sind nicht leicht aus dem Bewusstsein zu drängen. Keine Straßenkreuzung, keine Brücke, die nicht von schwer bewaffnetem Militär bewacht wird. Das Ganze passt so gar nicht zur Landschaft, die einladender und abwechslungsreicher nicht sein könnte. Lustvoll windet sich die Straße zunächst durch exotisch anmutende Wälder, Hügel und Bananenplantagen und schließlich an endlosen Sandstränden entlang. Eine frisch gefangene Languste kostet zehn Euro, dazu gibt es eisgekühltes Bier. Am Strand sitzend und den auf Akkordeons gespielten Vallenato-Liedern lauschend, scheint es fast unvorstellbar, dass nahe der Hauptstadt Bogota ganze Regionen unter der Kontrolle der Guerilla stehen. Die Menschen in den Bars von Cartagena, eine der schönsten Städte Südamerikas, lassen sich die Lebensfreude nicht nehmen. Heiße Rhythmen und Partystimmung bestimmen das Geschehen bis in die frühen Morgenstunden. Wie die Einheimischen im Tu Candela Salsa tanzen, ist unbeschreiblich. In Mittel­europa würde man sie wegen unzüchtiger Handlungen in der Öffentlichkeit sofort einsperren.


Eigentlich sollte man in Kolumbien aus Sicherheitsgründen die Hauptstraßen nicht verlassen. Aber nur auf der bestens ausgebauten Panamericana Richtung Süden zu cruisen macht einfach keinen Spaß. Weshalb wir in Carmen de Bolivar ins Gebiet des Rio Magdalena abbiegen. Schlammige Pisten lösen das Teerband ab, jetzt bekommen die grobstolligen Reifen endlich was zu greifen. Mehrmals endet die matschige Straße am Fluss, an dem Brücken Mangelware sind. Doch die Einheimischen wissen Abhilfe: Für den Motorrad-Transport binden sie kurzerhand drei Einbäume zusammen, legen Holzplanken darüber, fixieren einen alten Außenbordmotor, fertig ist die Fähre. In kleinen Andendörfern wie Barichara scheint die Zeit stillzustehen, das Straßenpflaster hat locker 300 Jahre auf dem Buckel. Im Kontrast dazu ist die Panamericana hinter dem Ort eine nagelneue Bergstraße, die eine forschfröhliche Fahrweise geradezu einfordert. Erst die Millionenstadt Bogotá bremst uns wieder ein: mittels eines gewagten Spiels namens Auto-Slalom.

Die Straße über die Anden Richtung Osten führt durch gefährliches Guerillagebiet. Weiter als bis Villavicencio sollte man nicht fahren. Dort rauscht tief unter uns der Rio Negro. Quer über die Schlucht ist ein 550 Meter langes Stahlseil gespannt. Als wir uns fragen, wozu, erscheint ein junger Mann, legt sich einen Strick um das Becken, klemmt eine Metallrolle auf das Seil, stößt sich ab und rast in höllischer Geschwindigkeit auf die andere Seite der Schlucht. »Los Cables« nennen die Menschen im Gyabe-Tal diese für sie alltägliche Art der Fortbewegung.

Der Plan, von Popayán nach San Agustin zu fahren, ist nicht realisierbar. Er­neut droht Gefahr durch unberechenbare Guerilla-Aktivitäten. Kolumbien hält einen traurigen Weltrekord: 2005 gab es 4000 Entführungen, das ergibt 11 pro Tag. Das Risiko, ein Teil jener makabren Statistik zu werden, ist zu groß, und so verlassen wir dieses für Reisende unsichere, im Widerspruch dazu durch seine gastfreundlichen Menschen und die gran­diose Natur so beeindruckende Land Richtung Ecuador.

Hier empfängt uns nicht nur das quirlige Quito, sondern auch der tropische Regenwald des Amazonasgebiets. Was nach Paradies klingt, ist tatsächlich das größte Ölfördergebiet Ecuadors. Wie riesige Würmer winden sich in der Region Ornella die Pipelines durch die Landschaft. Und ausgerechnet an diesem Ort, mitten unter den Ölbohrtürmen, gibt es kein Benzin. Infolge eines Streiks sind alle Tankstellen trocken. Also wird umdisponiert. Für den Ausflug in die Laguna Limoncocha braucht man keinen Sprit, das Kanu wird mit Muskelkraft betrieben. Bei einer Fischerfamilie finden wir für drei Tage eine Unterkunft und werden in der Kunst des Angelns unterwiesen. Das Gewässer wimmelt von Piranhas, doch erst nach Stunden beißen drei mickrige Raubfische an. Zwanzig andere fressen dafür die Köder weg, Petri-Heil sieht anders aus. Glücklicherweise gibt es noch Ronaldo, er hat mit dem Speer einen Prachtkerl erwischt, und das Piranha-Abendessen ist gesichert.

Zurück in Quito, gehen wir an Bord eines Schiffs, um die Galapagosinseln zu besuchen. Wir schnorcheln mit Seelöwen, Schildkröten und Haien. Leguane sind zum Greifen nahe, eines der letzten nahezu unberührten Paradiese auf Erden zeigt die Schätze seiner Flora und Fauna.

Fünf Tage später besteigen wir voller Eindrücke wieder unser Motorrad. Vorbei an seinen Kollegen Cotopaxi und Chimborazo gelangen wir zum Tungurahua. Erst im August 2006 ist der 5023 Meter hohe Vulkan zum letzten Mal ausgebrochen und hat mehrere Dörfer zerstört. Die Straße am Fuße des Berges ist faktisch nicht mehr vorhanden, ganze Streckenabschnit­te wurden in die Tiefe gerissen. Mühsam kämpfen wir uns quer durch das verwüstete Gebiet. Der Blick auf den rauchenden Krater ist faszinierend und bedrohlich zugleich. Niemand weiß, wann der aktive Vulkan das nächste Mal ausbricht ...
Bald ist die Grenze nach Peru überquert, und dahinter dehnt sich die Panamericana als endloses Asphaltband zum Horizont.

Uns dürstet nach Kurven, und so biegen wir Richtung Osten in die Anden ab. Die Maschine ist fast immer in Schräglage, allerdings drücken die staubigen Andenpässe den Tagesschnitt. Cusco, unser nächstes Ziel, rückt kaum näher. Schließlich, nach 43450 Höhenmetern in 14 Tagen, erreichen wir die einstige Hauptstadt des Inka-Imperiums.

Cusco ist der Ausgangspunkt für den Besuch von Machu Picchu, der am besten erhaltendsten Inka-Stadt in Peru. Ein Großteil der Besucher wählt die bequeme Anreise mit der Eisenbahn. Für eine Enduro jedoch gibt es noch die Piste über den Abra Malaga Pass. Spektakulär ist sie in die Felsen geschlagen, tiefste Abgründe drohen direkt neben der schlammigen, rutschigen Fahrbahn. Leitplanken gibt es nicht, ein Fahrfehler kann fatale Folgen haben. Je näher wir der Station Hydro Electrica kommen, desto schlechter wird die Piste. Ein einsamer Raupenfahrer kämpft gegen die Naturgewalten und versucht, die Schäden des letzten Erdrutsches zu beseitigen. Zu guter Letzt gilt es, den reißenden Rio Urubamba auf einer schwankenden, fragilen Hängebrücke zu überqueren. Auf der anderen Seite ist dann selbst mit dem Stollenkrad Endstation. Auch wir müssen die letzten acht Kilometer mit dem Zug zurücklegen.

Der Anblick von Machu Picchu entschädigt für alle Strapazen. In knapp 2500 Metern liegt die 1450 erbaute Inka-Stadt eingebettet zwischen dicht bewachsenen Bergspitzen. Pachacútec Yupanqui, der Gründer der Feste, war ein mächtiger Herrscher, der die Grundlagen für die Ausdehnung des Inka-Reichs schuf. Die versteckte Lage schützte Machu Picchu 1532 vor den Augen der spanischen Eroberer. Immer noch sind Größe und Macht der Inka-Kultur spürbar. Ruinenstädte und Sonnentempel verteilen sich über das Land, wir hätten gerne mehr gesehen, doch unser Zeitplan drängt.

In Juliaca entgehen wir knapp einem Sturz auf der ölverschmierten Straße, nachdem schon beim Antippen der Bremsen beide Räder blockierten. Die restlichen Kilometer zum Titicacasee in Bolivien fahren wir behutsamer. Auf 3810 Metern ist er das höchstgelegene, kommerziell schiffbare Gewässer der Erde und außerdem der größte See Südamerikas. Eine seiner Attraktionen sind die aus Totora-Schilf gebauten, schwimmenden Inseln, die dem Stamm der Uro eine Fluchtmöglichkeit vor den kriegerischen Inka-Stämmen boten. Wenn Gefahr drohte, lösten die Uro die Inseln vom Ufer und ließen sich auf den See hinaustreiben. Bis heute leben sie auf ihren schwankenden Refugien, erlauben Touristen aber einen Einblick in ihre einzigartige Kultur.

La Paz, die größte Stadt Boliviens, präsentiert sich als krasse Mischung aus traditionellem und modernem Leben. Armselige Bretterhütten stehen neben sterilen Wolkenkratzern. In den Einkaufszentren gibt es die neuesten Großbild­fernseher zu kaufen, auf den Gehsteigen davor warten die Schuhputzer, um sich ein paar Bolivianos zu verdienen.

Eine kerzengerade Straße bis zum Horizont führt über den Altiplano, diese riesige Hochebene zwischen den West- und den -Ost-Anden. Die Strecke bis nach Potosi im Süden fahren wir in zwei Tagen. Bolivien, das ärmste Land Südamerikas, wird auch »der Bettler auf dem goldenen Thron« genannt. Das am Fuße des Cero Rico gelegene Potosi, das im 16. Jahr­hundert durch die Silbergewinnung eine der reichsten Städte der Erde. Wie sehr die Macht Spaniens auf der brutalen Aus­beutung eines gesamten Volkes beruhte, wird uns in beim Besuch einer Mine bildhaft vor Augen geführt. Ganze Dorfgemeinschaften von Hochlandbewohnern wurden von den spanischen Kolonialherren zur Zwangsarbeit in die Minen geprügelt. Die wenigsten überlebten die unmenschliche und vergiftende Arbeit in den Stollen (siehe auch Kasten Seite 98).

Im 20. Jahrhundert war Bolivien der wichtigste Lieferant von Zinn im internationalen Markt. Reichtum haben die Bodenschätze, wie so oft, aber nur einer kleinen Oberschicht gebracht. Das spiegelt sich in luxuriösen Villen, hypermodernen Supermärkten, Nobelboutiquen und teuren Geländewagen im Süden von La Paz wider. Kürzlich wurden im Tiefland die zweitgrößten Erdgasvorkommen Südamerikas entdeckt. Dieses Mal wollen die armen Indios im Anden-Hochland am Wohlstand teilhaben. Präsident Morales hat bereits per Dekret die Verstaatlichung der Gasindustrie verfügt. Die Zukunft wird zeigen, ob Bolivien sein Image als »Bettler auf dem goldenen Thron« ablegen kann.

Der Südwesten des bolivianischen Altiplanos zieht uns in seinen Bann. Wir durchqueren den Salar de Uyuni, die größte Salzfläche der Erde, an die sich im Süden eine einsame Hochwüste anschließt. Mit Hilfe unseres GPS gelangen wir zum Arbol de Piedra, dem berühmten Baum aus Stein. Im Anschluss nehmen wir den 6000 Meter hohen Uturunku in Angriff. Bei 5650 Metern muss Renate absteigen. Im tiefen Schotter hat die KTM nicht mehr genug Leistung für zwei Personen samt Gepäck. Nach hartem Kampf wird die Passhöhe auf 5796 Metern im Alleingang erreicht. Eine Szenerie wie auf dem Mond, die Luft ist extrem dünn, von den 100 PS der Adventure sind nicht mehr viele spürbar, und der Kopf schmerzt. Also schnell wieder hinunter.

Bereits vor Sonnenaufgang verlassen wir unser Camp an der Laguna Colorada. Es ist noch eisig kalt, und das Fahren auf der tiefen Wellblechpiste ist gefährlich. Egal, denn nur in den frühen Morgenstunden ist Sol de Mañana, das höchstgelegenste Geysirfeld der Welt, richtig aktiv. 20 bis 30 Meter hoch schießen die Dampffontänen in den glasklaren Morgenhimmel. Dichte Dampfwolken liegen über kochenden Wassertümpel. Schlammlöcher zischen und blubbern vor sich hin. Hier, in 5000 Meter Höhe, ist nicht zu übersehen, dass die Anden geologisch ein noch sehr junges Gebirge sind.

Der Grenzposten südlich der Laguna Verde ist einer der einsamsten Südamerikas. Der Zöllner kontrolliert die Pässe und wünscht uns viel Glück für die Weiterfahrt in den Süden. Gracias! Im Gegensatz zum Zollchaos in Vene­zuela freuen wir uns jetzt geradezu auf »manana« und alle Länder, die noch vor uns liegen.

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