Südamerika, Teil 2 Staub, Sturm und Schotter

Nach rund 14000 Kilometern durch fünf Länder im nördlichen Südamerika geht die Reise durch Chile, Argentinien und Brasilien weiter. Packende Natur, riesige Distanzen und Stürme erfordern Durchhaltevermögen.

Foto Pichler
Die Sonne flimmert über ­der unendlich scheinenden Fläche der Atacama Wüste, der Wind treibt Wüstengräser vor sich her. Mitten in der Einsamkeit erreichen wir San Pedro. Eine staubige Straße führt durch den Ort, jedes zweite Haus ist ein Hotel oder ein Restaurant. Das Südamerika, was wir bisher erlebten, war anders: rudimentär, Tourismus schien Nebensache. Venezuela, Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien liegen hinter uns. Und damit abenteuerlichste Gegensätze zwischen Menschen, Flora und Fauna. Über höchste Andenpässe und endlose Ebenen haben wir unser Motorrad getrieben. Jetzt stehen wir vor der einzigen Tankstelle im Ort und staunen über das Angebot. Es gibt tatsächlich Benzin mit 93, 95, ja sogar 97 Oktan. Sensationell, denn bisher musste die KTM 990 Adventure 80-oktanige Brühe verdauen, nur möglich im »bad fuel mapping«-Modus. Nun können wir die Zündanlage wieder auf den Konsum von hochwertigem Treibstoff umstellen und unser Bewusstsein weiten für die neuen Eindrücke in Chile. Mit vollem Tank geht es auf die berühmte Panamericana. Kerzengerade durchschneidet sie die Wüste, unbeirrbar verläuft sie Richtung Süden. Wir vernehmen stundenlang nichts anderes als den Fahrtwind und das beruhigende Bollern des Zweizylinders.

Schon von Weitem ist der riesige Leuchtturm, das Wahrzeichen des mon-dänen Badeorts La Serena, sichtbar. Wenige Kilometer weiter liegt Coquimbo, wichtigster Fischereihafen in der Gegend. Als die Fischer von ihre nächtlichen Fangfahrt zurückkehren, entsteht ein kleiner Volksauflauf. Die Beute wird an Land gebracht, Schwertfische werden ausgeladen, sogar ein riesiger Tintenfisch ist ins Netz gegangen. Pelikane, Möwen und schnauzbärtige Seelöwen streiten sich lautstark um die Fischabfälle.

In den nächsten Tagen wechselt die wüstenhafte Szenerie zu einer immer grüneren Landschaft, die Anden kommen in Sichtweite und bald auch Santiago, die Hauptstadt des Landes. Verschnaufpause für die treue KTM, die in einer Werkstatt durchgecheckt wird. Für ein paar Tage genießen wir eine europäisch anmutende Großstadt.

Die erste Etappe der Weiterfahrt führt zum Paso Bermejo. Der braucht keinen Vergleich mit dem Stilfser Joch in den Alpen zu scheuen. Schwungvoll fahren wir die engen Serpentinen nach oben, überholen einige schwerbeladene Sattelschlepper, die sich im Schritttempo zur Passhöhe kämpfen. Die zunächst üppige Vegetation wird immer karger, und auf 2900 Meter ist schließlich Portillo, Chiles bekanntestes Skizentrum, erreicht. Dort beginnt eine acht Kilometer lange, tolle Schotterpiste. Feinstes Ripio, wie die Südamerikaner den Schotter nennen, verleitet zum Gasgeben. 3800 Meter über dem Meer parken wir außer Atem vor der Statue des Erlösers. Die Schneewehe direkt daneben ist sechs Meter hoch, die Piste zum Teil völlig vereist. Vorsichtig tasten wir uns talwärts. Kurz vor Erreichen der Hauptstraße taucht eine Barriere auf. Wir umfahren sie und realisieren, dass der Paso de la Cumbre, wie er auf der argentinischen Seite heißt, noch gar nicht geöffnet war. Was erklärt, weshalb uns in der letzten Stunde kein einziges Fahrzeug begegnet ist.

Ein letzter Blick auf die eisige Südflanke des fast 7000 Meter hohen Acongagua, dann geht es auf der argentinischen Seite der Anden weiter nach Mendoza. Rinder weiden auf saftig grünen Wiesen, die ersten Weingärten tauchen auf. Doch die Zeichen der Zivilisation währen nicht lange, als wir auf der berüchtigten Routa 40 Richtung Süden weiterfahren. Einsamkeit macht sich breit, Hunderte Kilometer liegen zwischen den einzelnen, zum Teil winzigen Ortschaften ohne jede Infrastruktur. Nur Teilabschnitte sind asphaltiert, der Großteil ist Schotterpiste. Der heftige Wind erschwert das Fahren, Böen mit bis zu 120 Stundenkilometern reißen am Motorrad. Wir erleben Patagonien von seiner unangenehmen Seite und sind froh, als die ersten Häuser von Junín de los Andes auftauchen.

Entlang der Ruta de los Siete Lagos ist es vorbei mit der Einsamkeit. Weihnachtszeit ist auch in Argentinien Urlaubszeit, das Seengebiet ein beliebtes Ferienziel. Die einst staubige Piste wird gerade zu einer asphaltierten Panoramastraße ausgebaut. Als wir im Ortszentrum von Villa la Angostura nicht einmal mehr mit dem Motorrad einen Parkplatz bekommen, flüchten wir vor dem Trubel über den Paso Cardenal Samoré nach Chile.
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Puerto Montt empfängt uns mit Regenwetter, typisch für die Gegend. Im Hostal Suizo ist noch ein Zimmer frei, und nach einer heißen Dusche kehren die Lebensgeister zurück. Zudem stellt sich nagendes Hungergefühl ein. Die Vermieterin empfiehlt uns Curanto, das Nationalgericht in Südchile: eine dicke Suppe aus Muscheln, Hähnchenschenkeln, geräuchertem Schweinefleisch, Rinderfilet, Kartoffeln, Bohnen, groben Würsten und allerlei exotischem Meeresgetier. Genau das Richtige für Seeleute, die nach Ewigkeiten auf dem eisigen Pazifik in den Heimathafen einlaufen, oder für hungrige Motorradfahrer.

Bevor wir die 1350 Kilometer lange legendäre Straße Carretera Austral unter die Räder nehmen, besuchen wir Chiloé, die nach Feuerland zweitgrößte Insel Südamerikas. Die Bevölkerung besteht hauptsächlich aus Huilliches, Ureinwohnern, die sich den Spaniern unterwerfen mussten und trotz christlicher Missionierung ihre Mythologie lebendig erhalten konnten. Heute leben sie von Lachszucht, Landwirtschaft und Tourismus.

Zurück auf dem Festland lenken wir die Enduro endlich auf die berühmteste Straße Chiles. 1976 begann Diktator Pinochet mit ihrem Bau, der schnell zum aufwendigsten Großprojekt Chiles ausuferte. 10000 Soldaten schlugen 20 Jahre lang eine Bresche durch unzugänglichstes Gebiet. Die Carretera Austral kostete 200 Millionen US-Dollar und ist dennoch über weite Strecken nur eine einfache Schotterpiste. Vereinzelt gibt der Regenwald entlang der Straße den Blick frei auf die umliegenden Wasserfälle, Berge und Gletscher. Plötzlich folgt ein Abschnitt mit gespenstisch abgestorbenen Wäldern. Der 1991 ausgebrochene Vulkan Hudson hat mit seinem Ascheregen jegliche Vegetation im Umkreis erstickt.

Mit Cochrane erreichen wir unseren südlichsten Punkt an der Carretera Austral. Das verschlafene Nest erwacht nur einmal im Jahr zum Leben: beim Rodeo. Zwei Tage dauert das Volksfest, bei dem 50 Huasos (so werden die Cowboys in Chile genannt) vor einem frenetischen Publikum um den Tagessieg kämpfen. Zu zweit treiben sie mit ihren wendigen Pferden geschickt einen jungen Stier durch die Arena. Das Ganze ist nicht ungefährlich, oft müssen Sanitäter gestürzte Reiter aus der Arena tragen. Kleine Schlägereien am Rande des Festes werden dagegen von niemandem beachtet, die Sitten sind noch rau in diesem wilden Teil Chiles.

Eine schmale Piste führt über den Paso Rodolfo Raballos nach Argentinien. Der argentinische Grenzposten hat sichtlich Zeit, nimmt unser Gepäck völlig auseinander. Wer weiß, wann der nächste Reisende vorbeikommt.

Der erste Ort jenseits der Grenze ist Bajo Caracoles, ein winziges Kaff an der Straßenkreuzung der Routa 40. Hier liegt die einzige Tankstelle im Umkreis von 250 Kilometern. Also volltanken. Die nächsten 200 Kilometer erfordert orkanartiger Wind auf grobem Schotter höchste Konzentration. Endlich tauchen die ersten Ausläufer der Anden am Horizont auf.
Im Nationalpark Los Glaciares besuchen wir den Perito Moreno Gletscher. Er ist Teil eines riesigen, kontinentalen Gletschergebiets und einer der wenigen Eisströme außerhalb Grönlands und der Antarktis, der noch wächst. Jeden Tag schiebt sich die fünf Kilometer breite, 60 Meter hohe und über 50 Kilometer lange Eismasse weiter in den Lago Argentino. Mit lautem Donnern stürzen haushohe Schollen in den See.

Der Grenzübertritt nach Chile ist nervig, doch der Blick auf die senkrechten Felsnadeln des Torres del Paine-Massivs, das als eines der schönsten Gebirge überhaupt gilt, entschädigt für den Stress.

An der Ostseite des Lago del Toro fahren wir Richtung Puerto Natales, bis eine Barriere aus aufgeschüttetem Schutt die Straße sperrt. Kurz entschlossen ignorieren wir das Durchfahrverbot, umfahren die Sperre und genießen 60 Kilometer nagelneue, autofreie Piste.
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Allein die Magellanstraße trennt uns jetzt noch von Feuerland, die Barkasse Melinka wartet bereits mit offener Ladeluke. In der Magellanstraße herrscht starker Seegang, die Gischt schlägt über das wild schaukelnde Boot. Erleichtert stehen wir nach Stunden wieder auf festem Boden.

Der Wind lässt auch in Feuerland nicht nach. Dazu blockieren immer wieder riesige Schafherden die Piste. Am Paso Garibaldi erschweren Schneetreiben und eisige Kälte das Vorankommen, doch es ist nicht mehr weit bis nach Ushuaia. Nach 21736 Kilometer quer durch Südamerika stehen wir am südlichsten Punkt der Routa 3, hier geht es nur noch mit dem Schiff weiter in die Antarktis.

Wir verlassen das »Ende der Welt« und wenden die Enduro nach Norden. Der unverändert extrem starke Wind macht die monotone Fahrt entlang der Routa 3 zur Qual. Abwechslung in der argentinischen Steppe bietet nur die Halbinsel Valdéz mit dem gleichnamigen Nationalpark und ihrer Seelöwen-Kolonie, deren Duftmarke bereits zu riechen ist, lange bevor sie in Sichtweite kommt. Am Stadtrand von Azul dann die nächste Attraktion: »Posta del Viajero en Moto« steht in großen Buchstaben auf einem unscheinbaren Haus. Jorge hat unser Motorrad bereits gehört und begrüßt uns wie alte Freunde. Die Wände seiner Werkstatt sind bemalt, Reisende aus allen Teilen der Erde haben sich hier verewigt. Voller Heimatgefühle entdecken wir auch ein »Puch«-Logo. Jorge ist stolzer Besitzer einer 250 TF aus dem Jahre 1950.

Auf einer mehrspurigen Autobahn er­rei­chen wir Buenos Aires und besuchen La Boca mit seinen Tangotänzern. In Puerto Iguazú verbringen wir die letzten Tage in Argentinien und wandern zur Garganta del Diabolo, der Teufelsschlucht. Von drei Seiten stürzen Wassermaßen in die Tiefe, Neugierige werden bis auf die Haut nass.

Bei Peruibe erreichen wir die Küste und ein kleines Motorradparadies. Nur die Brasilianer bereiten uns Sorge: In Anden­ken an den tödlich verunglückten Formel-1-Fahrer Ayrton Senna rasen sie wie die Verrückten. Un­sere Route schlängelt sich vorbei an Bilderbuchstränden in Richtung Rio de Janeiro. Mit der Ortschaft Trindade finden wir das letzte Paradies auf unserer Reise und zelten direkt am Strand. Dann lockt der Trubel des Karnevals von Rio. Als wir an der berühmten Copacabana stehen, zeigt unser Tacho 28838 Kilometer seit dem Start in Venezuela. Unglaublich, doch unsere Reise durch Südamerika ist zu Ende.

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