Südamerika Patagonien-Express

Patagonien. Endlose Weite. Gewaltige Gletscher. Bizarre Berge. Und staubige Pisten, auf denen kaum ein Mensch unterwegs ist. Viel Platz für Abenteuer also. Und für ein weihnachtliches Motorradtreffen ganz am Ende der Welt.

Tempo 100. Seit Stunden scheint die Tachonadel meiner Honda wie festgenagelt. Weit vor mir versucht Birgit mit ihrer BMW den schnurgeraden Horizont zu erreichen. Andreas und seine Yamaha habe ich schon lange nicht mehr im Rückspiegel gesehen. Keine Ahnung, wie weit er hinter uns ist. Abstände werden belanglos, jeder ist allein mit sich und dieser Weite. Dunkelgrüne, kaum kniehohe Büsche und gelbes Gras so weit das Auge reicht. Die patagonische Steppe gibt Hügeln keine Chance. Zerfranste Wolken jagen vom ewigen Wind getrieben nach Nirgendwo. Birgit hat sich zum Zeitvertreib eine Liste mit spanischen Vokabeln in den Tankrucksack geklemmt. Ich suche nach neuen Gedanken und alten Liedern. Und bleibe hängen bei Udo Lindenbergs »Hinterm Horizont geht´s weiter«.Ein Schild am Straßenrand verspricht Abwechslung: Peninsula Valdés. Noch 93 Kilometer sind es bis zu der Halbinsel, die jetzt im Frühling ein einziges Tierparadies ist. In den geschützen Buchten tummeln sich unzählige Glattwale, um sich zu paaren oder um ihre Kälber aufzuziehen. An den steinigen Stränden beobachten wir plumpe See-Elefanten, über unseren Köpfen gleiten Albatrosse und verschwinden draußen zwischen Himmel und Meer, ohne einmal mit ihren riesigen, drei Meter großen Flügeln zu schlagen.Uns zieht es weiter in den Süden. Richtung Feuerland. Das Land verändert sich kaum, doch am Punta Tombo sorgen erneut Tiere für Abwechslung: Magellan-Pinguine. Abertausend der lustigen Vögel bevölkern das Ufer, und in dieser riesige Kolonie ist natürlich ständig etwas los. Hier watschelt eine Prozession der schwarz-weißen Gesellen zum Meer, da trompetet ein Männchen nach wem auch immer, und eine andere Pinguin-Gruppe starrt einem Stinktier hinterher, das hektisch durch die Kolonie hoppelt. Der Unterhaltungswert ist grenzenlos.Irgendwann biegen wir von der Ruta 3 in Richtung Westen ab. Schon bald bekommt der Horizont Beulen, endlich tauchen die ersten Berge auf. Heftiger Seitenwind versucht die Enduros von der Piste zu drücken. Ein nerviger Balanceakt, der erst am Bosque Petrificado, dem versteinerten Wald, endet. José, der Parkaufseher, steht grinsend in der Tür seines Holzhauses. »Frische Brise heute.« Patagonische Untertreibung. An der Nordsee hätte es längst Sturmwarnung gegeben.Die ganze Nacht randaliert der Sturm, rüttelt am Blechdach und lässt die Bretterbude zittern. Trotzdem schnüren wir schon früh die Wanderstiefel, weil uns José zum Sonnenaufgang in die Wüste schickt. Bizarr erodierte Berge aus roten, gelben und braunen Gestein leuchten im ersten Sonnenlicht in intensiven Farben, scheinen fast zu brennen. Lange wandern wir durch das vegetationslose Tal. Meterdicke Baumstämme liegen hier herum – und das bereits seit 70 Millionen Jahren. Gewaltige Vulkanausbrüche haben die Araukarienwälder verschüttet. Im Laufe der Zeit versteinerten die Bäume und wurden dann durch Stürme und Regen langsam wieder aus dem Boden erodiert. Bei nahezu völliger Windstille klettern wir über die Säulen aus Stein. Windstille in Patagonien? »Ganz ruhig bleiben«, rät José, »so was dauert hier nicht lange.« Trotzdem satteln wir die Enduros und machen uns auf zur Ruta 40, der »Cuarenta«, wie diese legendäre Straße genannt wird. Die Ruta Cuarenta ist die westliche Nabelschnur Argentiniens. 4660 Kilometer windet sie sich, meist mehr oder weniger gut geschottert, von der bolivianischen Grenze bis hinunter zur Magellanstraße, die das Festland von der Insel Feuerland trennt. Stundenlang rumpeln wir durch die Trockensteppe, treffen drei oder vier Autos und zwei japanische Radfahrer, die auch an dieses Ende der Welt wollen. Entlang der Cuarenta ist die Einsamkeit Normalität, jede Siedlung wird hier zur Attraktion. Einer dieser Orte ist Bajo Caracoles. 48 Einwohner, davon zwei Lehrer und acht Schüler, Polizei, Post, Zapfsäule, Laden, Hotel und Café. Alles, was ein Dorf braucht. Bajo Caracoles liegt in einer Senke, die dicht mit gelbem Ichugras bewachsen ist. Am Horizont verhindern braune Berge die Sicht auf die Anden.Die entdecken wir dann aber am nächsten Morgen. Noch ist der Gebirgszug fast 150 Kilometer entfernt, und doch können wir die Promis unter ihnen glasklar erkennen: die Granittürme Fitz Roy und Cerro Torre. Traumziele für Extrembergsteiger aus aller Welt - die senkrechten, kilometerhohen Wände sind mit dem höchsten Schwierigkeitsgrad dekoriert. Jetzt zieht das Land auf einmal alle Register. Die Liste mit Vokabeln im Tankrucksack interessiert nicht mehr, als wir die Motoräder schließlich direkt am Ufer des Lago Argentino parken – und auf die fünf Kilometer breite und bis zu 60 Meter hohe Abbruchkante des Perito Moreno schauen, einem der größten Gletscher des Kontinents. Eine Woche nimmt uns diese Eismasse gefangen, den Gletscher beobachten ist spannender als jeder Krimi. Ständig knackt und knistert es in der eisigen Front, hin und wieder knallt ein Eisblock ins Wasser. Wir starren auf kirchturmhohe Eisgebilde, die so fragil aussehen, als müssten sie jeden Moment in den See fallen. Wir warten, aber statt dessen verschwindet ein paar Kilometer weiter eine große Eiswand mit einer imposanten Gischtwolke in den Fluten. Ein irres Spektakel. Auch wenn der Perito Moreno faul geworden ist. Noch vor zehn Jahren schob er seine Eisfront täglich fast um einen Meter weiter. Heute wächst er nicht mehr. Ein Zeichen der globalen Erwärmung?Wir nutzen die lokale Erwärmung auf immerhin 22 Grad und fahren zurück zur Cuarenta. Hinter Calafate beginnt wieder das windige und kahle Hochplateau. Der steife Westwind hat den Himmel blank geputzt, nur ein paar weiße Wolken haben es höchst eilig, nach Osten zu kommen. Wir halten uns gegen den Wind, passieren die chilenische Grenze und flicken gleich zweimal den Reifen von Birgits BMW. Dann geht´s wieder in die Berge. Aber in was für welche: Am gegenüberliegenden Ufer des jadegrünen Lago Pehoe streben die senkrechten Wände und spitzen Gipfel des Paine-Gebirges über 3000 Meter hoch in den wolkenlosen Himmel. Wir stehen wieder vor einem gewaltigen Gletscher, zelten direkt am See und zu Füßen dieser Welt aus Granit und Eis, beobachten riesige Kondore, die die Aufwinde nutzen, um an Höhe zu gewinnen, und schleichen uns bis auf wenige Meter an Guanacos heran, die sich durch sattgrüne Wiesen fressen. Irgendwie ist alles zu perfekt, zu gewaltig, zu schön – die atemberaubenden Landschaften im Nationalpark Torres del Paine machen hochgradig süchtig. Nach einer Woche zwingen wir uns, auf Entzug zu gehen. Feuerland ruft.Hernando, der Zeltplatzwärter, erzählt von einer Abkürzung nach Puerto Natales: »Es gibt da eine Brücke unten am Fluss...« Den Rio Serrano haben wir schnell gefunden, aber der Zustand der Brücke ist desolat. Für schwindelfreie Fußgänger und Radfahrer mag´s noch gehen, aber für Motorräder? »Vergiss es«, lautet Birgits schlichter Kommentar. »Hey, das sieht spaßig aus«, tönt es aus der Einzylinder-Fraktion. Und schon unsere Begehung ist spannend genug. Die Balken, die über den 80 Meter breiten Fluss führen, sind größtenteils morsch. Sollen wir´s mit den Enduros versuchen? Andreas nickt eifrig, also ist er mit seiner Ténéré als erster dran. Wir laden das Gepäck ab und balancieren den Einzylinder Schritt für Schritt von Planke zu Planke, ständig prüfend, ob die Bohlen halten. Und es klappt! Der Jubel ist berechtigt. Jetzt die Dominator. Es geht schon deutlich schneller. Routine stellt sich ein. Selbst die dicke BMW bringt die Brücke nicht zum Einstürzen.Dank dieser Abkürzung erreichen wir heute schon Punta Arenas, das direkt an der Magellanstraße liegt. Am anderen Ufer lockt Tierra del Fuego, Feuerland. Was für Namen! Schon als Kind versetzten mich die Geschichten des portugiesischen Seefahrers Fernando Magellan in helle Aufregung. Er umrundete als Erster die Erde und entdeckte 1520 diese Wasserstraße zwischen Atlantik und Pazifik. Die kleine, rote Fähre Melinka bringt uns schließlich auf den chilenischen Teil der Insel. Endlich fällt uns der Weststurm mal in den Rücken. Wir fliegen zur argentinischen Grenze. Erst mit Tempo 70 fahren wir der eigenen Staubwolke davon. Die Grenzer sind begeistert als sie unsere Bikes entdecken. Die Abfertigung gerät mal wieder zur Nebensache. Argentinier sind Motorrad-verrückt, was wir auch auf dem weiteren Weg nach Ushuaia spüren. Entgegenkommende Autos blinken und hupen, die Fahrer winken uns begeistert zu.Je näher wir Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt, kommen, desto stärker erinnert die Landschaft an Kanada oder Norwegen. Fjorde, schneebedeckte Berge und dichte Wälder. Dann die ersten Häuser am Ufer des Beaglekanals – Ushuaia liegt nur einen Steinwurf vom berüchtigten Kap Hoorn entfernt. Und 17848 Kilometer von Alaska. Kann Fernweh irgendwo schöner sein? Doch für einen kurzen Moment denken wir an unsere Familien und Freunde, die uns für die Weihnachtstage Pakete voll mit Nougat, Plätzchen und Gummibärchen ans andere Ende der Welt geschickt haben. Man hat uns also nicht vergessen.An einer idyllischen Fluss-Schleife des Rio Pipo, mitten im Nationalpark Tierra del Fuego, finden wir den perfekten Zeltplatz fürs Weihnachtsfest. Oder besser: Per Mundpropaganda erfuhren wir bereits lange vor unserer Reise, dass hier an Heiligabend immer ein inoffizielles Globetrottertreffen stattfindet. Auf der Wiese parken bereits diverse Motorräder. Astrid und Daniel kommen aus Alaska, die Kanadier Susan und Grant sind mit ihrer BMW auf dem Nachhauseweg, und die weltreisenden Belgier Marlene und Guy wollten schon immer mal Weihnachten auf Feuerland feiern. Der eilige Indianer Gregory ist erst vor zwei Monaten in Montana gestartet. Martin, Roland und der Italiener Max wollen ein Jahr lang Südamerika erkunden, der Engländer Greg kommt mit seiner Royal Enfield aus Alaska. Die Geschichten, die jeder zu erzählen hat, würden wohl bis ins nächste Jahr reichen.Aber da sind wir schon zurück im Paine-Nationalpark, um ein garantiert feuerwerkfreies Silvester zu erleben. Dann wird die Ruta Cuarenta wieder unser Zuhause. Tagelang stauben wir über die raue Schotterpiste nach Norden. Hin und wieder leuchten die bunten Häuser einer Farm in der Prärie. Ein Norweger im Sattel einer BMW kommt entgegen. Eigentlich wollte er auch zum Treffen nach Ushuaia, aber Peru war einfach zu schön...Ein paar Tage später queren wir wieder mal die Grenze nach Chile und folgen einer spannenden Piste, die sich am Südufer des Lago General Carrera, dem zweit größten See Südamerikas, entlang windet. Atemberaubende Steigungen, grober Schotter, enge Kurven und kaum zwei Meter breit. Erster und zweiter Gang, mehr geht nicht auf der kühnen Spur. Dazu fantastische Aussichten über den azurblauen See und die Anden. Schließlich erreichen wir die erst 1988 eröffnete Carretera Austral. Sie war ein Lieblingsprojekt von Diktator Pinochet, der durch den Bau der 1200 Kilometer langen Schotterpiste den fast menschenleeren Süden besiedeln wollte. Anders als die monotone Ruta Cuarenta führt dieser Weg in endlosen Kurvenfolgen durch eine üppige und grüne Landschaft, in der es fast immer regnet. Dafür ist es hier im Westen der Anden, die Chile und Argentinien trennen, zumindest windstill.Ab und an passieren wir kleine Dörfer. Grüne, blaue und rote Holzhäuser, die viel freundlicher ausssehen als die tristen Bauten auf der argentinischen Seite. Wer hier wohnt, lebt vom Meer und vom Wald, und meist sind es Mapuche-Indianer, die wir treffen. Von ihnen erfahren wir, dass seit einigen Jahren hauptsächlich japanischen Konzerne die einzigartigen Urwälder an Chiles Westküste abholzen. Selbst vor 4000 Jahre alten Alercen würde man nicht zurückschrecken. Im Hafen von Puerto Montt blicken wir schließlich fassungslos auf die zersägten Urwaldriesen, die von hier ins Reich der aufgehenden Sonne verschifft werden. Die junge Frau in der Touristen-Information bringt den Raubbau auf den Punkt: »Wir sägen am Ast, auf dem wir sitzen, aber Geld macht blind.«Bei Puerto Montt wechseln wir noch mal hinüber nach Argentinien. Wir bummeln ein paar Tage durch das Seengebiet rund um Bariloche, wagen eine rumpelnde Zeitreise im alten Patagonien-Express, der seit 70 Jahren durch die Steppe faucht, und sind begeistert von den perfekt geformten Vulkanen Osorno und Villarica. Auf der langweilig guten Teerstraße nach Santiago pendelt sich der Tacho dann wieder bei Tempo 100 ein. Es ist wieder an der Zeit, Vokabeln zu lernen.

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