Südamerika Sechs Monate, fünf Länder, 20000 Kilometer

Entlang der Anden durch Südamerika – der zweite Teil der Reise führt durch Bolivien, Peru und Ecuador. Irgendwie ist ein halbes Jahr schneller vorbei, als man denkt.

Bolivien. Ein elendig kalter Wind scheucht uns über das Altiplano, jene von den zwei Andenzügen eingeschlossene Hochebene, die ungefähr so groß ist wie alle neuen Bundesländer zusammen. Eisige Finger trotz Griffheizung. Aber Asphalt unter den Rädern. Eine Seltenheit in über 4000 Meter Höhe. Links von uns der verschneite Sajama, der höchste Gipfel des Landes, der wie eine einsame Pyramide aus dieser leblosen Fläche ragt. Wir fahren und scheinen trotzdem nicht voranzukommen.Nach etwa 200 Kilomtern erreichen wir Patacamaya, ein Dorf an einer staubigen Kreuzung, das vom Durchgangsverkehr lebt. Ein paar Lokale, eine Zapfsäule und Benzin mit 86 Oktan, einfache Hütten aus Lehm rechts und links der »1«, Boliviens wichtigste Nord-Süd-Achse. Kinder spielen trotz der Kälte in Gummisandalen im Müll, eine alte, zahnlose Frau streckt uns ihre zittrige Hand entgegen, einige Männer torkeln volltrunken über die Straße. Bolivien ist das Armenhaus des Kontinents. Wirkten Chile und Argentinien bisweilen fast europäisch, durchqueren wir nun ein Land der Dritten Welt.Cochabamba, Samaipata, schließlich Santa Cruz. Drei Tage Fahrt talwärts bis an den Rand des Amazonas-Regenwaldes. Auf einmal ist alles um uns herum nur noch grün. Und es ist wieder warm. Fast fast 30 Grad. Genial. Nur leider auch sehr schwül. Dann bricht ein tropischer Wolkenbruch los. Was für ein Tausch gegen das harsche, knochentrockene Klima oben in den Bergen. Sieht man von den regelmäßigen Sintfluten in diesen Breiten ab, lässt es sich in Santa Cruz anscheinend recht gut leben. Wie schon Cochabamba ist die Stadt ein kleines Juwel. Zumindest im Zentrum. Bunt getünchte Prachtbauten aus der Kolonialzeit säumen in beiden Orten eine großzügige Plaza, und in den vielen Cafés und Kneipen herrscht reges Leben. Dass man besonders in Santa Cruz vom Drogenanbau und –handel profitiert, ist kein Geheimnis. Reich und arm liegen in Bolivien näher zusammen als anderswo.Über einen kaum Fahrzeug breiten Weg gelangen wir südlich von Samaipata in einen völlig abgelegenen Teil Boliviens, fahren bis in das Nest Vallegrande. Die Angaben auf der Landkarte sind ungenau, im Reiseführer spärlich: Historisches anstelle praktischer Infos. Der legendäre Revoluzzer Che Guevara wurde 1967 ganz in der Nähe erschossen, seine Leiche in Vallegrande schließlich von der Polizei stolz der Weltpresse präsentiert. In diesen Ort zieht es heute allenfalls Späthippies und verklärte Jünger des Guerilla-Führers; südlich von Vallegrande bewegen wir uns nur noch auf einem staubigen Pfad, halten uns in Richtung Sucre. Drei Tage lang kaum ein Mensch, allenfalls eine Handvoll armseliger Dörfer. Wir fühlen uns in die Canyon-Landschaften der USA versetzt, dann holpern wir im Schritttempo durch Kakteenwälder, passieren seltene Baobab-Bäume, wie wir sie auf Madagaskar, nicht aber in Bolivien erwartet hätten. Kurz darauf wieder Regenwald. Üppig, dunkel, undurchdringbar. Auf der teilweise völlig aufgeweichten Piste brauchen wir acht Stunden für die nächsten 160 Kilometer. Egal. Denn diese Strecke ist ein Traum.Eingestaubt und verdreckt bis zum Gehtnichtmehr, erreichen wir Sucre. Boliviens Hauptstadt ist eine der prächtigsten Kolonialstädte überhaupt. Der Anblick der allesamt schneeweiß gestrichenen Häuser und Kirchen haut uns schlichtweg aus dem Sattel. Nach drei Tagen in der Pampa fühlen wir uns nach Florenz, Siena und Rom gleichzeitig versetzt, was zugegebenermaßen auch am Verkehr liegt. Das Gehupe und Gedrängel ist nervtötend. Regeln? Gibt es bestimmt, nur kennt sie vermutlich keiner. In Bolivien macht man keinen Führerschein, sondern man kauft ihn. Auf wundersame Art und Weise funktioniert dieses Chaos allerdings recht tadelos. Da das Hinterrad meiner GS plötzlich wackelt, bestelle ich in Deutschland neue Radlager. In ein bis zwei Wochen werden wir also noch mal nach Sucre fahren müssen.Wir gewinnen langsam wieder an Höhe, erreichen nach einem gemütlichen Fahrtag das bitterkalte Potosi. Eine Stadt mit einer traurigeren Vergangenheit und trostloseren Gegenwar ist schwer vorstellbar. Um ein wenig zu begreifen, kriechen wir teilweise auf allen vieren im Schein von Karbidlampen durch ein Kilometer langes Labyrinth von Stollen, die teils mit Händen gegraben und kaum gesichert sind. Immer tiefer dringen wir in den Cerro Rico ein, einen kahlen Berg hinter der Stadt, der vielmehr an einen Schutthaufen erinnert und wie ein Schweizer Käse völlig durchlöchert ist. Es wird warm, dann ist die Luft fast schon zu dick, um noch atmen zu können. Um das einst größte Silbervorkommen der Welt auszubeuten, versklavten die Spanier zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert den größten Teil der Hochlandbevölkerung; nach Schätzungen sind etwa acht Millionen Arbeiter den unmenschlichen Bedingungen in diesem Berg zum Opfer gefallen sind. Potosi galt damals als die reichste Stadt der Welt, größer und prächtiger als Rom oder Paris. Rund 45000 Tonnen Silber fanden den Weg von der neuen in die alte Welt.Heute sind die Silbervorkommen erschöpft. Dafür wird Zink und Kupfer abgebaut, das auf dem Weltmarkt kaum etwas wert ist. Wir sehen Frauen und Kinder, die das Gestein schleppen, dass die Männer mit Hämmern und Brechstangen losklopfen. Völlig ausgelaugte Gestalten, deren Schichten bis zu 36 Stunden dauern. Älter als 35 Jahre wird laut einer traurigen Statistik kaum jemand der heute über 8000 Bergarbeiter. Arsendämpfe, Grubengas und Unfälle fordern ihren Tribut. »Wer viel Glück hat, verdient 100 Mark im Monat« erzählt Pedro. Er sei 25 und arbeite seit 15 Jahren im Berg.Weiter über das windige Altiplano. 250 haarsträubende Pistenkilometer in einem miefigen Reisebus. Wir haben die beiden BMW in Potosi stehen gelassen, weil ich wegen des defekten Radlagers kein Risiko eingehen wollte. Unser Ziel, der Salar de Uyuni, ist zurzeit ohnehin nicht befahrbar – diese endlos scheinende Salzfläche steht nach heftigen Regenfällen seit Monaten knöcheltief unter Wasser. Salzwasser, wohlgemerkt. Dort angekommen, lassen wir uns von einem Geländewagen in Schritttempo etwa 70 Kilometer weit in die Mitte der Salzspanne bringen.6. Juni 2001. Was wir gesehen haben, sprengt jede Vorstellungskraft. Drei Tage saßen wir auf der Isla Inkawasi, einem mit Kakteen bewachsenen Felsen, mitten in diesem blendend weißen Meer aus Salz. Ein fantastischer Logenplatz im Nichts. In jede Himmelsrichtung, in die wir schauten, nur diese grelle Fläche und das Blau des Himmel. Beides vereint sich irgendwo am Horizont, wo sich die Gipfel der Anden im flachen Wasser spiegeln. Während die Sonne verschwand, hatten wir das Gefühl, verrückt zu werden. Farben sind in der klaren Luft in fast 4000 Meter Höhe ohnehin unglaublich intensiv, das Feuerwerk am Abend taucht alles in ein so halluzinogenes Licht, dass unsere Sinne nun vollends überfordert waren. Gäbe es nur einen einzigen Ort dieser Reise, an den wir zurückkehren dürften, wir müssten nicht überlegen.Zurück in Sucre, nehme ich die angeforderten Radlager in Empfang. Doch die Sache entpuppt sich als Fehldiagnose. Der Defekt sitzt im Kreuzgelenk des Kardans. Egal. Ich werde das Spiel am Hinterrad beobachten. Bis La Paz, knapp 700 Kilometer später, läuft es problemlos. Ich bin zuversichtlich, dass ich Ecuador pannenfrei erreiche.Hinter der Metropole der Overkill in Sachen Streckenführung. Eine dem senkrechten Fels abgetrotzte, etwa 50 Kilometer lange Spur stürzt sich 3000 Meter tief von Rand des Altiplanos in die subtropischen Wälder der Yungas. Plötzlich gilt Linksverkehr; wer bergab fährt, dem wird schwindelig vom Blick in einen vielen hundert Meter tiefen Abgrund. Leitplanken? Gibt es nicht. Wir hangeln uns wegen des Gegenverkehrs von einer Ausweichbucht zur nächsten, wohlwissend, dass im Schnitt alle zwei Wochen ein Pkw, Buss oder Lastwagen abstürtzt. Eine Tatsache, die dieser Spur den zweifelhaften Werbespruch »gefährlichste Straße der Welt« verschafft hat. Im Urwaldkaff Coroico angekommen, wenden wir und fahren diese Strecke - im Regen – wieder hoch nach La Paz. Alle Schotterpisten der Alpen in einen Topf – und trotzdem könnte das Ergebnis nicht mit dieser verwegenen Fahrrinne konkurrieren.Vorbei am Titicaca-See gelangen wir nach Peru, erreichen Cuzco, die einstige Hauptstadt des alten Inka-Reiches. Nach rund 15000 Kilometern in vier Monaten spendieren wir den beiden BMW neue Reifen. Seit einigen Tagen reisen wir zu viert. Robert und Claudia, ebenfalls auf zwei Motorrädern unterwegs, haben wir seit unserer ersten Begegnung in der chilenischen Atacama-Wüste so oft wieder getroffen, dass wir praktisch gleich hätten zusammen los fahren können. Gemeinsam planen wir nun die Route bis nach Ecuador.24. Juni 2001. In der Stadt war die Hölle los. Touristen aus aller Welt und halb Peru feierten Inti Raymi, den Höhepunkt im Festtagskalender der Inka-Nachfahren. Drei Tage und Nächte Paraden und Musik in allen Gassen und auf der Plaza. Nonstop. Pauken und Trompeten zu südamerikanischen Rhythmen, berauschte Musiker, torkelnde Tänzer, erschöpfte Zuschauer. Wir freuen uns, morgen für einige Tage in eine abgelegene Urwaldlodge nahe der brasilianischen Grenze zu fliegen. Urlaub vom Urlaub sozusagen.Nach elf Tagen in und um Cuzco sitzen wir wieder in den Sätteln. Der Fahrtwind tut gut, hatte uns fast schon gefehlt. Und mit jedem Kilometer wird es ein wenig wärmer – wir pfeilen über eine unerwartet kurvige Strecke von den Anden via Nazca hinunter an die Küste, biegen dort auf die Panamericana in Richtung Lima ab. Ab jetzt geht’s nur noch geradeaus durch eine monotone Wüstenlandschaft. Die Thermoklamotten sind längst wieder verpackt, und die Motorräder laufen auf dem Asphalt und auf Meereshöhe praktisch wie von selbst. Irgendwie macht mir diese Autobahn, die viele als »Traumstraße« bezeichnen, heute richtig Spaß.Spät am Nachmittag biegen wir in die Oase Huacachina ab. Ein Märchen wie aus Tausendundeiner Nacht. Ein türkisfarbener See, Palmen, ein paar schmucke Häuser aus der Zeit der Jahrhundertwende, drumherum Sanddünen, die viele hundert Meter hoch aufragen. Damit hatten wir nicht gerechnet. Für Robert auf seiner KTM Adventure und mich – ausnahmesweise im Sattel der F 650 GS – gibt es am nächsten Morgen kein Halten mehr. 200 Meter Anlauf, dritter Gang, Tempo 80 und Augen zu, dann greifen die Stollen im Sand, werden wir auf den schlingernden Endruos förmlich nach oben katapultiert, erreichen den ersten Dünenkamm. Wunderbar. In weiten Kreisen schrauben wir uns immer höher und weiter in diese Landschaft, die nur aus Sand besteht und sich unendlich weit auszustrecken scheint. Wir fahren wie im Rausch, erobern Düne für Düne, brüllen vor Freude, wenn die Motorräder ab einem gewissen Tempo scheinbar schwerelos über den weichen Grund fliegen.Vier Tage später. Vorbei an Lima, wo Robert und Claudia ihre Reise wegen eines Motorschadens nach sieben Monaten leider beenden. Wir halten uns weiter in Richtung Ecuador. Langsam drängt die Zeit, in sechs Wochen geht unser Flieger zurück nach Deutschland. Ein letztes Mal zieht es uns in die Berge. Aber was für welche! In der winzigen Cordillera Blanca reihen sich über 50 Gipfel, die höher als 5700 Meter sind. Durch das südamerikanische Bergsteiger-Mekka führen allerdings nur zwei Wege – und die haben es in sich.14. Juli 2001. Heute haben wir die beiden BMW über eine verwegene Piste steil bergauf getrieben, befanden uns schließlich weit oberhalb der Schneegrenze auf einem fast 4900 Meter hohen Pass mitten in der Cordillera Blanca. Zahlreiche vereiste Bergspitzen glänzten in der Sonne, dann hörten wir das Donnern einer Lawine, die ganz in der Nähe losgebrochen sein muss. Franca, die vor dieser Reise noch nicht einmal über einen Feldweg gefahren ist, manövriert die beladene F selbst in den steilsten Kehren und Passagen absolut sicher. Vermutlich fährt sie auf Schotter inzwischen besser als auf Asphalt.Noch einmal kratzen wir am nächsten Tag fast an der 5000-Meter-Marke. Dann geht’s nur noch bergab. Hinunter bis an die Küste. Zur Panamericana, auf der wir Kurs Nord einschlagen. Durch die trostlose Sechura-Wüste bis zur Grenze nach Ecuador. Mit einem Schlag befinden wir uns in den Tropen. Sattes Grün, Bananen und Ananas, Reggae und Samba statt Panflötenmusik. Bis sich die Panam via Quenca als »Straße der Vulkane« durch das Hochland zieht. Vorbei am 6310 Meter hohen Chimborazo bis zum 5897 Mater hohen Cotopaxi, an dessen Fuß wir zum ersten Mal seit langer Zeit endlich wieder einmal unser Zelt aufstellen. Der Lärm und der Dreck in den bisweilen recht einfachen Herbergen in Bolivien oder Peru nervte manchmal schon, doch dort bleibt einem aus Sicherheitsgründen kaum eine andere Wahl. Wir genießen die völlige Ruhe, das Knistern des Feuers, beschließen, unsere letzte Woche nicht in den Bergen oder im Regenwald, sondern einfach am Strand zu verbringen.Am Flughafen in Quito ist schlagartig alles vorbei. Wir ziehen endgültig die Schlüssel ab, verladen die beiden BMW auf zwei Paletten. Eine ziemlich traurige Angelegenheit. Hinter uns liegen sechs Monate, die uns in diesem Moment wie sechs Wochen vorkommen. Nur die Kilometer- und Kontostände überzeugen uns davon, dass wir tatsächlich ein halbes Jahr lang unterwegs gewesen sein müssen. Ach ja – die Sache mit dem Kreuzgelenk. Irgendwann habe ich einfach nicht mehr dran gedacht.

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