Südamerika Sechs Monate, fünf Länder, 20000 Kilometer

Entlang der Anden durch Südamerika – unser Austieg auf Zeit hat funktioniert. Chile, Argentinien und Bolivien sind die ersten Stationen dieser Reise.

Die große Freiheit beginnt mitunter ganz banal. Ereignislos führt die Panamerica durch kultiviertes Land. Wein, Orangen, Kartoffeln. Ausgedehnte Plantagenwirtschaft statt südamerikanischer Exotik. Von wegen Traumstraße. Franca und ich hangeln uns von Tankstopp zu Kaffeepause. Etwa 800 Kilometer in zwei Tagen stur in Richtung Süden. Um der Hektik des zudem nicht sonderlich attraktiven Santiago und der Monotonie Zentralchiles zu entfliehen. Und diesem Backofen ähnlichen Klima. 36 Grad, kein Luftzug. Selbst nachts ist man noch schweißgebadet, an Schlaf ist kaum zu denken. Unsere Körper sind Mitte Februar auf Winter eingestellt, doch über Chile brennt die Sonne gnadenlos. Zumindest in der Mitte des 4200 Kilometer langen, Handtuch breiten Landes, in dem zwischen Patagonien und Atacama fünf Klimazonen herrschen.»Seiz meses?« »Si Senor, sechs Monate.« Unsere Motorräder fallen auf, sind immer wieder Anlass, uns anzusprechen. Dass wir keine Gringos – US-Amerikaner – sind, sondern aus Deutschland kommen, gefällt. Wie unser Plan, ein halbes Jahr auf Achse zu sein. Aber muss man denn gleich bis nach Ecuador fahren? Durch Argentinen, Bolivien und Peru? Als Locos bezeichnet uns ein Tankwart. Verrückte, denen Hab und Gut und Leben nicht viel wert zu sein scheint. In Gedanken sind wir bereits irgendwo hoch oben in den Anden.Drei schneeweiße Vulkanspitzen versetzen uns endlich auch gefühlsmäßig nach Chile: Lonquimay, Llanin und Villarrica; ansonsten erinnert das hügelige Land südlich von Temuco eher an den Schwarzwald. Für den Feinschliff sorgten deutsche Einwanderer, die bereits Mitte des 19. Jahrhunderts hier siedelten. Schindelgedeckte Bauernhäuser, schwarzbunte Kühe auf saftigen Weiden, Apfelkuchen im »Kaffe Enzian«. Die Kopie ist auch Generationen später nahezu perfekt. Bis auf die Vulkane eben; nur drei von 130 aktiven Feuerbergen – so viel wie in keinem anderen Land der Welt. Die Seiten in unserem Tagebuch beginnen sich zu füllen.23. Februar 2001. Heute standen Franca und ich auf dem 2808 Meter hohen Gipfel des Villarrica. Vier Stunden lang hatten wir uns zuvor durch Schnee und Eis steil bergauf gemüht. Nicht gerade ein Spaziergang für unsere völlig untrainierten Körper. Aber oben ein Panorama jenseits von Gut und Böse. Von einem schmalen Grat blickten wir direkt in den Krater. Eine Hexenküche, aus der beißende Schwefeldämpfe entweichen. Nördlich von uns stach der Vulkan Llaima durch die dichte Wolkendecke, in südöstliche Richtung schauten wir auf den Gipfel des Lanin, den man zu den schönsten Gipfel der Welt zählt. Zum ersten Mal hatten wir das Gefühl, tatsächlich fort zu sein.Über den 1253 Meter hohen Mamuil Mulal-Pass queren wir drei Tage später zum ersten Mal die Anden, gelangen nach Argentinien. Die Grenzformalitäten dauern im Schatten der seltenen, über 1000 Jahre alten Araukarien-Bäume mit ihren merkwürdig nach unten geschwungenen Äste nur wenige Minuten. Schwarze Vulkanasche knirscht noch einige Kilometer unter den Stollenreifen, dann breitet sich vor uns die argentinische Trockensteppe aus, bis sich der Weg nach Süden wendet und uns wieder an den Rand der Anden führt. Ich fahre voraus, Franca folgt im Abstand von mehreren hundert Metern, um nicht völlig in meiner Staubfahne unterzugehen. Menschen treffen wir erst wieder an der Tankstelle von Junin de los Andes, wo wir die beiden BMW zwischen expeditionsmäßig ausgerüsteten Geländewagen und meterlangen Wohnmobilen parken. Fischer, Jäger, Bergsteiger, Trekker, Mountainbiker. Dieser Teil Argentiniens ist Abenteuerland. Auf »der Straße der sieben Seen« rollen wir in Richtung Bariloche. Spurrillen, Schlaglöcher, wenige Kilometer Asphalt. Der Zustand des Wegs ist so wechselhaft wie auf einmal auch das Wetter. Sommer und Winter lösen sich fast schon im Stundentakt ab. Nachts fegt ein heftiger Sturm über die Baumwipfel, unten denen wir unser Zelt am Ufer des Lago Traful aufgebaut haben. Unsere Stimmung ist dennoch gut. Weil es im Zelt, wenn man erst einmal im Schlafsack liegt, saugemütlich ist.Tags darauf Königswetter. Und eine Natur, die jedes Postkartenklischee erfüllt, ja sogar übertrifft. Der See, die Berge, diese Ruhe. Rundum perfekt. Wir sitzen stundenlang nur am Ufer und schauen auf das Wasser, dessen Farbenspektrum je nach Lichteinfall von glasklar bis tief dunkelblau reicht. Das einzig störende Geräusch stammt von unserem Benzinkocher, auf dem nachmittags Apfelpfannkuchen in der Pfanne bruzzeln. Wir fühlen uns wie Hauptdarsteller in einem Jack-London-Roman.Bis Bariloche hält sich unsere Euphorie. Dann bricht das Chaos los – anders kann man die Vorboten des patagonischen Winters nicht nennen. Es stürmt und hagelt, schneit und regnet. Ohne Aussicht auf Besserung. Wir fliehen über die Anden nach Chile, sind nass bis auf die Knochen, zittern vor Kälte, landen in der Nähe von Puerto Montt. Der nächste Tag ist zum Glück sturmlos, reicht aber kaum, unsere Klamotten zu trocken. Dann steht auch hier das Wasser stellenweise kniehoch auf den Straßen. Eine Woche lang. Wir sitzen fest, glotzen im Haus eines Freundes sinnlos TV. Die erste Krise seit unserem Start vor ungefähr einem Monat. Ich merke, dass ich noch lange nicht so gelassen bin, wie man es bei einer solchen Reise sein sollte.Ein kurzer Lichstrahl am Himmel genügt. Kurs Nord. Zuerst Temuco, dann drei Tage Lagerfeuerromantik am Fuß des Llaima-Vulkan im Conquillo-Nationalpark, schließlich wieder Argentinien. Auf der ebenso einsamen wie desolaten Routa 40 bis nach Mendoza und über den 3800 Meter hohen Cumbre-Pass zurück nach Chile, vorbei an Santiago direkt bis an die Strände des Pazifik. 5600 Kilometer stehen nach sechs Wochen auf der Uhr. Wir kommen langsam in Fahrt. Kein Gedanke mehr an Büro und Kehrwoche – die höchsten Straßen der Anden liegen jetzt vor uns!30. März 2001: Am Ufer der 4350 Meter hoch gelegenen Laguna Verde hatte es uns schlimm erwischt. Übelkeit, höllische Kopfschmerzen, Atemnot. Schließlich mussten wir uns mehrmals übergeben. Alles Symptone der gefährlichen Höhenkrankheit. Wir taten die ganze Nacht kein Auge zu, gegen Mitternacht zeigte unserer Thermometer minus elf Grad in der einfachen Schutzhütte, stellte ich fest, dass sich unser Trinkwasser in einen Eisblock verwandelt hatte.In Copiapo hatten wir Sprit, Wasser und Lebensmittel gebunkert. Genug für die drei Tage, die man kalkulieren sollte, wenn man über den 4726 Meter hohen San-Francisco-Pass fahren möchte. 280 Kilometer bergauf, ebenso viele auf der anderen Seite wieder bergab bis Tinogasta, dem ersten nennenswerten Ort in Argentinien. Vertraute alpine Dimensionen verlieren plötzlich ihre Bedeutung. Auf dem San-Francisco-Pass, der locker die Schweiz von Ost nach West überspannen könnte, steht man fast auf Mont-Blanc-Gipfelhöhe. Mit einem Fahrzeug, wohlgemerkt.Wir waren einfach bergan gefahren, hatten uns von unserer Neugier und Begeisterung treiben lassen – und befanden uns auf einmal in einer völlig anderen Welt. Wüstenhaftes Land. Nur noch Fels und Stein. Dann ein blendend weißer Salzsee. Wie verloren fühlten wir uns schließlich auf einer scheinbar unendlich weiten, völlig vegetationslosen Hochebene, aus der mehrere verschneite Vulkane ragen, fast 7000 Meter hohe Gipfel unter einem Himmel, dessen Blau in dieser Höhe eine bislang unbekannte Intensität besitzt. Trotz entsprechender Erfahrung hatten wir in unserer Euphorie vergessen, unsere Körper langsam an die Höhe zu gewöhnen.Kurz nach Sonnenuntergang erreichten wir schließlich das Ufer der Lagune Verde, nur wenige Kilometer von der Passhöhe entfernt. Schnell hatten wir uns in der Hütte eingerichtet. Zugegeben etwas atemlos, aber noch ziemlich stabil auf den Beinen. Eine Stunde später erwischte es uns dann. Tribut an unsere Dummheit, an einem Tag von Meereshöhe bis hier rauf zu fahren.Früh am nächsten Morgen. Die ersten Sonnenstrahlen sorgen für eine trügerische Wärme. Mir geht es langsam wieder besser. Am Ufer der türkisfarbenen Lagune messe ich noch immer zehn Grad unter Null, und auf den Motorrädern glänzt eine dünne Eisschicht. Heftige Windböen sorgen für weiße Schaumkronen auf dem Wasser, das wegen seines extremen Salzgehalts nicht gefriert und von vielen heißen Quellen gespeißt wird. Während unsere Körper die ganze Feindseligkeit dieser Region registrieren, können sich unsere Augen nicht satt sehen. Ein schönerer Ort? Schwer vorstellbar. Aber Hände und Füße sind vor Kälte inzwischen fast völlig taub. Bis zur Bewegungslosigkeit in Thermowäsche und Fleece-Pullies eingepackt, steigen wir unbeholfen wie Anfänger in den Sattel. Unglaublich, dass die beiden BMW überhaupt noch anspringen. Gegen Mittag passieren wir den 4727 Meter hohen Pass, rollen bis zum Abend bergab.In Tinogasta biegen wir auf eine Nebenstrecke ab. Eine Abkürzung in Richtung Salta. »Muy buen« – ein sehr guter Weg, wie uns ein Polizist und ein Tankwart gleichzeitig versichern. Kurz darauf erleben wir unser Waterloo, brauchen zwei geschlagene Tage für 50 Kilometer, weil wir nur noch schrittweise vorankommen. Die Piste existiert praktisch nicht mehr, ist weggespült oder unter Gerölllawinen begraben. Wir schieben bei über 30 Grad bis zur völligen Erschöpfung und müssen unsere wenigen Liter Trinkwasser streng rationieren. Am zweiten Tag – nach zehn Kilometern, für die wir sieben Stunden gebraucht haben – gibt Franca auf. Ich mache mich mit der leichteren F 650 allein auf den Weg, um Hilfe oder zumindest Wasser zu holen. Und stelle fest, dass praktisch hinter der nächsten Ecke der Asphalt beginnt. Im nordargentinischen Salta angekommen, fühlen wir uns urlaubsreif.Jenseits der Anden schlägt uns der Wind immer heißer entgegen. Die Straße stürzt sich förmlich hinunter nach Chile. Schnurgerade vom 4830 Meter hohen Jama-Pass vorbei am heiligen Vulkan Licancabur hinunter in das Herz der chilenischen Atacama-Wüste – eine Salzfpanne, so groß wie das Saarland. Innerhalb einer Stunde steigt die Temperatur von unter Null auf 27 Grad. Bei der strengen Grenzkontrolle am Rande der Oase San Pedro haben wir viel Zeit, uns aus den Klamotten zu schälen. Man desinfiziert unsere Stiefel und die Reifen mit einer stinkenden Lauge und lässt einen Spürhund an unseren Koffern und Gepäckrollen schnüffeln. Frische Lebensmittel sind tabu; wir schmuggeln trotz Hund erfolgreich Käse und Salami in den Taschen für die Rückenprotektoren, wo sich auch einTeil unserer Bargeldreserven befindet.San Pedro liegt strategisch günstig, hält uns zwei Wochen fest. Drumherum hat die Natur ihre Wunder gleich reihenweise platziert. Wüste in allen nur denkbaren Formen und Farben. Von den gezackten Felsen und Sanddünen im Mondtal bis zur 4500 Meter hoch gelegenen, azurblauen Laguna Miscanti. Nebenan liegt Bolivien. Oder besser: der unzugänglichste Teil des Landes. In fast 4900 Meter Höhe holpern wir über das weltfremde Altiplano bis zur Laguna Colorada. Rotes Wasser – und Leben, wo man aufgrund der Kälte und der Höhe längst keines mehr vermutet: zigtausend Flamingos, mehr als an irgendeinem anderen Ort der Welt.Wieder in Chile. Ein paar Tage später unser persönlicher Kälterekord – minus 16 Grad bei Gott sei Dank knochentrockener Luft. Unser Zelt, das wir am Osterwochende in Sichtweite der Tatio-Geysire aufgestellt haben, droht zu zerbrechen, so steif ist es gefroren. Vermummt wie Eskimo und im Windschatten der BMW sitzen wir mit anderen Motorradreisenden draußen und frühstücken.Unten am Pazifik auf der Küstenstraße zwischen Tocopilla und Iquique. Warme Luft strömt durch die offenen Visiere, die Innenfutter der Jacken und Hosen sind endlich wieder tief unten in den Koffern verstaut. Ein völlig neues Fahrgefühl, einfach so dahinzugleiten. Wir schlagen unser Zelt schließlich am endlos scheinenden Strand auf, der eigentlich eine Wüste ist. Auch dieser Teil des Landes gehört zur Atacama, der trockensten Region der Welt. Egal. Sand ist Sand. Dass man uns von der Straße aus sehen kann, ist wie überall in Chile kaum ein Grund zur Sorge.Tagebucheintrag vom 12. Mai 2001: Halbzeit in Arica, der nördlichsten Stadt des Landes. Drei Monate und knapp 10000 Kilometer liegen nun hinter uns. Eigentlich ist der erste Satz Hinterradreifen fällig. Doch der ist auf dem Weg hierher verlorengegangen, wie wir nach zwei Wochen Warterei erfahren. Egal, irgendwo werden wir schon Ersatz bekommen. Wir wollen endlich weiter, damit unser Zeitplan nicht völlig aus den Fugen gerät.Ein letztes Mal schrauben wir uns in Chile hoch in die Anden. Im dunklen Wasser des 4700 Meter hoch gelegenen Lago Chungará spiegelt sich die Spitze des Vulkan Parinacota; meinem Favoriten unter diesen Bergen. Gleich dahinter erstreckt sich wieder Bolivien, aber schon gestern spürten wir eine Veränderung. Die Menschen sind kleiner und dunkler, und statt Spanisch hörten wir erstmals Quechua, die überlieferte Sprache der Inka. Im Schatten der weiß getünchten Lehm-Kirche von Parinacota werden Alpaca-Pullover und bunte Ponchos zum Sonderpreis feilgeboten. Dazu die unvermeidliche Panflötenmusik. Die nächsten drei Monate werden wie eine neue Reise sein. Fortsetzung in MOTORRAD 25/2001

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