Südfinnland (2)

Foto: Josef Seitz
Bei Hattuvaara zeigt ein großes Schild „To the easternmost point of the EU“. Für den Weg dorthin ist eine Genehmigung der Grenzbehörde erforderlich, die im Grenzoffice in Hattuvaara schnell und freundlich ausgestellt wird. Dann eiert die Africa Twin auf einer grob geschotterten Piste gen Osten. Irgendwann überquert der Weg die dunklen Wasser des Koitajoki-Flusses und endet nach 18 Kilometern an einer einsamen Hütte vor einem See. Für das östliche Ende Europas hätte man sich keinen schöneren Platz aussuchen können. Würden sich da nicht die beiden Grenzpfähle – der finnische in Blauweiß, der russische in Rotgrün – auf einer Insel mitten im See wie zwei Grenzwächter gegenüberstehen, ich wäre mir sicher, auf einem unberührten Flecken Erde zu stehen. Lange grüble ich über die Tatsache, dass hier einst Erster und Zweiter Welt aufeinander trafen, schließlich fahre ich zurück nach Hattuvaara und lasse die Honda auf der 522 weiter nordwärts gleiten. Mehr als hundert Kilometer lang gibt es nichts als einsame Waldgebiete. Nur ein paar Seen und tundraartige Ebenen unterbrechen die grüne Wand aus Kiefern. Hier beginnt sie, die Wildnis des finnischen Nordens. Schiere Natur, die Anpassung von jedem erfordert, der darin leben will. Mit welchen Mitteln die Finnen dies im Laufe der Jahrhunderte bewältigten, zeigt das Pielinenmuseum in Lieksa. Über siebzig Gebäude aus dem Umland wurden dort zu einem Museumsdorf zusammengetragen. Grundlage für das Leben war stets der Wald. Ob Suppenlöffel, Wagenrad oder Spanlampe – aus Holz ließ sich fast alles herstellen.

Mit Nurmes erreiche ich den nördlichsten Punkt meiner Reise und nach Umrundung der Nordspitze des Pielinensees auch den Höhepunkt der Tour. Topographisch zumindest: Mit 347 Metern über Normalnull ist der Berg Koli das Höchste, was Südfinnland zu bieten hat. Grund genug, die Gegend zum Nationalpark zu erklären. Offenbar aber auch, um einen Skilift einzurichten und ein Gipfelhotel zu bauen. Der Weg hinauf führt durch fünf (!) richtige Kurven inklusiver einer Serpentine. Immerhin – der Koli bietet einen der seltenen Blicke über die Wald- und Seenlandschaft. Wie ein Teppich aus Nadeln und Wasser verschwindet sie weit am Horizont, grün und grau vermutlich bis hinauf zum Eismeer.
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Karte: Maucher
Westlich des Hoytiäinensees und am Kermajärvi vorbei rollt die Honda weiter nach Süden bis Heinävesi. Ein unscheinbarer Ort, in dem mich ein Finne in holprigem Deutsch auffordert, den Kirchturm zu fotografieren. Dort oben habe während des Krieges seine Mutter mit einem Feldstecher gesessen und nach russischen Bombern Ausschau gehalten. Und nachdem Finnland im Krieg an deutscher Seite stand, meint er, solle das ein Bild wert sein. Außerdem müsse ich die finnischen Erdbeeren probieren. Es seien die besten der Welt.

Ich probiere aber erst mal die Piste über Pyyli hinunter nach Savonlinna und weiter nach Sulkava. Dort soll am Wochenende das traditionelle Kirchboot-Rennen stattfinden. Als Straßen in den Wäldern noch Mangelware und viele Siedlungen kaum erreichbar waren, mussten die Menschen oft weite Strecken im Seenlabyrinth zurücklegen. Zu den großen Kirchenfesten waren mitunter ganze Dorfgemeinschaften per Boot unterwegs. In Sulkava ist daraus – wie könnte es in Finnland anders sein – ein Rennen entstanden. Bis zu vierzehn Ruderer sitzen in den Langbooten, die erstaunliche Geschwindigkeiten erreichen. Allerdings ist weniger die Höchstgeschwindigkeit ausschlaggebend als die Ausdauer. Das Rennen geht über viele Kilometer durch Wald- und Flusslandschaften. Nach dem Massenstart verschwinden die Boote am Horizont –, und in Sulkava ist Party angesagt. Klassisch finnisch mit viel Bier, Fisch und Bratwurst. Gegen Mitternacht, als ich das Renngeschehen schon länger aus den Augen verloren habe, kommt der moderne Teil: Showtime für die Amischlitten. Finnen lieben amerikanische Straßenkreuzer und cruisen in ihren riesigen Kisten nächtens die Flaniermeilen und illegalen Racetracks der Dörfer entlang. Als ich in den frühen Morgenstunden in den Schlafsack krieche, ist die Party noch in vollem Gange.

Gegen Mittag breche ich auf Richtung Saimaasee. Die Nebenstraße nach Suurlahti geistert fünfzehn Kilometer lang auf einer brettharten Piste durch stille Wälder und an Seen entlang. Dann folgt eine traumhafte Motorradstrecke hinüber nach Ristiina und Richtung Lahti, wo jetzt im Sommer die riesigen verwaisten Skisprungschanzen bizarr in den Himmel stechen. Abends gönne ich mir auf dem Zeltplatz am Tuusulasee das letzte Vier-Euro-Plastikbecher-Bier und genieße noch einmal die schrägen Strahlen der langsam gen Norden wandernden Sonne. Am nächsten Morgen bin ich wieder im Hafenmarkt von Helsinki. Diesmal mit einem Körbchen Erdbeeren im Gepäck. Der Mann aus Heinävesi hatte Recht. Sie sind Weltklasse.

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