Südfrankreich (2)

Foto: Eisenschink
Südfrankreich-Tour, MOTORRAD 14/2003
Südfrankreich-Tour, MOTORRAD 14/2003
Gleich hinter Saint-Rémy beginnt echter Kurvenspaß. Schier schwerelos trägt mich die Voxan von Biegung zu Biegung durch lichte Kiefernwälder hinauf in die karge Felslandschaft der südlichen Alpilles. Kein Wunder, dass Renoir, Cézanne und Van Gogh in dieser Ecke der Provence zur kreativen Höchstform aufliefen. Diese Landschaft schreit geradezu danach, gemalt zu werden. Stahlblauer Himmel, darunter weißes Kalkgestein, das sich in gewaltigen Quadern, Türmen und Kugeln über die Hügelketten verteilt. Ganz oben, auf einer fast senkrecht aufragenden Felswand, thronen die Festung und das Künstlerdorf Les Baux.

Die Fahrt geht über Eygalières, Orgon, Mouriès. Auf schmalen, kaum befahrenen Straßen an zackigen Berggipfeln vorbei, an Olivenhainen und steinalten Bauernhöfen, die eingerahmt sind von blühenden Büschen und Zypressen. Der Wind streicht über den kaum 250 Meter hohen Pass de la Figuière, schiebt Wölkchen und Staubpartikel hinaus aufs Meer. Wenn der Nordwind blies, rammte Van Gogh seine Staffelei mit Eisenpflöcken in den Boden. Weil der Mistral, der von Norden kommt, bisweilen über die Landschaft fegt wie ein wilder Stier.
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Foto: Eisenschink
Südfrankreich-Tour, MOTORRAD 14/2003
Südfrankreich-Tour, MOTORRAD 14/2003
In Italien führen alle Wege nach Rom, in Südfrankreich ist Arles das Ziel. Heute wie vor 2000 Jahren. Eine schnelle Runde durch die Altstadt, das eine oder andere antike Bauwerk anschauen, dann – so mein Plan – weiter nach Süden. Doch die frühere Hauptstadt der Provence zieht mich für Stunden in ihren Bann. Vielleicht liegt der Zauber von Arles an den von Platanen gesäumten Boulevards, den ungezählten Straßencafés, den verwinkelten mittelalterlichen Gassen. Oder am Amphitheater, das älter ist als das Kolosseum in Rom und heute als Stierkampfarena dient.

So sieht dann auch mein Nachmittagsprogramm aus: Course Camarguaise – der provencalische Kampf zwischen Mensch und Stier. Auf den Rängen herrscht Hochbetrieb, aus den Lautsprechern dröhnen Fanfarenstöße und Melodien aus der Oper Carmen, unten in der Arena laufen 14 Männer wie um ihr Leben. Doch die Raseteurs – die Stierkämpfer – sind sekundär. Das haben bunte Plakate in fetten Lettern bereits deutlich gemacht: Hauptakteure bei der Course Camarguaise sind die Stiere. Sie heißen Minos, Arlequin oder Figaro und werden gefeiert wie die Stars der Nationalelf. Und wie beim Fußball geht es hier um Schnelligkeit, Geschicklichkeit und Punkte, niemals um Leben und Tod.

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