Süditalien (2)

Foto: Golletz
Von Manfredonia führt die Straße an einer ausgedehnten Saline vorbei, wir passieren Zapponeta, halten eine Weile Kurs Süd, bis es bei Barletta wieder ins Landesinnere geht. Prompt stecken wir am Abend im Verkehrsgewühl von Andria fest. Wobei es zugleich höchst amüsant ist, sich von Ampel zu Ampel mit einheimischen Rollerfahrern zu messen. Ein Spaß, bei dem eine voll beladene, mit zwei Personen besetzte KTM leider jedoch meist den Kürzeren zieht.

Obwohl schon nach 22 Uhr, brechen wir in die Berge auf, gelangen gegen Mitternacht zum mysteriösen Castel del Monte, einem mächtigen achteckigen Bauwerk, das Friedrich II. vor rund 700 Jahren errichten ließ. Noch heute wird über Sinn und Zweck dieses Gebäudes gerätselt, das umringt von Pinien weithin sichtbar einen nahezu perfekt geformten Hügel krönt. Wir sind überrascht, zu dieser Zeit noch eine Familie mit Kindern zu treffen, die vor den hell erleuchteten Mauern ein Picknick veranstaltet, zu dem wir spontan eingeladen werden.

Tags darauf peilen wir Alberobello an, und bereits weit vor dem Ort tauchen in der prärieartigen, sonnendurchglühten Landschaft die ersten Trullihäuser auf. Mit ihren runden, aus Steinen geschichteten Dächern erinnern diese Gebäude ein wenig an die Mützen der Schlümpfe. Ihre einstigen Bewohner wählten diese Bauform dagegen aus rein finanziellen Erwägungen: Sobald ein Steuereintreiber auftauchte, genügte es, den Firststein zu ziehen, um das ohne Mörtel errichtete Gebilde mit wenigen Handgriffen zum Einsturz zu bringen – kein Haus, keine Abgaben an den Staat. Klar, dass die Hütten nach Abzug der Staatsdiener sofort wieder aufgebaut wurden. Das Ganze erinnert heute allerdings an ein Museumsdorf, und für eine längere Tour zu Fuß in für italienische Verhältnisse ohnehin absurder Motorradbekleidung ist es – wieder einmal – zu heiß. Die Crux des südlichen Sommers.
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Foto: Golletz
In den ersten Hügeln der Region Basilicata kühlt zumindest der Fahrtwind ein wenig. Wir lassen es rollen, vorbei an Matera und in einem Rutsch bis Rotonda, das fast schon am Thyrrenischen Meer, der Westküste des Stiefelabsatzes liegt. „Wenn ihr wissen wollt, warum ich zurückgekehrt bin, geht einfach hinaus auf die Piazza, dann merkt ihr schnell, was mir in Deutschland so gefehlt hat.“ Oracio hatte uns in einem Supermarkt angesprochen, und sein Mainzer Dialekt lässt auf ein halbes Leben in Deutschland schließen. Nur zu gerne folgen wir seinem Rat, schlendern nach Sonnenuntergang über den Hauptplatz Rotondas. Das ganze Dorf scheint zu flanieren, die Alten spielen Karten, und eine Gruppe Teenager erstürmt plötzlich auf Rollern und Achtzigern lautstark die Piazza, lässt die Motoren aufheulen, was niemanden zu stören scheint. Obwohl mitten in der Woche, hält das Treiben bis nach Mitternacht an.

Wenige Gasstöße, dann ist das Meer erreicht. Der Küstenabschnitt Basilicatas ist gerade einmal 30 Kilometer lang, doch um diese hervorragende Panoramastrecke wird diese Provinz von den angrenzenden garantiert beneidet. Steilküste und traumhafte Badebuchten mit dunklem Sand wechseln einander ab. Die Straße führt zumeist 100 Meter über dem Meer entlang, zirkelt kühn um bizarre Felsvorsprünge, und die Ausblicke auf das tiefblaue Wasser rauben einem schier den Atem. Der kalabresischen Küstenstraße folgend, touren wir inzwischen schon der Stiefelspitze entgegen. Abkühlung, dringend! Im tiefsten Süden herrschen inzwischen über 40 Grad, der Ventilator der KTM läuft permanent, und die glühende Abwärme röstet mir das rechte Bein. Wir flüchten vor der Mittagshitze in ein schattiges Café am Stadtrand von Reggio di Calabria. Ein alter Mann bewacht die alte, herrlich verzierte Kasse, und die Espressomaschine verbreitet einen extrem leckeren Duft, der gleich noch Lust auf das verlockend ausgebreitete Gebäck macht. Die Gedanken schweifen ab, lassen die vergangenen fünf Tage auf Sizilien noch einmal äußerst lebendig erscheinen.

Für acht Euro hatte uns die Fähre nach Messina gebracht. Über die wunderschön angelegte SS 113 ging’s durch Pinienwälder und vorbei an blühenden Ginsterbüschen in Richtung des Ätna. Traumhafte Aussichten auf Messina und die gegenüberliegende Stiefelspitze taten sich auf. Die Strecke hinauf zum Ätna, den Mongibello, wie die Einheimischen diesen noch immer äußerst aktiven Vulkan nennen, setzte noch einen drauf. Nach dem letzten Ausbruch vor drei Jahren wurde sie neu durch die erstarrten Lavafelder trassiert, wobei ein fantastischer Serpentinenkurs mit äußerst griffigem Asphalt entstanden ist, der bis auf eine Höhe von 1800 Meter führt. Das alte Siracusa unten im Süden der Insel hatte es uns komplett angetan und Noto, Ragusa... Der Barkeeper reißt mich jäh aus dem Tagtraum: Ob wir noch etwas trinken möchten? Si, einen letzten Cappuccino, denn heute soll es noch durch den Aspromonte gehen.

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