Süditalien Ein Fest für die Sinne

Einmal durch ganz Italien. Vom qualmenden Ätna auf Sizilien bis zu den granitenen Spitzen der Dolomiten. Der erste Teil der großen Italien-Reportage entführt in den Süden des Landes.

Süditalien! Allein der Klang dieses Wortes vermag nach vielen kalten Wintermonaten heftigste Sehnsüchte zu wecken und lässt unsere Sinne nach Sonne und Wärme gieren. Zumindest symbolisch haben Birgit und ich die kalte Jahreszeit abgeschrieben - die Thermokombis sind bereits vor einiger Zeit in die hinterste Kellerecke gewandert, und die beiden 650er stehen auf frischen Gummis. Die erste große Tour des Jahres kann beginnen. Wie gesagt - in den Süden Italiens. Auf der Suche nach dem Sommer. Ein paar Tage später spuckt uns die Fähre im Hafen von Palermo aus.

Süditalienisches Verkehrschaos und mildes mediterranes Klima. Eine wunderbare Mischung! Birgit entdeckt ein nettes Café, besteht nach kaum 500 gefahrenen Metern auf eine Pause. Der erste Cappuccino ist eben etwas Besonderes, und schließlich schmeckt er nirgendwo so gut wie in Italien. Dazu die Aussicht aufs Mittelmeer und warme Sonne auf der Haut. Gar nicht so schlecht für den Anfang. Ein paar gefahrene Meter sollten heute aber noch drin sein. Also raus aus Palermo und ab in Richtung Ätna. Nach 60 Kilometern auf der Küstenautobahn zweigen wir ab in die Berge Siziliens – in die Madonie. Plözlich kommt Schwung in die Sache. Die griffige Straße gibt sich wahrlich alle Mühe, mit möglichst vielen Kurven an Höhe zu gewinnen. Gelb blühende Ginsterbüsche wischen vorbei, versprühen ihren schweren, süßlichen Duft. Blumen in in den unterschiedlichsten Farben garnieren den Straßenrand, und dahinter wellen sich Wiesen bis hoch in die Berge. Unglaublich, wie grün die Insel Ende April ist. An die bei Schräglage gelegentlich auf dem Asphalt kratzenden Aluboxen muss ich mich erst wieder gewöhnen.Weiter Kurs Ost. Wir passieren kleine Ortschaften, können uns die Namen aber längst nicht mehr merken – wir sind einfach viel zu sehr mit dem Fahren beschäftigt. Siziliens Nebenstraßen erweisen sich als Volltreffer.

Mehr Spaß? Kaum denkbar. Umso erstaunlicher, dass wir zwischen Palermo und Troina keine anderen Motorradfahrer mehr gesehen haben. Egal. Eine Portion Eis – gibt es irgendwo besseres Gelati als in Italien? – beendet diesen Tag stilgerecht. Dabei blicken wir auf den Ätna, dessen formvollendeter, verschneiter Hauptgipfel einfach wunderschön in den rötlichen Abendhimmel ragt. Grauer Rauch steht über den Gipfelkratern. Sozusagen als Erinnerung, dass dieser Vulkan nicht schläft, sondern nur schlummert – der letzte gewaltige Ausbruch fand im Frühjahr 2002 statt. Dabei hat der Ätna tonnenweise Asche und Lava gespien. Früh am nächsten Morgen haben wir den Gipfel im Visier. Eine schmale und äußerst kurvige Straße führt bergan zum 1910 Meter hoch gelegenen Refugio Sapienza. Hier ober pfeift ein überraschend kalter Wind über die völlig karge, pechschwarze Landschaft unterhalb des Gipfels, die nach jedem Ausbruch neu gestaltet wird – hier ist die Entstehung der Erde wahrlich noch nicht abgeschlossen. Der letzte Lavastrom hat die großen Parkplätze und die Seilbahn, die vorher zum Gipfelkrater schwebte, unter sich begraben. Nur das Rifugio wurde von der glühenden Magma verschont: Der Strom teile sich vor dem Gebäude und floss auf beiden Seiten vorbei, bis er langsam erstarrte. Heute wirkt diese Szenerie erstaunlich friedlich.Uns dagegen hat nun die Neugier gepackt: Wir wollen einem aktiven Vulkan bei seiner Arbeit zuschauen und entscheiden uns tags darauf spontan für einen Abstecher auf die Liparischen Inseln, einem winzigen Archipel vor der sizilianischen Nordküste.

Im Hafen von Milazzo erwischen wir nach unzähligen Kurven gerade noch die letzte Fähre für heute zur Hauptinsel Lipari. Süditalien im Originalzustand ist unser erster Eindruck, als wir im Hafen an Land der winzigen Insel gehen. Trotz aller Beschaulichkeit ist in der kleinen Inselhauptstadt immer was los. Vor allem rund um die gepflasterte Piazza di San Onofrio, direkt am alten Hafen. Gut besetzte Cafés reihen sich im Halbrund, Jung und Alt flanieren über den Platz und durch die engen Gassen, Schulklassen lärmen bei der Eisdiele. Ein paar Meter weiter liegen bunte Holzboote im Kies. Die Fischer flicken in aller Ruhe ihre Netze oder spielen Karten. Am nächsten Vormittag umrunden wir die Insel – eine nur knapp 30 Kilometer weite Tour. Das wir dafür trotzdem knapp zwei Stunden benötigen, liegt an dieser einzigartigen Streckenführung, die immer neue, fantastische Ausblicke auf die Nachbarinseln bietet, die über dem tiefblauen Meer zu schweben scheinen. Eine von ihnen ist Stromboli, nicht mehr als eine von 926 Meter hohe, vom Wasser umgebene Bergspitze. Motorräder dürfen dort nicht an Land. Also lassen wir sie in Lipari zurück und uns von einem Schnellboot dorthin bringen. Drohend und unnahbar erhebt sich schließlich vor uns der Vulkan mit seinen steilen, schwarzen Flanken. Wir gehen an Land, spazieren zuerst durch das urige San Vincenzo, in dem etwa 400 Menschen zu Füßen des aktiven Stromboli leben. Kurz darauf klettern wir über einen steilen Pfad in Richtung der rauchenden Krateröffnungen. Je weiter wir nach oben gelangen, desto stärker wird das dumpfe Rumpeln, das die Ausbrüche begleitet.

In Gipfelnähe beziehen wir schließlich in sicherer Entfernung zu den Kratern Posten und warten auf die Dunkelheit. Wuuuschsch - glühende Lavabrocken schießen aus einem der Krater, steigen 200 Meter hoch in den nachtschwarzen Himmel und prasseln anschließend in die Asche nieder. Birgit und ich starren uns an, sind vor Begeisterung völlig sprachlos. Drei- oder viermal pro Stunde speit der Vulkan sein rot glühendes Feuerwerk in die dunkle Nacht. Dabei gleicht kein Ausbruch dem anderen – die Night-Show des Stromboli zählt zum Eindrucksvollsten, was wir jemals erlebt haben. Eigentlich wollten wir nur ein paar Stunden oben bleiben, aber die dramatisch schönen Eruptionen lassen uns die Zeit völlig vergessen. Erst als die Leuchtspuren der glühenden Lava im Morgengrauen verblassen, stapfen wir hundemüde, aber zutiefst zufrieden durch den schwarzen Sand wieder hinunter ins Dorf.Zurück auf Sizilien, fahren wir nach Messina und setzen über nach Kalabrien. Die Stiefelspitze Italiens zählt zu den einsamsten und wildesten Regionen des Landes. In den über 2000 Meter hohen Bergen, dem Aspromonte-Massiv oder etwas weiter das Silagebirge, leben sogar noch Wölfe und Steinadler. Völlig weltentrückt erscheinen uns dann auch die uralten rustikalen Dörfer, die hoch auf den Bergrücken thronen, um der sommerlichen Hitze zu entkommen. Davon ist Anfang Mai allerdings noch nichts zu spüren. Oberhalb von 1000 Meter hält gerade erst der Frühling Einzug, und die Bergspitzen sind noch schneebedeckt.Egal. Kalabrien ist ein perfektes Revier zum Motorradwandern. Die Mittelrillen der Reifen haben nur zwischen den unzähligen Schräglagenwechseln sporadischen Kontakt zur Fahrbahn. Und einige Strecken wurden schon vor Jahren vom Straßenbauamt vergessen, könnten aufgrund ihrer Beschaffenheit fast als Piste durchgehen. Gut für unsere Enduros, die sich über die artgerechte Haltung freuen.

Auch wir sind begeistert – unendlich viele kleine Gebirgswege, auf denen wir allmählich bis nach Catanzaro gelangen. Nur ein paar Kilometer weiter liegt Sersale, dessen alte Steinhäuser sich kühn an einen steilen Hang des Silagebirges klammern. Wir entdecken eine kleine, gemütliche Trattoria, genehmigen uns eine Pizza und den obligatorischen Cappuccino. Motorradfahrer – und dann noch eine Frau im Sattel einer Enduro – verirren sich offenbar nur selten hierher. Eine Weile später wird vor allem Birgit mit ihrer Suzuki ausgiebig bestaunt, und sie muss mehr als einmal erzählen, wie viel Kubik und PS ihre DR hat. Direkt hinter Sorsale verschluckt uns dichter Buchenwald, der uns erst oben in der fast parkartigen Landschaft des Silagebirges wieder frei gibt. Grüne Wiesen, mächtige, alte Laubbäume und unzählige wilde Stiefmütterchen, die lila und gelbe Farbkleckse setzen. Einfach nur schön und meilenweit von unseren Italien-Klischees entfernt. Verkehr gibt es hier kaum. Die Millionen von Kurven haben wir – wie eigentlich seit Beginn der Reise – fast für uns allein.

Das ändert sich erst, als wir die Berge verlassen und Apulien vor uns liegt. Die sanft gewellte Landschaft kann zwar nicht mit dem wilden Kalabrien mithalten, hat dafür aber anderes zu bieten. Wie die merkwürdigen Trulli-Rundhäuser in Alberobello. Die uralten Trullis wurden aus flachen Steinen ganz ohne Mörtel errichtet, und als Dach dient eine steinerne Zipfelmütze. Auf unsere Frage nach dem Grund für diese eigenwilligen Bauten, weiß die junge Frau in der Touristeninformation eine verblüffende Antwort: »Wenn einmal im Jahr der Steuereintreiber kam, zerlegte der Trulli-Bewohner kurzerhand sein Haus in einen Haufen von Steinen, um keine Abgaben entrichten zu müssen.« Die Kreativität beim Steuern sparen ist offenbar so alt wie die Steuern selbst.Ganz in der Nähe lockt ein weiteres Highlight: die Höhlenstadt Sassi, die bereits in prähistorischer Zeit von ihren Bewohnern in das weiche Tuffgestein des Flusstals gegraben wurde. Erst im letzten Jahrhundert wuchs um diese Höhlenstadt das moderne Matera. Aber noch vor 50 Jahren lebten fast 20000 Menschen mit ihrem Vieh in Sassi – ohne Strom, Wasser und Kanalisation. Beste Bedingungen für allerlei Krankheiten und Seuchen, bis die Bewohner in triste Neubauten umgesiedelt wurden. Inzwischen zählt Sassi zum Weltkulturerbe der UNESCO, wirkt faszinierend und gespenstig zugleich. In Matera ändern wir unseren Kurs auf West. Wir wollen zum Golf von Neapel. Die nervige Schnellstraße lassen wir rechts liegen, suchen uns stattdessen wieder möglichst gewundene Straßen aus, was im Apennin ein Kinderspiel ist.

Fast scheint es, als ob Motorradfahrer all diese Kurvenparadiese erdacht hätten. Das Vorwärtskommen auf solchen Zickzack-Strecken ist gemessen an den tatsächlich gefahrenen Kilometern zwar äußerst gering, aber der Spaßfaktor enorm. Bei Salerno erreichen wir wieder die Küste und biegen in Richtung Amalfi ab. Und staunen nicht schlecht. Die Straße, die abwechselnd unten am Meer oder haarsträubend weit oben in den steilen Felsen verläuft, ist schlichtweg atemberaubend. An den unmöglichsten Stellen kleben einzelne Häuser und sogar Dörfer an den Bergen, die fast senkrecht bis über 1400 Meter aufsteigen. Orte wie Positano oder Amalfi könnten kaum malerischer sein – die Küstenstraße entlang der Costa Amalfitana gehört von nun an zu unseren Favoriten, und der Blick auf das winzige Capri draußen im Meer ist wahrlich einzigartig. Als einzigartig erscheint uns auch der Verkehr im nahen Neapel. Schlimmer als in südamerikanischen Großstädten: Überholt wird grundsätzlich immer, und durchgezogene Linien, Verbotsschilder oder rote Ampeln gelten allenfalls als Dekoration.

Erstaunlicherweise funktioniert dieses Chaos tadellos. Wir versuchen, uns irgendwie anzupassen, definieren unsere neue Fahrweise als aggressiv-defensiv: fahren und hupen. Und ständig damit rechnen, dass andere die gleiche Taktik anwenden. Was natürlich so ist, denn die Neapolitaner haben einen lebenslangen Erfahrungsvorsprung und kennen alle Tricks, um sich selbst noch auf engstem Raum einen Vorteil zu verschaffen. Was wir hier eigentlich suchen? Den richtigen Weg hinaus aus der Stadt. In Richtung Norden bis zu den Dolomiten. Fortsetzung in der MOTORRAD-Ausgabe 13/2003

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote