Südliches Afrika Die Hoffnung bleibt

Nicht alle Träume am Kap gingen in Erfüllung, nicht überall finden Schwarz und Weiß friedlich zusammen. Der Reisende wird davon berührt werden. Genauso wie von der grandiosen Schönheit dieses Landes.

Südafrika, sagte man uns vor der Reise, Südafrika sei auf dem Weg nach oben. Die Apartheid überwunden, Schwarz und Weiß nun friedvoll vereint. Von Crossroads war nie die Rede. Auch nicht von dem Porsche, der uns auf der Überholspur vehement zur Seite drängt. Oder von den blonden Jungs im offenen Renegade-Jeep, ein PS-strotzendes Rennboot im Schlepp, die sich gestenreich Wheelies von uns wünschen, während auf dem Standstreifen eine schwarze Frau ihren Handkarren voller Straßengraben-Fundstücke nach Hause zerrt. Die Bay Watch-Darsteller wollen offensichtlich zum Strand, dem wahrscheinlich schönsten, den die Welt zu bieten hat. Blueberg. Endlos lang, endlos weiß, direkt gegenüber vom funkelnden Kapstadt, das sich malerisch um den 1087 Meter hohen Tafelberg drapiert. Der Porschefahrer wird dort gleich an den Business-Hochhäusern entlang röhren, während die Schwarze ihre Habseeligkeiten vor einer der Tausenden von Wellblech- und Papphütten in Crossroads ablädt. Crossroads, der Slum. Zwischen Flughafen und Stadtautobahn. Die B-Seite Kapstadts quasi, die man in Landkarten und Reiseführern vergeblich sucht.Südafrika, ein Land voller Gegensätze. Staubtrockene Armut nur einen Steinwurf von blühenden Vorgärten mit Rasensprengern entfernt. Schockierend. Extrem. Und doch ist alles besser, als es zu Zeiten der Rassentrennung war.Als wir den Chapman’s Peak Drive, diese spektakuläre Küstenstraße 160 Meter über dem Meer, zum Kap der guten Hoffnung hinabfahren, scheint Crossroads wie ein böser Traum. Die unglaubliche Schönheit dieses Steilwand-Intermezzos ist atemberaubend. Wir sind auf den letzten Kilometern des Kontinents unterwegs, der wie ein Finale furioso in einem gewaltigen Bergrücken zwischen indischem und atlantischem Ozean sein Ende findet. Tosende Brandung, die meterhohe Brecher an den Felsen zerstieben lässt, erinnert an die Schicksale ungezählter Seefahrer, die hier am Kap der Stürme oft genug alle Hoffnung fahren lassen mussten. Knapp 350 Jahre ist es her, dass die Holländer in dieser Gegend eine kleine Versorgungsstation für den lukrativen Handelsweg ins reiche Indien gründeten. Afrika und seine Wilden lockten damals noch keinen Hund hinterm Ofen hervor. Heute drängen sich Busladungen von Neckermännern um das wohl meist fotografierte Schild der südlichen Hemisphäre: THE SOUTH-WESTERN MOST POINT OF THE AFRICAN CONTINENT. 34ster Breiten-, 18ster Längengrad.Stellenbosch, Groot-Drakenstein, Frenschhoek-Pass – wir schwingen durchs Weinland, genießen Kurvenvergnügen zwischen Bergen, die den Südtiroler Dolomiten kaum nachstehen. Saugen die intensiven Farben dieser Landschaft auf. Passieren mediterran anmutende Orte, luxuriöse Weingüter und Werbeschilder für »Schwarzwälder Kirschtorte«. Die Kap-Provinz wurde neue Heimat für zahllose Auswanderer. Viele als Nachfahren der alten Buren, manche kamen auch erst mit dem hoffnungsvollen Aufwind durch Nelson Mandelas Befreiung vor zehn Jahren, als Grundstücke mit Aussicht billiger zu kriegen waren als Brandenburger Plattenbau.Wir schlagen direkten Ostkurs ein, Gegen den Uhrzeigersinn wollen wir einmal um das Süd-Ende des Kontinents rum. Rund 8000 Kilometer in vier Wochen. Das müsste zu schaffen sein. Als die vegetationsreiche Kap-Region hinter uns liegt, beginnt die Einöde. Beginnt das Land derer, die seit Generationen ausharren und sich mehr als einmal zurück an ihre Grachten oder den Hunsrück gesehnt haben. Ackerland. Gelbbraun. Bis an den Horizont, der das Gewicht ganz Afrikas zu tragen scheint. Die Straßen – wie mit dem Lineal gezogen. Schnur geradeaus. Schlimm. Und obendrein der Wind. Unablässig. Immer von vorn. Normal um diese Jahreszeit, sagen die Einheimischen. Es ist November, Frühling auf der Südhalbkugel.Um etwas Abwechslung rein zu bringen, biegen wir von der Fernstraße ab. Sofort gestaltet sich die Navigation schwierig, unsere Landkarten sind schlechter als gedacht, zuverlässige Wegweisungen Mangelware. Wir landen entweder im Nichts von Geröllwegen oder auf der Autobahn N2, die hier im Südwesten unter dem berühmten Namen Gardenroute Karriere gemacht hat. Gardenroute, das Dorado aller Reiseführer-Autoren, in Wahrheit jedoch eine touristische Aneinanderreihung von historisierten, aufgeblasenen Belanglosigkeiten. Ein paar exotische Pflanzen und nette Städtchen wie Mosselbay. Irgendwo plötzlich ein winziges Tal mit steinalten Urwaldriesen, brüllenden Affen, keckerden Kakadus und flirrenden Kolibris. Wie vergessen im einstigen Rodungswahn. Drei Quadratkilometer Afrika. Dann wieder Nadelbäume, Nadelbäume und Nadelbäume. Zugegeben, der parallel verlaufende Küstenstreifen hat mitunter etwas Wildromantisches. Aber sonst? Wir ziehen`s trotzdem durch, zwischen Missmut und unerschütterlichem Glauben an Gedrucktes schwankend, bis wir bei Port Elizabeth schließlich auf Nordkurs gehen. Lieber Karoo-Wüste als diese domestizierte Mittelmäßigkeit.Hier ist in der Tat nichts mehr mittelmäßig, sondern extrem. Sobald der Ozeaneinfluss verebbt, schlägt die Hitze zu. Keine Wolke, kein Schatten – sengend knallt die Sonne herunter, rotbrauner Fels und Stein reflektieren gnadenlos. Eine schmale Straße mit aufgeweichtem Asphalt fädelt sich über sanfte Hügel nach Norden Richtung Cradock. In Cookhouse, einem kleinen Nest, legen wir einen Tankstopp ein, und das bereits vertraute Prozedere nimmt seinen Lauf: Drei Angestellte reißen sich ums Auffüllen der Enduros. Ein Vierter wischt hingebungsvoll über Scheinwerfer und Windschutz. Freundliche Neugier: »Woher, wohin, warum, wie schnell?« Auf wunderbare Weise helfen die Motorräder über Berührungsängste zwischen Schwarz und Weiß hinweg. Im Laden nebenan kaufen wir Wasser und Cola. Ein paar schwarze Kids lungern herum, vom weißen Besitzer immer wieder entnervt weggescheucht. »Lauter kleine Banditen«, murmelt er. »Lachen dir ins Gesicht und klauen hintenrum dein Zeug.« Sie kämen aus Somerset East erzählen die Jungs, jeden Tag 20 Kilometer, hin und zurück. Wegen der paar Rand, die beim Tanken abfallen.Noch 70 Kilometer bis Cradock. In der Stadt am Great Fish River soll es Unterkünfte geben. Eine Stadt mit Straßen voll lila Flieder, herrlichen, alten Häusern im Kolonialstil und Tausenden bettelarmer Schwarzer. Als wir an einem musealen Bed&Breakfast namens »Heritage« klingeln, zieht uns der Hausherr hinein, als gelte es die letzten vom Heck der Titanic zu retten. Come in, take a cold drink and than bring your bikes in the back! Bloß weg von der Straße. In Cradock scheint das Leben kein Spaß mehr. Die Schwarzen drängten aus ihren ehemaligen Homelands herein, erzählen uns die freundlichen Gastgeber, hofften auf Arbeit, fänden aber kaum was. Also ziehen sie durch die Straßen und lösen bei den wohlhabenden Weißen, die gerade mal 13 Prozent der Bevölkerung des gesamten Landes stellen, zunehmend Beklemmungen aus.In Cradock hilft man sich wie in den Metropolen mit Stacheldraht, Security-Diensten und Hunden. Vier Stück begrüßen uns schwanzwedelnd auf der Terrasse unseres herrschaftlichen Wohntrakts. »So werden wenigstens die Hühner nicht geklaut, wie bei den Nachbarn.« Unsere Vermieterin schwankt zwischen Ärger und Verständnis: »Der Hunger«, meint sie achselzuckend, man könne es ihnen nicht verdenken. Im Kasernenhofton erklärt uns der Gatte, wie wir weiterzufahren hätten. Generationen Herrenrassedasein machen sich bemerkbar. »No Transkei, no Johannesburg, no Pretoria. ” Die Reiseführer schreiben ähnlich, warnen vor Gefahren im einstigen Homeland Transkei, wo die Schwarzen am Existenzminimum zusammengedrängt leben mussten und nun wenig scharf auf Weiße sind. In den Townships, allen voran das Jo’burger Soweto, wo die Widerstandbewegung gegen das Apartheid-Regime ihre Ursprünge hatte, ist es nicht anders. Obwohl uns die Panikmache nervt, legen wir die Route um die Problem-Zonen herum, weichen über glühende Schotterpisten nach Lesotho aus.Von den weißen Umtrieben fast unberührt, wirkt das unabhängige Königreich hoch oben in den Drakensbergen dem Himmel irgendwie ein Stückchen näher. Gleich hinter dem Schlagbaum, den wir zwischen Lastern und Frauen mit Einkaufstaschen passieren, ändert sich alles. Rundhütten und einfache Steinhäuser anstelle Slums und grotesker Villen, winkende Dorfbewohner statt starrenden Buren, Hirtenjungen und Ziegen statt eingezäunten Farmlands und arbeitslosen Schwarzen. In weiten Bögen schwingen wir uns aufs Dach Afrikas. Über geradezu alpine Pässe geht es höher und höher hinauf. Es ist wie fliegen. Landung gegen 18.30 Uhr in der über 2000 Meter hoch gelegenen Rundhütten-Lodge Oxbow. Am Eingangstor hängen trophäengleich ein paar ausgediente Rossignol- und Atomic-Skier. Einen Lift gibt es zwar nicht, aber im Winter Schnee bis zum Abwinken. Für einen afrikanischen Wintersportort reicht das.Unser Plan, den berüchtigten Sani-Pass zu bezwingen, der sich Schotterkehre an Schotterkehre nach Südafrika hinabschraubt, wird von gewaltigen Regenwolken vereitelt. Sie zwingen uns, nördlich über den Golden Gate National Park auszureisen. Da, plötzlich, eine Zebra-Herde, ganz nah! Sofort sind wir angefressen – vom Wildnis-Fieber gepackt. Ein echtes Problem, da die meisten Tiere in Reservaten leben, die für Motorräder gesperrt sind. Schließlich entscheiden wir uns, nach Ulundi zu fahren, um dort den billigsten Mietwagen, den wir auftreiben konnten, auszufassen: weißer Golf I, drei Tage, xxx Mark ohne Kilometerbegrenzung. Lesley Woolf und ihre beiden Kolleginnen am Avis-Schalter vom klitzekleinen Flughafen Ulundi scheinen die einzigen Weißen in der Stadt zu sein. Und so fühlen sie sich auch. Durch Ehemänner und andere private Verstrickungen hierher verschlagen, seien sie am absoluten »point of nowhere« angelangt, erzählt Lesley.Wir sind in der Provinz KwaZulu Natal, der östlichsten, landschaftlich schönsten und schwärzesten der neun Provinzen Südafrikas. Hier kamen die Buren vor gut 160 Jahren auf das schmale Brett, ein von Gott auserwähltes Volk zu sein, da sie in einer fürchterlichen Schlacht am Blood River 12000 Zulu-Krieger besiegten, 3000 davon töteten und selbst nur geringe Verluste erlitten.Uns ist nicht ganz wohl, als wir Helme und Packäcke in den Golf laden und die beiden BMW auf dem Mietwagen-Parkplatz zurücklassen. Aber das hilft jetzt nichts. Entschlossen nehmen wir Kurs auf die beiden Game Reserves Hluhluwe und Itala. Rollen unter dem Gezirpe von Zikaden und dem Brüllen der Affen an Nashörnern, Giraffen und Krokodilen vorbei. Zelten an Flussläufen (beware of wild animals) oder logieren in grandiosen Buschlodges wie Gary Grant einst in »Schnee am Kilimandscharo«. Auf Fotos Großwildjäger unter sich. Was für eine Welt. Teure Drinks an der Bar und nachts mit dem »Landi« in den Busch. Huh.Drei Tage später hat uns die Welt wieder. Noch ein kurzer, spannender Moment: Ja, die Mopeds sind noch da. Berauscht von den Erlebnissen im Reich der Tiere, pflügen wir über kleine Pisten aus den grünen Bergen KwaZulu Natals. Kurs Nordwest. Kaum in der Povinz Free State angelangt, beginnt wieder der weiße Einfluss. Felder bis zum Horizont und in sengender Hitze dörrende Farmhäuser, Rinderherden, Schafe, Zäune. Vor allem Zäune. Die Orte tragen Namen wie Heidelberg, Heilbron oder Frankfort, letzteres sogar mit original hessischer Lautfärbung. Quirlige Dörfer, schwarzweiß-gemischt. Wir campieren in Frankfort. Die belgischabstämmige Zeltplatzbesitzerin will kein Geld, freut sich zu sehr über Gäste aus Europa, aus Deutschland seien wir ihre ersten überhaupt. Bewegt nehmen wir die Einladung an.Auf gottverlassenen Dirtroads fahren wir weiter, es wird heißer, und trockener Busch und Savanne verdrängen die Felder, roter Sand leuchtet überall auf – dann liegt sie vor uns: die Kalahari. Die Pisten versanden zusehends, das Fahren wird ständig beschwerlicher, je weiter wir in Richtung Botswana vordringen. Immer tiefer wühlen die Räder, ab jetzt hilft nur noch Speed, um die beladen rund 230 Kilo schweren Maschinen halbwegs in der Spur zu halten. Über Stunden ein schweißtreibendes und gefährliches Unternehmen. Zweimal müssen wir umkehren, geben dann den Plan auf, entlang der botswanischen Grenze nach Namibia zu fahren. Mist. Nach monatelange Trockenheit, erklärt ein Anwohner, seien die Pisten total zugeweht. Kein Durchkommen für normal bereifte Bikes. Okay. Stattdessen über Kuruman, Upington und rund 350 Kilometer Umweg nach Ashkam und von dort nach Namibia. Wieder liegen schnurgerade, trostlose Teerstraßen vor uns. Fahrerisch easy, mental Schwerstarbeit. Gegen Abend torkeln wir in Askam ein. Letzter Außenposten des Südafrika-Tourismus quasi. Es gibt eine Tankstelle, ein paar Lodges und kaltes Bier. Gerade genug.Bei Rietfontein, einem staubigen kleinen Nest, überqueren wir die Grenze. Schilder sind ab jetzt nur noch im Abstand von 200 Kilometern angesagt. Spätestens von nun an sind wir allein – mit uns, den beiden BMW, der gleißenden Sonne und den Gravelroads. Mit ihrer gewaltigen Staubentwicklung kündigen sie jedes entgegenkommende Fahrzeug kilometerweit an – alle Stunde eins. Mit 80 bis 100 Sachen fegen wir nebeneinander über den weichen Splitt, fast schwerelos, sanft um die Längsachse wiegend, mit immergleicher Drehzahl, meditativ. Erleben Wüste intensiv, in allen Farben und Facetten. Schwarze Krater, rosa Berge, einsame gelbe Blumen und Köcherbäume. Funkelnde Steine und tiefrote Canyons. Ebenen, flach bis zum Horizont.Es ist fast dunkel, als wir Keetmanshoop erreichen. Der Ton der Menschen hier ist härter. »Give me one Dollar«, lautet die unmissverständliche Forderung eines Jungen, der uns sofort als Neuankömmlinge in ehemals Deutsch-Südwest identifiziert. Das Kaiserliche Postamt gibt es noch, den Edelweiss-Drankwinkel, Uschi`s Café und den Wetterhahn auf der Kirche. Man macht auf deutschnational und wird mit Heerscharen von Touristen belohnt. Das Österreich des schwarzen Kontinents sozusagen. Schön und schrecklich zugleich.Zwei Tage später überqueren wir am Oranje River wieder die Grenze zu Südafrika. Mit jedem Kilometer Südkurs wird die Landschaft grüner. In Springbok zelten wir ein letztes Mal unter dem sternenübersäten Wüstenhimmel, bevor wir uns ab Lamberts Bay dem Meer hingeben, kurz vor Kapstadt eine kleine Hütte über der Brandung mieten. Gerade weit genug weg von Crossroads, Porschefahrern und jungen Männern mit Rennbooten im Schlepp. Aber zum Blueberg Strand fahren wir trotzdem. Denn der ist wirklich genial.

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