Südportugal Felsen-Fest

An der Algarve hat der Atlantik eine großartige Felslandschaft modelliert. Zwischen Küste und Hinterland gibt es ein Netz einsamer Sträßchen und staubiger Pisten, auf denen man sich mit einer handlichen Enduro für Tage und Wochen verlieren kann.

Gar nicht so einfach, zwischen all den Schnellstraßen und Kreisverkehren die in der Karte verzeichnete Piste nach Silves zu finden. Eine halbe Stunde irre ich mit der Yamaha zwischen Arade-Fluss und Estômbar umher, bis ich sie am Rand einer Pferdekoppel schließlich entdecke: eine ungeteerte Fahrspur mit direktem Nordwestkurs. Treffer! Triumphierend gebe ich Gas, fühle mich wie Vasco da Gama 1498 bei der Entdeckung des Seewegs nach Indien.Ein letzter Blick zurück. Auf die Diesellaster und Reisebusse, die über die Fernstraße röhren, auf die Hochhaussilhouette von Portimão samt der futuristischen Brücke über den Arade. Luis, der mich ab Silves begleiten will, hat nicht zu viel versprochen. Hier, an der Algarve, beginnt die Natur unmittelbar hinter den an der Küste aufgereiten Betonklötzen. Gespannt dirigiere ich die XT 600 tiefer ins Hinterland. Watvögel stochern in den Schlickflächen entlang des Flussufers, weiße Reiher steigen auf und ziehen mit ruhigen Flügelschlägen davon.Die Piste verzweigt sich, wird steiniger, zerfurchter, führt mal nach Norden, mal nach Süden. Ich werfe einen erneuten Blick auf die Karte und stelle fest, dass dieser verschlungene Weg mit Sicherheit nicht die erhoffte Piste nach Silvas ist. Ein Fischer knattert auf einem mit Körben und Angelruten beladenen Roller entgegen, die Kippe lässig im Mundwinkel, eine Schiebermütze auf dem Kopf gegen die Sonne. Eine Ortschaft kann also nicht weit sein. Und tatsächlich: Nach einer Weile tauchen die ersten Häuser auf, umgeben von Palmen, Mandel- und Orangenbäumen - Silvas. Also doch.Hinter einer Kuppe ist bereits die Festungsanlage zu sehen. Im 12. und 13. Jahrhundert war die Stadt ein quirliges Zentrum der maurischen Algarve. Heute wirken die verwinkelten Gassen der Altstadt eher verschlafen. Am alten Stadttor klingt gedämpftes Stimmengewirr aus den Bars, sonst ist es still. Ein Blick auf die Uhr, kurz vor zwölf - Siesta. Und höchste Zeit für das Treffen mit Luis, der mich bereits vorgewarnt hat: Auf den Pisten und Sträßchen im Hinterland käme man mit dem Motorrad kaum zur Ruhe.Wenig später folge ich Luis‘ 350er in die Serra de Monchique. Das asphaltierte Bergsträßchen windet sich in endlosen Schleifen durch grüne Eukalytuswälder. Dazwischen ein paar Pinien, Korkeichen, Olivenhaine und von Gestrüpp überwucherte Felder. Der eine oder andere Bauer wirbt mit dem Verkauf von Wurst, Käse und Gemüse. Doch die meisten »vende se«-Schilder (zu verkaufen) beziehen sich gleich auf das gesamte Gehöft. Nährstoffarme Böden, winzige Parzellen - ein armseliges Leben von der Hand in den Mund. Luis, der seit Jahren an der Küste lebt, hat die Landflucht aus dem Hinterland selbst durchexerziert.Die weiß gekalkten Häuserwürfel von Monchique tauchen auf. Der Hauptort des gleichnamigen Gebirges zählt kaum 5000 Einwohner und schmiegt sich malerisch an dessen höchste Erhebung, den 902 Meter hohen Foia. Die Straße zirkelt zügig Richtung Gipfel, passiert die Baumgrenze und verliert sich schließlich im Nebel. An klaren Tagen könne man bis zur Küste sehen, sagt Luis fast entschuldigend, doch jetzt, im Frühjahr, verfingen sich hier häufig die von Norden anrückenden Wolken. Der postgelbe »Algarve-Tours«-Bus rauscht vollbesetzt vorbei zum Artesanato Sto. Antonio, wo es auch an trüben Tagen handgefertigte Weidenkörbe, Socken, Pullover und den für die Region typischen Medronho-Schnaps zu kaufen gibt.Als wir wieder nach unten kurven, scheint es plötzlich so, als käme der Nebel am Foia von all den Schnapsbrennereien ringsum. Ein einträgliches Geschäft, freut sich Joaquim Nunes Valério, über dessen Schuppen eine dicke Rauchsäule gen Himmel steigt. Stolz zeigt er uns seine steinalte Destilliermaschine und die zu hochprozentigem Feuerwasser verarbeiteten Medronho-Früchte. Die kaum kirschgroße Frucht werde in mühsamer Handarbeit in den umliegenden Wäldern gepflückt, erläutert Joaquim, und der spätere Fermentationsprozess dauere dann noch ein Viertel Jahr. Hühner wetzen am Schuppen vorbei, im Garten wuchert Gemüse für die Küche.Eine stecknadelkopfgroße Kostprobe muss sein, dann rauschen wir über Alferce am Odelouca-Fluss entlang nach Süden. Mitten im Nirgendwo zweigt ein unscheinbares Asphaltband ab, das bereits nach wenigen Kilometern zwischen ein paar Medronhobäumen in Schotter übergeht. Ein Stück weiter lebe nur noch eine Familie mit zwei Eseln, bemerkt Luis, und derentwegen lege man keine feine Teerpiste an. Und falls doch, gäbe es hier noch genügend andere Wege, auf denen Enduros artgerecht stauben könnten.Der DR 350-Motor heult auf und Luis verschwindet mit einem gekonnten Drift hinter der nächsten Biegung. Ich stelle mich in die Rasten, drehe am Gas und schlingere weitaus weniger elegant hinterher. Egal. Dranbleiben zählt, und außer Ziegen und Schafen schaut hier eh keiner zu. Die Piste mäandert zunächst in weiten Bögen am Flussufer entlang, bis sie irgendwann einen Abzweig in die Berge findet und sich hoch in die Gipfel schraubt. Die Aussicht ist viel versprechend. Weder Häuser, noch Fahrzeuge oder Menschen, so weit das Auge reicht. Stattdessen Duzende kaum handtuchbreiter Trails.Kilometer um Kilometer dirigiere ich die Yamaha über Sand, Schotter und teilweise beschwerliche Spurrillen, während sich die Landschaft hinter dem ockerfarbenen Staubschleier unbemerkt verändert. Als Luis‘ Suzuki plötzlich anhält, sind die lichten Eukalyptuswälder und blühenden Ginsterbüsche unerwartet verschwunden. Neben der Piste ein paar knorrige Korkeichen, dahinter bestellen ein paar Bauern mit zwei Eseln ihr Maisfeld. Ein Redeschwall auf Portugiesisch bricht über uns herein. Allmählich dämmert es mir. Das ist wohl die Familie, derentwegen man allein keine Straße baut. Luis’ Familie.Luis greift sich ein paar Setzlinge und pflanzt sie im Abstand von wenigen Zentimetern in die Erde. »Wenn die Wildschweine aus den Wäldern kommen«, schimpft derweil der Alte, »ist die mühsame Arbeit in wenigen Minuten beim Teufel.« Seine Korkeichen blieben von dem Gewühle zwar unbeschadet, doch da man deren Rinde nur alle neun Jahre ernten könne, nutze das heuer auch nicht viel.Die positiven Aspekte von Wildschweinen führen wir uns wenige Pistenkilometer weiter in der Dorfkneipe von Águas Frias zu Gemüte. Mit strahlendem Lächeln wuchtet Dona Maria Santos einen gigantischen Topf mit Wildschweingulasch auf den Tisch. Damit wir auch wirklich satt werden, serviert sie uns gleich noch weitere Köstlichkeiten, die uns während der Tour bereits in vergleichbaren »Ursprungsformen« begegnet sind: Mais, Oliven, Ziegenkäse mit Eukalytushonig. Auch die Rinde der Korkeiche findet sich wieder. Als Untersetzer, Flaschenhülle, Wanduhr und, mit Kleiderhaken verziert, als Garderobe. Auf der Schrankwand – womöglich Korkeiche rustikal – thront zwischen Heiligenbildchen und Flimmerkiste Dona Maria Santos‘ ganzer Stolz: zwei silberne Pokale für hervorragende Wildschweingerichte. Mit dem befriedigenden Gefühl, Portugals Bauern durch den Verzehr des Borstentiers einen Teil der Ernte gerettet zu haben, kreuzen wir mit unseren Enduros auf versteckten Schotterpfaden zurück gen Süden, bis wir auf die Schnellstraße treffen, die uns zügig den Rest des Weges zur Hotelskyline am Meer geleitet.Als sich Luis in Praia da Rocha von mir verabschiedet, streife ich noch durch die Straßen meines Feriendomizils. TropiCool Bar und Burger Ranch tauchen auf, gefolgt von Wickinger Bar, Disco on the Rocks, Bar Las Vegas und Santo Moritz Pub. Ein Touristenbähnchen zockelt mit wummernden Disco-Rhythmen über die Strandpromenade, ein Mann trabt mit Shorts und Hawaii-Hemd auf einem »Ride a donkey«-Esel hinterher. Ich kaufe mir ein paar Ansichtskarten im Souvenirladen Novo Mundo, setze mich in eine Snack-Bar und frage mich, wo wohl all die Bildmotive mit den idyllischen Felsenbuchten zu finden sein sollen.Tags drauf will ich mit der Yamaha zum Atlantik vorstoßen. Kein leichtes Unterfangen, denn zwischen Albufeira und Lagos hat sich die einstige Seefahrernation mit ihrer himmelsstürmenden Ferien-Architektur nahezu den kompletten Zugang zum Meer verbaut. Da Gama, Magellan und Co. hätten hier weder ihre Schiffe geschweige denn irgendwelche Seewege entdeckt. Doch ich halte durch, gelange nach etlichen Wendemanövern zu honiggelben Sandbuchten, aus denen eigentümlich geformte Felsen sprießen: Türme, Arkaden, Säulen, Höhlen, Galerien. Zumindest das Meer hat an diesem Teil der Algarve eine architektonische Meisterleistung zustande gebracht.Ein Schlenker nach Osten, ein Schlenker nach Westen. Im Wechselspiel zwischen Schnellstraße und Piste erreiche ich die Metropole Lagos und tauche vis-à-vis des alten Fischerhafens in die winzigen Gassen der Altstadt ab. Die palmengesäumte Stadtmauer zieht vorbei, der alte Sklavenmarkt, der ehemalige Palast Heinrich des Seefahrers. In der Kirche von Santo Antonio treffe ich auf feiste Putten, die sich goldbesetzt unterm Deckengewölbe räkeln, während im Nebenraum sich Seite an Seite alte Schwerter und Sextanten, afrikanische Holzmasken, Golzmünzen, präparierte Vögel und eingelegte Schlangen stapeln. Ein kleines Sammelsurium aus den Jahrhunderten der Entdecker.Noch ein Blick auf die Schiffsmodelle und Seekarten im Forte Ponta Bandeira, dann fahre ich weiter nach Westen. Eine frische Brise zieht auf, die dem Küstenabschnitt zwischen Faro und Cabo de São Vicente ihren Namen gegeben hat: Barlavento – die im Wind liegende Küste. Die Häuser verschwinden in den Rückspiegeln, die Zitrusbäumchen und der letzte Rest Asphalt - meine XT 600 darf wieder stauben. Bald sind nurmehr ein paar hart gesottene Ginsterbüsche zu sehen, der tintenblaue Atlantik, ein verlassenes Fort. Mit jedem zurückgelegten Kilometer wird die Landschaft karger, die Klippen steiler. Bei Salema schließlich eine unüberwindbare Felswand. Der Weg entlang der Küste ist zu Ende.Ich weiche nach Norden auf die Nationalstraße aus und fahre über Vila do Bispo ans Ende der Welt. Zumindest schien das die südwestlichste Ecke Europas bis zur Entdeckung Amerikas zu sein. Sagres. Der Wind pfeift übers Land, der Atlantik donnert gegen die Felsen, im Süden schirmen die Mauern der Fortaleza die mutmaßliche Navigationsschule Heinrich des Seefahrers vom Festland ab. Rundum ein paar Straßen, ein paar Häuser und »Alisuperprestige«, der einzige geöffnete Supermarkt.Ich kaufe mir eine Packung Kekse, fahre zum Cabo de São Vicente und blicke von den 60 Meter hohen Klippen aufs Meer. Supertanker ziehen draußen vorbei, Segelschiffe, Fischerboote. Das einst gefürchtete Felsenkap hat seinen Schrecken für die Seefahrt verloren. Heute weist hier der lichtstärkste Leuchtturm Europas den Weg. Ein mit einer 3000-Watt-Birne versehenes technisches Meisterwerk, dessen Leuchtfeuer bis zu 90 Kilometer weit sichtbar ist.»Letzte Bratwurst vor Amerika« - einen Steinwurf vom Atlantik entfernt lockt eine bayerische Imbissbude mit vermutlich einzigartigem Standortvorteil. Leider muss ich weiter, denn bis zum Abend steht noch die Westküste bis São Teotónico und eine Runde durchs Hinterland auf dem Programm. Ich gebe Gas, schwenke bei Beliche auf die Piste nach Vila do Bispo und kurve von dort über die Landstraße nach Norden.Auf schmalen Zufahrtswegen taste ich mich nach und nach an die zwischen Felsgiganten eingeklemmten Buchten der Costa de Vicentina heran. Praia de Bordeira, Ponta de Arrifana, Praia de Amoreira, Praia de Odeceixe. Strände wie aus dem Bilderbuch, die sich aufs Wesentliche konzentrieren: tiefblauer Atlantik, schroffe Felsen und feinkörniger Sand – hier sind sie, die Postkartenmotive. Aus einem alten VW-Bus klingen Bob-Marley-Rhythmen, ein Surfer turnt über die Wellen. Ein bunter Blütenteppich hat sich über die umliegenden Dünen gelegt. Kein Hotel, kein Reisebus, kein Liegestuhl weit und breit.Im letzten Abendlicht stoße ich endlich in die Serra da Brejeira vor. Staub wirbelt auf, Schotter knirscht unter den Reifen. Wieder eine dieser verlockenden Pisten, auf denen man kaum zum Heimfahren kommt. Einsam trommelt der Einzylinder, und immer lauter knurrt der Magen. Die letzten Kekse sind längst aufgegessen, und da fällt sie mir ein: die Letzte Bratwurst vor Amerika. Der wäre ich nun gewachsen.

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