Südschweden Bullerbü ist überall

Wer einen schönen Reim aufs Leben sucht, sollte Schweden kennen lernen. Da gibt’s fast alles, was kleine, große und Motorrad fahrende Menschenkinder glücklich macht.

Mao oder Maoam? Wer oder was prägte die Nachkriegsgeborenen? Während Soziologen noch rätseln, verrät MOTORRAD die beruhigende Wahrheit: Lisa und Pippi. Verträumte Entdeckerin die eine, anarchische Fantastin die andere. Beide von Weltrang, beide zu Hause in Schweden. Aber das ist nun wirklich kein Zufall.Sondern geht zurück auf eine großartige Frau mit ebenso behüteter wie freier Kindheit: Astrid Lindgren aus Vimmerby in Smaland schrieb einfach auf, was sie auf dem elterlichen Bauernhof bewegt hatte, und verfasste solcherart Hymnen ans ganz normale Leben. Ach, wie toll wäre es gewesen, schon mit zehn Jahren nach Schweden auszuwandern, zu Lisa, Lasse und den anderen. In ihr Dorf mit den drei Bauernhöfen, fernab der Hauptstraße und doch Zentrum einer ganzen Welt. Einer in sich ruhenden – klar, dass zur gemütlichen Urlaubsreise durch Schweden die Kinder aus Bullerbü in den Tankrucksack gehören. Die freche Pippi taugt mehr für den alltäglichen Kampf gegen Autoritäten. Barkeryd ist viel größer als Bullerbü. Barkeryd hat nämlich eine Kirche samt Friedhof, schräg gegenüber eine Schule und irgendwo dazwischen einen Briefkasten. Einen Laden gibt’s in Barkeryd genauso wenig wie in Bullerbü, und die Schule steht momentan leer. Ferien. Also herrscht auf der Bank vor der Friedhofsmauer schon morgens himmlische Ruhe, und der Blick kann ungestört über den flachen See schweifen. Wo führen die Gänse heute ihre Jungen aus? Und die Schwäne? Gelegentlich lassen sich diese Fragen nicht sofort beantworten. Dann gewährt die Friedhofsmauer beste Aussichten. Aber meist läuft in Barkeryd alles seinen geregelten Gang. Das ist wichtig, denn die Gewissheiten einer geregelten Existenz sind kein schlechter Nährboden für echten Entdeckermut. Barkeryd bietet Entdeckern drei Möglichkeiten: einen Trampelpfad um den See, der die begrenzte Chance eröffnet, Elche aufzuspüren, oder zwei Schotterpisten Richtung Osten. Für den Trampelpfad bleibt – den langen schwedischen Sommertagen sei Dank – auch nachher noch Zeit. Die BMW staubt in den Wald.Mit mäßigem Tempo, nicht nur wegen des feinen Schotters, der zwar Generationen WM-tauglicher Offroader das Driften lehrte, sich mit Metzelers Straßenreifen aber eher unzulänglich verzahnt. Nein, dem Langsamen gehört wieder mal die Welt, weil er das Große und Ganze in sich aufnimmt und nicht nur einen winzigen Pisten-Ausschnitt. Er sieht die Wolken über dem lichten Erlenwald wandern und den See hinter den Bäumen blinken. Entdeckt das Blaubeergestrüpp ebenso wie die reifen Himbeeren. Hinters leicht geöffnete Visier schummeln sich Vogelgezwitscher und Bachrauschen, unter Birken riecht’s frisch, unter Kiefern harzig, und es dauert mindestens 100 Schotterkilometer, bis ein deutscher Motorradler in besonders naturbelassenen Ecken nicht mehr erschrickt: »Verdammt, ich fahr hier mitten im Wald rum. Das ist doch verboten.«Ist es aber nicht, drängelnde Hausfrauen, die ihren Kombi vom Supermarkt nach Hause scheuchen, erinnern immer mal wieder daran. Rund die Hälfte des schwedischen Straßennetzes ist nicht asphaltiert, und vor allem diese Hälfte macht Motorrad fahren zum Genuss. Wer nur die Europastraßen benutzt, kann auch auf der A2 zwischen Hannover und Berlin urlauben. Wer dagegen mit der Wanderkarte im Tankrucksack von Gehöft zu Gehöft gondelt, der macht eine verkehrshistorische Rolle rückwärts, weil er nie daneben ist, sondern immer mittendrin: im Wald, in den Wiesen, Feldern, Gehöften und Dörfern. Und vor jeder Kuppe steigt die Vorfreude, denn dahinter könnte eine neue Überraschung warten.Zum Beispiel so was Ähnliches wie Bullerbü: ein hölzernes Ensemble aus Garten-umsäumtem Wohnhaus nebst Ställen, Scheunen, Schuppen. Quer hindurch geht die Straße, oben drüber, im Wind, zappelt die schwedische Fahne, unten toben, meist blond wie Lisa und ihre Freunde, die Kinder. Nur dass deren Väter längst keine Bauern mehr sind, sondern die Höfe ihrer Vorfahren als Feriensitz nutzen.Gegen Abend in Barkeryd. Gans und Ganter treiben ihre Küken zusammen, jetzt wäre eigentlich der Trampelpfad dran. Aber der Parkplatz am See ist dicht besetzt, vom Heimatmuseum her wehen – allen Elchen zum Schrecken – Fetzen folkloristischer Lieder durch den Forst. Also gut. Und gut so, denn Schweden versteht nur, wer das Traditionsbewusstsein seiner Bewohner kennen lernt. Diese tiefe Hochachtung vor dem harten Leben der meist bäuerlichen Vorfahren, vor deren Fähigkeiten und Kraft. Manchmal hat die Kraft nicht gereicht, war das karge Land stärker; zuletzt Anfang des 20. Jahrhunderts, als vor allem aus Smaland Tausende nach Amerika auswanderten. Einige Nachkommen solcher Auswanderer von Nässjö und Barkeryd sind aus Texas auf Besuch gekommen, ihnen zu Ehren steigt im Museum das Fest, und sie mühen sich tief gerührt, ihr Kaugummi-Englisch in passables Schwedisch zu transformieren. Als die Sprache auf Astrid Lindgren kommt, wird Bullerbü zu Ballerbu. Macht nix.Eingesprenkelt in die vielen Wälder und die paar Felder warten in Smaland zwei Sorten Städte: solche mit verstärkt logistischem Wert und solche mit zurückhaltendem, klarem Charme. Nässjö hat prima Supermärkte und Tankstellen. Eksjö, an der Kreuzung ehemaliger Handelswege gelegen, hat Jahrhunderte alte Holzhäuser. Viele zu geschlossenen Handwerker- oder Handelshöfen gruppiert und fast alle aus einer Epoche, die in Schweden heute Großmachtzeit genannt wird. Von den vor 300 bis 400 Jahren in ganz Nordeuropa getätigten Eroberungen profitierten also nicht nur die Küstenstädte. Auch Vimmerby muss etwas von diesem Reichtum abbekommen haben. Die Altstadt beeindruckt jedenfalls mehr als Astrid Lindgrens Värld – der Erlebnispark zur bekanntesten Stadttochter. Dort zeigen sie immerhin einen Film, in dem die schon betagte Schriftstellerin aus extrem luftiger Höhe fragt: »Was sollte eine alte Frau daran hindern, einen hohen Baum zu besteigen?« Das macht besonders den Motorradfahrern Mut.Für eine Tour ans Ostufer des Vättern etwa. Da schlängeln sich parallel zur öden E4 wunderbare Wege durch den Wald. Ganz nach Neigung kann diese Tour in Grenna enden, wo die berühmten rot-weißen Zuckerstangen erfunden wurden, oder in Huskvarna, wo die blau-gelben Stollenrenner herstammen. Und wo niemand weiß, warum die Stadt sich mit K, die Maschinenfabrik aber mit Q schreibt. Wieder andere dehnen ihre Tour ziellos bis in den Abend aus. Womit der unvermeidbare Anlass gekommen wäre, ausführlicher über Elche zu reden. Jeder deutsche Tourist, der nach 21 Uhr noch nicht am Kamin sitzt, befindet sich, da sind alle Schweden einig, auf Elch-Safari. Dieser Meinung kann hier nicht entschieden widersprochen werden, zumal der Deutschen Zuneigung zu Mythen aller Art weltbekannt ist. Und der Elch ist ein Mythos. So friedfertig und hässlich zugleich. So riesig und doch nie zu sehen. Dabei sollen 20 Prozent aller schweren Unfälle auf Begegnungen mit diesem Über-Hirsch zurückgehen. Aber das passiert meist zur Brunft- und mithin außerhalb der Reisezeit. Unterm Strich sind Deutsche Elch-Sucher auf schwedische Hilfe angewiesen: Als der Dorfpolizist – er fährt winters Volvo und sommers BMW – den Boxer nach Barkeryd bollern hört, schmeißt er sich in den Weg. »Ihr sucht Elche?« Er wartet die Antwort nicht wirklich ab, winkt nur mit der Hand, taucht ab wie Kalle Blomquist, huscht tief geduckt an seinem eigenen Gartenzaun entlang, geht hinter einem Brombeergestrüpp in Deckung, schiebt sein Fernglas durch die obersten Ranken. »Da«, sagt er, und in diesem Wort kulminiert der ganze Stolz auf sein schönes, manchmal märchenhaftes Land.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote