Syrien Von Sand und Leuten

Durch Syrien zu reisen war lange Zeit tabu. Doch vieles hat sich zwischen Euphrat, Wüste und Mittelmeer geändert - bis auf die Gastfreundschaft, deren Gesetze unantastbar sind.

Nur zwei Stunden hat´s an der Grenze gedauert. Für türkisch-syrische Verhältnisse vermutlich ein neuer Rekord. In diesem Zeitraum waren rund 20 Stempel auf meinen Paß, das Carnet de Passage und weitere, für mich unleserliche Dokumente niedergegangen. Schließlich mußte ich sieben Dollar bezahlen - natürlich ohne Beleg oder Quittung - und könnte jetzt eigentlich jetzt losfahren. Eigentlich. Doch der Schlepper, der mich zielsicher durch die verschiedenen Büros lotste und in dessen Tasche vermutlich die sieben Dollar verschwanden, will sich unbedingt noch auf die Honda setzen, bevor sich der Schlagbaum öffnet. Am liebsten würde er noch eine Runde auf dem Motorrad drehen - nicht als Sozius, sondern als Fahrer, logo. Aber irgendwann hat auch meine Geduld ein Ende.Auf einer welligen Asphaltstraße rolle ich bald darauf nach Osten, neugierig, was mich in einem Land erwartet, das einerseits in den letzten 20 Jahren wegen vieler politischer Konflikte vom Tourismus relativ unberührt blieb, andererseits ein uraltes Kultur- und Reiseland ist, da es als Verbindung zwischen Orient und Okzident fungiert: Griechen, Perser, Römer, Kreuzritter, Türken, aber auch die französischen Kolonialherren haben zwischen dem Mittelmeer im Westen und der Wüste im Osten bis heute ihre Spuren hinterlassen.Bereits eine Stunde später nimmt mich ein rasanter Verkehrsstrom blaßgelber Taxis und verbeulter Autos auf und schleust mich ins Stadtzentrum von Aleppo, der zweitgrößten Stadt Syriens. Die kastenförmigen, lehmfarbenen Bauten, zwischen denen schlanke Minarette in den Himmel ragen, sind auch vom höchsten Hügel der Stadt, um den sich die Mauern einer alten Zitadelle schlingen, kaum zu überblicken. Teilweise fünfspurig geht es lärmend und hektisch in Richtung Zentrum. Dort finde ich schnell ein Hotel und bin nach einer kurzen Dusche wieder unterwegs. Zu Fuß, denn mich lockt der größte Basar der Welt, ein Gewirr von Gängen und Gassen, ein rund zwölf Kilometer langer Markt, in dem es einfach alles geben soll und der mich auf einen Schlag von der caotischen Moderne mitten in den Orient versetzt.Auf einmal ist es kühl und dunkel. Turbantragende Männer handeln und feilschen mit lauten Stimmen, Beduinen versorgen sich mit dem, was sie für das Leben in der Wüste brauchen. Ein paar Meter weiter werden auf den Pflastersteinen Schafe und Ziegen geschlachtet, während das Blut langsam am Randstein entlang läuft. Nur wenige Schritte weiter glänzt goldener Schmuck im Schein von schwachen Glühlampen, nebenan gibt es Brautkleider, schließlich wetteifern Farben mit Gerüchen, werden sämtliche Gewürze des Orients gleich sackweise feilgeboten. Ständig locken neue Gänge, prunkvolle Auslagen oder fremde Geräusche, wie das der hämmernden Kesselmacher in den Kupferschmieden oder die Rufe der Geldtauscher. Ein berauschendes Fest der Sinne, es fühlt sich an, als liefe vor mir ein Film ab. Nur das vermutlich selbst Hollywood nicht in der Lage wäre, den Markt von Aleppo auch nur ansatzweise überzeugend darzustellen.Tags darauf sitze ich wieder im Sattel der Africa Twin, und mache mich auf in Richtung Mittelmeerküste. Syrien hatte ich mir immer als ein karges Land vorgestellt - gelbbraune, verbrannte Wüstensteppe mit kleinen, palmengesäumten Oasen, die Luft flirrend vor Hitze und zwischen den Zähnen schmirgelnder Sand. Doch auf dem Weg nach Latakia fahre ich durch grünes fruchtbares Land und durch dichte Wälder, wie ich sie hier nie erwartet hätte. Überhaupt scheint hier an der Küste in Richtung Süden vieles anders als in den touristisch orientierten Hochburgen des Landes. Egal, wo ich ich halte, werde ich nicht wie ein Tourist, sondern wie ein Reisender empfangen. Ehrliche Gastfreundschaft gemischt mit Neugier, und keinerlei Versuche, mir Teppiche oder sonst irgendwas anzudrehen. Unzählige Male werde ich eingeladen, zum Tee oder zum Essen und mit Fragen überhäuft, muß erzählen, wie es in Deutschland ist, lasse mir erklären, daß ganz in der Nähe bei Ugarit, einer über 3000 Jahre alten Ruinenstadt, ein Stein gefunden wurde, in den 30 Schriftzeichen graviert sind: das erste geschriebene Alphabet der Menschheit. Daß ich vor wenigen Stunden dort bereits gewesen bin, wird freundlich lächelnd zur Kenntnis genommen.Quer durch das Küstengebirge fahre ich am nächsten Morgen in Richtung Hama - oder ich versuche zumindest, einen Weg dorthin zu finden. Bisher trugen praktisch alle arabisch geschriebenen Wegweiser eine lateinischen Übersetzung. Jetzt stoße ich an Abzweigungen nur noch auf Schilder, die über und über mit den zwar sehr kunstvollen arabischen Schriftzeichen versehen sind, die ich aber nicht entziffern kann. Wieder und wieder muß ich halten, um mit allen Hilfsmitteln der Zeichensprache nach dem Weg zu fragen - was natürlich zu Mißverständnissen führt, und ich manche Strecken gleich zweimal fahre, bis ich am späten Nachmittag doch noch die schnurgerade Straße nach Hama finde.Je weiter ich in den Süden komme, desto heißer wird es, desto trockener ist die Luft. Erst als ich bei Homs abbiege und der Weg über die Hügel führt, die die Grenze zum Libanon markieren, werden die Temperaturen wieder erträglicher. Hier thront auf einer freistehenden Kuppe ein beeindruckendes Bollwerk, das für viele als schönste Burg der Welt gilt: der Krak des Chevaliers, eine monströse Festung, errichtet von Kreuzrittern, die vor rund 900 Jahren überall entlang der Küste ähnliche, wenn auch nicht immer so gewaltige Bauwerke hinterließen. Beim Blick auf den Krak habe ich nur einen Gedanken: uneinnehmbar. Hier waren Bauherren am Werk, die ihr Handwerk verstanden. Durch ein ausgeklügeltes Verteidigungs- und Mauersystem gelang es kaum einem Angreifer, bis ins Innere der Burg vorzudringen. Auch auf den Versuch, die Bewohner auszuhungern, war man vorbereitet: In der Festung lagen Vorräte bereit, um fünf Jahre lang auszuharren - falls eine der Parteien vorher nicht vor Langeweile aufgegeben hat.Wieder unterwegs, in Richtung Damaskus, gebe ich mich der Eintönigkeit der breiten, kurvenlosen Hauptstraße geschlagen und biege bei An-Nabk auf einen kleinen Weg ab, der parallel zur libanesischen Grenze durch eine abwechslungsreiche Bergregion führt. Über Yabroud und Maaloula drängt sich die Straße durch enge Schluchten, überquert weite Hochebenen und fällt in weiten Serpentinenbögen schließlich wieder in die Ebene ab, in der sich die Hauptstadt ausbreitet, vor deren Größe und Verkehr ich zugegeben einen gewissen Respekt habe.Aber alle Sorgen scheinen umsonst. Das Motorrad steht seit drei Stunden auf einem Gehsteig am Eingang zur Altstadt, und gleich vier Polizisten haben mir versichert, darauf aufzupassen, während ich es mir auf einem breiten Sofa bequem mache und Tee, Kaffee und süßes Gebäck serviert bekomne. Meine Gastgeber hatten mich an einer Ecke im Bazar angesprochen und eingeladen. So, als sei ich ein Gast, auf den man lange gewartet hätte.Bis zum Sonnenuntergang reicht meine Zeit noch für einen Besuch der Omayyadenmoschee, dem größten religiösen Bauwerk Syriens und einem der bedeutendsten moslemischen Gotteshäuser der Welt. Drinnen sitzen und liegen Gläubige auf kostbaren Teppichen, meditieren, lesen oder schlafen in einem riesigen, von hohen Säulen gestützten Raum. Mitten drinn steht ein Brunnen für die religiöse Reinigung. Nach einer Weile läßt das rötliche Licht der Abenddämmerung den festlichen Innenraum wie eine Märchenwelt aus Tausendundeiner Nacht erscheinen. Eine Stimmung, wie ich sie selten erlebt habe.Einige Tage später verlasse ich Damaskus in nordöstlicher Richtung. Das Land wird karg und steinig, ist endlich so, wie ich mir Syrien vor meiner Reise vorgestellt hatte: 200 Kilometer weit nichts als Wüste, flach und endlos, trocken und lebensfeindlich. Ab und zu Militärbasen oder die dunklen Zelte der Beduinen, sonst nichts. Dann entdecke ich in der hitzeflirrenden Luft die ersten Palmen am Horizont. Das muß Palmyra sein, das alte Tadmur, einstiger Sitz der machthungrigen Königin Zenobia, die von 268 bis 272 vier Jahre lang ein Reich regierte, zu dem Ägypten und Kleinasien bis zum Bosporus gehörten, bis die römischen Herrscher der Expansion einen Riegel vorschoben - und hier mächtige Tempelanlagen in den Wüstensand setzten, deren Ruinen noch immer durch ihre Größe beeindrucken. Überragt wird das Ganze von der Festung Qal`at ibn Ma´n, einem arabischen Bollwerk aus dem 13. Jahrhundert. Eine wahrlich imposante Szenerie mitten im Nichts.Ich halte mich weiter in Richtung Osten. Das flimmernde Teerband verschwimmt wie ein Aquarell in der brettebenen Wüstenlandschaft, und mit jedem gefahrenen Kilometer wird es heißer. Der Fahrtwind kühlt längst nicht mehr, im Gegenteil, es fühlt sich an, als ob jemand mit einem Fön direkt in mein Gesicht bläst. Erst bei Dair az-Zaur sinken die Temperaturen wieder auf ein erträgliches Maß. Die Stadt liegt am Euphrat, und der Strom ermöglicht an seinem Ufers eine einigermaßen ertragreiche Landwirtschaft - hier wie in den meisten arabischen Ländern ausschließlich Arbeit der Frauen.Die Fahrt in Richtung der nördlich gelegenen, türkischen Grenze bietet wenig Abwechslung. Hinter Raqqa verschwinden auch die letzten grünen Felder entlang Euphrats, von hier an herrscht wieder totes, braunes Land. Ich komme gut voran, bis mich ein leidiger Plattfuß aufhält und ich dadurch zwar immer noch am Nachmittag, aber trotzdem zu spät an der Grenze ankomme. Morgen sei wieder offen, erfahre ich von dem einzigen Beamten, der noch zu finden ist. Auf meine Frage nach einer Übernachtungsmöglichkeit erklärt er mir, daß ich bis zur nächsten Unterkunft rund 90 Kilometer zu fahren habe. Aber nach einer Weile greift er zum Telefon und organisiert zu meiner Überraschung eine Unterkunft bei einem Freund von ihm in Tell Abyad - und begleitet mich auch noch persönlich dort hin.Ich werde bereits erwartet, denn die ganze Familie hat sich versammelt, um den Fremden zu begrüßen: die Großeltern, denen das Haus gehört, sechs Söhne mit ihren Frauen und insgesamt 30 Kindern - Kinderreichtum gilt in Syrien als Gottesgeschenk und ihnen ist es vollkommen unverständlich, daß ich nicht verheiratet bin. Bei Tee und Gebäck gibt es per Zeichensprache und mit ein paar Brocken Englisch viel zu erzählen. Dann herrscht auf einmal Ruhe im Raum. Auf dem Fernsehbildschirm erscheint ein Bericht eines kurdischen Senders über den Anführer der PKK, der vor längerer Zeit dazu aufgerufen hat, in der Türkei Anschläge auf deutsche Touristen zu verüben. Die Blicke meiner Gastgeber - Kurden, wie ich soeben erfahren habe - wandern still zwischen mir und dem Fernseher hin und her. Der Hausherr scheint mein Unbehagen in diesem Moment zu spüren und wertet die strengen Ansichten der PKK mit einer Handbewegung einfach ab. Nein, mit mir hätte das nichts zu tun, ich sei schließlich ihr Gast und würde seinen persönlichen Schutz genießen - die Gesetzte der Gastfreundschaft seien heilig und unantastbar. Wie zur Versöhnung nimmt er mich in Arm. Eine Geste, die sich einprägt, die vielleicht typisch ist für ein Land, in dem es sich nicht immer bequem, aber dennoch sehr sicher reisen läßt.

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