Szene: Meine abwegigste Tour Und es ging doch!

Mit dem Motorrad in die DDR fahren, das ging nicht. Die beiden deutschen Staaten hatten im Verkehrsvertrag von 1972 Zweiräder vergessen. Aber es gab da ein Schlupfloch. In den Paragrafen, nicht im Zaun...

Die Genossin in Uniform scheint einen schlechten Tag zu haben. ?Das geht nicht, was Sie da vorhaben." Mürrisch reicht sie mir meinen Reisepass zurück. "Grenztruppen der DDR" prangt am Ärmel ihrer olivgrünen Jacke. Die Staatsangestellte, geschätzte Konfektionsgröße 56, meint es ernst: "Dresden liegt nicht an der vorgeschriebenen Transitstrecke." Stattdessen bietet mir nebenan das Reisebüro der DDR eine Unterkunft in Karl-Marx-Stadt an.

 

Ratlos stehe ich an diesem Augusttag 1988 im Fährhafen von Sassnitz auf Rügen. Ich will unbedingt nach Dresden, genauer in die nahe gelegene Karl-May-Stadt Radebeul, um dort meine Verwandten zu besuchen. Einfach so, mit Motorrad, eigentlich unmöglich. Doch zur Reise in ein Drittland gewährte der Arbeiter-und-Bauern-Staat ein verlängertes Transitvisum für 72 Stunden. Prima, denn ich machte im Sommer 1988 Urlaub in Schweden. Von einem Reisebericht aus MOTORRAD 20/1987 inspiriert, fuhr ich auf meiner Yamaha XJ 900 N zur DDR-Botschaft in Stockholm: Von der Ostsee an die Elbe? - Kein Problem, hieß es. Zumal ich log, nicht ins heimische Ruhrgebiet, sondern nach München zu wollen. Doch die DDR-Grenzer sind gegen alle Argumente immun. Keine Diskussionen. Dann fahre ich halt nach Lübeck, sage ich resigniert.

 

Vorm Grenzhäuschen dauert das Anziehen der Regenkombi ziemlich lang. Zum Glück. Denn die Genossin scheint in der Zwischenzeit Rücksprache mit einem Vorgesetzten gehalten zu haben: Der Arbeiter-und-Bauern-Staat öffnet sich nun doch für mein Ansinnen. Macht fünf D-Mark fürs Transitvisum, 25 Mark Zwangsumtausch pro Tag und die Kosten für zwei Übernachtungen auf einem Campingplatz im Voraus. Diebisch grinse ich: Man hat mir einen Holz-Bungalow zugewiesen, just in Radebeul, bei meinen Verwandten ums Eck. Im Regen rollt die XJ über malerische, menschenleere Alleen durch Mecklenburg. Tempolimit 80 auf Landstraßen. Bei Berlin geht es auf die Autobahn, Tempo 100.

 

Eine Tankstelle am Berliner Ring Ost lasse ich rechts liegen, den Tank habe ich ja erst in Trelleborg/Schweden randvoll gefüllt. Bald steht der Benzinhahn auf Reserve, doch Richtung Dresden kommt ums Motorverrecken keine Tanke mehr. Auf einem Parkplatz spreche ich einen Trabi-Fahrer an, der gerade die Zündkerzen seines "Zweedagders" putzt. Nu, erklärt er in breitem Sächsisch, "das sind noch 30 bis 40 Kilometer." Zu viel. Kurze Zeit später rollt der Vierzylinder auf dem Standstreifen aus. Benzin alle. Bestimmt wird der volkseigene Pannendienst reichlich harte West-Währung von mir, 21 Jahre jung und chronisch pleite, verlangen.

 

Ich versuche, ein Auto anzuhalten. Ohne Erfolg. Irgendwann stoppt ein Trabant-?Kombi" - der Fahrer von vorhin hat seinen Zweizylinder wieder flott gekriegt. Und sogar einen Reservekanister dabei. Während die Brühe in den Yamaha-Tank schwappt, kommen mir Zweifel. Äh, was ist denn das für Sprit?" Na nu klar, 88 Oktan, Gemisch eins zu fümnzwansisch." Ich bedanke mich artig, gebe ihm zehn Mark West. Welch üble blaue Fahne ein Viertakter hinter sich herziehen kann. Nach dem Volltanken "bleifrei" gibt's nur gegen Devisen - wird es nach und nach besser. Am Abend parkt die XJ vor dem Haus meiner Verwandten. Sie sind völlig perplex.

 

Ich hatte mich bei ihnen ja gar nicht angemeldet. Acht Jahre nach dem letzten Treffen haben sie mich zunächst nicht einmal erkannt. Harald ist schwer beeindruckt von den 98 PS der 900er, mehr als vier Trabis zusammen leisten. Der nächste Morgen, mitten im Dresdner Stadtzentrum. Eine Menschentraube umringt die XJ, das kaum erreichbare Luxus-Gefährt aus dem Westen. Erst stolz, dann beschämt starte ich vor Dutzenden Zuschauern den Motor. Am dritten Tag nehme ich die klassenlose Straßenbahn. Auf Spruchbändern und Plakaten steht ?Der Sozialismus siegt". Aber zum Wiederaufbau der Frauenkirche reicht es ihm wohl nicht. Es wird Abend, die Zeit ist um, ich muss los. Der Abschied schmerzt. Kommentarlos lassen mich die DDR-Grenzer am Kontrollpunkt Richtung Hof wieder raus aus ihrer Republik, die Kalaschnikow in der Hand. Tja, liebe Genossen, es ging eben doch!

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Aufruf: Deutsch-deutsche Geschichte(n). Vor genau 20 Jahren öffnete sich die DDR-Grenze gerade auch für Motorradfahrer, von Ost nach West und umgekehrt. Irgendwann ab dem 9. November 1989 entdeckten die meisten von uns Neuland. Schildern Sie uns, liebe Leser, Erfahrungen von Ihrer ersten Motorradreise in die alten oder jungen Bundesländer. Wir veröffentlichen die interessantesten Geschichten unter www.motorradonline.de. E-Mail (mit Foto) bitte an motorradonline@motorpresse.de.

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